Follow by Email

Montag, 28. November 2011

M i s c h m a s c h d e u t s c h e

Alt- und Neu-Wort - IV -

M i s c h m a s c h d e u t s c h e


– ich weiß nicht: Was soll er bedeuten, der Begriff…?!


Da hilft ein Zitat aus der fr-online v. 26.11.2011:

Gut deutschig überschrieben:

"Das ist, weil wir Türken sind"

„In der Kulturcommunity der Mischmaschdeutschen brodelt es, seit bekannt wurde, dass in Zwickau ein Haus völlig abbrannte, bis auf eine DVD mit einem Paulchen Panther drauf, der sich freut, Türken umgelegt zu haben.“ Muss man so schreiben, kann man so schreiben…? –

Davon erfuhr Meli Kiyak (geb. 1976 in Sulingen/Diepholz, eine deutsche Schriftstellerin, freie Journalistin und Fernsehautorin, mit kurdischem Erlebnishintergrund und deutschem Präsentations(vorder)grund.):

„Kaum wurde das bekannt, erhielt ich eine E-Mail: „wir wollen reagieren angesichts der rassistischen morde, der verwicklung staatlicher stellen in die morde. wir treffen uns um 20 uhr in der maifoto galerie.“

"Im Verteiler sind ungefähr 100 Namen. Mischmaschdeutsche. (...)“


Deutsche des Mischmaschs..., im Mischamsch? D-Mischmäschler?

Ist hier Deutschlands Elite gemeint? Nö? (Oder habe ich den Begriff "Elite" zu sehr veredelt?) Kulturell wichtige Deutschis? .. Deutschländer? Normaldeutsche? Überhaupt Alltags-Deutsche; nein, besser, elegant verschmolzen zum Kompositum: Alltagsdeutsche? Wo zu suchen, im Alltag des Mixtum compositum? Vielleicht sind's Ex-, Co- oder Im-Migrierte, die sich gern in Deutschland aufhalten und sich verall-, pardon: vertäglichen; sich engagieren? Engagierte Deutsche? Deutschsprachige oder deutschkundige Deutsche?

Wer gehört zu den Mischmaschdeutschen?

.. nicht die urspruchsdeutschen Europäer? Besser: Europäler?

Gemeint aber nicht die Altasgrasistesn, pardon: das soll heißen Alltagsrassisten? Von denen ich auch am Wochende (dem 1. Advent des Jahres 2011, erfuhr).

Das sind nicht die Mercedes-Maybach-Deutschen?

Mhm (im Mischmaschi "boah ey!") Ein Wagen, geschaffen für einen Führer samt Chauffeur.

Ach, was: gebaut für zwei Führertypen, pardon: -Persönlichkeiten: Gauweiler plus KT zu Guttenberg. (Als Nicht-Mischmaschdeutsche hervorgehoben auf ein Bedeutungspodest.)

Warum der Gauli noch keinen rass-, pardon: rasanten Nicknamen hat? (Die bayrische All- und Welt-Geschichte wird es richten.) http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Peter_Gauweiler.jpg&filetimestamp=20101116185627


Mischmasch? Transnational? Aber eben deutschig..., deutschchaft ..., deutschelnd?

Ein grenzüberschreitend-gescheites Tomi-Ungerer-Pärchen wird es wohl nicht sein.

Ich erwarte und verfolge eine Wortgeschichte … - pardon: zwei Wortgeschichten, für

den Allgas-, pardon: -tagsdeutschen

und den

Mischmaschrassisten.






Mittwoch, 23. November 2011

B r i c k e n, R i p s und W i c k e n ...

Alt- und Neu-Wort - III-

Bricken, Rips, Raps ... Wicken – Wörter, die, wenn man sie nicht kennt, kinderleicht einzusehen und zu speichern sind, wenn Google es findet:

Ein Fund: Eine Bricke ist ein Neunauge. Ein Fisch. Auch Bricke, Pricke oder Prigge genannt; ein Flussneunauge.


Wicken: Wir vermuten (nicht ein altes deutsches Wort für ein Dorf in der Nähe von Königsberg, also Klimowka (russisch Климовка) [Wikipedia.de]

Sondern, ich schlage nach: „Die Wicken (Vicia) sind eine Pflanzengattung in der Unterfamilie Schmetterlingsblütler (Faboideae) innerhalb der Familie der Hülsenfrüchtler (Fabaceae). Die etwa 160 Arten kommen hauptsächlich in den nördlichen gemäßigten Gebieten vor.“ [Wikipedia.de]

Was bleibt noch fremde, gemessen an meinem normal-gemein-sprachlichen Wortschatz?

Rips? ich schlage lieber nach, bw. tippse:

Rips, (Ripsgewebe): „Unter der Ripsbindung versteht man in der Bindungslehre der Weberei eine Ableitung der Leinwandbindung, bei der eine längs- oder querlaufende, gerippte Oberflächenstruktur erzeugt wird.“


Heinrich Hoffmann von Fallersleben:

Der deutsche Zollverein

24. Februar, 1840

Schwefelhölzer, Fenchel, Bricken,
Kühe, Käse, Krapp, Papier,
Schinken, Scheren, Stiefel, Wicken,
Wolle, Seife, Garn und Bier;
Pfefferkuchen, Lumpen, Trichter,
Nüsse, Tabak, Gläser, Flachs,
|: Leder, Salz, Schmalz, Puppen, Lichter,
Rettig, Rips, Raps, Schnaps, Lachs, Wachs! :|

Und ihr anderen deutschen Sachen,
Tausend Dank sei euch gebracht!
Was kein Geist je konnte machen,
Ei, das habet ihr gemacht:
Denn ihr habt ein Band gewunden
Um das deutsche Vaterland,
|: Und die Herzen hat verbunden
Mehr als unser Bund dies Band. :|

(Aus: August Heinrich Hoffmann von Fallersleben: Unpolitische Lieder von Hoffmann von Fallersleben, 2. Teile. Hamburg 1841. Bd. 1., S. 45-46.)

*

Welchen Bund meinte Hoffmann von Fallersleben, den er durch das Band des freien Handels ersetzt sieht? In dem hier angespielten Deutschen Bund waren nach dem Wiener Kongress 38 Mitgliedsstaaten (nicht alle deutschsprachig; 34 Fürstentümer und vier freie Reichsstädte) von 1815 und 1866 zusammengefasst.

Nicht zum Gefallen der deutschen Demokraten.


Ad libitum, auch für Handels-Unerfahrene: eine Interpretation:


VOLKER NEUHAUS

AM ANFANG WAR DIE PARODIE

August Heinrich Hoffmann, der sich nach seinem Geburtsort von Fallersleben nannte, schrieb dieses Gedicht der eigenen Datumsangabe zufolge ziemlich genau eineinhalb Jahre vor seinem »Lied der Deutschen«, das seit 1922 unsere Nationalhymne ist. Er veröffentlichte es noch im selben Jahr in Hamburg bei Hoffmann & Campe, dem politisch engagiertesten Verlag der Zeit, in seinen »Unpolitischen Liedern«. Die Sammlung mit dem natürlich ironisch gemeinten Titel, die Hoffmann wenig später seine Breslauer Professur kosten sollte, ist in sieben »Sitzungen « unterteilt, bei denen offensichtlich Gleichgesinnte- »unser Bund« - jeweils diese Lieder singen. Hoffmann hat zeitlebens an dem bis zur Goethezeit herrschenden Verständnis von »Lied« als einer zum Gesang bestimmten Dichtform festgehalten: »Das wahre lyrische Dichten erscheint mir wie ein musikalisches Komponieren mit Worten; wir schreiben statt der Töne Worte auf; ich habe mich so daran gewöhnt, daß ich beinahe nie dichte, ohne zugleich zu singen.«

Julius Fröbel hat in seinen Lebenserinnerungen berichtet, wie sein Gast Hoffmann zu dichten pflegte - »nicht selten singend, immer aber laut«:

Er stimmte eine bekannte Melodie an und unterlegte sie nach und nach mit einem neuen Text. Dies hatte den Vorteil, daß auch seine neuesten Lieder sogleich von Hoffmann, wie er es liebte, in geselliger Runde zur Gitarre vor- getragen und von den Anwesenden mitgesungen werden konnten.

So dichtete Hoffmann auf die bekannte Haydnsche Kaiserhymne am 26. August 1841 in Helgoland das sogenannte »Deutschlandlied« - auch zunächst ein Trinklied, das in seiner zweiten Strophe gattungsgemäß Weib, Wein und Gesang hochleben läßt und für das Hoffmann als Schlußvariante der letzten Strophe statt »Blüh' im Glanze dieses Glückes/ Blühe, deutsches Vaterland!- notierte:

»Stoßet an und ruft einstimmig:

Hoch das deutsche Vaterland. «

Aber nicht nur unserer späteren Nationalhymne, auch dem Zollvereinslied ist Haydns Melodie unterlegt. Lebt »Deutschland, Deutschland über alles« vom Zusammenklang eines hymnischen Textes mit einer feierlich getragenen Melodie von höchster Weihe, so gewinnt unser Gedicht seinen Reiz aus dem bewußt gesuchten Kontrast zwischen den kaiserlichen Tönen und der kakophonen Reihung banalster Alltagsdinge in der ersten Strophe.

Dieses Mißverhältnis von hohem Ton und niederem Inhalt - und genauso wird seit der Antike die Parodie definiert - nimmt die zweite Strophe dann im Text selbst auf, wenn das ganze Gerumpel und Gerumpel der ersten feierlich als die »deutschen Sachen« apostrophiert werden, denen »tausend Dank- gebühre, da sie ein »Band ... Um das deutsche Vaterland« »gewunden- und »die Herzen... verbunden- haben. Mit dieser ironischen Hymne für den deutschen Zollverein von 1834 liegt der ziemlich einmalige Fall vor, daß ein Dichter die Parodie dem eigenen Original voranschickt, selbst das Lächerliche bewußt vor das Erhabene stellt und erst auf das heute vergessene Satyrspiel das Werk folgen läßt, das neben einigen zu Volksgut gewordenen Kinderliedern seinen Namen bis heute bewahrt hat.

Sein Spott gilt darin einem Entwicklungsstand der deutschen Einigungsbestrebungen, der in etwa dem der heutigen Europäischen Gemeinschaft entspricht: wirtschaftlich auf dem Weg, ein Riese zu werden, politisch zum Zwerg verkümmert, die Europa-Erbse normierend, aber zu einer gemeinsamen Politik unfähig. Denselben Stand der deutschen Einigung hat auch Heine in »Caput 2« von »Deutschland. Ein Wintermärchen« verspottet. Für Hoffmann als letztlich wirklich »unpolitischen« Dichter waren ganz andere Dinge »deutsche Sachen«: Nicht »Schwefelhölzer, Fenchel, Bricken / ... «, sondern »Deutsche Frauen, deutsche Treue, / Deutscher Wein und deutscher Sang- sollten uns »zu edler That begeistern / Unser ganzes Leben lang«, sollten Deutschland einigen und es so »über alles in der Welt« stellen. Selbst diese zum Slogan gewordene Zeile klingt bei unserer vorgezogenen Selbstparodie schon im Motto aus der Ilias an, das den Zollverein preist. Es lautet (in Voßens Übersetzung): »denn er ist mächtig vor allen«.

(Zuerst in der Frankfurter Anthologie. Aus: 1000 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen. Hg. v. Marcel Reich-Ranicki. Frankfurt/M. Bd. 4. 1994. S. 144ff.)

Dienstag, 22. November 2011

G e s u n d h e i t s l i e b e

Alt- und Neu-Wort - II-


Gesundheitsliebe

und

Steeple race or Steeplechace


Ein Altwort - ein Neuwort?

unergiebig-luschig wird es bei Google (ungefähr 1.340 nachles- und löschbaren Ergebnisse) rausgeschmissen. Irgendwas Gesundes, Gesundiges, Gesundheiten von der Fußsohle (vom Podologinnen garantiert) bis in die Haarspitzen (von den Haircuttern gewährleistet), was prima Wellnessiges -

Aber hier habe ich die „Gesundheitsliebe“ gefunden, liebevoll syntaktiert. Und noch einen kräftigen, gut platzierten Anglizismus: „Steeplechase“ (statt des kräftigeren Heineschen "steeple race"). Was das genau ist, muss ich sogar nachkucken.

Wiki bietet ein altes Bildchen (1830): „Die Jungs aus dem Dorf“ - ein Steeplechase-Rennen 1830.

Bei uns hieß es wohl „Querfeldein-“ oder Jagdrennen. (Ich habe da nie mitgemacht; alles zu grünlodig-recht- und arzt-anwältlich) :

"Gesundheitsliebe" steht nicht im Duden. "Fein! - Basta!", lärmt es in meinem Sprachgefühl).

Denn (oder: aber) in den Annalen der Poesie fand ich es:


Heinrich Heine:

Worte! Worte!

Worte! Worte! keine Taten!
Niemals Fleisch, geliebte Puppe,
Immer Geist und keinen Braten,

Keine Knödel in der Suppe!

Doch vielleicht ist dir zuträglich
Nicht die wilde Lendenkraft,
Welche galoppieret täglich
Auf dem Roß der Leidenschaft.

Ja, ich fürchte fast, es riebe,
Zartes Kind, dich endlich auf
Jene wilde Jagd der Liebe,
Amors Steeple-race-Wettlauf.

Viel gesünder, glaub ich schier,
Ist für dich ein kranker Mann
Als Liebhaber, der gleich mir
Kaum ein Glied bewegen kann.

Deshalb unsrem Herzensbund,
Liebste, widme deine Triebe;
Solches ist dir sehr gesund,
Eine Art Gesundheitsliebe.

- Entstanden 1855; zu Lebezeiten Heines ungedruckt. Eines der fünf Elise Krinitz, der geheiemnisvollen "Mouche" (1828 - 96), gewidmeten gloriosen Gedichte.)


Heine (aus den Jahren 1842/43) ; zur Zeit seiner Deutschlandsreise:


Ich habe bei Duden einen Wortvorschlag gemacht: "Gesundheitsliebe“.

Sie, die Liebe gilt der Gesundheit; sie ist ein ein deutiges, literarisches Kompositum, das nur noch nicht gemein-sprachlich sozialisiert wurde. Ich möchte auch nicht, das es kommerzialiesert wird. Aber irgendwann wird es von einer Werbeagentur für den glamourösen Aufputz eines Wellnessschuppens entdeckt, samt Heine-Flair.

Nu - er wird abgelehnt werden, wenn wir (wirr wimmer, pardon: wer immer das sein kann) uns nicht in Gesundheitsliebe bekennen zu... kalten Wasserspielen oder… zum Sex, oder metrisch-rhythmischen … zum Beispiel.

Aber wenn Liebe zum Steeple, wie heißt dat, wird? Sollte MANN auf ein anderes Pferd umsatteln; und FRAU könnte zur Feuerreiterin werden.

http://de.wikipedia.org/wiki/Steeplechase_%28Rennen%29

. . . o d e r: Was mensch sich da an Übersetzungen und Neuläufen in Sachen Venus aut Amor zutraut; es ist alles übersetzbar; aber wer sich für den Anglizismus steeple… entscheidet, hat einen poetischen Patron seine Gesundheitsliebe“, die viel mehr ist als jede kamillkrautige, honigseimende Wellness, mir am liebsten als unsinnige Well- Ness:

http://www.dict.cc/?s=steeplechase+[horse+race]


Ein holpernd-geländegängiger,irgendwie erratbarer Anglizismus (an der richtigen, rhythmischen und reimgerechten Stelle einkomponiert); und ein urdeutsches, stimm- und fühlfähiges Liebeswort - das macht - bei Heine - schon ein ganzundgar turbulentes Gedicht aus.


Volkessprache, Poetenwort und -gedicht (und eines Sprachforschers Wortgefühl) . . . machen lustvolle Sprachgewalt aus.





Montag, 21. November 2011

A d h o c oder A d - h o c

Alt- und Neu-Wort - I -



Von der versprochenen „Adhoc-Lösung“ zu imaginiertem Masterminding


„Europas Staatschefs nahm der Jurist ordentlich in die Zange, kritisierte sie für ihre Machtlosigkeit in der Euro-Krise. „Wir stolpern von einer Adhoc-Lösung in die nächste“, so Guttenberg.“ – ... lt. BILD (ergo BILD-Diktion und -Orthografie):

http://www.bild.de/politik/inland/karl-theodor-zu-guttenberg/ex-verteidigungsminister-in-halifax-kanada-das-ist-der-neue-karl-theodor-zu-guttenberg-21117950.bild.html

Also, alle Ad-hoc-Verbindungen oder –Lösungen oder –Nullmeldungen werden natürlich deutsch-latein-gerecht geschrieben:

Vgl: Duden-Deutsch, ein Wortstammblatt:

http://www.duden.de/suchen/dudenonline/Ad-hoc

Warum mag es noch – dudenmäßig - keine „Ad-hoc-Lösung“ geben. Weil wir Ersatzwörter haben?


Lösung bietet ein breites Synonym-Feld, da haben wir viele „Lösungen“ für den Fall einer Lösungssuche:

http://www.duden.de/rechtschreibung/Loesung#block_6

Wer Ad-hoc-Lösungen braucht, bietet

Im Video bei BILD gibt es den großen Politik-Führer der Nächstzeit in Europa (nicht in Bayern):

http://www.bild.de/politik/inland/karl-theodor-zu-guttenberg/ex-verteidigungsminister-in-halifax-kanada-das-ist-der-neue-karl-theodor-zu-guttenberg-21117950.bild.html

Mastermind, das?

Blamberger, Präsident der Kleist-Gesellschaft und gewissermaßen das Mastermind des aktuellen Kleist-Jahres,

„Mastermind“ ist nirgendwo als Rechtschreibartikel gebucht.

Im Kopf des Schreibers steckt das recht unterhaltsam-pfiffige Spiel der 70er Jahre:

http://de.wikipedia.org/wiki/Mastermind

Wenn „Mastermind“ ein Denkerischer Kopf, ein Supergehirn, ein - sollte man das Genus mask. Nutzen: der; dann könnte man/frau auch eine weibliche Mastermind ausbieten.

Wer möchte/mag/wollte da an .. eine Frau … Sarah Wagenknecht erinnern?

Ich kenne sie nur als rhetorisch-fixe Talkerin.

Englisch-amrikan.:

http://www.dict.cc/englisch-deutsch/mastermind.html

Prima Verdeutschungen:

Vordenker {m}
Superhirn {n}
Drahtzieher {m}
führender Kopf {m}

Genügend Bedeutungen im Nomen (der oder die Mastermind) und im Verbum, um bald masterminden (to mastermind =lenken) zu können.

Wer mag solche Sprachübungen lenken?

Abwarten bis ein Mastermind der Werbung oder der Neuauflage eines Strategiespiels sich hier einklinkt?

Verbote gibt es nicht im Wortschatz einer Sprache.

Welche Minds mastern denn (oder dann) das Sprachnetz, den Wortschatz, wenn alle Sprachgewalt vom Volke ausgeht?

Puh, es gibt verschieden Strukturen, nach Schichten, nach Milieus, nach Generationen, nach Alterungen, nach publizistischem, nationalem, kulturellem, wirtschaftlichem (den geistig-religiösen können wir abmelden) Zugriff.

(„Zynismus ist eine unerfreuliche Art, die Wahrheit zu sagen.“ Wie, was, warum…? Und von wem, in welchem Kontext? )

Schade, dass sich dass deutsche Mast, Mastschiff nicht mit engl. „to master“ paaren lässt.

Ein schöner Satz könnte so überliefert werden:

„Auf der Mast liegendes Heer: ich selbst habe einige (vor Hunger) niederfallen und sterben sehen. rührt dieses das geistliche Mastheer? Der Ausdruck ist empörend, aber nicht mehr als die Wahrheit. (J. G. Seumes „Spaziergang“. 2, 79.)


So mindet ein Master deutscher Sprache.

Sorry - ich mach mich fort auf die Wiki-Seite zu Johann Gottfried Seume

zu seinem Spaziergang (1803).


Mein Mind mastert diesen Gang durch die Seiten, Zeiten und Dinge.

Nein, Anglizismen findet man als Leser nicht bei ihm.

Wohl mächtige Fremdwortbrocken: Malversation, Ostrazismus, conceptio immaculata..

Aber, in Venedig, wo übernachtete er dort?

Im Gasthof "The Queen of England".


Freitag, 18. November 2011

V-Leute und Nachwächter

Alltagswörtereien - II -


Es nachtwächert!



Carl Spitzwegs Nachwächter, aktiv, aus dem Schatten

heraus, beobachtet die vom Mondschein beleuchtete Straßenseite:

... eine Art V-Leute (?), schwerlich auszumachen, bei Tag und Nacht -

Begleiten wir für eine kurze Zeit die gesamtdeutsche, schwer aufwändigen Suche nach V-Männern (oder: hübsch gentrifiziert: V-Leute; dass man auch V-Frauen benennen und erkennen kann) einmal sprachgeschichtlich, dann lesen wir bei bei Wikipedia eine einleuchtende Herleitung des Begriffs „Vigilant/Vigilanten“ von mittelalterlichen „Nachtwächtern“

http://de.wikipedia.org/wiki/V-Mann

Der Begriff Vigilanten war aber zumindest bei Polizei-, bzw. Strafprozessspezis noch allzumal bis in die 1930er Jahre bekannt.

Ein Jurist wie Carl von Ossietzky wusste Bescheid:

„Die meisten der Verbrechen Haarmanns sind nur durch den verbrecherischen Schlendrian der Hannoverschen Polizei zu erklären, die sich den Lustmörder und Menschenfresser als Vigilanten hielt.“ Carl von Ossietzky: „Gegen die Todesstrafe“. In: Sämtliche Schriften 1931-1933. Online-Beleg:

http://gutenberg.spiegel.de/buch/1941/30

Noch ein früher Nachweis im Spüren nach Vigilanten, wenn sie sich denn zeigten oder sich erkennen ließen:

„Rechtsanwalt Schmielinski verwahrte sich für seine Person entschieden gegen die Behauptung des Herrn v. Tausch, daß sich auch Rechtsanwälte Vigilanten halten, v. Tausch erwiderte, daß er dabei an große Prozesse und an Dr. (…)“

(Hugo Friedländer: Prozeß Leckert-Lützow. In: ders., Interessante Kriminal-Prozesse von kulturhistorischer Bedeutung Band 4, Berlin: Barsdorf 1911, S. 153)

Inzwischen hat die Demokratie mit diesen Vigilanten, den Staatsdienern im Hinterhalt, arge Probleme. Was diese bezahlten „Beobachter“ (ohne prozessrechtliche und parlamentarische Kontrolle) für ihre eigenen oder ihre anderweitigen kollektiven Interessen aufwenden oder ausgeben – wir wissen es nicht.

Über Vigilantismus (i.S. von Selbstjustiz) als US-Problem (eine brave Übersetzung des engl. Wikipedia-Eintrags):

http://de.wikipedia.org/wiki/Vigilantismus

Dieser Nachwächter ist eingeschlafen. Carl Spitzweg weckt ihn nicht auf. Nein, er gönnt ihm die Nachtruhe, sein Nickerchen in einier Welt, in der es keine RECHTEN gibr:

Der eingeschlafene Nachtwächter


Wenn es nachtwächtert...

„… als würde ums Morgengrauen ein Lied im Hafen gesungen... ein Nachtwächterlied, gesungen von irgendeinem verspäteten Mitglied der Sozietät, einem braven, gediegenen, blütenweißen, alten Herrn, der voll des süßen Punsches, den Wahlspruch hochhielt:

»Ich supe mich noch immer satt
In der geliebten Vaterstadt.«

Und also sang er:

»Vier Üren sein vorbei,
Wi wöns 'n üw guje Morgen.
Die Nacht, die es vor mei,
Den Dag mut gei nu sorgen.
In Vorsputh en Verdriet,
Vergeet üw Scheper niet –
Klepp klepp, klepp klepp, klepp klepp!
In Vorsputh en Verdriet,
Vergeet üw Scheper niet.
Klepp klepp!«“

(Oll, ja, sentimental aus des Kaisers Wilhelm-Zwo-Zeiten; ja, von dessen Lieblingspoeten Joseph von Lauff: „O du mein Niederrhein“. 1930; da lebte der Mannomann in den letzten Zügen.)

„Den Dag mut gej nu sorgen.“ – Wer schaut unseren Nachtwächtern auf die Spuren, auf die Pfoten, auf die Konten…?


Donnerstag, 17. November 2011

„S p o o k y“

Neuwörtereien - I -

„Spooky“ - ein milder, treugläubiger Anglizismus

Spooky? Was besagt ein I-Name in der Kinder- oder Spielwelt (nein, kein i forename)? Ich erinnere mich an „Ghosty“ (aus „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“ [nein, nicht Tutti oder Tütti!]), und an Heidi und an Mecki…, an viele Kinder-, Kose- und/oder Vornamen? Und hier lese ich, was wohl englisch ausgesprochen werden soll „Spooky" [Spuuki]:- deutsch gedacht; englisch ausformuliert: ein milder Anglizismus -

Hier, geanuer: „Spooky“, nett und gefällig in der Theke des Supermarkt-Bäckers: zu einem Gebäck zum Reinbeißen in der Form eines kleinen Gespenstes, wenn der erste Spaß sich abgenutzt hat; was man früher – deutsch – Gespensti oder Spööky oder Gespensterken genannt hätte, lag zum Anschauen und Geliebt- und Gekauftwerden in Kinderaugenhöhe in der Vitrine.

Nachgeforscht: Ein Trendbackwerk ist das „Spooky“ wohl nicht; es ist aber schön genug, dass ich suche …. und zu finden ist es als Back-Kunststoff-Ausstecher

Neben dem springenden Hasen für die Osterzeit (Best.-Nr.: 07789: Ausstecher „Springender Hase“ 1 Stück 8,50; als Best.-Nr.: 2 05991 Ausstecher „Gespenst Spooky“ 1 Stück 9,90. - Auf der Lieferliste des „Lieferanten für Back- und Backform-Spezialitäten“ (S. Seite 34 – 35)

Online anschau- und bestellbar:

http://www.meistermarken-ulmerspatz.de/downloads/service-club/ServiceClub_Preisliste_2010.pdf

Sind wir noch echt, sozusagen „einzig“? Oder hat jeder, der sich uptodate weiß, schon mehrere Personalitäten: Schein- oder Hemisphärenpersönchen?

Was steckt in uns – was steckt hinter uns? Was Geistiges? Was Geistvolles?

Überhaupt: Geist an sich?

Blicken wir in den Alltagskalender, der in der realistischen Welt, im Hier und Heute durchsetzt; mit Macht; mit Geistermacht?

Ja, bald ist das ganze Jahr vergeistert; und für die Sommergern-, pardon: -ferien gibt es echte und falsche Störtebeckers.

Wie viele Geister-, Gespenster-, Trallatrulla-Kürbis-Täter haben wir schon im Jahr, ich meine, das gemeine Jahr der Alltag; das Kirchenjahr mit Überirdischem, Teufelsabwehr überlasse ich der Kristenleere –

Zu Weihnachten ergibt man sich materiell und emotional der allerfeinsten Süße, aller Gütigkeit, aller Wonnen. Geschenkt wird im Überfluss;

Spiele für Geisterjagden…, mit Faserpistolen usw.

Und so gepenstert es in allen Anschuungs- und Auführungsmedien:

Gemeine Schlossgeister. Wilde, wütende Drachen. Coole Räuber, brutal-bissige Vampire ...

Dagegen ist das Spooky ein liebenswerter Anglizismus: Vom Schriftbild her englisch; von der Aussprache her eine lustig-listige Variation auf „Spuk“, abgeleitet vom Verb „spuken“.

Vgl. dazu den Eintrag im Deuschen Wörterbuch von den Grimmschen:

„spukding, spukeding, n. gespenstiges, spukendes wesen (vgl. ding 9, d, theil 2, sp. 1163); niederdeutscher volksausdruck, spoikeding, in Lippe-Detmold spökeding. Schambach 205b; 'du siehst ja aus, als hättest du ein gespenst gesehen!' wie so'n spukding war er (ein mann) auch anzusehen, stiesz Jochen heraus. L. Hesekiel Nürnberger tand 2, 226; und eure Regentrude ist ein spukeding, ein hirngespinst, ein garnichts. Storm 2, 220.“

Montag, 14. November 2011

A l l t a g s w ö r t e r e i e n - II -

Alltagswörtereien - II -

(fort-laufend et -sprechend):

Täglich finde ich Wörter, deren Bedeutung ich nicht kenne, deren Aufbau oder Herkunft mich interessiert. Ich taufe sie Wortfindlinge, die ich (fast) täglich hier aufzeigen möchte, meist mit kurzen Ergänzungen.

a + b = a² + 2ab + b²

„Witzischkeit in Grenzen - Hape Kerkelings Film „Kein Pardon“ feiert in Düsseldorf als Musical Premiere. Aus der Fernsehsatire ist inzwischen Fernsehnostalgie geworden und so hält sich die Witzischkeit in Grenzen.“

http://www.fr-online.de/kultur/kerkeling-musical-witzischkeit-in-grenzen,1472786,11142004,view,asFirstTeaser.html

„Witzischkeit“ hat es nicht bis in den Duden geschafft. Es ist nicht in der Umgangssprache heimisch oder gebräuchlich geworden:

http://www.duden.de/suchen/dudenonline/Witzischkeit

Hoffentlich verstirbt Seine Dicklichkeit HaPe nicht an seiner Fettleber. Die Humor-Pietätlichkeiten müssten neue Highlights erfinden.

Z. B.: Lieber Loriot! Wecken Sie ihren Herrgott: „HaPe ist dann mal nach oben entschwoben.“

Gestern am 12.11.2011 - II:

Totenbrett:

... fand ich am Niederrhein nie; auch nicht in Westfalen. Kein Siegfried wurde so gebettet. Kein Arminius.:

Totenbrett von Siegfried von Vegesack, angebracht am Baum über seinem Grab (Fotograf: Christian Papiermond)

Einige Gedanken, einige Bilder von Siegfried von Vegesack:

Die älteste Postkarte des „Fressenden Hauses“.

Verweilen in der Arbeitsstube des Dichters:

http://www.bayerischer-wald.de/cms/upload/bilder/kultur/museen/Sonstige_Museen/Regen_Fressendes_Haus_Dichterstube_HD.JPG

Der Dichter vor dem „wartenden“ Totenbrett:

http://www.ta-dip.de/uploads/RTEmagicC_6344a157ac.jpg.jpg

http://www.ta-dip.de/salon-der-astronomen/die-bayerische-fahne.html

Zu dem Dichter Siegfried von Vegesack nachzulesen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Siegfried_von_Vegesack

Texte von Siegfried von Vegesack:

Sein Haus, seine Burg, von ihm selbst als „Fressendes Haus“ bezeichnet und gewürdigt:

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1b/Fresshaus.jpg

Wer vor dem von Vegesack selbstentworfenen Totenbrett stand und der Natur ein Windfang auf dem Quarzfelsen des „Pfahls“ wurde, weiß seine Seele im Diesseits ge- oder verborgen.

Die Stadt Regen stellt vor:

http://www.youtube.com/watch?v=iBAK9jHnHVc

Sterntaufe

Was für ein Begriff (mein BesonderKamerad, das rächte Auge freuet sich):

Diabetes Managment Produkte

http://www.accu-chek.de

Noch mal. Zurück zur : Sterntaufe:

Ob mich das erschreckt, und meine HBA1C und HBA1CM [das musste ich mühgenauvollsamst ab- und nicht vertippeln] runtergehn?

Solange der Blickwinkel, die Sehkraft und die Begriffe reichen:


Wo immer auch: Den Kopf ins Weltall stecken!


Samstag, 12. November 2011

Alltagswörtereien - I -

(fort-laufend et -sprechend):

Täglich finde ich Wörter, deren Bedeutung ich nicht kenne, deren Aufbau oder Herkunft mich interessiert. Ich taufe sie Wortfindlinge, die ich (fast) täglich hier aufzeigen möchte, meist mit kurzen Ergänzungen.


Gesa

Das ist kein friesischer Weiber-Vorname (naja, mankann ihn da auch verplaggen); es ist Polizeijargon (der besonderen Un-ART) für Gefangenensammelstelle

Na, dort weiß wer Bescheiß, äh: Bescheid:

http://de.wikipedia.org/wiki/Gef%C3%A4ngnis#Polizei

*

Bildungspanik

Der Soziologe Heinz Bude glaubt, dass gentrifizierte Stadtteile und Privatschulen "für die Kinder nicht gut" sind. Top: Er wirft aber Eltern ihre Bildungspanik nicht vor.

Sein Universalwissen und sein Gerechtigkeitsinn. Amen! In der taz! Amen!


Wo immer auch: Den Kopf ins Weltall stecken!


*

Sich belichten lassen:

Betr.: „Habemus Papademos!“ Oder: “Habemus Papademos?“


Der deutsche Gut-SPRAKler antwortet mit seinem Omnia-Sakral-et-SACRA-Wissen.

Ein Prediger Urbi et Orbi:

http://deutsche-sprak.blogspot.com/2011/11/journalistenhumor.html

Beim nächsten "Habemus..."-Termin (z.B. Papa est mortuus; vere Papa mortuus est"“) wird bestimmt Habemus-Magister Ludwig Trepl von allen Sprachlichkeiten und Politikern (Zeitungen, Rundfunk, Foren, Parlamenten, Hebel-und Feuerstrahl-Finanzspekulanten und -spezialisten usw. usf.) zu seinem Urbi-et-Orbi-Kommentar aufgefordert:

"Habemus Sententiam Trepli".

Zum Trost et Trust:

Die wahre Urbi-et-Orbi-Exzellenz findet sich für Weihrauchtouristen kreatürlich bei XYZtube und erfreut sich ewiger Wiederkehr.


Denkpause,


dass alle es wissen, die es nicht wissen wollen:


Kolumnismus

Dieses Stinke-Wort gelang dem Ober-Sich-Selber-Beschreier Droste-Mätzchen. (Die Abstinke gegenüber allen wichtigen und kreativen Gegenspielern ist DROSTE-Programm.

Er - der sprachmütige Feuilletonist - fühlt sich verfolgt, gehemmt, gestresst, verkämpft... von auffällig erfolgreichen Glossalpublizisten und -poeten- und muss sich an ihnen abmühen.

Wölflling Droste in seinem Beitrag über/gegen Harald Martenstein:

http://www.jungewelt.de/2011/09-19/011.php?sstr=Droste

Droste zu lesen, lohnt sich immer;

man muss ihn aber nicht in den Kolumnenhimmel loben.

Blinde Begriffe II

Wagner für Kinder

Sind wir noch echt, sozusagen „einzig“? Oder hat jeder, der sich uptodate weiß, schon mehrere Personalitäten?

Was steckt in uns – was steckt hinter uns? Was Geistiges? Was Geistvolles?

Überhaupt: Geist an sich?

Blicken wir in den Alltagskalender, der in der realistischen Welt, im Hier und Heute durchsetzt; mit Macht; mit Geistermacht?

Ja, bald ist das ganze Jahr vergeistert:

Wie viele Geister-, Gespenster-, Trallatrulla-Kürbis-Täter haben wir schon im Jahr, ich meine, das gemeine Jahr der Alltag; das Kirchenjahr mit Überirdischem, Teufelsabwehr überlasse ich der Kristenleere –

Zu Weihnachten ergibt man sich materiell und emotional der allerfeinsten Süße, aller Gütigkeit, aller Wonnen. Geschenkt wird im Überfluss;

Spiele für Geisterjagden…, mit Faserpistolen usw.

Gemeine Schlossgeister. Wilde, wütende Drachen. Coole Räuber, brutal-bissige Vampire,


Ach, und in Bayreuth beschlossen: die deutschen Urmannen mit ihren Ururweibern!

Unter uns als Euro-germanisches Erbe: der grüne Eichenmann:

http://www.omm.de/veranstaltungen/festspiele2001/gifs/BAY-2001lohengrin.gif

Wow: Wagner für Kinder!

"Kinder sind das Publikum der Zukunft. Deshalb müssen wir die Kinder für die

Oper sensibilisieren und ihnen zeigen, dass die genauso spannend sein kann wie

Fernsehen oder Videospiele", erläutert die neue Intendantin Katharina Wagner.

http://www.freundederkuenste.de/empfehlung/konzert/einzelansicht/article/opernfans_aus_aller_welt_zieht_es_nach_bayreuth_lohengrin_in_neuer_inszenierung.html

Über "D e u t u n g s h o h e i t"

Blinde Begriffe I:

Hier eine Deutung zu der „Deutungshoheit“:

Den frühesten Wortbefund fand ich aus dem Jahre 1996:

„Das unversöhnliche Wort richtete sich nicht allein gegen die anderen im Saal, gegen die Stalinismus-Opfer und ihre Verbände. Es war auch eine Fanfare im Kampf um die Deutungshoheit am Ort. Nach dem Krieg hatten die sowjetischen Behörden das Konzentrationslager zum "Speziallager 2" umbenannt und dort die kleinen Nazifunktionäre, Mitläufer, aber auch politische Gegner interniert.“

(Klaus Hartung, Wer behält recht in Buchenwald? In: DIE ZEIT 25.10.1996, S. 4)

Ein 68er Wortgetue kann es nicht gewesen sein. Es liegt auch im Begriff der Deutungshoheit, dass man sich in der Sache nicht sicher weiß, zumindest unterlässt man eine Diskussion über Inhalte; man greift in dem Beziehungsstadel der Politik, gar der Wissenschaft, ein Regal höher: Ich nehme niemanden mehr wahr, der mit mir streiten will. BASTA!

Ein Wort, das sich im Deutschtum erst nach der „Einheit im Inneren“ eingeschlichen hat. Es ging um Materie in ihrer reinsten Form: um Kapitalien. Es ging um massive Streitereien über die richtige Vergangenheit, um in der Gegenwart mitmischen zu können, hinsichtlich der Bedeutung der Meinungen oder Geschichtsbetrachtung, ob in der eigenen biografischen oder der sozialpolitisch-gesellschaftlichen.

Ein politisches Schlagwort also. Es schlägt zwar, genauer: es keilt aus; es bemüht sich um die Kraft und die Suggestion des Tot­schlag­ar­gu­ments, dass seit 2004 im Duden steht.

Zum Nachlesen, wenn man der Totschlagfalle in der Kommunikation entgehen will:

Wikipedia erhellt Politisches und Willkürliches und Blindes:

„Ein politisches Schlagwort entsteht, wenn eine politische Situation oder ein politischer Diskurs auf ein besonders einprägsames Wort oder einen Satz zusammengefasst wird. Dieses Schlagwort findet danach in der Presse ein großes Echo und wird kurz- oder längerfristig zum zentralen Begriff für diesen Diskurs, oder als Symbol für die entsprechende politische Situation wahrgenommen. Wer einen Begriff prägt und ins Gespräch bringt, kann damit zunächst die Deutungshoheit innehaben – wobei es selbst Teil des Ringens um Deutungshoheit ist, welche Ausdrücke man als Schlagworte verbreitet. Im weiteren Verlauf des politischen Diskurses kann die Deutungshoheit jedoch auch verlorengehen und die öffentliche Wahrnehmung des Schlagwortes sich wandeln. Gezielte Versuche, politische Schlagwörter bzw. -worte bewusst zu prägen, können auch Teil einer Kampagne sein.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Politisches_Schlagwort

Heute kämpft jede Partei um ihre partielle Deutungshoheit der und in der Gesellschaft; die Kirchen haben sie verloren, auch wenn ein medialer Dreitages-Zauber eines Papstbesuchs anderes anbieten könnte; bald aber schon jede Stiftung, die das in ihr eingesetzte Kapital rechtfertigen muss und Deutungshoheit erzwingen will.

Die WELT mutig klugscheißerisch (2005): „Die ärgerlichste Phrase des Jahres 2004, das beliebteste Totschlagargument zur Bekämpfung richtiger Ideen lautet: "Sie haben völlig recht. (Quelle: welt.de vom 19.01.2005)

An wieviel Sätzen sich dieses Tot-Totschlagargument tapfer schlagend geschärft hat, wer weiß es. Soviel Beziehungswirrwarr oberhalb der Informationsebene kann man nicht mehr sachlich aufzeigen.

Früher (2005): „Man buhlt um Deutungshoheit und Einfluss in einer der größten Industrieregionen. (Quelle: fr-aktuell.de vom 08.03.2005; s. wortschatz.de)

Heute: Die FDP hatte ein Jahr Zeit, sich von der Deutungshoheit zu „Steuersenkungen“ zu verabschieden. Es wird den FREI-DEMOKRATEN nicht mehr geglaubt

Ja, selbst diese langjährig sich bewährende FDP (vulgo: fast drei Prozent) als Steuersenkungs-Partei vermag sich zu einer neuen, alten Deutungshoheit zurückzuentwickeln:, als forsche Datenschutz-Partei.

Haiko Sakurai zur Zukunft der FDP.

Womit sich wieder beweist: Der Slogan Freiheit ist immer noch

http://www.sakurai-cartoons.de/images/g_liberaleeuphoriebunt.gif

„Deutungswort“ hat schon Kaspar Stieler aufgeführt in „Der teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs“ (1691).

Wer mag daran deuteln?

„Deuteln, auf gezwungene art auslegen, den sinn kleinlich verdrehen. deutelen phantasieren, imaginari (Henisch 682). es stehet auf der alchymisten deutelen ders. eines kaisers wort wil sich nicht gebühren zu trehen oder zu deutelen (Zinkgräfs Apophthegmata 1, 28). In DWG der Sprachprofessoren und Brüder Grimm belegt.

Es dürfte das Wort gar nicht im Singular geben, sondern nur im Plural: Deutungshoheiten.

Und in irgendeiner Unterschublade des blinden Denkens: die Deutelhoheit.

Freitag, 11. November 2011

K o l u m b a r i e n

- K r i s t e n l e e r e VI -


Der Mensch als Staub:

pulvis aut humus oder als Geschäft für Kirchler und/oder Bestatter …


Leere Kirchen und sich füllende Sterbehäuser:

Vom Heimgehen - von der Rückkehr in die Stille, in die Natur, in das Ewige…

Im Schweiße deines Angesichts sollst du Brot essen, bis du wieder hin in das Erdreich

kommst, von welchem du genommen worden bist. Denn du bist Staub und sollst wieder zum Staube zurückkehren."

(Spruch nach dem Sündenfall der Ältern Adam und Eva; nach der Tora: Bereschit, Vierter Teil; hier in der Übersetzung von Moses Mendelssohn; nach christlicher Berechnung: Gen 3, 19)

Besuche in „Kolumbarien“

(wörtlich: „in Taubenschlägen“); ich schlage vor: … im Friedhaus; in der Friedkirche -

Mensch, tritt ein!

Still, dunkel und ernst - wenn du die Einfühlung mitbringst: ein meditativer Raum.

In bin in der ehemaligen Kirche St. Konrad in Marl-Hamm; einem Raum, der einer Fabrikhalle nachempfunden ist; der dunkle Steinboden und die hohen, roten, typisch niederdeutschen Klinker der Backsteinmauern schlucken fast das ganze Licht des Großraumes; das aber wie eine Höhengnade von oben, durch ein farbiges Fenster-Lichtband, unterhalb de Dachkonstruktion, einfällt.

Die Ecclesia ist als Haussymbol eine mittelgroße Fabrikhalle. So sollten die Kirchgänger als katholische Kumpel, Arbeiter, Angestellte und wenige sozial Privilegierte dieser Zechengemeinde in der Industriestadt Marl nacherleben, was sie tagtäglich umgab, ob unter- oder normal-irdisch, oder in ihrem Gewerke oder Handel fundierte:

Wenn die Sonne durch das oberhalb der nachfabrizierten Mauern in sechs m Höhe das farbige Fensterband, das sich rundherum über dem gesamten Baukörper bis zur Dachkonstruktion frei erhebt, durchbricht, spielen die vielfältigen - roten und blauen und grünen und goldenen Lichterstrahlen herein, aber nie bis auf die dunkelgrauen Natursteinplatten; da sie im Grau des Halbdunkels verbleiben.

So tief kann keine irdische Sonne ihre gütig güldenen Strahlenarme aus der Höhe herab bis auf den durch das Gemäuer kasernierten Innenbereich erspielen lassen.

Ein Atemholen (…, das ich mir erlaube):

(– ein Absatz, mit Aufgabenstellung für den LeserJ

Vor Vorbereitung dieses eigentlichen Artikels über Leben, Sterben und ungestörtes Ruhen humaner, normal-profaner Reliquien, die den „Exequien“ zugeführt werden sollen, biete ich folgende Überlegungen und Fragen an:

* Wann (und eventuell wie oft) hast du in den letzten zehn Jahren Krankheit/Sterben/Trauer/ Beerdigung erlebt … von einem Menschen aus deiner vertrauten Nähe(Familienangehörige, Freunde, Mitschüler, Nachbarn…)?

Welche Aufgaben wurden dir zu eigen gemacht, übertragen, verweigert? Welche Anteilnahme bei diesen Abläufen hattest du? Welche Erinnerungen sind geblieben? Welche Mahnungen oder Störungen - oder gar vermerkten Traumata?

* An welche Vorgänge des Lebens und Sterben und der Beerdigung kannst du dich erinnern, die medial oder gedanklich abgelaufen sind (im Film, im Fernsehen, in Inszenierungen, in digitalen Spielen, in Arbeitstexten der Schule)?

Welche Erlebnisse oder Eindrücke oder Erkenntnisse waren damit verbunden? Welche bleibenden Erinnerungen? - Wurden Schmerzgrenzen erreicht, überschritten?

Hier die sprachtechnischen Einzelheiten:

http://www.duden.de/rechtschreibung/Kolumbarium

Und hier … der Fortgang - durch das Friedhaus:

Meine Erkundung stelle ich hier zur Kritik:

Als Kirche ist diese großräumige Halle auch schon exsakralisiert; also: profaniert, ihres Zwecks als Gotteshaus beraubt.

Und wegen dieser nüchtern-irdischen Funktion fahren Besucher, Trauer-Organisatoren und Trauernde hierher. Und wer den hohen, würdigen Raum betreten hat, dem bieten sich von hinten her im Mittelgang die Blicke durch schwarz-steinerne Verbauungen, mannshohe Kästen, die Fächer in Wandschränke anbieten.

Die ehemalige Pfarrkirche St. Konrad in Marl-Hüls (Westf.), 1954/57 errichtet, hat diese neue Funktion erhalten: als „Kolumbarium“, deutlicher und deutsch Urnenschrankwände. Es sind schwarz abweisende Hochgrab-Wände, in denen auf drei Ebenen Urnen Platz finden; sie haben die Architekten im rückwärtigen Teil des Sakralraumes aufbauen lassen, genehmigt und finanziert durch den Kirchenvorstand der neuen Seelsorgeeinheit St. Franziskus, die drei frühere Gemeinden umfasst und eine Kirche still legen wollte; in einem sich leerenden Stadtgebiet, wo vor zehn Jahre eine Moschee für die Zugewanderten Moslems gebaut wurde und heute eine katholische Pfarrkirche reicht.

Offiziell heißt das so: „Mit ihrer zurückhaltenden Formensprache fügen sich die Urnengräber harmonisch in den Raum ein, der auch weiterhin die Möglichkeit zum Gebet bietet, nicht nur für die Hinterbliebenen. In den Einbauten aus Basaltstein, wie er bereits im Boden und im Altarbereich vorhanden war, befinden sich 300 kleine Grabkammern in geschlossenen Schrankwänden.“

Die [bevölkerungs- und „Seelen“-Anzahl-mäßig überflüssige] Kirche wurde zum Kolumbarium, einer Urnenhalle, umgebaut. Als eine ergänzende Einrichtung fügen sich die zwei zueinander gestellten im Viereck als Stein Block in das Gesamtbild des Kircheninneren ein.

Sie bilden einen eigenen Bereich der Besinnung im hinteren Teil des Kirchenraums. Ein Raumkonzept, mit der Cella als Heiligstem des Raumes, das sich schon in antiken Tempeln findet. Und ein Konzept, dass den Raum tatsächlich erlebbar macht: St. Konrad ist – im Gegensatz zu vielen Kirchen, die noch als solche genutzt werden – tagsüber geöffnet, um Besuchern, ob als Trauernde oder als Neugierige, freien Zugang für den Blick auf ein Totengedenkhaus, ein Friedhaus, zu gewähren.

So informiert die St.-Franziskus Gemeinde in Marl über ihr gut kalkuliertes „Kolumbarium“, das auf ertragreiche zehn Jahre hinkonzipiert wurde::

http://www.st-franziskus-marl.de/front_content.php?idcat=87

Das kirchliche Motto:

„Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen“, versprach Johannes (14,1); hier hat man eine Lösung gefunden, die, wenn sie sich finanziell nicht rentiert, wieder abgebaut wird.

*

Informationsbedürfnisse:

Eigene Schritte, die man aus aktuellen oder vorsorglichen Intentionen gehen kann, wenn man sich für individuell passende Symbole und Formen der Trauer, des Abschieds, der Bestattung interessiert :

Informationen helfen uns in den Zeiten wirtschaftlichen, familialen – und religiösen Umbruchs, besonders hinsichtlich der bedingungslos und seelenlos oktroyierten kirchlichen Lebens- und Sterbensriten.

http://de.wikipedia.org/wiki/Kolumbarium

Hier in dieser Kirche des Aufbruchs der 50er Jahre in der BRD wurden Kinder „exorziert“ (vgl. den „Katechismus der Katholischen Kirche. Ausgabe 2005. Artikel 1673: „In gewöhnlicher Form wird der Exorzismus im Taufritus vollzogen“); religiös vulgär gesprochen: „getauft“. Als Erinnerung an katholische Vorzeiten: „Bräutchen“ und „Ritter“ wurden gesegnet. Liebende versprachen sich in aufwändiger, häufig kurzlebiger Schau hier für ein Leben. Priester zelebrierten ihre eigenen, zölibatären Rituale.

Doch zunehmend wandte sich das Volk ab, nachdem die Zelebration zum Volk genehmigt war.

Vgl.: http://www.bestattungsplanung.de/pages/bestattungsarten/203-0.html

Eigenartiges (oder Absurdes?):

Wer sich die Diamantenbestattung, d. h. die Verpressung und den Schliff als Diamant-Ersatz wünscht, kannst dich hier umsehen (solange man noch mit den eigenen, lebendigen Augen in die Welt kuckt):

http://www.bestattungsplanung.de


Sprachlicher Aufschluss zum „Kolumbarium“:


Das „Brockhaus' Konversationslexikon. Band 59 (K bis Lebensversicherung).

F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien. 14. Aufl. 1894-1896. S. 517:

Kolumbarium (lat., "Taubenschlag", "Taubenbehältnis", von ‚columba’ = Taube), Name der kleinen Nischen, die reihenweis in den Wänden mancher römischer Grabkammern angebracht sind. Gräber dieser Art finden sich nur in Rom und der nächsten Umgebung, sie stammen fast alle aus dem 1. Jhr. n. Chr.

Die Kolumbarien, gleich den übrigen antiken Gräbern an den Landstraßen gelegen, waren bestimmt, bei möglichst sparsamer Anlage und Dekoration doch für die Asche möglichst vieler Verstorbener Raum zu gewähren; ihre Einrichtung setzt die Leichenverbrennung als allgemein üblich voraus. Sie sind halb oder ganz unterirdisch, die thönernen Aschentöpfe (oliae) in die Mauer selbst so eingebaut, daß über der Mündung die kleine (selten über 0,5 m breite und 0,3 m hohe) Nische sich öffnet, um die Beisetzung der Asche zu ermöglichen. Unter (oder über) der Nische nannte eine auf den Stuck gemalte oder in Marmor eingegrabene Inschrift den Namen des Bestatteten. Die Zahl der bekannten Kolumbarien beläuft sich auf mehr als 100; die Inschriften sind gesammelt im "Corpus …“, Bd. 6, Tl. 2 (Berlin 1882).

K. ist auch die Bezeichnung für die Halle, wo die Urnen mit der Asche der in den jetzigen Feuerbestattungsöfen verbrannten Leichen beigefetzt werden, wie z. B. in Gotha. (S. Leichenverbrennung.)

Vgl.:

http://susi.e-technik.uni-ulm.de:8080/Meyers2/seite/werk/brockhaus/band/59/seite/0517/brockhaus_b59_s0517.html

*

Eingang? … Heimgang?

Ja, sich auf den Weg machen, durch viele Möglichkeiten, die einem Entscheidungen ermöglichen für die Zeit, die ganz gedankenlos „Ewigkeit“ nennt - z.B. über das Kolumbarium der Erfurter Allerheiligenkirche

http://www.kathweb.de/port/artikel/2222.php

Überall: nützliche Hilfen bieten Meldungen zum „Kirchensterben“:

http://www.kirchenschwinden.de/2007/06/unvertrgliche-umnutzung.html

Was alles sich – bei „wandelnder Bestattungskultur“ sich entwickelt, angeboten wird – und verkauft werden will; nur Lebende können sich wundern:

http://www.kolumbarium-k2.de/referenzen.html

*

Auf ins Kolumbarium? (… in den sakralisierten Gräber-Taubenschlag..?)

Nur in Kriegszeiten und oder bei Bränden sind in alten Zeiten schneller größere Veränderungen beim Einbruch, Einriss oder Ruinierung von Kirchen oder Umwidmung erlebbar als heute, wo Kirchen abgewrackt werden, weil die Leute mit ihren Soziabilitäten, ihre Gefühle und ihre Ästhetik, ihre Lebensform und ihr Vermögen/Geld nicht mehr dem christlichen Herrgott (oder den Eingebungen, Anordnungen und Bedürfnissen ihrer irdischen Repräsentanten…?) dienstbar bleiben wollen.

Es gab und gibt in jeder Kirche die materiell und finanziell kundigen Spezialisten, die Buch und Statistik führen und rechnen und in einigen Monaten Pläne ausbrüten oder adaptieren können; zu Nutz und Frommen (so heißt eine alte Redenart)..

Geboren werden, lieben, Kinder erziehen, sterben und bestattet werden (eine Stätte oder eine Gedenkstatt erhalten…) ist das größte, nachfrage-starke Thema in den Kirchen geworden, die nicht ihre Rituale, sondern Menschen betreuen wollen. Helfen wir den Geistlichen und ihren Traktaten, indem wir sie herausfordern.

Ich werde meine Schüler (und auch meine erwachsenen Kinder) einmal dorthin, zum Kolumbarium, – als Ausflug – einladen; sie schweigend durch das Friedhaus von Kirche zu gehen bitten – und wenn sie Fragen haben nach Sinn, Aufbau, Gestaltung, Formen, Farben, Pietät und Geld – dann werde ich ihnen meine Meinung so ausdrücken:

Ich bin als “ανθροπως“ ein „peregrinus“, aber keine „columba“. Ich muss nicht auf zehn Jahre für 2.5000 € repräsentativ eingemauert werden, in diesem friedlich-freundlichen Ex-Kirche... Nein, in ein so dunkles, abgelegenes und künstlich-zurecht staffiertes Kolumbarium will ich meine Asche in einer Aufbewahrungsanlage für 50 Jahre nicht eingeschoben wissen; die gestaltet ist als steinerner Block für Safés, vornehm eingeschwärzt, kleiner als die Kofferaufbewahrungscontainer bei der Bundesbahn, größer als Depot-Fächer für Wertpapiere und Unbenanntes im Keller einer Bank.

Wenn Kinder als Erben mich in Erinnerung und mit meinen irdischen Überresten mit- oder ertragen wollen, können sie nach ihrer eigenen Überlegung die Spuren und Reste meiner materiellen Existenz in einem Freiwild, pardon: Freiwald verstreuen sollen, das er, der Staub meiner irdischen Existenz, stiebt und davonfliegt – frei als „tu es pulvis et ad pulverem reverteris“.

*

Draußen, im Schattenwald, vor der hohen Klinkerwand dieser Kirche, die Fabrik, Burg oder Friedhaus sein könnte - greife ich zu meiner Poesie-Kladde, die längst nicht gefüllt ist, deren letzte Gedichte aber schon eingetragen sind:

Eine Sammlung mit folgendem Auftrag:


Prüfe die lyrischen Texte, kläre ihre Anlässe, ihre Themen und Intentionen; schätze ihre Leistungsfähigkeit und ihren Gehalt ein (nach sprachlicher, literarischer und individuell spiritueller Auskunft für dich und deine Gruppe (ob Kurs, ob Klasse, ob für die Vorbereitung einer Abschiedsfeier von MitschülerIn oder Freundin…); und prüfe, ob diese oder andere Texte (aus Lesebüchern, aus Anthologie, aus dem Internet (zu den Stichwörtern Leben, Trauer, Sterben, Beerdigung…) – Trost, Hilfe oder Provokation bieten könnten, die du vortragen möchtest. (Möglichst immer mit persönlicher Einleitung oder Stellungnahme.)

Hier eine kleine Gedicht-Anthologie zum Thema „Letzter Abschied“, die ich zu erweitern bitte. Ich habe sie als Anregung zusammengestellt nach der Bemerkung des Pastoral-Referenten, der uns durch das „Kolumbarium“ geleitete; er saget: Es sei religiös gesehen ein Mangel, dass man für die Einstellung der Urnen in die Grabfächer keine liturgisch gesicherten oder legitimierten Texte zur Verfügung habe. – Ich halte es für eine zu begrüßende Chance, dass sich Trauernde und Beerdigungsteilnehmer, ob Familianten oder geistliches Personal, mit dem Tod und dem Toten, ob in seinem Leben oder seinem Sterben oder seinen Weiterlebensvorstellungen, persönlich auseinandersetzen können und wir uns für ihn um angemessene Worte und Rituale bemühen – zu unserer Erinnerung an ihn oder sie, die die einzige Form des irdischen Fortlebens ist.

Text 1

Heinrich Heine:

[Miserere]

Die Söhne des Glückes beneid ich nicht
Ob ihrem Leben, beneiden
Will ich sie nur ob ihrem Tod,
Dem schmerzlos raschen Verscheiden.

Im Prachtgewand, das Haupt bekränzt
Und Lachen auf der Lippe,
Sitzen sie froh beim Lebensbankett -
Da trifft sie jählings die Hippe.

Im Festkleid und mit Rosen geschmückt,
Die noch wie lebend blühten,
Gelangen in das Schattenreich
Fortunas Favoriten.

Nie hatte Siechtum sie entstellt,
Sind Tote von guter Miene,
Und huldreich empfängt sie an ihrem Hof
Zarewna Proserpine.

Wie sehr muß ich beneiden ihr Los!
Schon sieben Jahre mit herben,
Qualvollen Gebresten wälz ich mich
Am Boden und kann nicht sterben!

O Gott, verkürze meine Qual,
Damit man mich bald begrabe;
Du weißt ja, daß ich kein Talent
Zum Martyrtume habe.

Ob deiner Inkonsequenz, o Herr,
Erlaube, daß ich staune:
Du schufest den fröhlichsten Dichter, und raubst
Ihm jetzt seine gute Laune.

Der Schmerz verdumpft den heitern Sinn
Und macht mich melancholisch;
Nimmt nicht der traurige Spaß ein End,
So werd ich am Ende katholisch.

Ich heule dir dann die Ohren voll,
Wie andre gute Christen -
O Miserere! Verloren geht
Der beste der Humoristen!

(Aus Heines „Nachgelesenen Gedichte 1845 - 1856. 3. Abteilung „Lamentationen“. - Text nach: H. H.: Sämtliche Schriften. Hrsg. von Klaus Briegleb. Bd. 6. Teilband I. 1975. Carl Hanser Verlag. S. 332))

Anmerkungen zum Heine-Gedicht:

„HIPPE“ (aus dem „Deutschen Wörterbuch“ der Brüder Grimm; hier in der originalen Rechtschreibung dieses größten Nachschlagwerks zur deutschen Sprache):

HIPPE, f. messer von sichelartiger gestalt für gärtner und winzer: schlag an mit deiner scharfen hippen, und schneite die drauben auf erden, denn ire beer sind reif. offenb. 14, 18.

Hier spricht Heine, wie so oft, in der Bildlichkeit eines Bibelzitats; er setzt damit gleich die volkstümliche Umschreibung für den „Sensenmann“, „Gevatter Tod“.

PROSERPINA ist als Gattin von Hades/Pluto die Herrin der Unterwelt in der antiken Mythologie, Heine stellt sie sich hier als Zarin vor - vielleicht weil der Zarenhof besonders reich und prächtig war. Heines Bruder war zeitweilig als Arzt am Hof in St. Petersburg tätig war.

„…katholisch“: H. Heine als Jude ließ sich protestantisch taufen. Er betrachtete den Protestantismus als Religion Luthers und Lessings als Fortschritt und kritische Ratio (Reformation als deutscher Vorläufer der französischen Revolution!), Katholizismus mit Unvernunft und Rückständigkeit.

Text 2: 
Martin Auer:
Über die Erde
 
Über die Erde sollst du barfuß gehen.
Zieh die Schuhe aus, Schuhe machen dich blind.
Du kannst doch den Weg mit deinen Zehen sehen
Auch das Wasser und den Wind.
 
Sollst mit deinen Sohlen die Sterne berühren,
mit ganz nackter Haut.
Dann wirst du bald spüren,
daß dir die Erde vertraut.
 
Spür das nasse Gras unter deinen Füßen
und den trockenen Staub.
Laß dir vom Moos die Sohlen streicheln und küssen
und fühl das Knistern im Laub.
 
Steig hinein, steig hinein in den Bach
und lauf aufwärts dem Wasser entgegen.
Halt dein Gesicht unter den Wasserfall.
Und dann sollst du dich in die Sonne legen.
 
Leg deine Wange an die Erde, riech ihren Duft und spür,
wie aufsteigt aus ihr eine ganz große Ruh‘.
Und dann ist die Erde ganz nah bei dir,
und du weißt: Du bist ein Teil von Allem und gehörst dazu.
*

(1983; aus: Überall und neben dir. Gedichte für Kinder in sieben Abteilungen. Hg. Hans-Joachim Gelberg, Weinheim 1986: Verlag Beltz & Gelberg. S. 286)

Zur Biografie des Dichters (geb. 1951)

Bild und Informationen:

http://www.lyrikline.org/index.php?id=162&L=2&author=ma00&show=Bio&cHash=be5b9df56d


Text 3:

(Als Gegenstück zu dem klassischen Heine-Text:)

Wilhelm Lehmann:

Letzte Tage

Ausgelaufen ist der Krug.

Erde spricht, es ist genug.

Chrysanthemen hat ein Freund vors Bett gestellt,

Lockenhäupter, Würzgeruch der Welt.

Ehe meine Finger kalten,

Fühlen sie die Lust, die Stengel festzuhalten.

Halt ich so das letzte Stück der Zeit noch aus,

Bringt das große Qualenlose mich nach Haus.

*

Zur Biografie:

Wilhelm Lehmann (*1882 +1968) war ein deutscher Lehrer (mit den Fächern Deutsch, Englisch und Biologie) und Dichter der deutschen „Naturlyrik“, die einen Ausgleich zwischen Menscheninteresse, Natur-Angebote und ökologischen Anforderungen im lyrischen Poem versuchte.

Informationen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Lehmann

http://www.wilhelm-lehmann-gesellschaft.de

Foto über diese Adresse:

http://www.kn-online.de/images/meldungen/2128794_1.jpg

*

Hinweis auf ein Rilke-Gedicht zum Thema:

Vgl. Text und Interpretation zu R. M. Rilke: „Judenfriedhof“; in meinem Artikel „... vom anderen Christus in uns“; in: „Religion heute“. Heft 65. 2006. S. 58ff.

Persönliche Notiz

(… zum Abschluss des Besuchs in einer „Friedkirche“ und dieses Artikels)

Ich könnte mich von meinen Kindern, wenn sie es mittragen wollen, auch in einem Friedwald, oder unter einem Friedbaum verschütten lassen, der vielleicht Bestand hat, bis zu einem Orkan, der demnächst für einige Unordnung, aber auch eine heilsame Wirkung im Naturgestrüpp dessen sorgen könnte, was wir für möglich halten auf unserer, einen Welt: Wachsen, Blühen und Vergänglichkeit.

Im Internet gibt es höchst unterschiedliche Ansätze, sich mit Leben, Krankheit, Unfall, Sterben und Trauer auseinanderzusetzen:

Aufgaben:

Untersuche diese Adressen und die dort benannten Inhalte und teils gewerblichen Angebote nach ihren religiösen und politischen Ausrichtungen.

Z. B.:

* „Das Sterben ins Leben holen. Trauernde Kinder begleiten“:

http://www.notfallseelsorge.de/pisarski.htm

* „Spirituelle Dimensionen von Leben und Sterben“:

http://www.leben-sterben.de/institut.htm

* „OMEGA“ – Mit dem Sterben leben:

http://www.omega-ev.de/

Aufgabe:

Beziehe den OMEGA-Appell ein: „Das gesellschaftliche Tötungsverbot

darf nicht angetastet werden!“ [Zu finden unter den Downloads auf der OMEGA-Seite.]

Es gibt viele Sammlungen mit Texten zum Leben und Lieben, Werden und Vergehen des Menschen; ich füge nur diese Titel an:

Vom Tod. Ein Lesebuch für Jedermann. Hrsg. v. Werner Koch. Frankfurt/M. 1987. Insel TB 1037.

Lobet den Herrn! Gebete großer Dichter und Denker. Gesammelt von Christian Strich. Zürich 1987. Diogenes TB 21498

…. Und das Leben bekommt mich zurück. Ein Lesebuch von Gerd Laudert-Ruhm und Susanne Oberndörfer. Stuttgart 2005. Kreuz Verlag.

Zwei abschließende Lesehinweise zum Thema „Sterben und Beerdigen“:

* GABRIELE GOETTLE: Kein stiller "Abtrag". Zu Besuch bei einer leidenschaftlichen Bestatterin“

http://www.taz.de/pt/2006/03/27/a0279.1/text

* Michael Bönte: "Individuelles Durchwurschteln". Ein Interview mit Silke M. Fiedeler.

- Dr. Silke M. Fiedeler ist Rechtsanwältin und Mediatorin in Essen. Neben vielen Veröffentlichungen zum Thema "Sterben im Strafvollzug" setzt sie sich auch auf Studientagen und in Vorträgen dafür ein, dass dieses Problemfeld in der Öffentlichkeit thematisiert wird.

Dafür steht sie auch in einem intensiven Austausch mit betroffenen Vollzugsdienstbeamten und Gefangenen. "www.kirchensite.de" fragte sie nach den rechtlichen Hintergründen der Situation sterbender Häftlinge. –

URL.:

http://kirchensite.de/?myELEMENT=123087

*

Diese letzten Worte sollen einen Ausblick geben auf den nächsten Artikel in “Religion heute“ Heft, das den Arbeitstitel „Himmel, Hölle, Fegefeuer“ trägt.

Friedrich Dürrenmatt: „Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das weiß, dass es sterben wird. Die Verdrängung dieses Wissens ist das einzige Drama des Menschen.“

Theodor Fontane: „Die Not lehrt beten, sagt das Sprüchwort, aber sie lehrt auch denken, und wer immer satt ist, der betet nicht viel und denkt nicht viel.« (Aus „Wanderungen durch die Mark Bandenburg“)

Aufgabe:

1. Analysiere etymologisch, semantisch und für den religiös-zeremoniellen und den persönlichen Gebrauch folgende Wörter und Begriffe (mit Lexika, Wörterbüchern und den Möglichkeiten des Internets).

Friedhof, Kirchhof, Gottesacker

Sterben, die (ewige) Ruhe finden, einschlafen, verscheiden

Krematorium, Feuerbestattung, Seebestattung

Ergänzende Frage:

Wie beurteilst du das bisherige Fehlen folgender Begriffe

Friedhaus, Friedkirche, Friedwald, Friedbaum?

Welche sinnvollen Neubildungen in diesem Sprachbereich, bezogen auf die Veränderungen der Auffassungen über des Lebens Ende könntest du dir vorstellen?

2. Welche Einsichten und Lehren, Erkenntnisse und Einblicke in Handlungsmöglichkeiten hast du aus dem Thema „ Leben, Sterben, ‚Heimgehen’“ für dich und deine persönliche Beziehungseinheit gewonnen.

**

Grundlegend erbauliche Literatur über Sterben und Erben:

Fichtner, Ullrich: Bestattungskultur. Das Friedhofssterben.

http://www.puetz-roth.de/downloads/6553/6559/6755/SPIEGEL-53-09.pdf

Wiki-Artikel „Abschied und Trauer“:

http://www.pflegewiki.de/wiki/Abschied_und_Trauer


Demnächst zu erwandern der von Goethe-Zitaten bewehrte Ruheforst in Coesfeld/Westf.:

http://www.ruheforst-coesfeld.de/index.php?seite=Home&h=1