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Montag, 30. Januar 2012

T e c h n o f i x - als Neuwort?











@ Martin Holzherr als erstem Kommentator im sprachlog über Anatol Stefanowitschs
"Stresstest [Kandidaten für den Anglizismus des Jahres]":

Ist „Technofix“… irgendwo ein gebräuchliches Wort? In irgendeiner Sprachecke, der deutsch-schnaufenden Schweiz vielleicht?
Ich fand in allen mit zugänglichen Quellen/Corpora nur einen Beleg, mit ähnlicher Verwendung wie in Ihren Sätzen, Martin Hochherr, thematisch ähnlich über "erhöhtes Stressbewusstsein":

Harro Albrecht in der ZEIT vom 29.05.2006 - 07:36 Uhr, mit dem Pfifftitel " Auf einem Augen blind":

„Noch vor zehn Jahren war die Impotenz das Sinnbild des männlichen Versagens. Kein Mann hätte sich getraut, mit diesem Makel Mitgefühl zu erregen. Das änderte sich erst, als dieses hoffnungslose Kapitel durch einen Technofix lösbar war. 1998 wurde Viagra durch den Pharmaproduzenten Pfizer eingeführt, und in kürzester Zeit war das Thema kein Tabu mehr.“

Also, wohl vor- und blitz-gemeeeeeeeeerkt: Technofix - ist es doch [oder gar docher, dochest..?] ein schnittiges Wort; zwar semantisch nicht präzise, nicht festgelegt; aber mit modischem Wohllaut und mit modernem Wohlwollen - so mit Herz für Schmerz und Stress - recht verständlich: Ob es schon einiges an Worddrive hinter sich oder noch vor sich… hat?

Wenn „Technofix“ sich noch quick verfaxt und techno-multipliziert und/oder keck online-propagiert wird, könnte er für 2012 im Rennen um den Anglizismus-Preis mitsurfen.

P.S.:
Google brachte bei der Wortsuche "ungefähr 148.000 Ergebnisse (0,13 Sekunden)". - Ich verstand unter den Angaben nur Spielzeug, technisches Zeugs, lexikalisch unbrauchbares Zeugs, Aberzeugs ...


K r i e g s a n g s t und G o t t e s t r o s t












- Literarisches Stichwort Gott -




Im Westen nichts Neues (1929)

Tröstung der Betrübten (Mt 5,4 )


Zwei Texte

„Ach Gott, was ist mir schon heilig; - so was wechselt ja schnell bei uns.“
(Paul Bäumer, ein Fronturlauber, gegenüber der Mutter eines getöteten Kameraden)

Ein Antikriegsroman - ein humanes Beispiel der Nächstenliebe
(Aus: Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues")

Paul Bäumer, 18 Jahre, hat die ersten Monate an der Westfront überlebt. Er hat erfahren, realisiert und sucht zu verarbeiten, was es heißt, als Mensch zu fühlen und zu denken - und als Tier kämpfen, d.h. töten zu müssen - oder selber zu krepieren - weil andere ihn umbringen müssen....


Immer schwerer werden die Tage, die Augen meiner Mutter immer trauriger. Noch vier Tage. Ich muß zu Kemmerichs Mutter gehen.

Man kann das nicht niederschreiben. Diese bebende, schluchzende Frau, die mich schüttelt und mich anschreit: „Weshalb lebst du denn, wenn er tot ist!«, die mich mit Tränen überströmt und ruft: »Weshalb seid ihr überhaupt da, Kinder, wie ihr «, die in einen Stuhl sinkt und weint: »Hast du ihn gesehen? Hast du ihn noch gesehen? Wie starb er?«
Ich sage ihr, daß er einen Schuß ins Herz erhalten hat und gleich tot war. Sie sieht mich an, sie zweifelt: »Du lügst. Ich weiß es besser. Ich habe gefühlt, wie schwer er gestorben ist. Ich habe seine Stimme gehört, seine Angst habe ich nachts gespürt, sag die Wahrheit, ich will es wissen, ich muß es wissen.«
»Nein«, sage ich, »ich war neben ihm. Er war sofort tot. «
Sie bittet mich leise: »Sag es mir. Du mußt es. Ich weiß, du willst mich damit trösten, aber siehst du nicht, daß du mich schlimmer quälst, als wenn du die Wahrheit sagst? Ich kann die Ungewißheit nicht ertragen, sag mir, wie es war, und wenn es noch so furchtbar ist. Es ist immer noch besser, als was ich sonst denken muß.«
Ich werde es nie sagen, eher kann sie aus mir Hackfleisch machen. Ich bemitleide sie, aber sie kommt mir auch ein wenig dumm vor. Sie soll sich doch zufrieden geben, Kemmerich bleibt tot, ob sie es weiß oder nicht. Wenn man so viele Tote gesehen hat, kann man so viel Schmerz um einen einzigen nicht mehr recht begreifen. So sage ich etwas ungeduldig: »Er war sofort tot. Er hat es gar nicht gefühlt. Sein Gesicht war ganz ruhig.«
Sie schweigt. Dann fragt sie langsam: »Kannst du das beschwören?«
„Ja.“
„Bei allem, was dir heilig ist?“
Ach Gott, was ist mir schon heilig; so was wechselt ja schnell bei uns.
„Ja, er war sofort tot.«
„Willst du selbst nicht wiederkommen, wenn es nicht wahr ist?«
»Ich will nicht wiederkommen, wenn er nicht sofort tot war. «
Ich würde noch wer weiß was auf mich nehmen. Aber sie scheint mir zu glauben. Sie stöhnt und weint lange. Ich soll erzählen, wie es war, und erfinde eine Geschichte, an die ich jetzt beinahe selbst glaube.
Als ich gehe, küßt sie mich und schenkt mir ein Bild von ihm. Er lehnt darauf in seiner Rekrutenuniform an einem runden Tisch, dessen Beine aus ungeschälten Birkenästen bestehen. Dahinter ist ein Wald gemalt als Kulisse. Auf dem Tisch steht ein Bierseidel.

Die Bergpredigt als theologische Edikt bestimmte nicht Remarques Autoren-Bewußtsein, als er diese Passagen schrieb: Aber sie war ihm aus der Kinder- und Schulzeit ein geistiger Hintergrund; und sie kann nicht nur auf einem Berg in Galiläa gelten, nicht auf den Predigtstühlen oder vor den schön gestalteten Amben in kirchlichen, aufgeputzten Räumen
Soldat Bäumer und seinen vielen versehrten Kameraden steckt die religiöse Verantwortung für Freunde, für Eltern und Geschwistern im Kopf - Mitleidende einer militärisch besinnungslos geopferten Generation. Den zutiefst geschockten jungen Leuten stecken diese Pflichten im Bewußtsein, ohne daß hier pastorale Verantwortung oder Betreuung vorliegt :
„Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.“ (Mt 5,4 )
So unternehmen sie - was in der Apostelgeschichte (Apg 6,1f.) seine urkommunistische Ordnung erfährt: die Fürsorge für Menschen, die in ihrem Leid, in ihrer Not, in ihrer Hilflosigkeit „übersehen“ wurden.
Die Spenden der Gemeindemitglieder wurden bei den Agape-Szenen gereicht. Um so wichtiger war, daß hier alles in Liebe geschah mit dem Ziel, jedem einzelnen , auch den armen und Witwen eine Heimat zu bereiten.
Kein Kaiser, kein Papst, kein Priester, kein Lehrer hat sie darauf vorbereitet, von den Eltern haben sie den Anstand und das Mitleid erfahren, daß sie mitleiden können. So blieb ihr guter Wille, auch ihre Bereitschaft aus Mitleid zu lügen das Einzige, einer Kameradenmutter zu helfen...

Bäumer seufzt: „Ach Gott, was ist mir schon heilig; - so was wechselt ja schnell bei uns.“
Heilig? Heiliges? Heiligkeit? Heilige einer der Kirchen in Deutschland, dem Kaiserreich? Die Kirche - die protestantische Staatskirche des Hohenzollernreiches - soll ich sie zitieren mit ihrem „heiligen“ Kriegsaufruf, ihren Kaiseradorationen, ihren völkerverachtenden Aufrufen, ihren dummen, unchristlichen Phrasen, vergessend des höchsten Gebotes der Feindesliebe? Als alle Kapitalisten - selbst die Bürger, die Beamten, die Kleinhändler, die die Reichsmark, wenn nicht gar den Pfennig - sorgsam umdrehen mußten, Kriegsanleihen zeichnen wollten - als heiliges Unterpfand eines glänzenden Sieges und herrlicher Gewinne...

Einen Vorspruch haben 1929 (im zehnten Jahr nach dem ersten Völkerschlachten des 20. Jh.s) Remarque und sein Verlag dem Buch mit auf den Weg durch alle großen Sprachen der Welt gegeben:

Dieses Buch soll (nach der Aussage Remarques) weder eine Anklage noch ein Bekenntis sein. Es soll nur den Versuch machen, über eine Generation zu berichten, die vom Kriege zerstört wurde - auch wenn sie seinen Granaten entkam.

Gemeint war, daß der Roman keine politische Propaganda sein sollte, kein parteipolitische Kriegsabrechnung, keine Verzweiflungstaktik in die junge Republik schwemmen sollte. Aber der Roman leistete mehr: er war ein Abbild des Krieges, ein Wahrbuch der menschenverachtenden Kriegsgewalt; es war ein psychologisches Buch der humanen Wissenschaft, der Kunde vom Leben und der Verantwortung der Verbrecher, ob in kaiserlichen Schlössern, in den Palais der Generalität oder in den Köpfen der Unteroffiziere. „Himmelstoß“ - selten ist ein Namen onomatopoetisch wirkungsvoller als Menschenverächter und Jugendtöter, als ideologischer Mörder entlarvt worden, als Heiligen-Knecht, als sich heilig schwätzende Menschenverächter.
Indirekt ist der berühmteste deutsche Anti-Kriegsroman ein Loblied auf die deutschen Soldaten, weil sie sich als Menschen und Kameraden ehrenhaft erwiesen, also auch ein kleines, verzweifeltes Loblied auf den Mitkämpfer, wahrhaftig keine Ruhmeshymne auf Gott, König und Vaterland. Sie kämpfen nicht für die Nation, wozu die unheiligen Lügner, Täuscher und Verräter sie vorgeblich erzogen und ausbauen, aber sie kämpften - gezwungermaßen und aussichtslos für den märtyrerhaft duldenden, standhaften, den nicht rebellierenden Frontkameraden.
Das Kapitel endet, wie ein Urlaub endet, mit der Nähe des erwarteten Todes auf den Schlachtfeldern:

Es ist der letzte Abend zu Hause. Alle sind schweigsam. Ich gehe früh zu Bett, ich fasse die Kissen an, ich drücke sie an mich und lege den Kopf hinein. Wer weiß, ob ich je wieder so in einem Federbett liegen werde!
Meine Mutter kommt spät noch in mein Zimmer. Sie glaubt, daß ich schlafe, und ich stelle mich auch so. Zu sprechen, wach miteinander zu sein, ist zu schwer.
Sie sitzt fast bis zum Morgen, obschon sie Schmerzen hat und sich manchmal krümmt. Endlich kann ich es nicht mehr aushalten, ich tue, als erwachte ich.
»Geh schlafen, Mutter, du erkältest dich hier.«
Sie sagt: »Schlafen kann ich noch genug später.«
Ich richte mich auf. »Es geht ja nicht sofort ins Feld, Mutter. Ich muß doch erst vier Wochen ins Barackenlager. Von dort komme ich vielleicht einen Sonntag noch herüber.«
Sie schweigt. Dann fragt sie leise: »Fürchtest du dich sehr?«
„Nein, Mutter.“

*
Es ist nicht die letzte Lüge derer, die ihre Menschenpflicht tun, in diesem bitteren und wahrhaftigen Roman! Nicht die letzte Lüge, die der Leser als Lüge, als unheilige Gewalt, entlarven kann in diesem Weltroman.
(Textauszüge aus: Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues. (Zuerst 1929). Roman. Köln 1984: kiwi-TB 50. S. 165ff.)

* ~ *

Ein unwillentliches Zeugnis der schriftstellerischen Kraft und humanistischen Wirksamkeit des Romans lieferte ein Feind Remarques, gerade in seiner Heimatstadt Osnabrück, im Jahre 1930:

Ein gelehrter Mensch, ein Professor. Kurt Schultze-Jena verfaßte für den "Stadt-Wächter" (vom 2.12.1930) Schmähgedicht „ An Erich Maria Remarque“, ein gereimtes und metrisch stolzierendes Textlein, ein mieses Zeitdokument.

Du hast des Krieges hehre Flammenzeichen wohl nicht verspürt,
Du hast in dumpfer Qual mit Deinesgleichen nur vegetiert!
Dir zeigte dieses Krieges Eisenhammer nur ein Gesicht:
Du sahst nur Schwäche, Feigheit, Schmutz u. Jammer, das Edle nicht!
Für deutschen Todesmut und Opferwillen blieb taub Dein Sinn,
Dir schien des Lebens heißer Durst zu stillen allen Gewinn!
Du schmücktest selbst Dich mit dem äußern Zeichen von Heldentum.
Und willst für unsre toten Brüder zeugen, die längst schon stumm?
Berühre nicht, Remarque, mit frevlem Finger der Toten Kranz!
Du warst und bist armseligster Verkünder der Decandence:
Dir fehlt zum Künder jener großen Tage aus Stahl und Erz,
Was schlicht in unserer Toten Brust geschlagen: Das tapfre Herz!
*
(Aus: E.M.R.: Im Westen nichts Neues. Interpretiert von Peter Bekes. München 1998: Oldenbourg Verlag. S. 136)


* ~ *

Zur Biographie des Autors:

Erich Maria Remarque wurde 1898 in Osnabrück geboren und wuchs im westfälisch-orthodox-katholischen Milieu auf; 1916, als Rekrut eingezogen und mehrfach an der Westfront verwundet, überlebte er schließlich nach einer Lazarettbehandlung. Nach dem Krieg ließ er sich als Lehrer ausbilden und unterrichtete kurze Zeit (vgl. dazu den wichtigen Schulroman „Der Weg zurück“, 1930). Aufsehen in der gesamten Welt erregte er mit dem Roman „Im Westen nichts Neues“ (1929), der nicht aus ideologischem, sondern aus human-pazifistischem Impuls geschrieben war und unmittelbar Empathie und Solidarität mit der geschundenen, betrogenen Jugend eines imperialen-militaristischen Volkes erweckte. R. siedelte schon 1931 in die Schweiz um, in realistischer Einschätzung der faschistischen Unkultur in seinem Vaterland. Neben vielen Unterhaltungsromanen sind seine wichtigsten die beiden frühen Bücher, die auch heute noch lebendig und sprachlich überzeugend sind.

**

Weiterführende Fragen zum Text und zum Thema (entommendem Schul-Arbeitsmaterial dieses Artikels:

1. Wie verstehen Sie die Bemühungen des jungen Soldaten bei der Mutter seines gemordeten Kameraden?

2. Informieren Sie sich über heutige pazifistische, an den Menschenrechten orientierte Friedensbewegungen! Kennen Sie auch aus den kirchlichen Milieus solche Bestrebungen?

3. Welche Autoren und Initiativen bemühen sich - insbesondere in Konfliktbereichen - um Friedensstiftung aus dem Geiste der Bergpredigt?

Samstag, 28. Januar 2012

... sagena - gebena - nehmena



Ich danke dem Bild-Autor Jürgen Schuschke für die Aufnahme zum 300. Geburtstag Friedrich II. am 24. Januar 2012; bei Wikipedia eingestellt.



Wira nehmena und gebena und sagena dasa aucha.


Ein Kinderspiel? Oh, eine Kindersprache?

Da möchte ich möchte genauer zitieren:

„Wir sagena Deutsch, wir gebena Latein, wir nehmena Französisch»??


Ich gebe zu, ich habena getana das Original veränderta {mit den ver-a-ten Verben!], es aber nicht im eigentlichen, wörtlichen Sinne gegebena (ach: verfälscht); ich habena es nur genommena und um ein Pers. Pron. und zwei Nomima als Objekt-Akkusative klanglich "be-reichert“!

Französisch hört sich das, pardon: liest sich das Original so:

„Nous avons, de plus, quantité de verbes auxiliaires et actifs dont les dernières syllabes sont sourdes et désagréables, comme sagen, geben, nehmen: mettez un a au bout de ces terminaisons, et faites-en sagena, gebena, nehmena, et ces sons flatteront l'oreille. Mais je sais aussi que, quand même l'Empereur, avec ses huit électeurs, dans une diète solennelle de l'Empire, donnerait une loi pour qu'on prononçât ainsi, les sectateurs zélés du tudesque se moqueraient d'eux, et crieraient partout en beau latin : Caesar non est super grammaticos; et le peuple, qui décide des langues en tout pays, continuerait à prononcer sagen et geben, comme de coutume."

Zuerst das französisch Verbrochene in übersetztem Deutsch: (Bitte, sehr, es klingt so süß, so „flatteront l'oreille“.

„Auch haben wir viel Tätigkeits- und Hilfszeitwörter, deren letzte Silbe stumm und unschön ist, wie s a g e n, g e b e n, n e h m e n. Man füge diesen Endungen ein a hinzu und bilde daraus sagena, gebena, nehmena.“

Und, bitte, wer (vernehmena ich gesprochena)?

Das verbrach eine dreihundert-jährige, vom Bundes-Wulff gelobte Koryphäe urpreußischen Adels (wenn auch nicht Edeltums); zugegeben der französischen Sprache; aber er, der Friedericus Rex, ließ es auch ins Deutsche übersetzen; im seligen Jahre 1780 und die Kenntnisse, gegebena in Sprachgeschichte und deutscher Literatur nahmena nicht zua, pardon: zu [das ist ja ein klangvoller Vokal]: „Über die deutsche Literatur. Die Mängel, die man ihr vorwerfen kann, ihre Ursachen und die Mittel zu ihrer Verbesserung“ (1780)

Bei Guttenberg.spiegel.de übersetzt, im Kontext:

„Es wird schwer sein, die harten Laute zu mildern, an denen unsere meisten Worte reich sind. Die Vokale schmeicheln dem Ohr. Zu viele Konsonanten hintereinander verletzen es, da sie schwer auszusprechen sind und keinen Wohllaut haben. Auch haben wir viele Tätigkeits- und Hilfszeitwörter, deren letzte Silbe stumm und unschön ist, wie sagen, geben, nehmen. Man füge diesen Endungen ein a hinzu und bilde daraus sagena, gebena, nehmena: diese Laute tun dem Ohre wohl (…)“; eben „flatteront l'oreille“. [Lesen Sie auch bitte dort die Fortsetzung, die gedankliche Einschränkung seiner Sprachfeld-Phantasien.]

Ja, ach: jau, das ist sinn-lich, pardon : -voll genug.

Er beschrieb seine Gedankenexperimente auch weiter; s. ebendort.

Ich gebena nocha Literatura-Taschenbucha ana:
Fredericua Secunda Magnusa.
Also: F. d. G.: Ausgewählte Schriften. Hg. v. Ulrike-Christine Sander. Ffm 2012: Fitabu 90370 [Zitat S. S. 232] (Übrigens mit Gedichten seiner Majestät.)
(Mit gutem sprachgeschichtlichem Kommentar von Prof. Dr. Hermann Korte, ebwndort S. 332f. – Es ist nachweisbar, dass Friedricha dera Großa keinerlei Kenntnisse von deutscher Literatur hatte, die nach 1760 erschienen war. Das war ihm alles zu aufklärerisch gewesen. Was Aufkehrung, pardon: Aufklärung – oder Fasson, pardon: Façon war – das bestimmte er und nicht z. B. Lessings Toleranz: Der "Nathan" erschien noch zu Lebzeiten des Friedericus, 1779.)
Nein, in den Katalog der Sternstunden deutscher Sprache gehört Friedericus REX nicht; er sprach nicht einmal ein fehlerfreies gehobenes Deutsch;

Nathan (1779 veröffentlicht) mit diesem Versprechen:

Introite nam et h(e)ic Dii sunt.”

Dieses wahrhaft königlich frei-religiöse Motto, deutsch: "Tretet ein, denn auch hier sind Götter“ (bei Gellius nachzulesen), war eine Ansage an friederizianisch-großtuerische Toleranz-Groß-Versprechungen und sie zu verfolgen, ist eine eigene aufklärerische Arbeit:


Weiterhin friederizianische Sprachheiligtümer:

“Caesar non est super grammaticos. »

Immerhin nur e i n Sprachfehler von fünf lateinischen Vokabeln. – Demnächst in hoc loco. Aber besser zu finden unter “Caesar non est supra grammaticos.”

... ergo in actu...

Donnerstag, 26. Januar 2012

Gaesdonck II









GAESDONCK II

- ... vor fünfzig und mehr Jahren erlebt -


Abgang ist überall ...

... bei Geistlichen und Geistlichkeiten am stärksten (... auch wenn sie sich dem Zeitlichen trotzig entgegen stemmen).




Hat sich bei keinem Lehrer verabschiedet. Und weg mit Vollgas!
Sie konnten ihn nicht mehr bewundern wegen seiner nächtlichen Fernfahrt. Keiner wagte, ihm zu schreiben. Seine Antwortbriefe wären gefilzt worden. Ist doch sicher! Wußten wir! So Angst hatten wir.


Ein Präfekt (anders als andere)

Der Herr Martin de Weijer, immer freundlich-nobel, immer intelligenter als andere, immer witziger, aber nie arroganter als die anderen Pflaumen, Präfekt und Aushilfslehrer, lud mich mal wieder auf seinen Roller, eine silbern brausende Vespa. Sie flog weg von G. Mußte mich bei ihm festhalten. Ab in die Kleinstadt, ins Café Martens. Tee trinken. Und ein Paar Plätzchen. Unsicher kucke er alles ab, wie hält er den Kaffeelöffel, wie oft rührt er, wie friemelt er das leere Zuckerpapierchen, wo legt er es ab. Geraucht wird nicht. Ah, in den unbenutzten Aschenbecher. Haben wir über etwas geredet? Was interessierte ihn - an ihm?
In die Buchhandlung fuhr er nie.


Carl-Jürgen - requiescat in Papapace!

Er war in den großen Ferien in England gewesen, warum und wo - wir erfuhren es von ihm nicht mehr. Nach dreitägiger Krankheit auf der Krankenstation - er kann mich nicht mehr erinnern, ob wir ihn besuchen durften - wurde er in das Krankenhaus der nächsten Kleinstation verlegt. Wieviel Tage er doch im Koma lag, er weiß es nicht mehr.
Er kam zur Gaesdonck zurück im schaukelnden Leichenwagen, nach einer Totenmesse, die abends angesetzt wurde, versahen wir, jeweils zu zweit, aus unserer Klasse die Totenwache.
Er war, glaubt er von 11 bis 13 Uhr dran. Sie lasen in Gebetbüchern, phantasierten ein wenig in die Vergangenheit zurück: Carl-J. war häufig veräppelt worden; er war nur wenig anders gewesen, aber er ließ sich furchtbar und gut ärgern; er hatte einen schmalen Teppich von etwa 1 m Länge quer an der Wand aufgehängt; wenn der Übermut mal wieder zuschlug, holte ihn irgendeiner herunter, legte ihn auf den Fußboden und er wurde zu einem Gebetsteppich umfunktioniert; Carl-Jürgens Aufstand bei solchem Happening war ein Erlebnis. Seine kreischenden Proteste, seine Verkloppversuche führten zu weiteren Aktionen. Der soll aufhören zu schreien!
Ob wir, zu zweit allein gelassen, auch ein Lied sangen? Und wie wechselten wir ab bei unserem Knien und Sitzen und Stehen? Versuche seinerseits, irgend etwas Banales oder Nicht-Totenwürdiges auszudrücken mit Zeichen oder einem Gesichtszug wurden von N. nicht beantwortet. Nein, ich bin so traurig und so stolz, ich halte die Ehrfurcht und die Trauer ein wie ein priesterliches Versprechen, Amen! Himmel, wie wurdest du mit Andacht und Gebeten bestürmt! So antwortet der mit Nichtbeachtung, der seine Ruhe herstellt in seinem Seelchen, Jessesmaryorapronobis!


Schülermutter

Seine Mutter - eine Kriegerwitwe! Welche Hoffnungen setzte sie auf ihren Sohn? Bei der Beerdigung in Neuß sahen wir, einer aus der Klasse lernte sie kennen und besuchte sie später regelmäßig. Die Witwe von Naim - dieses biblische Stichwort ist ihm erhalten geblieben in der Erinnerung, sonst: schlechtes, ja mieses Wetter, langweilige Fahrt im VW-Bus. Und Carl-Jürgens lachendes Gesicht, fotografiert aus einer interessanten Perspektive.
Er sah die Porträt-Aufnahme noch oft im Zimmer des Präses, neben zwei anderen Totenbildern: einem jungen Franzosen, Pierre, und einem Kamp-Lintforter Obersekundaner, der in der Schweiz, während einer Wanderung in die Vispa gestürzt war und nur tot in einem Wehr weit unterhalb wiedergefunden wurde.


Nachtwache

Was ihm nie mehr aus der Nase gehen wird, ist der süßlich-morbide Geruch, den sie in den Nachwache in der Seitenkapelle vor dem offenen Sarg einatmeten; nur einmal noch in seinem späteren Leben hat er ähnliches gerochen. Ganz unvermittelt war die Totenerinnerung wieder da!
Carl-Jürgen war in den großen Ferien gewesen in England gewesen, mit einer schweren Infektion wiedergekommen, in den ersten Schultagen erkrankt, zu spät ins nächste Hospital geliefert - nach drei Tagen wurde sein Leichnam, die Haut gelbversetzt zur Lederartigkeit, zur Gaesdonck zurückgefahren.
Die Nachtwache als einsame Ehrung, allein vor dem Körper im offenen Sarg, eine Zu-Mutung, die er nicht missen möchte.
In nachmitternächtlicher Stunde: Die Betroffenheit wurde hinweggebetet, ratzeputz, weg ist der Schmerz, weil das Gehirn so schön routiniert abspult und dankbar signalisiert: ist in Ordnung, ist immer in Ordnung, war zu allen Zeiten in der Ordnung der Wiederholung und Gewöhnung. Riesennelken. Weiße. Atmende. Die den Tod still verkrümmeln.


Memoria -memoriae

Es gibt noch andere Toten-Gedenken! Über die abgewetzten, nie mehr erwähnten Steinplatten im Kreuzgang geht das neue Leben hinweg. Die Inschriften alt er Wappen und früherer Äbte sind nicht mehr lesbar. Sie sind Geschichte, die nicht mehr weh tut. Auch im Quadrum sind Gräber, die kein einziges mal in all den Jahren erwähnt, der Toten gedacht oder deren Leistungen irgendwie, theologisch oder geschichtlich gedacht wurde.
Auch die verehrten Alt-Gaesdoncker, die es zu Bischofs-, aber keiner zu Kardinalswürden gebracht haben, braucht man nicht zu gedenken. Gut, Adolf Jansen, der Bettler, der schlechte Prediger, der Weltverbesserer und Mehrer kirchlichen Besitzes - von Goch her weiß er besser bescheid; wem hat er nicht Geld aus den dicken, unversteuerten Taschen unter den von schlechtem Gewissen geplagten und vor der Ewigkeit scheuenden Herzen herausgeschwatzt: Eine Schrift von ihm - eine Predigt - ein Satz seines Missionsverständnisses? Fehlanzeige.


Klassenausflug nach Steyl/NL

Über die Grenze! Mit einem wackligen Bus! Einmal war er dort, in Steyl, mit seiner Klasse, im Missionsmuseum, auf einer Fähre hin über die Maas und zurück über die Maas; dann noch ein Blick in den Klostergarten.
Verwirrend der Plunder, die Masken, die Klamotten aus den hundert Erdgebieten, wohin die Steyler und die Steylerinnen gelaufen sind, um Christus, als Geleitgott der kolonialen Fürsorge oder auch Ausbeutung hinauszutragen. Warum gab es eigentlich hunderte von Orden, von Neugründungen? Immerzu wurde der Welthandel ausgeweitet und als seelischer Notgroschen die Erlösung im Jenseits verkündet. Betet, ihr Schafe und Lämmer, insbesondere, solange ihr so mies gebettet seid.


Die kleinen, feinen Eigenheiten. Gottes Wille.

Auch solche Vorstellungen von individueller Bußfertigkeit und großem Expansionsbedürfnis? Und eilfertigem Betteln -
So verschieden die Gemüter, gemeinhin Geister genannt, so exaltiert, so verrückt die individuellen Vorstellungen von Ordensregeln, von Exerzitien, von Buß- und Leidensvorstellungen; immer wieder, wenn ein kluger Kopf aus einem bestehenden, in allen Regeln der Ordenskunst geweihten, Konvent hervorging, weil der Neuermeister, der vom Herren Gesegnete, glaubte, er müssen den lieben Gott und die Jungfrau Maria schon um halb fünf oder gar Viertel nach vier (jedweden Verbs voll und heilig); und ungesättigt, irdisch ungestillt oder nur mit einem in Milch geschlagenen Ei verköstigt - ja, und erst - wie die Kutte und wie die Ausstattung der seligen Profession? Und wie die Gebets-, Essenzen- und Rekreationsregeln - und wie wichtig sind sie nicht, die Innovatoren in laudibus et honoribus dei et sui aut eorum? Soo zieht ein neuer Ablaß, ein unentdecktes Missionsfeld! Übermorgen wallfahre ich zum Herrn Papam papaverem. Der genehmigt wir meine Fisimatenten: besucht mein Zelt, meine Burg, meine Klausur nicht, ihre Beter! Wie die Haltung bei und nach und zwischen und für und gegen? Immer wieder brach sich jemand Raum, suchte und scharte die Idealisten, die fast ebenso so. Aber immer galt, als Signum wahrer Erwähltheit: sich Rom unterordnen! Gegenüber den Klerikalbischöfen keinerlei Wörtchen der Kritik, keine Andeutung von warum man sich denn schon um halb sechs auf nackten Sohlen, zu dem Gebet in die Kirche schleichen muß. Ordnung, Unterordnung; Armut (damit der Orden der reichste und schönste und erfolgreichste werden kann. Von all den Klöstern am Niederrhein oder in der Provinz Holland - keines, das sich einen eigenen Kunstgeschmack, einen Künstler, einen Literaten, einen Musiker geleistet hätte, mit dem sich die Beschäftigung lohnen könnte. Abgeschaut, geist- und ideenlos wurde nachgebaut, kopiert, in Demut und Keuschheit und materieller und geistiger Armut ein Ritual herabgeholt aus den Himmeln der eigenen zukünftigen Wohnung und immerdar währenden Belohnung.


Auch doch dort:

Die Gaesdoncker Chorherren selber waren inspiriert von einer himmelstürmenden Idee; der schlicht-freiatmende Kirchenraum ist einer der schönsten am Niederrhein, in seinem Gesichte, seinen Geschäfte & Ordensregeldingsbums für Weihrauch, Goldgeschenke und der holländischen Meister Holzmalereien.


Geschichte des Klosters, der Gaesdocker Chorherren?


Aber von der Geschichte, der Bibliothek, der Historie eines Ordens - nicht wurde ihnen vermittelt. Wie lebten sie in einer gesichts- und geschichtslosen Insel, trotz der Schätze, die in de Bibliothek vergammelten: die geistige Blässe, die Ideenlosigkeit bei gleichzeitigem Ordnungsvollzug. Interessen - die gab es bei Lehreren und den farblosen Präfekten und Durchläufern nicht. Sie konnten nicht singen, sie mußten fortwährend beten, mit Brevieren rumlaufen; von Psychologie keine Ahnung. Es hätte ja bedeutet, sich auf ein Individuum einzulassen. Zu glauben, daß es Sinn hat, daß ein Gerd unterscheidbar wäre von einem Johannes. Quatsch - die Schelle am nächsten Morgen schnarrte herzzersplitternd um 6,15 Uhr.


Der Baumeister

Herrlichweitoberherrschend, einzog der neue Herr, der von Münster kam, im Segen seines Bischofs, der drauflos baute. Der Meister, der Baumeister. Abgerissen wurden: das Museum, das Küchenhaus. Erbaut wurden Fassaden, kleinbackig, Räume, praktikabel. Alles hell und aufrichtig gemeint.


L o r i o t zu Ehren

Loriots Gruß; ausgeliehen von dem Künstler, der kein Dichter, sondern ein Nachbar-Menschenfreund sein wollte, mit Eingriffsrechten und Humorbeiträgen...:


Dienstag, 24. Januar 2012

D o r a D i a m a n t





Eine Frau wie ein Edelstein



Dora Diamant



- Kafkas letzte Freundin -



In ihrem kurzen Lebensbericht über ihre Bekanntschaft mit Franz Kafka berichtete 1948 Dora Diamant auch über eine lebensfrohe Besonderheit des Freundes und Lebenspartners, seine Freude an und Liebe für Kinder, die reale Gegenwart des zukünftigen homo vivens & ridens (wenn wir Kafkas Dichtung produktiv lesen):

(…) Als wir in Berlin [1923/24] waren, ging Kafka oft in den Steglitzer Park. Ich begleitete ihn manchmal. Eines Tages trafen wir ein kleines Mädchen, das weinte und ganz verzweifelt zu sein schien. Wir sprachen mit dem Mädchen. Franz fragte es nach «seinem Kummer, und wir erfuhren, daß es seine Puppe verloren hatte. Sofort erfindet er eine plausible Geschichte, um dieses Verschwinden zu erklären: »Deine Puppe macht nur gerade eine Reise, ich weiß es, sie hat mir einen Brief geschickt.« Das kleine Mädchen ist etwas mißtrauisch: »Hast du ihn bei dir?« »Nein, ich habe ihn zu Haus liegen lassen, aber ich werde ihn dir morgen mitbringen.« Das neugierig gewordene Mädchen hatte seinen Kummer schon halb vergessen, und Franz kehrte sofort nach Hause zurück, um den Brief zu schreiben.
Er machte sich mit all dem Ernst an die Arbeit, als handelte es sich darum, ein Werk zu schaffen. Er war in demselben gespannten Zustand, in dem er sich immer befand, sobald er an seinem Schreibtisch saß, ob er nun einen Brief oder eine Postkarte schrieb. Es war übrigens eine wirkliche Arbeit, die ebenso wesentlich war wie die anderen, weil das Kind um jeden Preis vor der Enttäuschung bewahrt und wirklich zufriedengestellt werden mußte. Die Lüge mußte also durch die Wahrheit der Fiktion in Wahrheit verwandelt werden. Am nächsten Tag trug er den Brief zu dem kleinen Mädchen, das ihn im Park erwartete. Da die Kleine nicht lesen konnte, las er ihr den Brief laut vor. Die Puppe erklärte darin, daß sie genug davon hätte, immer in derselben Familie zu leben, sie drückte den Wunsch nach einer Luftveränderung aus, mit einem Wort, sie wolle sich von dem kleinen Mädchen, das sie sehr gerne hätte, für einige Zeit trennen. Sie versprach, jeden Tag zu schreiben - und Kafka schrieb tatsächlich jeden Tag einen Brief, indem er immer wieder von neuen Abenteuern berichtete, die sich dem besonderen Lebensrhythmus der Puppen entsprechend sehr schnell entwickelten. Nach einigen Tagen hatte das Kind den wirklichen Verlust seines Spielzeugs vergessen und dachte nur noch an die Fiktion, die man ihm als Ersatz dafür angeboten hatte. Franz schrieb jeden Satz des Romans so ausführlich und so humorvoll genau, daß die Situation der Puppe völlig faßbar wurde: die Puppe war gewachsen, zur Schule gegangen, hatte andere Leute kennengelernt. Sie versicherte das Kind immer wieder ihrer Liebe, spielte dabei aber auf die Komplikationen ihres Lebens an, auf andere Pflichten und auf andere Interessen, die ihr im Augenblick nicht gestatteten, das gemeinsame Leben wieder aufzunehmen. Das kleine Mädchen wurde gebeten, darüber nachzudenken, und wurde so auf den unvermeidlichen Verzicht vorbereitet.
Das Spiel dauerte mindestens drei Wochen. Franz hatte eine furchtbare Angst bei dem Gedanken, wie er es zu Ende führen sollte. Denn dieses Ende mußte ein richtiges Ende sein, das heißt, es mußte der Ordnung ermöglichen, die durch den Verlust des Spielzeugs heraufbeschworene Unordnung abzulösen. Er suchte lange und entschied sich endlich dafür, die Puppe heiraten zu lassen. Er beschrieb zunächst den jungen Mann, die Verlobungsfeier, die Hochzeitsvorbereitungen, dann in allen Einzelheiten das Haus der Jungverheirateten: »Du wirst selbst einsehen, daß wir in Zukunft auf ein Wiedersehen verzichten müssen. Franz hatte den kleinen Konflikt eines Kindes durch die Kunst gelöst, durch das wirksamste Mittel, über das er persönlich verfügte, um Ordnung in die Welt zu bringen. (...)"
Aus: D.D.: Mein Leben mit Franz Kafka. In: „Als Kafka mir entgegenkam…“ Erinnerungen an Franz Kafka. Hg. v. Hans-Gerd Koch. 177f.

DORA DIAMANT, Kafkas Freundin und Lebensgefährtin in den Jahren 1923 bis zu seinem Tod:[auch Dora Demant oder Dymant geschrieben]; sie lebte von 1903-1952; aufgezeichnet wurden die Erinnerungen 1949 von Josef Paul Hodin; zuerst engl. 1948. Aus: Erinnerungen an Franz Kafka. 1949; in: Der Monat. I, Nr. 1-9.

Vgl. die Wiedergabe des Textes im Kafka-Archiv:

*

Persönlich zu Dora Diamant:


Neuerdings ist Beziehung zwische Kafka und Frau Diamant literarisch nachgestaltet in Michael Kumpfmüllers Roman "Die Herrlichkeit des Lebens". Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011.


Click-an: Kumpfmüller-Rezensionen


* ~ *

Kafkas Schreib- und Lebensspiel, das als Text leider nicht erhalten blieb, wurde von mehreren Autoren aufgenommen als Anregung zu eigenen Briefen an die Puppenmutter.

Der bekannteste ..., aber leider auch schon wieder vergessenste ist Klaus Nonnenmann:

Er schreib als dritten Brief eines gewissen Dr. med. Hubert Wambach ... an das erfundene Mädchen Ise (Kopperschmidt).

Zum reizenden Spiel des mitleidvollen und sprachlich und menschlich attraktiven Dr. Wambach gehört es, dass er der Empfänger der höchst kultivierten und für ein Kind "schwer verständlichen" Briefe ist - die er dann erfindungsreich der kleinen Ise erklären kann und muss...:

Nun also: das dritte epistologische Kunststück eines nächtlich schreibenden Pensionärs:


Fernmeldeamt 2
Telefonischer Auftragsdienst

Annahme [Allgemeines]: Für Sie wurde um 17.06 Uhr ein Ferngespräch einfach dringend – XP - R angenommen

aus: //PARIS [RF/3]//

für: Herrn Dr. med. Hubert Wambach, Apparat [F-Amt 2] 25413

Sein Inhalt wird - ohne Gewähr - wiedergegeben wie folgt:
[Das Gespräch enthält mehr als 15 Auftragsworte!]

Die Direktion des Hotel George V, avenue George V - Paris - wendet sich an Herrn Dr. med. Hubert Wambach mit der Bitte, ihr nach Möglichkeit über das Verbleiben
einer gewissen Mademoiselle Rapoun Celle Auskunft zu erteilen.
Mlle. Rapoun Celle [vermutlich deutsch-indischer Abstammung] verließ gestern nacht überraschend und ohne Abmeldung [und Liquidationsregelung!] ihr Zimmer.
Ihr Gepäck soll spärlich gewesen sein, jedoch nicht reichlicher als bei der Ankunft.
Telefonische Rückfragen aus hochherrschaftlichen Kreisen, die nicht genannt zu werden wünschen, sowie Nachforschungen der Sittenpolizei und des Haut Commissariat Des Affaires Etrangères [INTERPOL] lassen den Verdacht
aufkommen, es könne sich um Mordfall und Betrug, vielleicht um Hochstapelei oder politische Verwicklungen handeln [l' Algerie?!].
In der Nachttischschublade des verlassenen Zimmers fand sich lediglich ein Werberezeptformular der Firma Knoerringen/Sohn, ohne handschriftliche Zeichen. Im Aufdruck die Adresse: Dr. med. Hubert Wambach, Facharzt für Innere Medizin, Telefon: 25413.
Es wird demzufolge angenommen, daß Mlle Rapoun Celle sich in privater Behandlung bei oben genanntem Herrn befindet oder eine andere Kontaktmöglichkeit besteht.
Die Direktion George V wendet sich vertrauensvoll an Monsieur le Docteur und wäre für jedwelche Auskunft, die mit der ärztlichen Schweigepflicht zu vereinbaren ist,
zutiefst verbunden.

Aufgenommen und für
die Übersetzung:
Klärchen Laporte
Oberpostsekretärin

Am Apparat:
.Alpbonse Gamin
Sous-Directeur George V

P.S.: Sehr verehrter Herr Doktor Wambach!
Sie werden sich meiner nicht mehr erinnern. Sie haben mir, vor über neunzehn Jahren, eine beantragte Bäderkur abgelehnt. Mit Recht, wie ich sofort einsehen mußte.
Ich lernte durch diesen Umstand, weil ich nämlich zu der Tante aufs Land fuhr, Gustav kennen, meinen Verlobten und zukünftigen, geliebten Mann.
Dafür bin ich Ihnen auf ewig dankbar. Was wäre aus meinem Leben geworden ohne Ihre strenge ärztliche Pflichterfüllung?
Ihre ergebene Klärchen Laporte

Der Telefon-Auftragsdienst nimmt grundsätzlich nur Aufträge bis zu höchstens 15 [fünfzehn] Worten entgegen.
Ich freue mich, Ihnen dienlich sein zu können. K. L.
Bote bezahlt!


Höchst lesenswerte (für mich eine jährliche Pflichtlektüre...) der Originalroman mit den sieben Briefe einer "Lebenswoche":

Klaus Nonnenmann: Die sieben Brief des Doktor Wambach: Geschrieben, herausgegeben und zur abendlichen Lektüre empfohlen von K.N. 1957; erneut aufgelegt 2007.

Vondiesem Nonnenmann fibt es im Buchhandel keine lieferbarae Ausgabe; aber in jedem Antiquariat kann man beliebig viele Titel "fischen". Z.B. bei www.booklooker oder www.antiquario.de -

Der Verlag Kloepfer & Meyer stellt den "Dr. Hubert Wambach" hier nochmals vor, mit einigen Innenseiten.

Eine Frau wie ein Edelstein:

Frau Diamant war Kafkas große und großmütige Problemlöserin; während der Bekanntschaft und intendierten Ehe mit ihr konnte er den pathogenen Lebens- und Schreibkomplex 'Prag und Familie' auflösen, ohne ihn zu verdrängen.
Nachweisbar ist, dass die "Erlaubnis um eine Ehe mit Dora", die Kafka nach 'Prag' richtete, von Vater und dem "eingeschalteten Rebbe' 'abschlägig beschieden' wurde.

Dora Diamants kurzer, verständnis-intensiver Bericht müsste jede(r) Kafka-LeserIn zuvörderst ausgehändigt bekommen - ob in der Schule oder in den Leseschulen des Lebens; z. B. in Buchhandlungen, die an 'Kafka' immer noch die Wa(h)ren-Gewinnnehmer sind ...

Ein englischsprachiges Interview mit Kathi Diamant vermittelt über Liebeswertes über Dora Diamant und Franz Kafka.

Über Kathi Diamants Dora D. & Franz K. - Buch; leider bisher nur in Englisch.





„I m a g e p f l e g e l“





„Imagepflegel“


- Neuwort
-


Der erhaben komische Sinn dieses Ausdrucks, den man für einen Tipp- oder Druckpfle-, pardon: -fehler halten könnte, erschließt sich erst durch den Kontext:

„Guttenberg wird gebeten und lehnt bescheiden ab – ein schlauer Imagepflegel.“

Aha: Im Wesentlichen nichts Neues über Wulff, sondern Nachtrag zu Guttenberg! – Lesen wir noch mal den Komplex:

„Guttenberg wird gebeten und lehnt bescheiden ab – ein schlauer Imagepflegel. Besser als weiter notgeil rumzudrängeln. Wenn die Seehofer-CSU – erst recht gegen den populären Sozi Uhde - die absolute Mehrheit wieder verfehlt, ist der Laden sturmreif. Warum Kulmbach heute, wenn er morgen München haben kann?“

Am besten auch noch die Frage, den Ausgangspunkt co-liefern in der taz?

„Ausnahmsweise einmal für gute Nachrichten sorgt Think-Tanker zu Guttenberg: CSU-Chef Horst Seehofer muss sich einen anderen für seine bayerische Lokalpolitik suchen, Guttenberg will nicht. Was führt KTG aber eigentlich im Schilde?“

Also, er, der Imagepflege betreiben muss und (hoffentlich für seine großartige zukündtige Polit-Show) will - ein Flegel!?

So finden wir in diesem Satz und Zusatz zwei Neuwörter, die sich lohnen.. fürs Schriftsprachliche: „Imagepflegel“ und "Think-Tanker" [als Erinnerung an die dollen "Thinktanks" der US-Werbehysterie] (als Wortmix von GB/US und D, was keine kriegsfähigen Abkürzungen sein sollen; auch weil sie im alltäglichen Anglizismusstreit mal eine urige Note der Varietät bieten).

Es gibt sie noch die Wortneubildungen, die sich aus den üblichen Bindungen, aus dem Wortstreitlagern Amerkanisch (plus mehr oder weniger Queens-English) und dem Germanisch-Deutschen ausbrechen und ein neue Sprache aufleuchten lassen, die noch Jahrhunderte Sprachs-News bleiben werden: New-Deutsches.

Sprach-Pfennigfuchsereien, ach: Centfindigkeiten - glauben Sie?


Na, bitte - s. o.!


Aber:

Co-Lieferungen (Nom. Pl.) oder als Verb co-liefern – nein, darauf verzichtet nicht nur der Sprachnörgler! Vor Erst! By Nachdenk!


Montag, 23. Januar 2012

Gutgedachte STOP Gedanken STOP OKAY STOP S=?

Zirkumpolar
(zum Anclicken bei Wiki):


Gedanken nach einem Gedankenausfall:

Gestern hatte ich einen Sprachausfall. Ich kamm, pardon: kam nicht auf das verdammte, kleine Wort, äh; ach, wie sollt es heißen: Wenn etwas zwar gedanklich, geistig wie möglich, aber nicht immer sinnvoll ist, na, wie nennt man das. Ich kam erst einen Tag, jetzt im Moment, bevor ich diesen Quatsch schreibe, drauf: virtuell, nicht virulent, nicht viril, ach: viral, auch nicht, was nam, pardon: man noch bildungsmäßig rauskramen mag: nicht (Klammer auf: Virtual Environment; Virtualität; virtualiter; Virtual Reality; Virtual World (Klammer zu!) – Gedanke tot.
• Nein, wir schreiben solche Klammern nicht; aber wirr, pardon: wir machen sie geistig – in einer vielleicht rhetorischen aufwendigen Ausdrucksfolge.

• Und wir können unser gedanklich Denküberraschung, vielleicht einen profunden Witz, also kein loses Gerede, schreiben – in Klammern.

• Das aber hier muss ich gelesen haben. Aber ich finde es nicht mehr:

„Nun gehst du durch die Nacht
blickst zittern in die Ferne
als wären Nacht und Sterne
Gedanken, gutgedacht.

Wow - Ist das ein virtueller Text? Ein imaginärer? Ein viriler (also ein männlich gedachter oder weiblicher?)?

Diese Gedanken sind gut gedacht (egal, wie geschrieben!). Ich werde suchen!

Gestern habe ich irgendwo ein „Jesus plus“ gehört, aber nicht geglaubt. Ich muss im Google-Kram suchen, wer das gesagt hat.

„Jesus plus“: Ergebnis! Ergebnis! (Warum zweimal?)

Hier wird die Sendung „richtig gut“ genannt. – Ich fand die Sendung krankhaft blöde, mit ausrangierten, sprechenden Möbeln, mit einer jungen weiblichen Ausnahme.


Ach, das ist noch was angezeigt:

Aber das war keine „Jauchplus“-Sendung! Und der Griff in die Flick-Affären-Kiste.

Na – wenn das stimmt? – Dazu bedarf es aber eines findigen Hausdurchsuchers…

... Gedanken e(h')-gedacht.

Freitag, 20. Januar 2012

Identitätsmanagement


Genau betrachtet, es gibt keine Nöte im Leben. Höchstens die der
Überfülle; und die kuriert ein ironischer Arzt.
( Moritz Heimann in einem Brief an Wilhelm Lehmann;
am (5. Februar 1902)



Gefunden:

Identitätsmanagement



Ich brauche und gebrauche die Wikipedia als Lexikon für Wissensfragen und ... neue Krakensysteme, ideen- oder begriffsgeschichtlicher UnArt oder Spastizismus...


Es gibt dort Informationshüter und auch kreuzfidele Nonsens-Arrangeure:

Verwenden Sie, ob als Begriff oder als charakterliche oder psychische oder soziale Eigenheit…. ein Identitätsmanagement, erfunden von Gehirn – und Wissenschafts-Spastis, pardon: -spezis:

Dem Artikel nach geht dies so vor sich:
„Als Identitätsmanagement (IdM) wird der zielgerichtete und bewusste Umgang mit Identität, Anonymität und Pseudoanonymität bezeichnet.“

Und wer damit unbewusst umgeht?
Jöh: Der kann über Wasser laufen. Den Euro retten… Kann Trauamschiffe steuern...

Aber, oho, es gibt auch Überraschungen in sozialen und soziopolitisch-geschwätzigen Fragen:

Ich las vom „Palast der sozialen Gerechtigkeit“, mit Hausherrendame „Lafoknecht".

... und erwarte das Paradies der Identitäs- un Steuerungs-Gerechtigkeit.



M a u e r s e g l e r























Mauersegler

(Apus apus; griechisch: άπους „ohne Füße“,


In der Ornithologie: eine Vogelart der Familie der Segler, durch besondere Flugfähigkeit ausgezeichnet, und der sich ausschließlich von Insekten ernährt, einen breiten, kurzen Schnabel und lange, spitze Flügel hat


Meine Mauersegler:

Schon in der Mittagshitze, bis zum kühler werdenden Abend: eine Schar Mauersegler schien unser Schulhaus – wie GPS-gesteuert – zu überwachen.

Ein Sirren, ein Schwirren, trotz einer Höhe, die mich immer wieder verwunderten.
Gab es denn an unserem höchsten Schulgebäude genügend Mauerhöhlen, Verstecke unterm Dach… Sie lebten, sie schwebten, sie schwirrten!

Im Deutschen künden andere Namen von Lautgebung und Brütplätzen:

Spirschwalbe

Turmschwalbe


Ein hochpoetisches Beispiel von der Phsiognomie der Turmschwalbe von

WILHELM LEHMANN:
ANTIBES

War ich einst in Antibes?
Das Meer liebkost die Tür,
Und Feigen modelliert
Das Licht der Cote d'Azur.

Für seinen Marktplatz kocht
Pfirsich und Pflaume gar.
In ihre Säfte taucht
Den Pinsel Renoiur.

Wo Fisch und Wein mich laden,
Snackbars der Colonnaden,
Plakate durcheinander
Zu milkshake, thé portable –
Blüht immer Oleander,
Spricht immer alte; Fabel.

Der Hof des Schlosses schatzt
Gestürzte Architrave;
Aus heißem Felsen steigt
Aloe und Agave.

Das Schloß Grimaldi stürmt
Nicht mehr der Sarazene,
n seine Wände hängt
Picasso heitre Szene:

Die Linien ziehen nach
Der Syrinx lange Töne,
Den Gott mit dem Trident,
Die hingestreckte Schöne.

In seine Kacheln brennt
Languste er und Hummer;
Die Nymphe melkt die Geiß,
Sie drückt kein Liebeskummer.

Turmschwalbe ruft herein,
Unbändig laute, schrille.
Zu Vers gewandelt, Bild und Stein,
Antwortet ihr die Stille.
*
Geschrieben am 11.7.1952; Lehmann hielt sich zu Besuch und Lesungen in Südfrankreich auf.

Am 22.6.1952 schrieb er ins Tagebuch:
„Bezaubernder Vormittag im alten Antibes. Die Mauersegler um den Turm: das ewige Blau.“



http://www.eulenwelt.de/kunst/picasso5.jpg

Ein wunderbares Bild von einem Mauersegler-Schwarm:

(Author: Tomasz Kuran aka Meteor2017)



*

Nach der Poesie die Biologie, lesenwert in einem Artikel der Wikipedia:

*

Es folgt ...
... eine prägnante Fabel von Zwangskollektivität im Gegensatz zu personaler Eigenheit, modisch Identität genannt, verwaltet von dem Identitätsmanagment, also ein Lehrbeispiel von militärisch erzwungener Normung und individueller Verantwortung hat uns Drewermann mit den Bildern der Mauernsegler geschenkt; er, der nicht mehr lehren darf in den Steinburgen des Katholizismus, zeigt uns in der uns umgebenden, uns sichtbaren Natur ein schöneres Leben als den zwangsläufigen Verdruss des Christlichen, die Verantwortungslosigkeit, die religiös und gesellschaftlichen praktizierten (Ab-)Tötungsmechanismen, die dekorativ-stilisierte, geweihte, beweihräucherte Helden-Pose, die Eigen-Liturgie, die niemanden stillt, keinen Sehnsüchtigen mehr nährt, die Buchstaben der Verheißungen des Himmlischen für die schwarz mumifizierten Täter, die sich selbst als Kamele durch die Hoftore treiben - oder testamentarisch absurder formuliert - durchs Nadelöhr steigen wollen...


Eugen Drewermann:
Die Mauersegler

An einem regnerischen Nachmittag besuchte ich, mehr zufällig als absichtlich, die Schloßkirche in Bregenz. Auf dem menschenleeren Vorplatz, eingeschlossen in vier wuchtigen Blöcken, hoch auf einem Marmorsockel, erblickte ich das Kriegerdenkmal, das Bild des gefallenen Galliers, wie er, zu Boden gesunken, auf sein Schwert gestützt, sein Leben opfert in dem verlorenen Freiheitskampf seines Volkes. «Für unsere Helden 1914-1918». Alle waren sie aufgezählt, mit ihren Abteilungen und den Angaben der Orte, an denen sie fielen: die Somme, der Chemin de Dames, das Fort Douaumont, Ypern, Verdun, Cambral - die Westfront im Ersten Weltkrieg. Daneben die Namen all derer, die im Reservelazarett zu Bregenz ihren Verwundungen erlagen. Abseits, in Reihengräbern, die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs. Zwanzigjährige, Dreißigjährige, Angehörige der Waffen-SS ... Wofür sind sie gestorben?
Eine etwa siebzigjährige Frau kam unversehens auf mich zu. «Mein Mann ist vermißt. Wir waren damals erst fünfundzwanzig. Für die Vermißten bringt man keine Tafeln an. An die denkt niemand.»
Tränen traten in ihre Augen.
«Aber Sie denken an ihn, nicht wahr?» -
«Ich komme manchmal hierher. Ich habe länger als zwanzig Jahre auf ihn gewartet. Noch heute - wenn ich ihn am Ende der Straße sähe, ich würde, so schnell ich könnte, ihm entgegenlaufen. Aber es hat ja keinen Zweck mehr zu warten. »
«Sie meinen, er ist tot?»
Mit großen Augen schaute sie mich an.
«Tot? Nein, mein Mann ist nicht tot. Er lebt. Ich habe ihn nur zu lange in der Vergangenheit gesucht."
Ich nickte zustimmend. « Ich verstehe: Ihr Mann lebt, so lange wenigstens Sie an ihn denken. In Ihnen ... »
«Nein, junger Mann», entgegnete sie, «Sie verstehen nicht richtig. Auch ich werde bald sterben. Aber tot? Das kann ich nicht glauben. Ich denke an ihn, weil er lebt. Er ist mir näher als jeder Mensch hier. Er war all die Zeit bei mir, trotz meines Wartens; und oft rede ich mit ihm. Ich weiß nicht, was im Tode geschieht. Aber ganz bestimmt werde ich ihn wiedersehen. Das ist mein Halt und mein Trost. Wissen Sie, vor ein paar Jahren habe ich die Briefe fortgetan, die er mir aus dem Feld geschrieben hat. Ich kenne sie alle auswendig. Er hat den Krieg nie gewollt. "Es ist unvorstellbar, was hier passiert", hat er noch aus Ostpreußen geschrieben. Er war nur mitgegangen, um die vielen Flüchtlinge zu schützen. Es dürfte keine Kriege geben. Es dürfte überhaupt keine Grenzen geben, die man zwischen den Völkern zieht. Wir sind doch alle nur Menschen. Eines Tages werden wir alle sterben. Und dann? Solange wir noch Kinder zu Soldaten erziehen, leben wir nicht richtig. jetzt hängen die Wolken sehr tief über Bregenz. Aber wenn die Sonne durchkommt, können Sie die schneebedeckten Gipfel von Vorarlberg sehen. Es gibt nur einen Himmel ohne Unterschiede. Und es gibt nur ein Leben. Sehen Sie, wie die Mauersegler den Kirchturm umfliegen? Sie sind gerade zurückgekehrt über Italien, Frankreich, Österreich, Deutschland bis hinauf nach Schweden und Norwegen. Sie sind immer dort, wo der Sommer ist. jetzt sind sie hier. Aber in ein paar Monaten schon werden sie wieder nach Süden fliegen, immer der Wärme der Sonne nach. Sie brauchen die Flugbahnen nicht zu lernen. In ihnen selbst liegt das Wissen, wie sie nach Hause gelangen. Alle Lebewesen tragen doch einen Kompaß in sich, der ihnen zeigt, was zu tun ist. Wir müßten nur dem folgen, was jeder in sich trägt - wie diese Mauersegler. Das wäre der Frieden. Der Himmel auf Erden.»
*
(Aus: E. D.: Von Tieren und Menschen. Moderne Fabeln. Zürich und Düsseldorf 1998. S. 125f.)



Von einer Schwalbe, „the guest of sommer“, einem auffälligen Sommergast auf der nördlichen Halbkugel, weiß Wilhelm Lehmann nicht nur Biologisch-Fachliches, Ökologisches – sondern noch mehr Literarisches;

Ja, bei Homer, in den Psalmen, in hunderten von Gedichten, gilt sie, die „hirundo“ als besonderer Gast, als fleißiger, immer zwitschernder, immerfort flugbegeisterter Bote, als Lieblingsvogel, als alltägliche Fluglehrerin, Begleiterin auf früher jedem Bauernhof, jeder Kate.

Philomele und Prokne, die Schwestern, als Geschändete des Tereus.

Mörike:
An Philomele


Elisabeth Kulmann
(1808-1825)
Die Schwalbe

Weshalben ist, o Vogel,
So traurig dein Gesang?
Weshalben fliegst so ängstlich
Du hier den Weg entlang? -

Ich flog für meine Jungen
Nach Nahrung etwas weit,
Da stahl man Nest und Jungen
Mir in der Zwischenzeit.

Deshalben ist, o Mädchen,
So traurig mein Gesang!
Deshalben flieg' so ängstlich
Ich hier den Weg entlang!
*
Darf ich einschalten: ein spätes Programm-Gedicht, eine Lebens-, eine dichterische Botschaft, eine Poetologie L.s:

Wilhelm Lehmann:
CANTO SERENO

Hast du jetzt das Leben ausgeübt
Und sprichst heiter mit der schlimmen Welt?

,Sähst du lieber mich betrübt?'

Sag uns, was dir an der Welt gefällt
Und du mehr als nichts erreicht.

,Wäre nicht das Hiersein schwer, wär' es nicht leicht.
Schwalbe kehrt, in blauem Frack, mit weißer Brust.
Seraph, wiegt sie sich in Erdenlust.'

Das Entsetzliche in Wohlgestalt:
Eine kurze Weile warm, dann kalt.

,Nicht zu kurz. Vivaldi hört es widerhallen
Und den Zwang der Verse läßt es sich gefallen.'
(1962; das erste, das Programm-Gedicht aus „Sichtbare Zeit“; aus: W.L.: Bd. 1. Gedichte. 1982. S. 301)
*
„Schwalbe“, und „Seraph“ – eine Gleichsetzung, eine Nachsetzung: was Religion ausmacht, was Natur in ihre zierlichen Vogelnatur Belebung und als Nähe und Begleitung zum Menschen ausmacht: die sichtbare Gestalt des Trostes, der Freundlichkeit im März – eine geistige Einheit!.

Nicht nur in der Trivialen - auch in Tiergärten, in Zoos, in „Vogelparadiesen“ - sind Schwalben... freie Flugtiere; sie versorgen sich selbst, sorgen für sich, für ihre Partnerschaft, ihre Brut, sind anhänglich; kehren auf ihre Höfe und Schuppen und Katen, wo sie aus dem Ei schlüpften und durchgefüttert wurden, wieder; sie sind Übermittler freundlich-optimistischer Lebensstimmung.

Psalmen 84,4:

Spr. 2, 2,2:

Sp. 1264

Schauen wir ins Internet, mit den vielen Möglichkeiten:

Mehlschwalben sind kleiner als Rauchschwalben; und die Uferschwalben ...?

Und als eigene Art – der Mauersegler, „apus apus“.


Zum Stichwort: Biotop
Kolonienbrüter. Brutvogel meist in menschlichen Siedlungen. Von Stadtzentren bis hin zu einzeln stehenden Häusern. Ursprüngliche Brutplätze waren steile Felsen der Gebirge und der Küstenklippen. Häufig noch im Mittelmeerraum zu finden.
Gemeinsame Nahrungsjagd über Gewässer und offenen Landschaften.

Und zum Stichwort: Nahrung
Sie fangen und füttern mit Luftinsekten; aber auch Läuse, die dann direkt von Bäumen genommen werden, gehören zum Nahrungsspektrum. Beutetiere kleiner als bei vergleichbaren Vögeln. Die Jungen werden mit Futterballen, die mit Speichel angereichert werden, gefüttert.

Und das Stichwort: Wanderungen, das die Schwalbe zum so bekannten Frühjahrs- und zum Herbstanzeiger macht:

Sie ist Langstreckenzieher mit Winterquartier in Afrika. Hier nur in höheren Lagen.
Die Rückkehr findet meist im April statt. Der Abflug ins Winterquartier liegt im September und Oktober. (Volkskundig, zum 8. September: „Maria Geburt ziehn die Schwalben furt.“
Weiteste nachgewiesene Zugstrecke war von der Kurischen Nehrung bis nach Kapstadt. ( ca. 10 000 km )
**
http://www.natur-lexikon.com/Texte/SM/001/00019/sm000192.jpg

In einem Gedicht, mit dem selten, seltsamen Titel „Estrich“ begegnen uns viele typische Gestalten des Kunstgedichts Lehmannschen Individualität, das ich nicht banal und missversändlich und geistig schief angesehenes Naturgedicht, sondern Lebens- und Friedensgedicht nennen möchte.


Wilhelm Lehmann:
DER ESTRICH

Dunkle, Laub, und roste,
Funkle, Laub, und koste
Mit den Blättermunden
Die gegönnten Stunden.

Duncans Sommergast
Fliegt, Enthusiast.
Sturz ins heiße Licht
Schmelzt den Fittich nicht.

Blanke Stoppelweiten,
Wo die Füße gleiten
Wie auf Flügelschuhn.

Was kann noch geschehn?
Was bleibt mir zu tun?
Wie die Lichter rinnen,
Götter auszusinnen,
Die auf goldenem Estrich gehn.
*
Datierung: 18.-20.08.1959; E1: Merkur 14. (April 1960); D1: Jahrbuch Hamburg 1960. S. 60
*
(Aus: Gesammelte Werke. Bd. 1. Gedichte.1982. S. 279)

*

ESTERICH [Lfg. 3,5], ESTRICH, m. n.:

pavimentum, ahd. asterih, esterih, mhd. esterich, nnl. estrik, it. lastrico, mlat. astracum, DUCANGE 1, 457c, richtiger ostracus 4, 747b, DIEFENBACH 403b, da sich das wort von Ûstrakon leitet, man pflasterte mit scherben und ziegeln, vgl. plastar, astricus bei GRAFF 3, 362. beide estrich und pflaster sind fremd, aber frühe schon bei uns eingeführt. N. Cap. 18 crepidas situ murcidas verdeutschend schwankt: fore alti fermulitê astericha, alde sô sumelichê chëdent kerumfenê scûha, welches letzte das rechte war, denn bei astericha dachte er sich crepidines statt crepidae. mhd.
daჳ himiliz unde der estirîch. (DIEMER 110, 12)

dar zuo was der esterîch
mit guoten teppechen gebreit. Er. 8598;

ër spranc ûf den estrîch. (Parz. 571, 17; )

mit bluote was betouwet
der kemenâten estrîch. (573, 27)

Nhd. „und er bedeckt den estrich des hauses mit gehobelten tannen. bibel 1483, 159a, et texit pavimentum domus tabulis abiegnis. 1 kön. 6, 15, bei LUTHER und tefelt den boden des hauses mit tennen bretter; und er pflastert den estrich des tempels mit köstlichem marmelstein und mit gar schönem. 198b = 2 chron. 3, 6;
mein sele ist angehaftet zů dem estrich, erquick mich nach dinem wort. KEISERSB. bilg. 131a; gestampft, geschlagen esterich, pavimentum. DASYP. 279c;

so heisz ich Kunz Knopf von Hausen
und kan einem ein pruch bei dem meusch einlausen,
und kan ein estrich darein schlagen,
es het einer mit den zennen zu nagen. (fastn. 239, 7; )

die halme zermalmet das estrich, teret area culmos. (VOSS Virgil. georg. 1, 192;

siehe, wie rings um den rand die netten bänke sich dehnen,
wie von buntem gestein schimmernd das estrich sich hebt. (SCHILLER 89a)

flicht um die seulen den spröszling der mirte mit silbernen blüten,
und auf den estrich ergeusz purpur und gold und azur. (MATTHISSON 250. )
**

Psalm 84: Freude am Hause Gottes

1Ein Psalm der a Söhne Korach, vorzusingen, auf der Gittit.
2Wie lieb sind mir deine Wohnungen, HERR Zebaoth!
3Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des HERRN; mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.
b 4Der Vogel hat ein Haus gefunden und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen - deine Altäre, HERR Zebaoth, mein König und mein Gott.
5Wohl denen, die c in deinem Hause wohnen; die loben dich immerdar.

*
„Ein Bote wurde aus dem Gasthause nach dem Hafen abgeschickt, um dem Capitän der "Schwalbe" diesen Entschluß des Grafen mitzutheilen. (Quelle: Projekt Gutenberg)

Er hat sich sofort gesagt, daß dieses Schiff nur die "Schwalbe" sein könne, mit Hülfe der Geldmittel, mit denen ich ihn vor seiner Abreise von England reichlich ausstattete, ein Fahrzeug gemiethet und die "Schwalbe" glücklich rechtzeitig erreicht. (Quelle: Projekt Gutenberg)

Nach einer kurzen freundlichen Verabschiedung von den Herren ging der Graf auf die "Schwalbe" zurück und der Zug setzte sich unter Führung der Ritter vom Hafen aus in Bewegung. (Quelle: Projekt Gutenberg)

"Ich habe in Folge der vor wenig Stunden glücklich beendigten Angelegenheit hier noch Verschiedenes zu erledigen, worunter die Sicherung der "Schwalbe", die hier noch eine Zeit lang vor Anker liegen wird, obenan steht. (Quelle: Projekt Gutenberg)

Durch die Ankunft der "Schwalbe" im Hafen wurde die Unterhaltung unterbrochen, und Herr von Bismarck, welcher den Junker scharf beobachtet hatte, schien absichtlich vorläufig jede weitere Frage zu unterlassen. (Quelle: Projekt Gutenberg)

Für jetzt verlange ich noch die offene Beantwortung der Frage, ob es Dir bekannt ist, durch wen Rolf Vendaskiold Kenntniß von meiner Reise und von der Ladung der "Schwalbe" erhalten hat! (Quelle: Projekt Gutenberg)

"Ihr selbst, Herr Graf, habt am Abende des Tages, an dem die "Schwalbe" im Hafen vorfuhr, erklärt, daß die Löschung sich voraussichtlich noch einige Tage verzögern dürfte." (Quelle: Projekt Gutenberg)

Rasch wurde ein Boot hinabgelassen, der Graf bestieg dasselbe mit Suteminn, einigen Matrosen der "Schwalbe", die sich von ihrer kurzen Gefangenschaft inzwischen wieder erholt hatten, in Begleitung des Führers und bald landeten sie an der Insel. (Quelle: Projekt Gutenberg)

Er hat sich durch seine Fähigkeiten bis zum Capitän der "Schwalbe" emporgearbeitet." (Quelle: Projekt Gutenberg)

Seine Ankunft in Hamburg war mir bereits bekannt, als ich Euch begegnete und, als ich Euch auf der "Schwalbe" bemerkte, war mir sofort klar, daß nur er der lang herbeigesehnte Graf sein könne." (Quelle: Projekt Gutenberg)

Langsam gingen sie, nachdem sie die "Schwalbe" verlassen, am Hafendamm entlang. (Quelle: Projekt Gutenberg)

Der Graf von Lindow blieb mit den Frauen und seinem Sohne im Gasthofe zurück, während Graf Warwick in Begleitung Detlev's, Bismarck's und Suteminn's nach dem Hafen ging, um nach der, der erhaltenen Weisung gemäß hier noch ankernden "Schwalbe" zu sehen. (Quelle: Projekt Gutenberg)

Eine Schnecke ist eine Schwalbe gegen sie. (Quelle: Projekt Gutenberg)

Ich schieße die Schwalbe aus der Luft. (Quelle: Projekt Gutenberg)

Hurrje, wenn meine Schwalbe wußte, daß sie Gräfin wird, nämlich Tele-Grafin! (Quelle: Projekt Gutenberg)
"Eine geistreiche Schwalbe! (Quelle: Projekt Gutenberg)

"Nicht eine Dame zu einem Herrn, sondern ein Schwälbchen zu ihrer Schwalbe, ein gutes Mädchen zu ihrem Verlobten, der sie so herzlich liebt und so glücklich sein würde, wenn sie zu ihm käme." (Quelle: Projekt Gutenberg)
uns im Stadthause, und nachher suchst Du die Schwalbe auf. (Quelle: Projekt Gutenberg)
*
„Dein Hering ist Deine Schwalbe! (Quelle: Projekt Gutenberg)
Die Liebe der Ulanen:
www.karlmay.leo.org/kmg/primlit/roman/ulan/ulane59.htm
*
„Fragen Sie meine Schwalbe; die muss das wissen.“
*
„Lasst es gut sein, Schwalbe!“
http://gutenberg.spiegel.de/glassbre/skizzen/skglas32.htm
*

Lehmann:
Estrich:

Sommergast:
Macbeth:

Macbeth:
Achte Scene. (Vor Macbeths Schloß-Thor.) (Hautbois und Fakeln. Der König, Malcolm, Donalbain, Banquo, Lenox, Macduff, Rosse und Angus, samt Gefolge treten auf.)

König. Dieses Schloß hat eine angenehme Lage, die Luft empfiehlt sich durch ihre Feinheit und Milde unserm allgemeinen Sinn.

Banquo. Dieser Gast des Sommers, die Tempel-bewohnende Mauer-Schwalbe, beweist durch seine Liebe zu diesem Aufenthalt, daß des Himmels Athem hier lieblich schmekt. Ich sehe keine hervorragende Friesen, keine Verzahnung und keinen Strebe-Pfeiler hier, wo dieser Vogel nicht sein hangendes Bette, die Wiege für seine Jungen, gemacht hätte; und ich habe bemerkt, daß an den Orten, wo sie sich am liebsten aufhalten, die Luft allemal vorzüglich mild ist. (Lady Macbeth zu den Vorigen.)

König. Seht hier unsre edle Wirthin! Die Liebe die uns folgt, macht uns zuweilen Unruh, aber wir danken ihr doch, weil es Liebe ist. Laßt euch dieses zum Beweggrund dienen, uns gerne zu haben, ob wir euch gleich Unruhe machen.

Lady. Alle unsre Dienste, in jedem Stük zweymal verdoppelt, wären noch immer arm und unvermögend, die grosse Ehre zu erkennen, womit Eu. Majestät unser Haus begnadigt. Es bleibt uns nichts übrig, als für die alten Gnaden-Bezeugungen sowol, als die neuen, die über jene aufgehäuft worden, eure armen Fürbitter zu bleiben.

*
SECHSTE SZENE

Daselbst, vor dem Schloß

Oboen. Macbeths Dienstboten warten auf. Es treten auf Duncan, Malcolm, Donalbain, Banquo, Lenox, Macduff, Rosse, Angus, Gefolge.

DUNCAN
Dies Schloß hat eine angenehme Lage;
Gastlich umfängt die lichte, milde Luft
Die heitern Sinne.

BANQUO
Dieser Sommergast,
Die Schwalbe, die an Tempeln nistet, zeigt
Durch ihren fleißgen Bau, daß Himmelsatem
Hier lieblich haucht; kein Vorsprung, Fries noch Pfeiler,
Kein Winkel, wo der Vogel nicht gebaut
Sein hängend Bett und Wiege für die Brut:
Wo er am liebsten heckt und wohnt, da fand ich
Am reinsten stets die Luft.
Lady Macbeth tritt auf.

DUNCAN
Seht, unsre edle Wirtin!
Die Liebe, die uns folgt, wird oft uns lästig;
Doch dankt man ihr als Liebe. Lernt daraus,
Noch »Gottes Lohn« und Dank zu sagen uns
*
Korrigierte Schlegel-Tiecksche Übersetzung:
http://gutenberg.spiegel.de/shakespr/macbeth1/Druckversion_macbeth.htm
*
SECHSTE SZENE

Daselbst, vor dem Schloß


Oboen. Macbeths Dienstboten warten auf. Es treten auf Duncan, Malcolm, Donalbain, Banquo, Lenox, Macduff, Rosse, Angus, Gefolge.

DUNCAN
Dies Schloß hat eine angenehme Lage;
Gastlich umfängt die lichte, milde Luft
Die heitern Sinne.

BANQUO
Dieser Sommergast,
Die Schwalbe, die an Tempeln nistet, zeigt
Durch ihren fleißgen Bau, daß Himmelsatem
Hier lieblich haucht; kein Vorsprung, Fries noch Pfeiler,
Kein Winkel, wo der Vogel nicht gebaut
Sein hängend Bett und Wiege für die Brut:
Wo er am liebsten heckt und wohnt, da fand ich
Am reinsten stets die Luft.
Lady Macbeth tritt auf.

DUNCAN
Seht, unsre edle Wirtin!
Die Liebe, die uns folgt, wird oft uns lästig;
Doch dankt man ihr als Liebe. Lernt daraus,
Noch »Gottes Lohn« und Dank zu sagen uns
Für Eure Last und Müh!

LADY MACBETH
All unsre Dienste
Zwiefach in jedem Punkt, und dann verdoppelt,
Wär nur ein arm und schwaches Tun, verglichen
Der hohen Gunst, womit Eur Majestät
Verherrlicht unser Haus. Für frühre Würden,
Wie für die letzte, Kron der andern, bleiben
Wir im Gebet für Euch.
*
http://www.william-shakespeare.de/macbeth/macbeth_1akt.htm

*
Act 1, Scene 6
Duncan: This castle hath a pleasant seat; the air
Nimbly and sweetly recommends itself
Unto our gentle senses.
Banquo: This guest of summer,
The temple-haunting martlet, does approve (1.6.1)
Commentary: Tradition tells us that the gentle martlet will not build a nest in or near unjust houses. Notice the irony in Banquo's approval of the castle that will be the location of Duncan's murder. The reference to the "temple-haunting martlet" comes from Psalms 84.2,3: "Yea, the sparrow hath found her an house, and the swallow a nest for her, where she may lay her young: even by thine altars, O Lord of Hosts". A similar passage can be found in Baruch 6.20: "In the temple the owls, swallows, and birds fly".

*Macbeth 1, Szene 6
Duncan : Dieses Schloß hat ein angenehmer Sitz; die Luft
Nimbly und empfiehlt sich süß
An unsere leichten Richtungen.
Banquo : Dieser Gast des Sommers,
Das Bügel-frequentierende martlet, genehmigt (1,6,1)

Kommentar : Tradition erklärt uns, daß das leichte martlet nicht ein Nest einbaut oder unjust Häusern sich nähert. Beachten Sie die Ironie in der Zustimmung Banquos des Schlosses, das die Position von Mord Duncans ist. Der Hinweis auf dem "Bügel-frequentierenden martlet" kommt von Psalms 84,2.3: "Yea, das Spatzenhath fand sie ein Haus und die Schwalbe ein Nest für sie, wo sie ihre Junge legen kann: glätten Sie durch thinealtars, O-Lord der Wirte ". Ein ähnlicher Durchgang kann in Baruch 6,20 gefunden werden: "im Bügel fliegen die Eulen, die Schwalben und die Vögel".

Fronleichnamsprozession

Georg Heym,
(30.10.1887 in Hirschberg (Schlesien) – gest. 16.1.1912 in Berlin

O weites Land des Sommers und der Winde,
Der reinen Wolken, die dem Wind sich bieten.
Wo goldener Weizen reift und die Gebinde
Des gelben Roggens trocknen in den Mieten.

Die Erde dämmert von den Düften allen,
Von grünen Winden und des Mohnes Farben,
Des schwere Köpfe auf den Stielen fallen
Und weithin brennen aus den hohen Garben.

Des Feldwegs Brücke steigt im halben Bogen,
Wo helle Wellen weiße Kiesel feuchten.
Die Wassergräser werden fortgezogen,
Die in der Sonne aus dem Bache leuchten.

Die Brücke schwankt herauf die erste Fahne.
Sie flammt von Gold und Rot. Die Seidenquasten
Zu beiden Seiten halten Kastellane
Im alten Chorrock, dem von Staub verblaßten.

Man hört Gesang. Die jungen Priester kommen.
Barhäuptig gehen sie vor den Prälaten.
Zu Flöten schallt der Meßgesang. Die frommen
Und alten Lieder wandern durch die Saaten.

In weißen Kleidchen kommen Kinder singend.
Sie tragen kleine Kränze in den Haaren.
Und Knaben, runde Weihrauchkessel schwingend,
Im Spitzenrock und roten Festtalaren.

Die Kirchenbilder kommen auf Altären.
Mariens Wunden brennen hell im Licht.
Und Christus naht, von Blumen bunt, die wehren
Die Sonne von dem gelben Holzgesicht.

Im Baldachine glänzt des Bischofs Krone.
Er schreitet singend mit dem heiligen Schrein.
Der hohe Stimmenschall der Diakone
Fliegt weit hinaus durch Land und Felderreih'n.

Der Truhen Glanz weht um die alte Tracht.
Die Kessel dampfen, drin die Kräuter kohlen.
Sie ziehen durch der weiten Felder Pracht,
Und matter glänzen die vergilbten Stolen.

Der Zug wird kleiner. Der Gesang verhallt.
Sie ziehn dahin, dem grünen Wald entgegen.
Er tut sich auf. Der Glanz verzieht im Wald,
Wo goldne Stille träumt auf dunklen Wegen.

Der Mittag kommt. Es schläft das weite Land,
Die tiefen Wege, wo die Schwalbe schweift,
Und eine Mühle steht am Himmelsrand,
Die ewig nach den weißen Wolken greift.
*

Redensartlich:

Man sollte nicht aufgrund einzelner Erscheinungen voreilig allgemeine Schlüsse ziehen; Man sollte nicht aufgrund singulärer Ereignisse verallgemeinern; Man hat von etwas zu wenig, um damit das angestrebte Ziel zu erreichen.
Sprichwort; Die Schwalbe ist ein Zugvogel, die in Afrika und in warmen Gebieten anderer Erdteile überwintert und im Frühling zurückkehrt. Sie gilt daher als Verkünderin des Frühlings oder des Sommers. Das Sprichwort ist daher so zu verstehen, dass man nicht aufgrund einer einzigen Schwalbe darauf schließen sollte, dass nun gleich die warme Jahreszeit beginnt. Das Sprichwort stammt von einer Fabel Äsops mit dem gleichen Titel. Ein verschwenderischer junger Mann macht auch seinen letzten Mantel zu Geld, als er eine Schwalbe sieht. Als er sie später erfroren findet, macht er ihr Vorwürfe, weil sie ihn ruiniert habe.
*
*
Schiller. Bearbeitung „Macbeth“:
*

Über Religion:

Friedrich Schiller hat vor 200 Jahren mal in den „Xenien“ sich die Frage vorgelegt: Warum hast du keine Religion?, und seine Antwort war: Aus Religion! Er wollte sagen: Wer begreift, wovon er spricht, wenn er sagt „Gott“, der muss doch von alleine darauf kommen, dass Gott nicht eingekerkert werden kann im Vatikan oder in der Kaaba in Mekka oder an der Tempelmauer oder in der Grabeskirche in Jerusalem. Gehört denn Gott nicht die ganze Welt und bedeutet nicht ihn anzubeten, die Universalität der Menschlichkeit zu begreifen? Schaut man genau hin, ist es das, was alle Religionsstifter wirklich wollten, wenn man sie beim Wort nähme, so begrenzt auch ihre historischen Ausgangspunkte sein mögen. Jesus reduziert seine Botschaft ganz und gar auf Judäa, auf Israel. Aber was er dabei lehrt, ist eine Menschlichkeit, die allen gilt, und ein Gott, der so weit ist wie der Himmel für die Wolken und die Schwalben. Er bekommt es fertig, bei Lukas im 10. Kapitel einen Samariter zum Vorbild zu erheben, wie man Gott findet, also jemanden, den ein Jude hassen muss, weil er orthodox genau das Gegenteil von dem denkt und sagt, was man als richtiger Jude denken und sagen muss. Dieser Samariter hasst den Tempel, will die Priester nicht, aber er hat plötzlich die Fähigkeit, in das Leid eines anderen Menschen hineinzugehen. Und Jesus sagt: Ich halte nicht nur für möglich, ich bin mir sicher: ein Priester, der an einem Menschen am Wegesrand vorbeigeht, im Wahn, er finde Gott im Tempel, indem er pünktlich seinen Dienst verrichtet, der verpasst Gott. Aber das ist die Religion der Priester, das sagen sie euch: Ihr findet Gott, wenn ihr Opfer bringt, wenn ihr pünktlich den Ritualdienst leistet, wenn ihr den Tempel heilig haltet. Wer hat euch je gesagt, dass ihr Gott überhaupt nur findet, wenn ihr mit Mitleid in das Leid eines Menschen geht! Nur da ist Gott, und ein leidender Mensch – man schaue sich um – ist überall zu finden. Also gehört doch Gott niemandem außer einem Herzen, das sich öffnet für einen anderen. Gelebte Menschlichkeit ist Religion.
(Eugen Drewermann)
*

Die Schwalbe

Hirundinidae, Schwalben

Eine in Europa mit vier Gattungen und sechs Arten vertretene Familie der Sperlingsvögel. Die bekanntesten und fast ganz Europa als Zugvögel belebenden Vertreter der Schwalben sind wohl Rauchschwalbe (Hirundo rustica), Mehlschwalbe (Delichon urbica) und Uferschwalbe (Riparia riparia).

Schwalben in Volks- und Aberglauben

Das Herz der Schwalbe wird häufig als Bestandteil eines Liebestranks genannt (so R. BURTON in Anatomy of Melancholy, 17. Jh., zit. n. BIEDERMANN, 268).
Das empfahl bereits Agrippa von NETTESHEIM, demnach der Verzehr besonders der Geschlechtsteile brünstiger Vögel vielversprechend sei. (De Occulta Philosophia, Kap. XV, n. SCHRÖDTER, 34)

Eine Frau soll einen Mann betören können, wenn sie sie eine Schwalbenzunge unter ihre eigene legt und den Erwählten so küßt, der Mann hingegen soll ein Schwalbenherz bei sich tragen
(Volksglaube aus Swinemünde, KUHN u. SCHWARZ C. XXX, 447 u. 448.).

Ein Schwalbennest unter der Dachtraufe soll vor Einschlag des Blitzes bewahren. (Das sechste und siebente Buch Mosis, 152)
Andererseits heißt es, die am Haus nistende Schwalbe bedeute Armut: „hausnistende schwalben bedeuten armut, sperlinge reichtum.” (GRIMM, A. 148)

Sogar den Tod soll die Schwalbe ankünden: „wo die schwalben neue nester bauen, aus dem hause stirbt jemand selbiges jahr.” (GRIMM, A. 381)
Auch dem widerspricht ein anderer Aberglaube: „schwalbennester und grillen bringen segen ins haus.” (GRIMM, A. 609)

Im Aberglauben heißt es auch: „wer frühjahrs sieht ,den ersten bauer im pfluge, die erste schwalbe im fluge’, der hat ein gutes jahr.” (GRIMM, A. 1086)

Unheil beschwört hinauf, wer Schwalben Schaden zufügt: „wer eine schwalbe todtschlägt verursacht vier wochen anhaltenden regen”, heißt es in der „Chemnitzer Rockenphilosophie”. Zerstört man die Schwalbennester am Haus, so sollen die Kühe blutige Milch geben, meinte man in Osterode am Harz (GRIMM, A. 388 u. 758)

Schwalben sollen Plätze bewohnen, an denen durch Wasseradern Erdstrahlen hervorgerufen werden. Daß im Volksglauben angenommen wird, im Stall nistende Schwalben ließen auf gutes Gedeihen des Viehs schließen, mag hiermit zusammenhängen (GRÜN, 165).

Aus Dönhöffstädt stammt die Empfehlung, man solle sich, wenn man im Jahr die erste Schwalbe sieht, schnell waschen und abtrocknen. Ist die Schwalbe dann noch zu sehen, so werde man seiner Sommersprossen ledig bzw. bleibe von ihnen verschont (FRISCHBIER, 91).

Akkader

Gegen Ende der Sintflut ließ Utnapischtim erst eine Taube aus seinem Schiff fliegen, dann eine Schwalbe. Beide kehrten mangels Standort zurück und erst der dritte Vogel, ein Rabe, blieb aus.

Griechen

Die Stimme der Schwalbe galt den antiken Griechen als plärrend und barbarisch (Aristophanes: Frösche, Anm. S. 116).

Schwalben als Wetterzeiger
„An Mariä Verkündigung (25. März) kommen die Schwalben.”

„An Mariä Geburt (8. Sept.) fliegen die Schwalben furt.”
Die Schwalbe nennt man darum auch „Muttergottesvogel”.
*
„Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.” schrieb der griechische Philosoph Aristoteles in seiner „Nikomachischen Ethik”.

Weht im August der Wind aus Nord,
ziehen die Schwalben noch lange nicht fort.

Wenn die Schwalben sich mit der Abreise nach Süden dann doch noch Zeit lassen, wird der Winter mild werden:

„Bleiben jetzt die Schwalben lange, so sei vor dem Winter nicht bange.”

Die Schwalbe in der Fabel
Die Schwalbe und andere Vögel

Ein Vogel, welcher glaubte, daß er die Denk- und Handlungsweise der Menschen genau kenne, versammelte eines Tages eine Menge Vögel um sich und sprach zu ihnen: „Die Menschen säen den Hanf in keiner andern Absicht, als um Schlingen daraus zu machen und uns einzufangen. Daher ist es unsere Pflicht, diesen Samen beizeiten auszurotten.” Die Schwalbe, die auch zugegen war, entgegnete, daß sie es für weit besser halte, die Freundschaft der Menschen zu suchen. Als ihr Rat keine Zustimmung fand, so verließ sie ihre Waldgenossen, flog in die Stadt und vertilgte die schädlichen Insekten. Die Menschen sahen bald ihre Nützlichkeit ein und ließen sie ungestört ihr Nest an den Häusern bauen. Die anderen Vögel schadeten den Menschen, wo sie nur konnten, und wurden allerdings stark und oft fett dabei. Aber es reifte auch der Hanf und wurde zu Schlingen verarbeitet, mit denen täglich eine Menge Vögel gefangen wurde, welche mit den Menschen hätten in Ruhe und Freundschaft leben können.
*
Besser wenigeres in Frieden und nützlicher Tätigkeit, als vielleicht ein Wohlleben, aber mit Gefahr und auf unrechtem Weg.
(ÄSOP, Fabeln)
**

Ovid: Metamorphosen: 6. Buch:
Übersetzt von Johann Heinrich Voss (1798):

Prokne und Philomela

(…)
Barbarn schreckten gelandet Athens mopsopische Mauern.
Aber es kam hilfreich der gerüstete Thrazier, Tereus,
Scheuchte den Feind, und gewann den glänzenden Namen des Siegers.
Diesem, der weit vorherrscht' an der Lande Gebiet und der Männer,
Und sein tapfres Geschlecht ableitete selbst von Gradivus,
Gab Pandion die Prokne zur Braut. Doch nicht Hymenäus,
Juno die eh'liche nicht, noch die Grazie, nahte dem Lager.
Furien hielten empor die geraubeten Leichenfackeln;
Furien breiteten ihnen das Bett; der entweihende Uhu
Brütet' im Dach, und saß auf dem Giebel des Ehegemaches.
Solch ein Vogel verband mit Tereus Prokne; zu Eltern
Segnete solcher sie ein. Glückwünschungen jubelte freilich
Thracia; selbst auch brachten sie Dank den unsterblichen Göttern;
Und wie den Tag, der dem Herrscher Pandions Tochter vermählet,
So der ihm Itys geschenkt, verordneten alle zum Festtag.

O wie tief ist verborgen, was frommt! Schon führete Titan
Durch fünf Herbste den Lauf des wiederkehrenden Jahres,
Als so Prokne den Mann liebkosete: Find' ich noch etwas
Freundlichkeit, send' entweder mich selbst zum Besuche der Schwester,
Oder sie komme zu mir. Verheiß' dem Schwäher, in kurzem
Kehre sie wieder zurück. Ein Geschenk, wie der segnenden Götter,
Wird mir's sein, die Schwester zu schaun! Er ordnet, die Barken
Niederzuziehn in die Flut, und geht mit Ruder und Segel
In den cekropischen Port, und berührt die piräischen Ufer.

Gleich wie zuerst der Schwäher sich darbeut, und ihn bewillkommt,
Hand in Hand, fängt wechselnd das unheilschwangre Gespräch an.
Kaum noch war des Besuchs Ursach', und die Bitte der Gattin
Angesagt, und gelobt der Gesendeten baldige Heimkehr;
Siehe, da kommt glanzreich in fürstlicher Pracht Philomela,
Glänzender noch an Gestalt: so anmutsvoll, wie wir hören,
Daß Najad' und Dryad' umgehn durch grünende Wälder;
Wenn man ähnlichen Schmuck und ähnliche Pracht sich hinzudenkt.
Anders nicht wird entflammt von der Jungfrau Blicke der Thraker,
Als wenn in falbere Ähren den Brand einleget der Wandrer,
Oder geschobertes Heu und dorrende Sprossen entzündet.
Würdig ist zwar ihr holdes Gesicht; doch ihn selber auch stachelt
Angebotene Lust: denn es glühn unmäßig die Herzen
Jenes Bezirks; er entbrannt durch eigene Schuld und des Volkes.
Rasch ist gefaßt der Entschluß, zu verführen die Hut der Begleiter
Und der redlichen Amme; zugleich zu versuchen die Jungfrau
Mit unendlicher Gab', und aufzuwenden sein Erbreich;
Oder mit Zwang sie zu rauben, bereit zu erbitterter Abwehr.
Nichts ist, was nicht wage, von zügelloser Begierde
Tobend, der Mann; kaum faßt die verschlossenen Flammen das Herz noch.
Mühsam schon erträgt er Verzug; zu den Wünschen der Prokne
Kehrt er mit gierigem Munde, die eigenen Wünsche betreibend.
Liebe macht ihn beredt; und so oft sein dringendes Fordern
Über die Billigkeit geht, so saget er, Prokne verlang' es.
Tränen auch fügt er hinzu, als heischt auch diese der Auftrag.
O ihr himmlischen Mächte, wie hüllt die sterblichen Herzen
Blinde Nacht! In dem Eifer, da Schandtat brütet der Unhold,
Scheint er ein zärtlicher Mann, und gewinnt sich Lob aus dem Frevel.

Ja, auch selbst Philomela begehrt's; um den Nacken des Vaters
Schlingt sie kosend die Arm', und besuchen zu dürfen die Schwester,
Fleht sie bei ihrem Heil, und gegen ihr Heil, unermüdet.
Tereus schauet sie an, und herzet voraus mit dem Anblick.
Sehend die hold umwindenden Arm' und das kußliche Mündlein,
Fühlt er alles wie Stacheln, wie Feuerbränd', und wie Nahrung
Rasender Wut; und so oft sie den liebenden Vater umarmet,
Wünscht er sich Vater zu sein; auch wär' er nicht weniger Frevler.

Endlich besiegt wird der Vater durch beider Flehn; mit Entzückung
Sagt die Tochter ihm Dank: daß gelungen sie zweien Geschwistern,
Denkt die Arme bei sich, was bald Weh bringet den zweien.

Schon war wenig Beschwerde dem Phöbus übrig; und sehnend
Stampften die Sonnenrosse die Bahn des gesenkten Olympus.
Fürstlicher Schmaus belastet die Tisch', und es blinket in Golde
Bacchischer Wein; dann gibt man dem ruhigen Schlafe die Glieder.
Doch wie einsam er sei, der odrysische König, für jene
Woget sein Herz; und denkend Gesicht und Bewegung und Hände,
Bildet er sich, wie er will, die verborgene Schönheit; und selber
Nährt er die eigene Glut, da die Sorg' abweiset den Schlummer.
Morgen war's. Pandion, die Hand des gehenden Eidams
Drückend, empfiehlt ihm also mit Tränenerguß die Gefährtin:

Diese, mein teuerster Sohn, weil zärtliche Liebe mich nötigt,
Und sie beid' es verlangen, auch du es verlangest, o Tereus,
Geb' ich dir; und beschwörend bei Redlichkeit, und bei Verwandtschaft,
Bei den Unsterblichen fleh' ich, beschütz' als Vater sie liebreich!
Und den holdesten Trost des vielfach leidenden Alters,
Bald (doch jeder Verzug wird lang sein!) send' ihn zurück mir!
Du auch, sobald als möglich, (genug, daß die Schwester entfernt ist!)
Wenn du den Vater noch liebst, komm bald mir zurück, Philomela!

Während des Auftrags küßt' er die trauteste Tochter mit Inbrunst,
Und mildrinnende Tränen entrolleten unter den Worten.
Drauf, wie zum Pfande der Treu' er die Hand von beiden gefordert,
Fügt er sie fest ineinander, und hieß sie Tochter und Enkel
Herzlich von sich in der Ferne mit Worten der Innigkeit grüßen.
Lebe wohl! kaum lallt' er mit schluchzendem Munde den Abschied:
Lebe wohl! und erschrak vor der düsteren Ahnung des Geistes.

Aber sobald einstieg an den farbigen Bord Philomela,
Und vom Ruder die Wog' aufrauscht', und die Küste zurückflog:
Unser ist, ruft er, der Sieg! mit fährt die Ersehnte des Herzens!
So frohlockt der Barbar, und kaum die lüsterne Seele
Bändigend, wendet er nie die funkelnden Blicke von jener:
Wie wenn Jupiters Vogel, der krummgeklauete Räuber,
Nieder den Hasen gesetzt in das Nest des erhabenen Felsens,
Nirgend ist Flucht dem Gefang'nen, den wild der Eroberer angiert.

Schon war die Reise vollbracht, schon trat aus ermüdeten Barken
Jeder an heimisches Land; da Pandions Tochter der König
Schleppt zu dem Hirtengeheg' in die Nacht des altenden Bergwalds.
Dort die Erblassende nun, wie sie bebt und erschrocken umherblickt,
Und, mit Tränen bereits, nach der Schwester fraget, verschließt er;
Und, ein Bekenner der Schand', an der Jungfrau, und die allein war,
Übt er Gewalt; nachdem sie umsonst oft jammernd den Vater,
Oft die Schwester genannt, und zumeist die unsterblichen Götter.
Ach, sie erbebt, wie ein zagendes Lamm, das verwundet des Wolfes
Blutigem Rachen entrafft, noch nicht ganz sicher sich scheinet;
Und wie die Taube, genetzt von eigenem Blut am Gefieder,
Immer noch starrt, und die gierigen Klaun, wo sie hafteten, scheuet.

Bald, da der Geist ihr kehrte, zerrauft sie das fliegende Haupthaar,
Und, wie in Todestrauer, mit Heftigkeit schlägt sie die Arme,
Streckt dann die Händ' aufwärts, und: Ha, Mißhandeler! ruft sie,
Ha, grausamer Barbar! den nicht die Empfehlung des Vaters,
Samt den zärtlichen Tränen gerührt, noch die Sorge der Schwester,
Auch nicht ehliches Bündnis, und nicht jungfräuliche Unschuld!
Alles zerrüttetest du! Mitbuhlerin ward ich der Schwester!
Du zwiefacher Gemahl! Nicht solcherlei Strafe verdient' ich!
Nimm auch, damit kein Frevel dir überig bleibe, Verbrecher!
Nimm dies Leben hinweg! O hättest du vor der Entehrung
Schon es getan! dann schwebte doch schuldlos nieder mein Schatten!
Doch wenn die Oberen dies anschaun, wenn Mächte der Götter
Etwas noch sind, wenn nicht in das Unding alles mit mir sank,
Wann es auch sei, du bezahlest die Buße mir! Selber verkünd' ich's,
Ohne zu achten der Scham, wie du freveltest! Wenn es vergönnt wird,
Tret' ich unter das Volk; wenn schließende Wälder mich halten,
Füll' ich die Wälder mit Ruf, und kundige Felsen beweg' ich!
Höre der Äther die Tat, und wenn dort irgendein Gott ist!

Also erregt Philomela den Zorn des grausen Tyrannen,
Und nicht minder die Furcht. Von der doppelten Regung gestachelt,
Reißt er hervor aus der Scheide den umgegürteten Säbel;
Dann sie ergreifend am Haar, und zurück ihr drehend die Arme,
Zwängt er in Bande sie ein. Da reichte den Hals Philomela,
Freudig den Tod erwartend vom Streich des gesehenen Schwertes.
Aber indem unwillig des Vaters Namen sie ausruft,
Ringt, und zu reden sich müht, mit der Zang' ihr faßt er, und schneidet
Weg mit dem Stahle die Zung'; es zuckt inwendig die Wurzel;
Zitternd liegt sie, und lallt im dunkelen Staube, die Zunge;
Und wie getrennt aufhüpfet der Schwanz der verstümmelten Natter,
Zappelt sie, als ob sterbend der Eignerin Spuren sie suche.
Auch nach der schrecklichen Tat (kaum möcht' ich's glauben), erzählt man,
Daß dem zerrissenen Leib er sich oft genahet mit Wollust.

Kalt nun kehrt er zurück, der Missetäter, zu Prokne.
Diese fragt den Gemahl, wo die Schwester bleibe. Doch Tereus
Seufzet verstellt, und erzählt ein gefabeltes Leichenbegängnis.
Glauben gewann durch Tränen das Wort. Schnell reißt von den Schultern
Prokne die Kleider herab mit breit umfunkelndem Golde,
Hüllet den Leib in schwarze Gewand', und ein lediges Grabmal
Baut sie, und bringt Sühnopfer dem unverstorbenen Geiste;
Ach, und betrau'rt dein Geschick, nicht so zu betrauernde Schwester.

Schon zwölf Zeichen durchlief der leuchtende Gott in dem Jahrkreis.
Was soll tun Philomela? Die Flucht ist durch Wache gesperret;
Mächtig starrt des Gehegs aus Felsen erhöhete Mauer;
Stumm verweigert der Mund ihr der Tat Anzeige: doch sinnreich
Ist im Schmerz der Verstand, und Erfindungen lehret das Elend.
Aufzug spannte die Schlaue herab am barbarischen Webstuhl,
Und dem weißen Gespinst durchwebte sie purpurne Zeichen,
Rüge des schnöden Verrats. Das Vollendete reichte sie einem,
Flehend mit Wink, es zu bringen der Herrscherin. Jener bestellet,
Was sie gefleht, an Prokne; und weiß nicht, was er ihr bringe.
Jetzo entrollt das Gewand des grausamen Königes Gattin,
Wo sie die Schrift der Schwester, die jammernswürdige, lieset;
Und (wie war's doch möglich?) sie schweigt. Schmerz hemmte den Mund ihr;
Und es gebrach der Zung' an genug unwilligen Worten.
Nicht auch zu weinen ist Raum; nein, Recht zu verwirren und Unrecht,
Stürmt sie einher; und Gedanken der Rachsucht füllen sie gänzlich.

Zeit nun war's, da gewöhnlich das Dreijahrfest des Lyäus
Feiern sithonische Frau'n; die Nacht ist dem Feste gewidmet.
Nachts tönt Rhodope rings vom Geklirr hellklingenden Erzes.
Nachts auch geht aus dem Hause die Königin, lernet des Gottes
Dienst und Gebrauch, und empfäht die geweihete Taumelgerätschaft.
Rebe beschattet das Haupt, links hängt an der Seite der Hindin
Balg ihr herab, und es liegt der umwundene Stab auf der Schulter.
Durch Bergwaldungen rennt im Gewühl der begleitenden Weiber
Fürchterlich Prokne daher, und von Wut des Schmerzes getrieben,
Heuchelt sie bacchische Wut. Zu dem einsamen Hirtengehege
Kommt sie zuletzt mit Geheul, ruft Evoe, bricht durch die Pforten,
Raubt die Schwester hinweg, und umhüllt die Geraubte mit Bacchus'
Feierschmuck, und das Antlitz mit Efeuranken ihr bergend,
Führt sie die Staunende fort in die Schwelle der eigenen Wohnung.

So wie gemerkt, sie berühre das gräßliche Haus, Philomela,
Starrte die Arme vor Graun, und erblaßt' im ganzen Gesichte.
Prokne, zum Orte gelangt, nimmt ab den festlichen Anzug,
Und enthüllt das verschämte Gesicht der bekümmerten Schwester,
Beut dann Kuß und Umarmung. Doch nicht zu erheben ihr Auge
Wagt sie dort, die sich selbst Mitbuhlerin dünket der Schwester.
Niedergesenkt zur Erde den Blick, da zu schwören sie trachtet,
Und zu bezeugen die Götter, Gewalt sei's, welche mit Schmach sie
Zeichnete, war für die Stimme die Hand. Es entbrennet, und faßt nicht
Prokne selbst den inneren Zorn; abbrechend der Schwester
Weinenden Gram: Nicht, sprach sie, ist hier mit Tränen zu handeln,
Sondern mit Stahl, und kennest du was, das über den Stahl noch
Reicht! Zu jeglichem Greuel bin ich, o Schwester, gerüstet,
Dem arglistigen Manne Vergelt zu geben der Schandtat!
Winke du, was es auch sei; nichts scheuen wir: Glut und Verstümmlung,
Oder den gräßlichsten Tod! - Indem noch redet die Mutter,
Naht ihr Itys, der Sohn, ein Erinnerer, was sie vermöge.
Mit unfreundlichen Augen ihn wild anstarrend: Wie gleich du,
Ha, wie dem Vater so gleich! Sie sprach's, und plötzlich verstummend,
Denkt sie auf traurige Tat; ihr wogt in dem Busen der Ingrimm.

Doch als näher der Sohn anwandelte, als er die Mutter
Freundlich grüßt', und den Hals mit kleinen Armen herabzog,
Und zum holden Geschmeichel der Kindlichkeit Küsse gesellte;
Stand zwar etwas die Mutter bewegt, und es stockte der Zorn ihr,
Feucht auch wurden die Augen von unwillkürlichen Tränen;
Aber sobald sie merkte, von Zärtlichkeit wankt' ihr betäubtes
Mutterherz; schnell kehrt sie von ihm zu der Schwester das Antlitz;
Drauf mit wechselndem Blicke sie beid' anschauend: Warum doch,
Sagte sie, schmeichelt der ein', und verstummt die andere sprachlos?
Mutter nennt mich der; was nennt nicht jene mich Schwester?
Denke doch, welchem Gemahl du dich schleiertest, Tochter Pandions!
Frevel, Entartete, ist's, den Gemahl zu lieben in Tereus!

Rasch nun schleppt' sie den Itys hinweg: wie am Ganges der Hindin
Saugendes Kind die Tigerin schleppt durch finstere Wälder.
Und da im inneren Raum des erhabenen Hauses sie weilten;
Wie er die Händ' ausstreckt', und schon sein Schicksal erkennet,
Schon: Ach Mütterchen! ruft mit Geschrei, und den Hals ihr umwindet,
Sticht mit dem Schwert ihn Prokne, wo Brust und Seite sich fügen,
Ohne zu wenden den Blick. Ihm war zum Tod' auch die eine
Wunde genug; doch öffnet die Kehle mit Stahl Philomela.
Siehe, die noch seelvollen und schwach aufatmenden Glieder
Werden zerfleischt. Bald hüpfet ein Teil im gehöhleten Kessel,
Anderes zischt um den Spieß; rings strömen in Blut die Gemächer.

Prokne ruft zu dem Schmause den nichts argwöhnenden Tereus;
Und den Gebrauch vorschützend des vaterländischen Opfers,
Daß ein Mann es vollend', entfernt sie Gefährten und Diener.
Tereus, hoch dasitzend auf stattlichem Throne des Ahnherrn,
Schmaust, und häufet sich selbst sein eigenes Fleisch in den Magen.
Und, so nachtet der Sinn! ruft, saget er, ruft mir den Itys.
Nicht zu hehlen vermag die grausamen Freuden die Gattin;
Gierig, vom eigenen Wehe zu sein die Verkünderin, sprach sie:
Drinnen hast ja, was du verlangst! Umschauet sich Tereus,
Fragend, wo jener denn sei. Da der Fragende wieder verlanget;
So wie sie war, bluttriefend vom gräßlichen Morde die Haare,
Springet hervor Philomela, und wirft dem Vater des Itys
Blutiges Haupt ins Gesicht; und niemals hätte sie lieber
Reden gemocht, und die Freude durch würdige Worte bezeugen.

Tereus mit grassem Geschrei, da den schrecklichen Tisch er zurückstößt,
Regt aus dem stygischen Tale die schlangenumringelten Schwestern.
Und bald ringt er, wo möglich, herauszuwürgen des Jammers
Mahl aus geöffneter Kehl', und die halbverzehreten Glieder;
Bald dann weint er, und nennt sich das klägliche Grab des Erzeugten.
Jetzo mit blinkendem Schwert verfolgt er die Töchter Pandions.
Fittiche scheinen den Lauf der cekropischen Weiber zu heben;
Fittiche hoben den Flug. Die flieht in die Wälder; die andre
Schwingt sich unter das Dach: noch unerloschen am Busen
Haftet vom Morde die Spur, und Blut befleckt das Gefieder.
Jener, von eigenem Schmerz und Begier der Strafe beschleunigt,
Wandelt zum Vogel sich um: dem ein Busch auf dem Scheitel emporsteht,
Und unmäßig entragt mit langer Spitze der Schnabel.
Wiedehopf ist der Nam'; es erscheint wie gewaffnet das Antlitz.

*
Zuerst legte ich die Steine zur Seite, schöpfte das Wasser ab und rollte den Boden auf.
Dann blies ich die Wolken fort, packte das Blau des Himmels ein und die
Geräusche der Nacht, warf ein dunkles Tuch über alles Licht, zog die Wellen ein, das Skelett des Moments. Ich dachte an die Mauersegler. Das Nichts gelang nicht.

Patrick Beck (*1975)



Lehmann,Wilhelm:
DER REIM

Nicht fähig mehr, die ungereimte Welt zu tragen
Er stört euch nur, ich weiß es muß der Reim verzagen.
Doch kann ich es nicht anders sagen,
Als daß zu Füßen mir
Die Fördewelle freudig schluchzt,
Der Kuckuck ihr,
Oboenmund, Antwort guguchzt.

(Datierung: 23.-25.06.1960. E.: Abschiedslust 1962; Abdruck nach: Sämtliche Gedichte. 1982. S. 284)

***

Mosaik...

Strandhafergrüße


"Reaktionen auf Strandhafergrüße" - Paul Celans Abwehr der Konventionen der deutschen Naturlyrik vor und nach 45 -
Ein Beitrag zu christlich-jüdischen Diskrepanzen und Mißverständnissen in der Naturlyrik der Nachkriegszeit.
- Vom imaginierten, ersatzreligiösen und naturbeseelten Gedicht bei Lehmann u.a. zu assoziativen, kaleidoskopisch-fragmentarischen Gedichten Celans -


Ein Beitrag zu christlich-jüdischen Diskrepanzen und Mißverständnissen in der Naturlyrik der Nachkriegszeit

Vom imaginierten, naturbeseelten zum kaleidoskopisch-fragmentarischen Mosaik-Gedicht


Zu den Bildern, den Tropen - und dem Absurden:

Barbara Wiedemann:

Das Bild der Rose hat sich im Laufe von Celans Entwicklung verändert in Form und Inhalt, der Beginn dieser Veränderungen zeigt sich bereits im Frühwerk. Bei gleichbleibendem äußerem Bezug, der allbekannten Blume, entwickelt das Bild in jedem Gedicht seine eigene Gestalt, jeder Gedichtkontext füllt es mit neuer Bedeutung. Die Erfahrung am Text zeigt, daß die entscheidenden Impulse für das Verständnis eines Bildes gerade nicht vom Vergleich mit anderen Gedichten mit dem gleichen Motiv ausgehen können, sondern nur von der jeweiligen Gedichtstruktur selbst. Die ins Bild gebrachte Natur wird vom Dichter in immer wieder anderer Weise sinnvoll gemacht. Er hat keinen starr gefügten Kosmos aus einigen wenigen, selbstgeschaffenen Symbolen, die ihm seine Welt »beleuchten« und deuten. Natur bleibt ihm lebendig. Celan hat sich zur Einmaligkeit seiner Bilder sehr klar geäußert:

Und was wären dann die Bilder?
Das einmal, das immer wieder einmal und nur Jetzt und hier Wahrgenommene und Wahrzunehmende. Und das Gedicht wäre somit der Ort, wo alle Tropen und Metaphern ad absurdum geführt werden wollen.
(Büchner-Rede. GW III. 199)

(Barbara Wiedemann-Wolf: Antschel Paul - Paul Celan. Studien zum Frühwerk. Tübingen 1985: Max Niemeyer Verlag. S. 239)

*

Ein früher, PC überlebender, Sprache reflektierender Zeitgenosse, Jude und Deutscher zog nach 45 folgende syntaktisch und semantisch regel-gerechte Elegie.

GÜNTHER ANDERS
Sprachelegie

Verwüstet liegt das gute Land der Sprache.
Und Sätze ragen, kahl und abgelaubt,
das Nichts in ihren Ästen. Redensarten
stehn schräg im Raum, die Wurzeln in der Luft.
Und Worte, wo du hintrittst: angeschlagen
und eingebeult. Und die vergnügtesten,
die gestern noch mit Pfeifen und Trompeten
durchs Land gezogen ... und die stillen, die
verschämt und innig das Gewesene
noch rückgetönt sie alle liegen wüst
und unverscharrt und unbeweint im Feld.
Und nur ein kleiner Trupp von völlig nackten
und stämmigen Vokabeln kehrt zuletzt
nach Haus zurück. Und hinter ihrem Schritt
steigt hoch der Staub und löscht die Landschaft aus.
*
(Zuerst in: Neue Rundschau. Zweijahresband 1945/46. S. 324)
Aus: Die deutsche Literatur 1945 - 1960. "Draußen vor der Tür". Hrsg. v. H.L. Arnold. München 1995. dtv 12081. S. 122)

*

Flugsand, Grobsand, Wortsand, Sandbett, Sandbuch, sandig, Sandkorn, Sandkornritt, Sandkunst, Sandmuster, Sandstadt, Sandstrom, Sanduhr, Sandvolk, Sandsegel (?)
Verben: versanden

Nein, ich will nicht behaupten, dass PC sich analytisch-interpretatorisch - irgendwie traditionell in Widmungstexten oder Sachgedichten oder Kritiken - mit den vielen Naturlyrikern (besonders mit denen mit Nazi-Vergangenheit...) beschäftigt hat. Ihm waren Kernpunkte, Grundstein-Metaphern vieler Vor- und Nachkriegslyriker im Wortspeicher, im Bewußtsein, die er zu Zitatmosaiken, Collagen, zu Geheimnissen, zu kaleidoskopischen Verständigungstexten, zu Anklängen gestaltete (, die mich immer wieder suggestiv und rational treffen.


PC "Das letzte / reitende Sandkorn" ("Bahndämme...", I. 194);

ein Anti-Gruß an

W. L.:
Oberon

(3. Gedicht im Zyklus "Der Sommeraufenthalt"

Durch den warmen Lehm geschnitten
Zieht der Weg. Inmitten
Wachsen Lolch und Bibernell.
Oberon ist ihn geritten
Heuschreckschnell.

Oberon ist längst die Sagenzeit hinabgeglitten.
Nur ein Klirren
Wie von goldnen Reitgeschirren
Bleibt,
Wenn der Wind die Haferkörner reibt.

(WL, S. 50)

Und für andere für lehmannsche Geistigkeit tröstliche Sandmetaphern...

WL:
Sand
- 3. Gedicht im vierteiligen Zyklus "Nördlicher Juni"

(WL. 16.)

Ja, ich suche Texte, Metaphern, Kernbegriffe, Poetologisches der nichtjüdischen Dichter, die CL als poetische Signaturen des Unverständnisses, des Vorbeischreibens, des dreist-unkundigen Vorbeireitens an jüdischen Überlebenden, an gemeinsam zu verantwortende Geschichte(n) aufgriff, sie anonymisierte, sie ab-griff, nachfragte, sie des jüdischen Leidens und Suchens absurdisierte.


*

Zu: Phelan:
Phelan: Gibt es mich überhaupt? In: Der Monat Nr. 147. Dezember-Heft 1960. S. 43 - 49. (Hab' ich noch nicht eingesehen.)
?Brief von PC an "Herrn Phelan" (Wiedemann 457)
?Ein Selbsttext, ein Parodietext...? (Wiedemann S. 458f.)

Nach Emmerich "Richard Phelan" (Emmerich S. 116/Anm. S. 173f.)

"Rühmkorf" (Wiedemann 662)

Einen Namensträger Phelan gibt es aber, wenigstens nach Peter Rühmkorfs Wissen...

In: P. R.: agar agar-zaurzaurim. Zur Naturgeschichte des Reims und der menschlichen Anklangsnerven. (Original 1981 bei Rowohlt). Nach der TB-Ausgabe 1985, als Es. NF. Bd. 1307: Auf S. 186 bedankt sich Autor Rühmkorf "für Beiträge und Hinweise" u.a. bei "Thony Phelan (Lemington Spa)". Eine komische Ortsangabe...! Ob dieser Gewährsmann noch in Neudrucken des Bändchens enthalten ist...? Ich vermute, P.R. (Geschwind-Erdenker und Reimer) hat sich ideal getarnt gewähnt - und wollte sich doch brüsten - mit "Phelan". Ob er noch in der neuesten Auflage von "agar..." den Gewährsmann benennt..?

*


Rudolf Hagelstange: Memento

An den Wassern Babylons
Haben wir nicht gesessen.
Aber keines Klagetons
Schwingung sei uns vergessen.

Vor den Mauern Jerichows
Haben wir nicht geblasen.
Aber der stürzenden Mauern Stoß
Schreckt uns noch unterm Rasen.

In den Tempeln Jerusalems
Haben wir nicht gebetet.
Doch mit dem Blute Seths und Sems
Ist unser tägliches Brot geknetet.

*

(Nachgedruckt nach: Jahrhundertmitte. Deutsche Dichtung der Gegenwart. Mit einem Nachwort von Friedrich Michael. Frankfurt/M. 1955. Insel-Verlag. 63f. ; Entstehungsjahr unklar; aus: Gesammelte Gedichte 1931 - 1961)

*

Ein Fund, nach langem Suchen:
Zu einem singulären "Memento", dem einzigen, das nach 45 bei den ungeschichtlichen, apolitischen Naturlyrikern ein Gedenken an Juden, jüdisches Leiden - und deren "deutsche", christliche Schuld-Geschichte - einschließt:


Eine historisch und sozialpsychologisch bedingte, kulturelle Leerstelle, ein erschreckendes Menetekel - dieses "Memento": Dieses Gedicht hatte keine Chance im Nachkrieg, der ein Verschweigen war; es hatte keine Rezeptionsgeschichte in der deutschen Literatur, bzw. Literaturwissenschaft; es fand nicht die Bereitschaft, sich mit ihm auseinanderzusetzen, geschweige, seine Intention aufzunehmen und sich innerhalb der Nachkriegsgeschichte mit dem Thema der jüdischen Shoah ("Churban"; richtig geschrieben?) aufzuhalten, gar sich für es zu engagieren...
Lediglich in der großen Gedichte-Anthologie von Karl Otto Conrady (Das große deutsche Gedichtbuch. Kronberg/Ts. 1977. S. 874) fand ich den Text nachgedruckt. Ohne dass es zur Kenntnis genommen wurde, ohne weitere Folgen...


*
Stichworte:

Strandhafer (innert der "Sandkunst", bei PC)
Poetologisches
Reimkonflikte,
Gräber,
Kriegsgerät,
Orte,
Farben (Purpur, Blau,....),
Tiere (Schlange, Eber...,
Bäume,
Früchte (Nüsse)

Blumen (Mädesüß, Engelsüß; Anemone; Asphodelen, Päonien),
Zeit, Ewigkeit, Uhr
Vergangenheit, Aufklärung, Schuld
Ofen, Schornstein, Hochofen


*

Autoren: CP, IB, WL, KK, MH, WHF, HEH, CH, RASch, PR, El (Elisabeth Langgässer),Yvan Goll ...
Joseph von Eichendorff



Stichworte:


Sandkunst:


KEINE SANDKUNST MEHR; kein Sandbuch, keine Meister.

(Atemwende. II. 39)

*

Strandhafer

Fadensonnen:

WEISSGRAU

Landeinwärts, hierher-
Verwehter Strandhafer bläst

(Atemwende. 1. Zyklus. II. 19)

*

VOM ANBLICK DER AMSELN, abends

(...)
Strandhafer, weh
Das Deine hinzu-,

die Zeile, die Zeile,
(...)
(Atemwende. 4. Zyklus. II. 94)

*

WIR, DIE WIE DER STRANDHAFER WAHREN,
in N'we Awiwim,

der ungeküßte
Stein einer Klage
Rauscht auf,
vor Erfüllung,

er befühlt unsere Münder,
er wechselt
über zu uns,

eingetan ist uns
sein Weiß,

wir geben uns weiter:
an dich und an mich,

(...)

(Zeitgehöft. 2. Zyklus. III. 98)

**

Nuss, Nüsse:


WL
"Nur so ungefähr"

Aufsatz:
Kritische Reflexion eines Gedichtes von Georg von der Vring
(In: Dichtung als Dasein. Poetologische und kritische Schriften. Hamburg 1956; in: WL.: Sämtliche Werke. 1962. III. 195ff.)


Georg von der Vring:
Beim Öffnen einer Walnuss

Es ruhn im Holz der Nuss
Gefaltete Wipfel künftiger Bäume;
Wer, weil er fortgehn muss,
Die Schale zerbricht, ihm öffnen sich Träume,

Darin er Inseln schaut,
Weiß aus weißem Geklüft der Nüsse,
Rings vom Abend umblaut
Als vom Hades vom Fluss der Flüsse
*
(Aus: Kleiner Faden Blau. 1954)


Spätere Fassung der letzten Zeile (in: Gedichte. S. 168):
Wie der Hades vom Fluss der Flüsse


Poetologisches, Poetiken:

Lehmann gegenüber den Jungen

Die Kinder verzehren sich:

Eigenartige Abgrenzungen zu den Jungen, die sich "schuldig fühlen":


"um über diesen schmerzlichen Prozeß der ewigen Entzweiung, der ewigen Anklage, des beständigenSich-in-sich-selbst-Verkrampfens, der ungeheueren Schuldgefühls, das und, den heutigen Menschen quält, hinwegzuhelfen und doch zu reiner Musik zu werden...
(S. 602f.)
Zitat aus:

Wilhelm Lehmann: Gespräch mit Siegfried Lenz. In: W.L.: Sämtliche Werke in acht Bänden. Bd. 8: Autobiographische und vermischte Schriften. Hrsg. v. Verena Kobel-Bänninger. Stuttgart 1982. S. 574 - 603.








sarcophagus_cerveteri_m.jpg
www.ishi.lib.berkeley.edu/.../ sarcophagus_cerveteri_m.jpg


?? Kein Mitleid mit...? - Nur Stichwortfragen:::

Hatten Hans Carossa Georg von der Vring Georg Britting Wilhelm Lehmann Johannes Bobrowski Albrecht Goes Reinhold Schneider Georg von der Vring Johannes Bobrowski etc. - keine Zeit für ein Gedenken, keine Zeit für ein Leid- oder Loblied auf jüdische Zeitgenossen....- eine Memento?

Warum konnte oder mußte Celan sich selber einen Todespsalm mit dem berühmten "Purpurwort" schreiben...?



*

Zum Motiv Schlange:

Zu: Celans "Todesfuge":

"Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt (...)"

Eine Assoziation, eher zufällig - ich kann auch nicht in der Celan-Philologie nachgrubbeln:

Hans Carossa hat sein "Rumänisches Tagebuch (Leipzig 1924), später als Tagebuch im Kriege" (Leipzig 1934) als Bataillonarzt an der Ostfront vom Oktober bis Dezember 1916 verfaßt. Er stellte ein Motto voran: "Raube das Licht aus dem Rachen der Schlange."

Zur Deutung der Schlange:

Christlich:

Ambivalent, steht sowohl für Christus als Sinnbild der Weisheit und als am Baum des Lebens erhöhtes Opfer, als auch für den Teufel in seinem chthonischen Aspekt. Die Schlange oder der Drache ist Satan, der Versucher, der Feind Gottes, der den Sündenfall bewirkte; sie steht für die Mächte des Bösen, Zerstörung, das Grab; List und Schlauheit; ebenso für die Macht des Bösen, die der Mensch in sich überwinden muß. Dante setzt die Schlange mit den Verdammten gleich, aber wenn sie den Baum des Lebens umwindet, verkörpert sie die Weisheit und ist wohltätig, während sie im Zusammenhang mit dem Baum der Erkenntnis zum Sinnbild Luzifers wird, arglistig und böswillig. Die Schlange, die sich am Kreuz oder an einem Stock hochwindet, ist ein Urbild für Christus, der erhöht wird am Baum des Lebens zum Heil und zur Rettung der Welt; die Schlange, die sich am Kreuz windet, ist manchmal mit einem Frauenkopf dargestellt, der die Versuchung symbolisiert; die Schlange am Fuß des Kreuzes ist das Böse und verkörpert in dieser Stellung den Sieg Christi über das Böse und die Mächte der Finsternis. Im Christentum kann der Drache anstelle der Schlange auftreten und umgekehrt; wie die babylonische Tiamat, ist der Satan des Christentums »der große Drache, die alte Schlange, die da heißt der Teufel« (Offb. 12,9). Die böse Schlange ist Satan, der Drache der Apokalypse. Tertullian sagt, daß die Christen Christus »die Gute Schlange« nennen. Die Jungfrau Maria zermalmt den Kopf der Schlange der Eva, anstatt ihr zu erliegen. Die eherne Schlange des Moses weist auf die Kreuzigung Christi (so die klugen Christen).

**
Literarisch:

HANS CAROSSA:
[Kein Künstler, kein Dichter unserer Tage soll es bedauern. Auszug]

Kein Künstler, kein Dichter unserer Tage soll es bedauern, daß er in eine harte, gewaltig bewegte, schnell sich verwandelnde Welt hineingewachsen ist; es wird auf ihn selber ankommen, ob sie das Unwandelbare in ihm kräftigen kann oder nicht. In Erdbebengebieten reift mancher gute Wein, und unterirdisch, nicht vielen erkennbar, muß ein Bezug wirken zwischen den erschütternden geschichtlichen Taten einer Epoche und den Hellgesichtern der Phantasie, die gleichzeitig in einsamen Seelen aufsteigen.
Ja, je tiefer eine menschliche Natur im Weltgrunde wurzelt, um so weniger wird sie die Umwälzungen ihres Zeitalters zu fürchten haben, im Gegenteil! Sie wird sich prüfen, wird zu wachsen versuchen an ihnen. Der Bildner, der mit den Dämonen der eigenen Seele ringt, um schließlich, wenn ihm die Gnade hilft, das Licht aus dem Rachen der Schlange zu rauben, er ringt ja nicht für sich allein, und wenn ihm wirklich einmal ein Werk gelingt, so ist es ihm für viele gelungen. Jedem echten Gründer und Beweger fühlt er sich verbunden, und wenn er nun aus seiner kleinen Welt heraus bewundernd sieht, wie draußen auf dem großen sonnenbeschienenen Felde der Tat ein Mann von höchstem Mut und höchster Entschlußkraft um eine neue Form seines Volkes kämpft, so muß es ihn mit Stolz erfüllen, daß er auf seine stille Weise dem gleichen Volke dienen darf. Ermutigt kehrt er zu seinen Aufgaben zurück und wünscht jenem kühnen, das allgemeine Schicksal tragenden Kämpfer und Führer Heil und Glück.

Zitiert nach: August Friedrich Velmede (Hrsg.): Dem Führer. Worte deutscher Dichter. 0. 0. 1941. S. 14 (Tornisterschrift des Oberkommandos der Wehrmacht. Heft 37)

*

So charakterisierte Carossa seine Weltsicht, den immer neuen Versuch, Lebenserfahrungen bis zur existenziellen Bedrohung positiv zu deuten, aus dem intereventiven Toderlebnis, pardon: aus der prophylaktischen Nahtoderwartung eine ästhetische Überlebenschance zu gewärtigen. "Eine konservative Feier des 'Unzerstörbaren' im Chaos", hat Horst Krüger das Bemühen genannt: "Es gibt ein Reich innerer Werte, das übe Not und Tod doch triumphiert - das war seine 'Botschaft'".
(Nach: H. Sarkowicz und A. Mentzer: Literatur in Nazi-Deutschland. Ein biografisches Lexikon. Wien/Hamburg 2000: Europa-Verlag. S. 124)

*

Aber neben Carossa durchsuchte ich viele - meist dezidiert christliche - Lyriker...., die, glaube ich, alle die jüdischen Mitbürger, deutscher Nationaliät, in Deutschland, als ihre Nachbar nicht wahrgenommen haben...

Hans Carossa, Georg von der Vring, Georg Britting, Wilhelm Lehmann, Johannes Bobrowski, Albrecht Goes, Oskar Loerke, Agnes Miegel - und natürlich den "Gro-Kazükazy" (kennen Sie den mit dem Niveau eines "Kaninchenzüchters ..."? - der Gottfried Benn...! (Wusste der G.B., der entglutete Göttlichkeitsbusch, wer - später: was - ein Jude sei..?) Er wusste wohl noch nicht mal, warum er an "Kloaken" herumschrieb.

**

Schalom Ben Schorin:

Salcia Landmann sprach im Zusammenhang mit dem Jiddischen vom »Abenteuer einer Sprache«. Ich erlebte mit der eigenen Muttersprache solche Abenteuer.

Max Brod hat in seinem heute wohl fast vergessenen Roman "Die Frau, die nicht enttäuscht" im Schicksalsjahe 1934 die Gestalt eines jüdischen Schriftstellers deutscher, Sprache, Justus Spira, gezeichnet.
Betroffen liest er ein antisemitisches Gedicht "Die Juden":

Da sitzen sie vereint beisammen
Und kochen neuen Schmus zusammen.
Der Löwi macht in Ölsardinen.
Der Ruben macht in Konfektion.
Der Grünberg macht in Fleischmaschinen.
In Mädchenhandel macht der Kohn.
Der Rosenzweig macht in Getreide.
Der Löwenthal macht in Justiz.
Der Moses macht in Augenweide
Teils Nacktballetts, teils Ringelpiez.

**

Antisemitismus:
Tratschke fragt: Wer war's?

(Vgl. DIE ZEIT vom 28.03.02; ein weiser Brief, ein weiser Mann - nur kenn ich ihn noch nicht...; zitiert in der Kolumne "Wer war's?")

»Nichts ist würgender als der Anblick menschlicher Niedrigkeit«

Als der Krieg zu Ende war, schrieb er einem Freund diesen Brief:

»Liebster Volkmar, nein Sie haben mich mißverstanden: ich werde mich persönlich doch nicht als "Opfer" bezeichnen; im Gegenteil, ich bin dem Hitler für meine Austreibung (ja sogar für die vorangegangene Einkerkerung) höchlich dankbar, denn es heißt etwas, in meinem Alter, ein im wahrsten Sinn des Wortes "neues Leben", beginnen zu dürfen. Ich möchte für mich nichts davon missen.
Aber unpersönlich bin ich ein Opfer, und zwar als Jude. Es wird Sie vielleicht wundern, daß ich das Judenproblem so herausstelle Sie haben sich schon über meine Bemerkung im letzten Brief gewundert , aber ich tue dies nicht aus Ressentiment, sondern nach sehr reiflicher Überlegung. Am Judenproblem zeigt sich nämlich die 'Schuld' des deutschen Volkes: durch volle 20 Jahre hat der Deutsche die toflidiotischste judenhetze mit völliger Gleichgültigkeit betrachtet, und kraft dieser bestialischen Gleichgültigkeit ist er zum Helfershelfer eines bestialisch systematischen Massenmordes geworden.
Sie sehen, ich spreche nicht von Politik (obwohl man an Ludendorff sehen kann, wie Kriegsverbrechen und gemeines Verbrechen zusammenhängen). Ich spreche von gemeinem Verbrechen, nämlich von jenem, das in den Ghettos verübt worden ist. Jeder Deutsche, der nicht im Konzentrationslager gewesen ist und sogar mancher Lagerinsasse ist dieser Beihilfe zum Mord kraft Gleichgültigkeit zumindest verdächtig.
Das soll die übrige Welt nicht reinwaschen. Gleichgültigkeit (und vor allem dem Juden gegenüber) ist eine allgemeine menschliche Eigenschaft. Aber das deutsche Volk und hier denke ich äußerst rassistisch dieses im Guten wie im Bösen extremste Volk des Abendlandes, hat sich wiederum als der Brennspiegel des Weltgeistes erwiesen: es hat, wie ich in einem Nazi Radio gehört habe, die andern Völker den "Adlerflug gelehrt".
Auch in der Kriegführung hat Deutschland die andern Völker den "Adlerflug" gelehrt. Deutschland war gerüstet, der Westen ungerüstet; das war vielleicht eine Schlamperei der Demokratien, heute ist es ihr stärkstes Argument. Daß die englischen Städte weniger als die deutschen verwüstet worden sind, ist kein Argument für deutschen Edelmut, sondern Ergebnis der überraschenden westlichen Rüstungsaufholung. Wäre Deutschland dem Westen in der Konstruktion der Atombombe zuvorgekommen, so würde New York heute das Schicksal Nagasakis teilen. Man kann es Hitler fast als Genialität auslegen, daß er in Erkennung der technischen Möglichkeiten und Notwendigkeiten die Gesamtmenschheit zu seiner Gefolgschaft verpflichtet hat.
Meine gesamte Arbeit und mein gesamtes Denken ist nun seit vielen Jahren mit diesem einzigen Problem beschäftigt: wie kann der Mensch (also keineswegs nur der Deutsche) wieder auf die Bahn zunehmender Humanisierung gebracht werden? Die eigentliche praktische Lösung wird dessen bin ich sogar sicher von Deutschland ausgehen, weil dort die Schuld am akzentuiertesten gewesen ist und weil dort der mystische Zusammenhang von Schuld und Sühne am handgreiflichsten zutage tritt. In der Regeneration der Welt wird Deutschland die führende Rolle spielen, sobald der Deutsche erfaßt haben wird, was Schuld durch Gleichgültigkeit bedeutet. In diesem Sinn haben Sie durchaus recht, wenn Sie sagen, daß ich für Deutschland schreibe.
Und darum bin ich auch der Ansicht, daß jeder, der guten Willens ist, nach Deutschland zurückkehren kann und soll, jeder und doch kein Jude: denn der Täter wird beim Anblick des Opfers verstockt, und außerdem würden ja nicht die Toten, sondern die Lebenden heimkehren, die sich überdies noch vielfach als >Sieger< benehmen und damit den Hitlergeist nur wieder frisch anfachen würden.
Ich persönlich will außerdem nicht zurückkehren, weil ich nicht wieder in die Zwangslage geraten will, verachten zu müssen. Von allem, was ich in Hitler Deutschland erlebte, war der Ekel vor dem Menschen und seiner Sturheit das Furchtbarste; nichts ist wahrer als das Bild vom "würgenden" Ekel, und nichts ist würgender als der Anblick menschlicher Niedrigkeit. Was ich so an Niedrigkeit (an der Universität etc.) erlebt habe, möchte ich nicht wiedererleben; man mag es Wehleidigkeit nennen, aber ich möchte diese Menschen nicht wiedersehen müssen. Hier war ich wenigstens noch nicht zu solcher Verachtung gezwungen.
Ich hoffe, daß ich mich diesmal klarer ausgedrückt habe. Im übrigen bekommen Sie sehr bald ein Kapitel des Massenwahnes; das sei Ihnen nicht erspart. Grüßen Sie Prinz und Prinzessin in Freundschaft und nehmen Sie sehr herzliche Gedanken Ihres ...
Wer war's?
Hermann Broch, an seinen Freund Volkmar von ...
Zeit Nr. 14. 27.03.02. S. 71..

**


Hans Dieter Schäfer: Das gespaltene Bewußtsein. Ullstein-TB 34178.

Hans Dieter Schäfer [Hrsg.]: Am Rande der Nacht. Moderne Klassik im Dritten Reich. Ullstein-TB 34212


**

"pfeift..."

Erinnert mich an Tucholskys "Rosen auf den Weg gestreut"; ist aber nicht wesengleich oder abhängig:

Tucho:

(...; erste Strophe)
"Pfeift euerm Hund, wenn er kläfft-:
Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft!"
(Zuerst: WB 13, 452)
*
Wege, Spuren - von der absoluten Lyrik zurück zur Naturpoesie...?


Ich finde magische Wörter, die bei Lehmann positiv - alleinig naturverbunden, mythologisch, als Religionsersatz gebraucht werden, "ver-kehrt" bei Celan:

"Aus dem Purpurkrater ihrer Nüstern raucht Vesuv..."
(bei W.L.: "Der alte Gutsherr auf seinem verfallenen Besitz")


"Purpurwort... " ... "Niemandsrose" (bei P.C., in: "Psalm"; in "Die Niemandsrose". Bd. I. S. 225)
- Abe das Thema - Naturlyrik und ihre Ver-flücht-igung, ihre Zerlegung in Schrot, Schrott und Wortschotter - dürfte abgegrast sein....?!
Purpurwicke:


Purpur:
*
Aus seiner Jugend könnte ihm bekannt Carossa sein:

"...purpurne Liebesrunen."

Er trägt das Gedicht eines gefallenen Kameraden vor, "mit lauter Stimme:

»Laßt uns den Hügel bauen am Berge Kishavas, ein Mal den Getöteten auf der bereiften Felsen und Wacholderflur! Dem Gesetze treu, ohne Klage, unbemerkt, bluten sie hin auf den fremden Steinen, wo kein Eichbaum grünt. Wie das endet, wer schaut? Finster brüten Völker. Habet acht, o Freunde! Seht ihr einen Sterbenden, demütig bittet ihn, daß er heilsam sterbe, keine Flüche denke!
Bald ist alles Vorspiel nur. Alle gehn wir morschen Weg. Tote Hände, bedeckt sie mit Wacholderzweigen bläulich düster!
Wer aber heimkehrt, halte Bereitschaft! jeden mit anderer Stimme ruft Gott. Ein grader Wandel ist euer, ein langer Werktag, selten ein Fest, selten ein feiernd Lied. Schlummert wachsam, wie die Gemse schläft!
Denkt grauer Wahrsagung! Feindseliger Schein traf die Länder. Kaum atmet noch der Glühende, der vom Pol her den Fluch Engeln wehrt.
Unsern Schlaf überschleicht ein stummer Mut Ermüder, Vogel von Antlitz, doch nicht beschwingt, unzeugerisch, ob auch elektrische Kräfte verströmend. Wollüstig alle beugt er, selbst unbeugbar.
Die strengen, bindenden Worte fallen aus Kindes Gedächtnis. Raben tragen die goldnen Bücher aus dem Heiligtum.
Opfer, was frommen sie noch dem, der den Ruf überhörte? Der Dom stürzt ein über Altar und Beter, und abgesprengt, noch klingend vom Pilger Bittgesang, ins Meer hinaus, verbrennend, schwimmt die Brücke.
Der Geist wird stehn vor der Tür seines eigenen Hauses und nicht heimfinden. Gras wächst auf der Schwelle des Meisters und Herrn. Dessen Seele ist Eis geworden, klares, rundes, gediegenes Eis, und alle Lust wund und wirr, wie der Fisch unterm Eise sich freut.
Der du heimkehrst, halte Bereitschaft! Wirf ab die kleinen Träume! Stifte klares Vergessen! Segne dich ein in ein eigenes Gebot, und bevor du umschritten dreimal das heilige Feuer, schlafe nicht bei deiner Braut!
Selig, wer Flügel regt mitten in Zeiten Gruft! Heil schöpft er aus Unheil. Oh, und wenn Welt vergeht und neue erst unkenntlich gärt, immer dann schwebt eine tiefe blaue Stunde voll Freiheit und voll Hellgesicht, wo Rhythmus Woge Geister hebt, bis die ganz neues Ufer schaun und nun erst recht sich freun des Flugs!
Sonne, die große Seele, weiß nichts von Auf und Untergang, und brennt sie nicht in uns? Geschieht nicht stündlich fern
und nah beherzte Liebestat? Das Innig Ewige, wehts über Meere nicht von Stirn zu Stirn als wie ein Hauch? Und sinds die zarten Hauche nicht, aus denen Gott Sturm wächst?
Kommet, Boten der Gnade! Wohnet nicht länger auf Bergen, besucht von toten Sehern, bei Adlern wolkenfeucht! Erscheinet, herztrunken, wo bei verloschnen Herden Geschwister glühend harren! Wecker, weckt uns den Ruf!
Wie soll auferstehn, was nie begraben ward? Geht um in zwölften Stunden! Lest auf aus taubem Schutte das oft zerbrochne Menschenbild! Mauert es heimlich ein unter die neuen Gebäude!
Ihr kündet keine neue Lehre; schon viel ist uns gelehrt. Auf schwebender Grenze von Licht und Urnacht naht ihr euch singend. Wen ihr grüßet, der ändert sein Leben. Euer himmlisches Lied geht über in jedes Gewissen.
Ihr wandelt harte Kette in leichten Zauberzügel. Der Gefesselte lenkt seinen Feßler, und beide erkennen dieFreiheit.
Und wer, an Erbschaft gebunden, verwurzelt in Unterwelt, mit Milch und Korn sparsam genährt, sich als ein Bleibender wandelt, suchet am Sonntag ihn heim! Saget auch ihm Gefahr und Herrlichkeit unsers Lebens! Dann mag er dem Erdreich getrost vielfältige Frucht abgewinnen! Nur was ihm zukommt, behält er; fromm wirft er den ersten Schnitt in die Säule des ewigen Brandes, die Nahrung der Geister zu mehren.
Auf Rinden und Gesteinen wie Wandrer alter Zeit hinterlasset ihr Zeichen einander, sogar in Sand und Schnee, und fällt euch der Tod an am Wege, vergehend lockt ihr noch mit Speise und sanfter Beschwörung wilde Vögel vom Himmel, schreibt auf weißen Fittich purpurne Liebesrunen.
Wir aber bauen ein Grabmal am Berge Kishavas, ein Mal unsern Toten auf der bereiften Felsen und Wacholderflur!
Noch wintern Rumäniens Gipfel, am Himmel aber ist Frühling. Die Haut der Birke wird bräunlich und blättert ab, darunter schimmert silbern schon die neue. Wir wirbeln hin wie Laub in fremde Felder, was quillt aus unserm Tod?
Glauben, sternhaft gesammelt, laßt ihn glühn mit beständigem Licht! Vielleicht nach Monden und Jahren trifft es den reinen Kristall der göttlich erstarrten Seele. Die zwar bleibt Eis, die schmilzt nicht mehr; aber wie eine Linse, unwissend, biegt sie vielfarbige Strahlen zu fernem Brennpunkt hinüber, da schlägt neue Flamme aus uraltem Boden.
Vermorscht sind schon die Leichen am Berge Kishavas, verrostet unsre Waffen, vergessen unser Kranz, da freuen Menschen sich wieder unschuldig des Brotes und Weines, die uns verbittert sind. Aus wildem Ahnendrang ist lockere Krume bereitet, die Seele frei zu nie gewagtem Opfer. Aus erschüttertem Blut steigen kühne Beginner, und die Satzungen sind Gesang.«
(Hans Carossa: Rumänisches Tagebuch. S. 168ff.)

*
Naturlyrisch-lieblich:
[Hermann Löns 1866 - 1914]

Mohnblumen

Mit roten Feldmohnblumen
hatt' ich dein Haar geschmückt,
die roten Blumenblätter
die sind nun alle zerdrückt.

Du bist zu mir gekommen
beim Abendsonnenschein,
und als die Nacht hereinbrach,
da ließest du mich allein.

Ich höre die Stille rauschen
und seh' die Dunkelheit sprühn,
vor meinen träumenden Augen
purpurne Mohnblumen blühn.

*
Georg Britting
DER KUCKUCK

Der Mai ging hin, im Blütenrausch sterbend. Stark
Nun kommt der Juni, knabenhaft nicht mehr, nicht
Mehr Frühling. Sommer! schreit er lauthals,
Über die Wälder hin schreit er: Kuckuck!
Der Kuckuck schweigt und seine Genossin nicht.
Sie will die Lust auch. Späher im Busch, du hast
Das Paar ertappt und sahst es einig?
Purpurrot glühen der Mond, die Sterne.
In fremden Nestern wächst dann die Brut heran.
Der Erbe stürzt. Und siegerisch lärmt das Pack.
Den kleinen Müttern hüpft das Herz: Sie
Wundern sich über die starken Söhne.
(Aus "Georg Britting, Sämtliche Werke". Band 4 Seite 158 )

**

Benn, praktisch, pragmatisch, fiktional:

Benn, poetologisch, abgeklärt, kritisch:

**
Aus der sakrosankten Religionsgeschichte::


Bei Heine zu lesen und der religiösen Ästhetik zuzuordnen:

Im Gebet erlischt diese Welt, mit ihren Gefahren, ihren Fährnissen, ihrer Schönheit, ihrem Grauen. Es erhebt sich vor dem seelischen Auge, also in der Psyche, die bereit ist, in einen religiösen und ästhetischen Tiefenraum einzutreten, eine Kulisse des Königlichen, der Herrlichen, des Herrschaftlichen..

Die Imagination des Purpurs, des königlichen Purpurmantels:

... es ward ihr (Sara, des Rabbis Frau) schwarz vor Augen ein Eisstrom ergoß sich in ihre Seele und wie im Schlafe hörte sie nur noch, daß ihr der Rabbi das Nachtgebet vorbetete, langsam ängstlich, wie es bei totkranken Leuten geschieht, und träumerisch stammelte sie noch die Worte. »Zehntausend zur Rechten, zehntausend zur Linken; den König zu schützen vor nächtlichem Grauen ... «
Da verzog sich plötzlich all das eindringende Dunkel und Grausen, der düstre Vorhang ward vom Himmel fortgerissen, es zeigte sich oben die heilige Stadt Jerusalem, mit ihren Türmen und Toren; in goldner Pracht leuchtete der Tempel; auf dem Vorhofe desselben erblickte die schöne Sara ihren Vater, in seinem gelben Sabbatschlafrock und vergnügt mit den Augen lachend; aus den runden Tempelfenstern grüßten fröhlich alle ihre Freunde und Verwandte; im Allerheiligsten kniete der fromme König David, mit Purpurmantel und funkelnder Krone, und lieblich ertönte sein Gesang und Saitenspiel, und selig lächelnd entschlief die schöne Sara.
*
Nachtgebet: Hohes Lied 3,7f, (Briegleb S. 844)
Aus: H.H.: Der Rabbi von Bacharach. In: H.H.: Sämtliche Schriften. Hrsg. v. K. Briegleb. Bd. I. München 1968: Carl Hanser Verlag. S. 473f.)

Historie:
Greifen wir in die Farbenlehre der jüdischen Geschichte:

Purpur als Farbe, als gefärbter Textilstoff:

An der Küste Palästinas kommen bis heute zwei Arten von Purpurschnecken vor, Murex brandaris und Murex trunculus. Aus einer Drüse sondern sie eine Flüssigkeit ab, die zuerst weißlich bis grün aussieht, unter dem Einfluß Der Sonnenbestrahlung aber violett (hebr. tekelät; assyr. takiltu; LÜ meist: blauer P.) wird und durch Zusätze in Rot (hebr. argaman; assyr. argamannu; LO meist: roter P.) umgefärbt werden kann. Herstellung und Handel von P. war im Altertum Monopol der Phönizier, die den P. nach Palästina und dem übrigen Vorderen Orient ausführten. Z. Zt. des NT war die Stadt Thyatira in Kleinasien durch ihren P.handel berühmt (Apg 16,14). Sowohl der Farbstoff wie der gefärbte Stoff wurden P genannt.
Zur Zeit des Auszugs aus Ägypten war P. den Israeliten bereits bekannt und wurde in der Stiftshütte zum Vorhang des Heiligtums (2 Mo 26,31 und 36), für die Teppiche (2 Mo 26, 1 4) und für die Kleidung des Hohenpriesters und der anderen Priester (2 Mo 28) verwendet. Nach 2 Chron 3,14 sind die Vorhänge im Tempel aus P. hergestellt. In Jer 10,9 wird blauer und roter P. als Kleidung von Götzenbildern genannt. Sonst war P. die Farbe der Könige und Fürsten (Est 8,15; Hes 23,6; Dan 5,7.16) und der Reichen (Spr 31.,22; Lk 16,19). Der »P.mantel«, der Jesus zum Spott um die Schultern gelegt wurde, war ein gewöhnlicher, roter Soldatenmantel (griech, kokkinos = scharlachrot: Mt 27,28; porphyra bzw porphyrous = Purpur bzw. purpurfarben: Mk 15, 17.20; Job 19,2). Vgl. Scharlach.
Purpurkleid, Purpurmantel = Purpur ; als Purpurkrämerin Lydia; Purpurrock der Hoherpriester
(Lex.-Art. aus: F. Riecker: Lexikon zur Bibel. Wuppertal 1991. Sp. 1105f.)

Celan ware diese historischen und poetischen Farbenaspekten in ihren aufschmückenden und sinnfällig hierarchisch und machtvollen Bedeutungen für sein Leben und seine Wortmosaiken abhold.

*

Also so - poetologisch fixiert:
Naturlyrik:

Wilhelm Lehmann:
Er zitiert Goethe als Motto für sein erste Buch "Antwort des Schweigens" (1935)
"Naturgeheimnis werde nachgestammelt..."
(W.L.: GW. Bd I: Sämtliche Gedichte. 1982. S. 9)

Bei Goethe (vollständig) selbst, großzügig, empirisch interessiert:
"Betrachtet, forscht, die Einzelheiten, sammelt,
Naturgeheimnis werde nachgestammelt.
("Trilogie der Leidenschaft - Elegie" ; zitiert nach Lex. d. Goethe-Zitate. Sp. 664))
*

Gottfried Benn:
1886

Ostern am spätesten Termin,
an der Elbe blühte schon der Flieder
dafür Anfang Dezember ein so unerhörter Schneefall,
dass der gesamte Bahnverkehr
in Nord und Mitteldeutschland
für Wochen zum Erliegen kam.

Paul Heyse veröffentlicht eine einaktige Tragödie.
Es ist Hochzeitsabend, die junge Frau entdeckt,
dass ihr Mann einmal ihre Mutter geliebt hat,
alle längst tot, immerhin
von ihrer Tante, die Mutterstelle vertrat,
hat sie ein Morphiumfläschchen:
»störe das sanfte Mittel nicht«,
sie sinkt zurück, hascht nach seiner Hand,
Theodor (düster, aufschreiend):
»Lydia! Mein Weib! Nimm mich mit Dir«!
Titel: »Zwischen Lipp' und Kelchesrand.«

England erobert Mandelai,
eröffnet das weite Tal des Irawaday dem Welthandel;
Madagaskar kommt an Frankreich;
Russland vertreibt den Fürsten Alexander
aus Bulgarien.

Der Deutsche Radfahrbund
zählt 1500 Mitglieder.
Güssfeld besteigt zum ersten Mal
den Montblanc über den Grand Mulet.
Die Barsois aus dem Perchinozwinger
im Gouvernement Tula,
die mit der besonders tiefbefahnten Brust,
die Wolfsjäger,
erscheinen auf der Berliner Hundeausstellung,
Asmodey erhält die Goldene Medaille.

Die Registertonne wird einheitlich
auf 2,8 cbm Raumgehalt festgesetzt;
Übergang des Raddampfers zum Schraubendampfer;
Rückgang der Holzschiffe;
über das chinesische Kauffahrteiwesen
ist statistisch nichts bekannt;
Norddeutscher Lloyd: 38 Schiffe, 63 000t,
Hamburg Amerika: 19 Schiffe, 34200 t,
Hamburg Süd: 9 Schiffe, 13 500 t.

Turgenjew in Baden Baden
besucht täglich die Schwestern Viardot,
unvergessliche Abende,
sein Lieblingslied, das selten gehörte:
»wenn meine Grillen schwirren«
(Schubert),
oft auch lesen sie Scheffel's Ekkehard.

Es werden entdeckt:
der flügellose Vogel Kiwi kiwi in Neuseeland,
der augenlose Molch in der Krainer Tropfsteinklamm,
ein blinder Fisch in der Mammuthhöhle von Kentucky.
Beobachtet werden: Schwinden des Haarkleides (Wale, Delphine),
Weisslichwerden der Haut (Schnecken, Köcherfliegen),
Panzerrückbildung (Krebse, Insekten)
Entwicklungsfragen,
Befruchtungsstudien,
Naturgeheimnis,
nachgestammelt.

Kampf gegen Fremdwörter,
Luna, Cephir, Chrysalide,
1088 Wörter aus dem Faust
sollen verdeutscht werden.
Agitation der Handlungsgehilfen
für Schliessung der Geschäfte an den Sonntagnachmittagen,
sozialdemokratische Stimmen
bei der Wahl in Berlin: 68535.
Das Tiergartenviertel ist freisinnig,

Singer hält seine erste Kandidatenrede.
13. Auflage von Brockhaus'
Konversationslexikon.

Die Zeitungen beklagen die Aufführung
von Tolstoi's »Macht der Finsternis«,
dagegen ist Blumenthal's »Ein Tropfen Gift«
eines langen Nachklangs von Wohllaut sicher;
»Ober dem Haupt des Grafen Albrecht Vahlberg,
der eine geachtete Stellung in der hauptstädtischer Gesellschaft
einnimmt,
schwebt eine dunkle Wolke«,
Zola, Ibsen, Hauptmann sind unerfreulich,
Salambo verfehlt,
Liszt Kosmopolit,
und nun kommt die Rubrik
»Der Leser hat das Wort",
er will etwas wissen
über Wadenkrämpfe
und Fremdkörperentfernung.

Es taucht auf:
Pithekanthropos, Javarudimente,
die Vorstufen.
Es stirbt aus:
der kleine Vogel von Hawai
für die königlichen Federmäntel:
ein gelber Flaumstreif an jedem Flügel, -
genannt der Honigsauger.

1886
Geburtsjahr gewisser Expressionisten,
ferner von Staatsrat Furtwängler,
Emigrant Kokoschka, Generalfeldmarschall v. W. (+),

Kapitalverdoppelung
bei Schneider Creuzot, Krupp Stahl, Putiloff.
(E.: 1944; aus: G.B.: Gedichte. FT 5231. 1993. S. 324ff.; S. 559)

*

Paul Celan (der existenziell Ent-Geisterte, der Ent-Sonnte, dem Gott und Welt, ICH und DU nicht mehr ineins gerieten, nur in ihren Negativformen und -Groteskmetaphern und Wirschreien, Un-Wirrschem, Wir-Entzweiten): im kalaidoskopischen Gedicht:




Paul Celan:

DIE NACHZUSTOTTERNDE WELT,
bei der ich zu Gast
gewesen sein werde, ein Name,
herabgeschwitzt von der Mauer,
an der eine Wunde hochleckt.

(Aus: Schneepart. Das Erstgedicht des 2. Zyklusses. 1971. - Nach W. Emmerich, der dieses Gedicht an den End- und Kenotaph seiner Biographie setzt, vom Autor am 23. Janauar 1968 geschrieben, einem seiner Jänner-Daten.) In: P. C.: Gesammelte Gedichte. II, 349)

- Mein kaladeiskopisches Gegengeschenk: Den Text denke ich be-bildert mit dem Foto eines jüdischen, frommen Manns, der vor der Klagemauer in Jerusalem steht, mit dem Handy am Ohr - oder mit Bild des Papsts, dekorativ gebeugt, der einen Gebetszettel in eine dortige Ritze schiebt. (Vom Sicherheitsdienst zurückgereicht...) Mit beiden Fotos...!


Niemandrose - Erlösungssehnsucht:

Gottfried Benn
Spät im Jahre

Spät im Jahre, tief im Schweigen
dem, der ganz sich selbst gehört,
werden Blicke niedersteigen,
neue Blicke, unzerstört.

Keiner trug an deinen Losen,
keiner frug, ob es gerät ,
Saum von Wunden, Saum von Rosen -,
weite Blicke, sommerspät.

Dich verstreut und dich gebunden,
dich verhüllt und dich entblößt ,
Saum von Rosen, Saum von Wunden -,
letzte Blicke, selbsterlöst.

**

GOTTFRIED BENN
Englisches Café

Das ganz schmalschuhige Raubpack,
Russinnen, Jüdinnen, tote Völker, ferne Küsten,
schleicht durch die Frühjahrsnacht.

Die Geigen grünen. Mai ist um die Harfe.
Die Palmen röten sich. Im Wüstenwind.

Rahel, die schmale Golduhr am Gelenk:
Geschlecht behütend und Gehirn bedrohend:
Feindin! Doch deine Hand ist eine Erde:
süßbraun, fast ewig, überweht vom Schoß.

Freundlicher Ohrring kommt. In Charme d'Orsay
Die hellen Osterblumen sind so schön:
breitmäulig gelb, mit Wiese an den Füßen.

O Blond! O Sommer dieses Nackens! O
diese jasmindurchseuchte Ellenbeuge!
Oh, ich bin gut zu dir. Ich streichle dir
deine Schultern. Du, wir reisen:

Tyrrhenisches Meer. Ein frevelhaftes Blau.
Die Dorertempel. In Rosenschwangerschaft die Ebenen.
Felder sterben den Asphodelentod.

Lippen, verschwärmt und tiefgefüllt wie Becher,
als zögerte das Blut des süßen Orts,
rauschen durch eines Mundes ersten Herbst.

O wehe Stirn! Du krank, tief im Flor
Der dunklen Brauen! Lächle, werde hell:
Die Geigen schimmern einen Regenbogen.
(G.B. Gedichte....)

**
Literatur:

Koelle, Lydia: Paul Celans pneumatisches Judentum. Gott-Rede und menschliche Existenz nach der Shoah. Mainz. 1997.

Ross, Werner: Die Botanik des Dichters. (Aufsatz)
In »Neue Zürcher Zeitung« (Nr. 2461/ 30. 06. 1961. S. ??)

Hans Egon Holthusen: Naturlyrik und Surrealismus. Die lyrischen Errungenschaften Karl Krolows. In: Ja und Nein. Neue kritische Versuche. München 1954: Piper. (??) [Angegeben in der Zitatvorlage: S. 96]


****
Stichwort 1:
Sein, Zeit, Ewigkeit...
Geologisch-archäologischer Ort: Cerveteri

Wilhelm Lehmann:
ORANGE IM DEZEMBER

Leicht und schwer und bernsteinhell, Orange,
Die ich nur im Augenreime fange,
Die mein Nagel ritzt,
Daß ihr Saft verspritzt.

Duft, der ihr entquillt,
Warte, bis er schwillt
Und mich tragen mag
An vergangnen Tag:

Maisgelb strömt das Licht:
Mehr als ein paar Stufen nicht
In die Erde brauche ich,
Zu den Gräbern tauche ich:
Ich bin in Cerveteri.

Leben will nicht enden
An den Gräberwänden,
Auf dem Sarkophag
Irdisches Gelag.
Heiter wie im Fleische sie,
Seh ich, die einst waren,
Tanzen, fischen, reiten, fahren

Oben führt ein Weg dahin entlang Limonen.
Kleiner Duft, hilf das Gewesene bewohnen.
(Datierung des Gedichts: 9.12.1966; 11.12.1966)

*
Eine Vorform des Gedichts lautet:
W.L.:
ORANGE

Leicht und schwer, du, bernsteingelb, Orange,
Die ich nur im Augenreime fange,
Die mein Nagel ritzt,
Daß ihr Saft verspritzt.
Haucht ihr Duft, hör ich: Civita vecchia!
Und ins Ohr rauscht mir die Adria.
(Fassung der Handschrift)
(Text nach: WL: Gesammelte Werke in acht Bänden. Bd. 1. Sämtliche Gedichte. Stuttgart 1982: Klett-Cotta. S. 305; 487f.)

*

Erläuterung Lehmanns:
Cerveteri: Stätte etruskischer Grabkammern, nicht weit von Rom.
[Civita vecchia = alte Stadt, Stätte]

Das Motiv der südlichen Lebensfülle und künstlerisch und religiös gleichrangigen, etruskischen Begräbnisstätte gehen zurück auf einen Italien-Aufenthalt Lehmanns im September/Oktober 1959, als Gast der Villa Massimo; Erstveröffentlichung des Gedichts in "Sichtbare Zeit" (1967); publiziert im Februar 1967, zum 85. Geburtstag am 4. Mai im Sigbert Mohn Verlag, eine Sammlung von dreiunddreißig Gedichten, mit dem Untertitel "Gedicht aus den Jahren 1962 bis 1967".
*
Bezüge:
D.H. Lawrence: Cerveteri (1927)
(...)
Das Grotta Bella genannte Grab ist interessant wegen der Flachreliefs und der Stuckreliefs auf den Pfeilern und den Wänden rings um die Grabnischen und über dem steinernen Totenbett, das um die Grabkammer herumläuft. Die meisten dargestellten Gegenstände sind Waffen und kriegerische Abzeichen: Schilde, Helme, Brustharnische, Beinschienen, Schwerter, Speere, Schuhe, Gürtel, das Halsband eines Edelmanns; ferner die geweihte Trinkschale, das Zepter, der Hund, der dem Manne sogar auf seiner Totenreise als Wächter beisteht, die beiden Löwen, die das Tor des Lebens oder Todes flankieren, der Triton oder Meermann und die Gans: der Vogel, der auf dem Wasser schwimmt und seinen Kopf tief in die Flut des Anfangs und Endes taucht. Sie alle sind auf den Wänden dargestellt. Und sie alle wurden zweifellos, als tatsächliche Gegenstände oder als Sinnbilder, mit in dieses Grab gelegt. Doch nichts ist zurückgeblieben. Wenn wir daran denken, welch einen großen Schatz jedes Grab von einiger Bedeutung enthalten haben muß, und daß jeder große Tumulus mehrere Gräber bedeckt, und daß wir in der Gräberstadt von Cerveteri noch Hunderte von Gräbern entdecken können, und daß andere Gräber in großer Zahl auf der andern Seite der alten Stadt, nach dem Meer zu, liegen, so gewinnen wir eine Vorstellung von dem ungeheuren Reichtum, den diese Stadt aufbringen konnte, um ihn mit ihren Toten zu begraben; und das zu einer Zeit, als Rom sehr wenig Gold besaß und selbst Bronze dort rar war.
Die Gräber wirken so behaglich und freundlich, obwohl sie unter der Erde aus dem Fels gehauen wurden. Man fühlt sich nicht bedrückt, wenn man hinabsteigt. Teilweise ist das offenbar dem besonderen Zauber des natürlichen Ebenmaßes zu verdanken, wie er allen etruskischen Dingen der unverdorbenen, noch nicht romanisierten Jahrhunderte eigen ist. Aus Formen und Bewegungen der unterirdischen Wände und Räume spricht eine Schlichtheit und zugleich eine sehr eigenartige ungezwungene Natürlichkeit, die sofort tröstlich stimmen. Die Griechen waren bestrebt, Eindruck zu machen, und in der Zeit der Gotik war man in noch stärkerem Maße bemüht zu beeindrucken. Nicht so die Etrusker. Die Dinge, die sie während der Jahrhunderte ihres Wohlstandes hervorbrachten, sind ebenso natürlich

und ungezwungen wie das Atmen. Sie atmen eine gewisse Lebensfülle. Das gilt sogar von den Gräbern. Und darin besteht der wahre Vorzug der Etrusker: in ihrer ungezwungenen Natürlichkeit und ihrem Lebensüberschwang. Sie haben nicht das Bedürfnis, dem Geist oder der Seele eine bestimmte Richtung aufzuzwingen.
Und der Tod war für die Etrusker eine heitere Fortsetzung des Lebens, mit Edelsteinen und Wein und mit Flöten, die zum Tanz aufspielten. Er war weder eine ekstatische Seligkeit, ein Himmel, noch ein qualvolles Purgatorium. Er war einfach eine natürliche Fortdauer der Lebensfülle. Alles fand seinen Ausdruck in Begriffen des Lebens, des Lebendigen.
Doch alles Etruskische, außer den Gräbern, wurde vernichtet. Es mutet einen seltsam an. Man tritt wieder in die Aprilsonne hinaus, auf den versunkenen Weg zwischen den lieblichen, grasbewachsenen Grabhügeln, und im Vorübergehen blickt man die Stufen hinunter auf die türlosen Eingänge der Gräber. Es ist alles so still und freundlich und heiter. Der Ort strahlt solch eine Ruhe aus.
Die BK, die eben erst aus Indien zurückkam, ist sehr überrascht, die phallischen Steine an vielen Grabeingängen zu sehen. Wahrhaftig, es ist wie die Schiwalingam in Benares! Genau wie die Lingamsteine in den Schiwahöhlen und Schiwatempeln!
Und etwas anderes ist seltsam. Man kann sein ganzes Leben lang alle Bücher über Indien oder Etrurien lesen, ohne jemals ein einziges Wort über die Sache zu finden, die einen während der ersten fünf Minuten in Benares oder in einer etruskischen Gräberstadt beeindruckt: nämlich das phallische Symbol. Hier ist es, in Stein, unverkennbar und überall im Umkreis dieser Gräber. Hier ist er, groß und klein, an den Eingängen aufgerichtet oder, ganz klein, in
den Fels eingefügt: der phallische Stein! Vielleicht wurden manche Tumuli von einer phallischen Säule gekrönt, bei andern stand sie vielleicht am Eingang. Es gibt kleine phallische Steine, die nur 18 bis 2o Zentimeter lang sind und in den Fels vor den Eingängen eingefügt wurden; sie scheinen immer draußen gestanden zu haben. Und diese kleinen Lingams sehen aus, als ob sie ein Teil des Felsens wären. Doch nein: die BK nimmt einen in die Hand. Er ist abgeschnitten und in eine Höhlung eingepaßt, die zuvor mit Mörtel ausgeschmiert war. Die BK steckt den phallischen Stein wieder in seine Höhlung, in die er wahrscheinlich fünfhundert oder sechshundert Jahre vor Christi Ge burt eingefügt worden ist.
Die großen phallischen Steine, die wie gesagt wahrscheinlich die Tumuli krönten, sind zuweilen schön ausgemeißelt, zuweilen mit Inschriften versehen. Die Gelehrten nennen sie cippus, cippi. Doch sicherlich ist der Cippus eine gestutzte Säule, die für gewöhnlich als Grabstein verwandt wurde: eine ganz gedrungene, oft viereckige Säule, die gestutzt wurde, um möglicherweise ein abgeschnittenes Leben darzustellen. Manche der kleinen phallischen Steine sind derart gestutzt. Doch andere sind lang, gewaltig und geschmückt; auch weisen sie den doppelten Kegel auf, der sicherlich phallisch ist. Und die kleinen, eingefügten phallischen Steine sind nicht gestutzt.
Neben dem Eingang mancher Gräber steht ein gemeißeltes Steinhaus, oder vielmehr die steinerne Nachbildung einer Lade mit schrägen Deckeln, wie die beiden Dachsei ten eines länglichen Hauses. Der junge Führer, der Eisenbahnarbeiter und kein tiefgründiger Gelehrter ist, murmelt, jedes Frauengrab habe ein solches Steinhaus oder solch eine Lade über sich über dem Eingang, sagt er , und auf jedem Männergrab stehe ein phallischer Stein oder
Lingam. Da aber die großen Gräber Famliengräber seien, hätten sie vielleicht beides gehabt.
Das Steinhaus, wie er es nennt, erinnert an die Arche Noah ohne den Schiffsteil: an den Arche Noah Kasten, den wir als Kinder besaßen, und der voller Tiere war. Und das stellt es auch dar: die Arche, die Arx, den Schoß. Den Schoß der ganzen Welt, der alle Geschöpfe hervorbrachte. Den Schoß, die Arx, in dem das Leben seine letzte Zuflucht findet. Den Schoß, die Bundeslade, die das Geheimnis des ewigen Lebens, das Manna und die Mysterien birgt.
Da steht sie, fortgerückt vor den Eingang der etruskischen Gräber in Cerveteri.
Und vielleicht finden wir in der beharrlichen Wiederkehr dieser beiden Symbole der etruskischen Welt den Grund für die völlige Zerstörung und Vernichtung des etruskischen Bewußtseins. Die neue Welt wollte sich von diesen verhängnisvollen, beherrschenden Symbolen der alten Welt, der alten naturhaften Welt befreien. Das etruskische Bewußtsein wurzelte wohlgemut in diesen Symbolen, dem Phallus und dem Schoß. So mußten denn das ganze Bewußtsein, der ganze etruskische Puls und Rhythmus ausgerottet werden.
Nun erkennen wir wieder, unter den blauen Himmeln, wo die Lerchen in der heißen Aprilluft singen, weshalb die Römer die Etrusker lasterhaft nannten. Selbst in ihren besten Zeiten waren die Römer nicht gerade Heilige. Aber sie meinten, von Rechts wegen hätten sie es sein müssen. Sie haßten den Phallus und den Schoß, weil sie Imperium und Herrschaft und vor allem Reichtümer gesellschaftlichen Gewinn erstrebten. Man kann nicht fröhlich zum Klang der Doppelflöte tanzen und zugleich Völker knechten oder in großen Geldern wühlen. Delenda est Carthago. Für den gierigen Mann ist jeder, der seiner Gier im Wege steht, das leibhaftige Laster.
(Aus: T.H.L.: Cerveteri: S. 451 -460; hier 458ff.; deutsch zuerst 1963; aus: Rom. Ein Städtelesebuch. Hrsg. v. Michael Worbs. Frankfurt/M. 1988: it 921. S. 451 - 460)

*
PC in Cerveteri; Besuch in Roman

Ob WL in Cerveteri war, ob er diesen Essay kannte, ob er sonst von den Ausgrabungen in der etruskischen Nekropole erfuhr, wäre aus Tagebuchaufzeichnungen (DLA) zu verifizieren...

**
Eingefügt: der neueste Link (17.05.02) zu den Grabstätten in Cerveteri:

Besichtigungen: Öffnungszeiten: 9 -14.00 und 16-19.00 Uhr. Montags geschlossen.
Beschreibung: Materialien und Etrusker Funde, ab Villanova Kultur: Grabfunde, Vasen, Hausräte aus Holz, Bronze und Keramik, Trichter, Balsamgefässe aus Glaspaste, andere attische Vasen mit schwarzen und roten Figuren, Sarkophage, attische Amphoren, Fragmente aus Tempeln, Votivtafeln aus Terrakotta. Seit 1988 besitzt das Museum auch die "Sammlung Odescalchi", welche von Prinz Livio im Jahre 1982 dem italienischen Staat gestiftet wurde; mit Etrusker Funden und importierten Gegenständen aus Griechenland.
http://www.emmeti.it/Arte/Lazio/ProvRoma/Cerveteri/museo_leoniano.de.html

****

Paul Celan

DIE EWIGKEIT altert: in
Cerveteri die
Asphodelen
fragen einander weiß.

Mit mummelnder Kelle,
aus den Totenkesseln,
übern Stein, übern Stein,
löffeln sie Suppen
in alle Betten
und Lager.
(Aus: Fadensonnen. [Oktober 1968]. II, 177. Neu: Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe von B. Wiedemann. 2003.S. 245. /Anm. S. 772)

Anm. von B. Wiedemann:
Die Ewigkeit (FS) - Entstehung: 11. 4. 1967, CPD. Zum Klinikaufenthalt siehe »Entteufelter Nu«. Am gleichen Tag entstand »Spät« und wurde »Sämlinge« begonnen.
Erläuterungen:
1 Die Ewigkeit] Siehe auch die gleichnamigen Gedichte (MG und SP), sowie die Gedichte »Ewigkeiten« und »Die Ewigkeiten«.

1 Die Ewigkeit, 2 Cerveteri] Während eines Rom Aufenthaltes anläßlich seiner Lesung im dortigen Goethe Institut am 17. 4. 1964 hatte Celan die bedeutende etruskische Nekropole Cerveteri nordwestlich von Rom besucht. Er erinnerte sich in den Tagen nach dem Trennungswunsch seiner Frau vom 6. 4. t967 wohl auch an deren Bericht von einem Besuch im etruskischen Museum in Rom vom 19.1.1965: »Ich erinnere mich vor allem an einen sehr schönen Sarcofago degli sposi, rührend vor innerer Ruhe, Zauber, Liebe, und ich habe gebetet, so mit Dir für die Ewigkeit zusammenzusein, zu wissen, daß das so sein könnte, ist eine wunderbare Hilfe. Diese beiden vereinten und heiteren, ruhigen und im Tod so zärtlichen Liebenden gesehen zu haben hat mich glauben lassen, daß auch wir beide, mit unserem harten Leben, aber über allem stehend und voller Liebe, vielleicht in ferner Zeit ein Anrecht auf das Schicksal dieser beiden etruskischen Liebenden hätten, die ich am 19. Januar 1965 in der Villa Giulia in Rom gesehen und dabei an Dich gedacht habe« (PC/GCL 198).

3 Asphodelen] In der Antike waren die weißblühenden Lilien den Unterweltgöttern Persephone und Hades geweiht, im Elysium garantierten sie den Seelen einen angenehmen Aufenthalt; aus der negierten Form von griech. Σφοδρος für »heftig, ungestüm«.

*
Vorstufe (lt. HKA Bd. 8.2, S. 155f.:
..
in Tarquinia die
Asphodelen
[3./4. Zeile]

**

Erläuterungen aus dem Internet:

Tarquinia

war die älteste und würdigste Stadt des Zwölfstädtebundes, der den Kern des etruskischen Reiches bildete. Darunter darf man sich aber nicht die Stellung einer Hauptstadt vorstellen, es ging vielmehr - wie von den Kelten bekannt - um eine Ehrenstellung, den man im Lateinischen als principatus bezeichnet. Der antike Name der Stadt, Tarquinii ist der Gentilname, den zum Beispiel auch die letzten römischen Könige trugen, die ja Etrusker waren. Fast ein Jahrtausend war Tarquinii eine römische Stadt, erst im 6. Jahrhundert wurde sie von den Langobarden zerstört.
Dieses Bild zeigt den Blick von der Nekropole hinüber auf das Gebiet, wo sich die Stadt befunden hat.
Wie schon in Cerveteri waren die Familien darauf bedacht, das positive Lebensgefühl auch in der Stadt der Toten zu vermitteln. Die Grabkammern waren mit Abbildungen angenehmer Szenen versehen. Oft waren Gastmäler, Sport oder die Zubereitung des Essens Themen der Fresken. So war der Tote stets umgeben von seinen Freunden und dem, woran er in seinem Leben Freude hatte. Auf diesem Bild ist ein Gastmahl dargestellt, die stehenden Figuren reichen den Liegenden Speisen. Darüber sind Leoparden zu sehen.
Wie auch in Cerveteri ist in Tarquinia in den Gräbern kein Sarkophag mehr aufgestellt. Viele gut erhaltene Beispiele für solche Särge befinden sich im Museum der Stadt. Auf dem Bild sieht man eine liegende Frau. In dieser Stellung haben Etrusker und Römer gegessen. Darunter befindet sich das Fries, auf dem die Tote in der Unterwelt willkommen geheißen wird (Handreichung). Die Figur, die der Toten die Hand gibt, ist ein Greif, was den orientalischen Einfluss zeigt. Ganz links ist eine halb geöffnete Tür zu sehen, die symbolisieren soll, dass der Kontakt zu den Lebenden auch weiterhin gewahrt sein wird.

http://freenet.meome.de/app/fn/artcont_portal_news_article.jsp/72100.htmal



Dazu leitmotivisch und historisch motivierend assistierend:

Walter Helmut Fritz:
Grab der Jagd und des Fischfangs in Tarquinia
(um 1960)


Dem Manne, der
seine Barke von Land stoßend,
sich hinausbeugt,
die Angelschnur im Wasser zu versenken

Dem Manne, der,
auf einem Felsen kniend,
sich anschickt,
auf die vorüberstreichenden Vögel zu zielen

Begegnest du wieder
im Grab der Jagd und des Fischfangs,
auf Tuffstein,
auf einer mattgrünen Tünche.

Die Männer verharren,
indem sie versuchen,
des Unsichtbaren habhaft zu werden.

Stille über der Hochfläche,
wenn man hinaustritt
und das Meer zwischen Disteln
gegen die Augen greift.

Aus: Gesammelte Gedichte (1958 - 1962) Hamburg 1979. S. 37; abgedruckt nach: Rom. Ein Städtelesebuch. Hrsg. v. Michael Worbs. Frankfurt/M. 1988: it 921. S. 451 - 460)


***

2. Stichwort: Blumen:
Anemone, Rose, Asphodelnspreu- und -Samen:


Aspodelen: lilienartige Blumen der Gattung Affilii, fettblumig, meist weiße, selten rötliche Trauben...
Mythologisch:
Homer läßt in seiner Ilias die Toten, bei ihrer Wanderung in den Hades auf blühenden Asphodelen wandern...

In der deutschen Literatur bei Seume, Goethe, Waiblinger, Wagner...

Gottfried Benn:
Henri Matisse: "Asphodèles

"Sträuße - doch die Blätter fehlen,
Krüge - doch wie Urnen breit,
- Asphodelen,
Der Proserpina geweiht - ."

G. B.: Gedicht in der Fassung der Erstdrucke. Hrsg.v. Bruno Hillebrand. Frankfurt/M. 1993. FT 5231. S. 298

Ebenso:

Benn:
Quartär

...
dann pflückt er sich Asphodelen
...
(6. Strophe)
G. B.: Gedicht in der Fassung der Erstdrucke. Hrsg.v. Bruno Hillebrand. Frankfurt/M. 1993. FT 5231. S. 350

Benn:



*
YVAN GOLL
Die Hochöfen des Schmerzes

In den Hochöfen des Schmerzes
Welches Erz wird da geschmolzen
Die Eiterknechte
Die Fieberschwestern
Wissen es nicht

Tagschicht
Nachtschicht allen Fleisches
Blühn die Wunden und die Feuer
Wild in den Salpetergärten
Und den heißen Rosenäckern

Asphodelen meiner Angst
An den Abhängen der Nacht
Ach was braut der Herr der Erze
In den Herzen? Den Schrei
Den Menschenschrei aus dunklem Leib
Der wie ein geweihter Dolch
Unsre Totensonne schlitzt

(Fußnote dieser Veröffentlichung, in: Lyrik des Exils: Es sei ausdrücklich darauf hingewiesen, daß der Ausgangspunkt dieses Gedichts (Vorstufen dazu seit 1934, Erstdruck 1948) das individuelle Krankenlager des Autors in einem Pariser Hospital ist; vgl. Erhard Schwandt ' Das poetische Verfahren in der späten Lyrik Yvan Golls, Diss. [Masch.] Berlin, Freie Universität, 1968, bes. S. 30 100. (Aus: Lyrik des Exils. Hrsg. v. Wolfgang Emmerich u. Susanne Heil. Stuttgart 1985: RUB 8089. S. 346f.)

Wiederabdruck aus: DIE ZEIT Nr. 22/2002. 23.05.02. S. 46; von Rolf Michaelis innerhalb der Texträtsel-Serie "Wer schrieb's?" (Folge 44) dargestellt.


*
Stichwort:
Pflanzliches: Mädesüß

Mädesüß

WL 8. 617 - 620: Auf den Menschen reimt sich die ganze Natur.

WL:
Hier

Wenn Mittag den Duft noch spürt
Von Mädesüß und Kamille,
Graben Schatten den Weg. Er führt
Zur Hadesstille.

Schatten, unter die Bäume gepreßt.
Zu gilben rührt die Blätter Gelüsten.
Mit Funken zerstiebt der Sommerrest,
Bluthänflingsbrüsten.

Suche, Demeter, die Entrückte
Nicht in Pisa und Hermione
Hier, wo sie Kamille, Mädesüß pflückte,
Schwand Persephone.

WL. I.249


E in: Die Welt der Literatur. Jg. 2. Nr. 6 (18.03.1965). S. 121.

Krolow:

Kraft:

Hans Egon Holthusen: Naturlyrik und Surrealismus. Die lyrischen Errungenschaften Karl Krolows. In: Ja und Nein. Neue kritische Versuche. München 1954: Piper. (??) [Angegeben in der Zitatvorlage: S. 96]

*

Engelsüß:

PC
Drüben

Bei mir ist Engelsüß und roter Fingerhut beim mir!".

Aus: "Der Sand aus den Urnen". (1948) (PC. III.11)


LIT-Suche:

Werner Ross »Die Botanik des Dichters« in der »Neuen Zürcher Zeitung« (Nr. 2461/ 30. 06. 1961), in dem es über Lehmann u. a. heißt: "Kein Kräutlein, blüht, kein Hälmlein wächst, das ihm nicht zum Zauberstab diente".



**
4. Stichwort: Licht und Schatten

Schon aus Celans erster, bleibender Zeit in Wien stammen Ideen, Sentenzen und Sätze, die im Kern die metaphorischen Möglichkeiten anbieten wie einen Schlüssel zum Schloß:
Aphoristisch-groteske Sentenzen, ein Gegenstück zu Beispielen des jiddischen Humors sind folgende Prosasätze von PC:

Paul Celan:
Gegenlicht

Das Herz blieb im Dunkel verborgen und hart, wie der Stein der Weisen.

Es war Frühling, und die Bäume flogen zu ihren Vögeln.

So lange geht der zerbrochene Krug zum Brunnen, bis dieser versiegt ist.

Man redet umsonst von Gerechtigkeit, solange das größte de Schlachtschiffe nicht an der Stirn eines Ertrunkenen zerschellt ist

Vier Jahreszeiten, und keine fünfte, um sich für eine von ihnen zu entscheiden.

So groß war seine Liebe zu ihr, daß sie vermocht hätte, den Decke seines Sarges aufzustoßen wäre die Blume, die sie auf diesen gelegt, nicht so schwer gewesen.

So lange währte ihre Umarmung, daß die Liebe an ihnen verzweifelte.

Der Tag des Gerichts war gekommen, und um die größte de Schandtaten zu suchen, wurde das Kreuz an Christus genagelt.

Vergrabe die Blume und lege den Menschen auf dieses Grab.

Die Stunde sprang aus der Uhr, stellte sich vor diese und befahl ihr, richtig zu gehen.

Als der Feldherr das blutüberströmte Haupt des Rebellen seinem Herrscher vor die Füße legte, geriet dieser in wilden Zorn. »Du hast es gewagt, den Thronsaal mit dem Gestank des Blutes zu erfüllen«, rief er, und der Feldherr erschauderte.
Da tat sich der Mund des Geschlagenen auf und erzählte die Geschichte des Flieders.
»Zu spät«, meinten die Minister.
Ein späterer Chronist bestätigt diese Meinung.

Als man den Gehenkten vom Galgen knüpfte, waren seine Augen noch nicht gebrochen. Rasch drückte der Henker sie zu. Die Umstehenden hatten es jedoch bemerkt und senkten ihre Blicke vor Scham.
Der Galgen aber hielt sich in dieser Minute für einen Baum, und da niemand die Augen offen hatte, ist es nicht möglich, festzustellen, ob er es nicht auch in der Tat gewesen ist.

Er legte Tugenden und Laster, Schuld und Unschuld, gute und schlechte Eigenschaften auf die Waage, denn er wollte Gewißheit, ehe er Gericht über sich hielt. Aber die Teller der Waage, auf solche Art beschwert, behielten die gleiche Höhe.
Da er aber Bescheid haben wollte, um jeden Preis, schloß er die Augen und ging unzählige Male im Kreis um die Waage herum, bald in der einen, bald in der entgegengesetzten Richtung, so lange,
bis er nicht mehr wußte, welcher Teller die eine, welcher die andere Last trug. Dann legte er seinen Entschluß, Gericht über sich zu halten, blindlings auf einen der Teller.
Als er die Augen wieder aufschlug, hatte sich wohl der eine der Teller gesenkt, doch war nicht mehr zu erkennen, welcher von ihnen: der Teller der Schuld oder der Teller der Unschuld.
Darüber erzürnte er, versagte es sich, darin einen Vorteil zu erblikken, und verurteilte sich, ohne sich jedoch des Gefühls, möglicherweise im Unrecht zu sein, erwehren zu können.

Täusche dich nicht: nicht diese letzte Lampe spendet mehr Licht das Dunkel rings hat sich in sich selber vertieft.

»Alles fließt«: auch dieser Gedanke, und bringt er nicht alles wieder zum Stehen?

Sie kehrte dem Spiegel den Rücken, denn sie haßte die Eitelkeit des Spiegels.

Er lehrte die Gesetze der Schwerkraft, erbrachte Beweis um Beweis, fand jedoch taube Ohren. Da schwang er sich in die Luft und lehrte die Gesetze schwebend nun glaubten sie es ihm, doch wunderte sich niemand, als er aus der Luft nicht wiederkehrte.
(1949; in: Die Tat. Zürich 12. März 1949; aus: P.C.: Gesammelte Werke. 1986. St 1331. 3, 163-165))


Wichtig die Motive:

Grab:
Etruskische Kultur:
Christus,
Stein,
Herz
Spiegel,
Lust,
Zeit, Ewigkeit, Uhr

**

Naturgeheimnis:
Novalis:
Goethe:

Aus einem Menschen spricht für dieses Zeitalter Vernunft und Gottheit nicht vernehmlich, noch frappant genug - Steine, Bäume, Tiere müssen sprechen, um den Menschen sich selbst fühlen, sich selbst besinnen zu machen.


WL
Botanik des Dichters

Goethen raste sie im Blut.
Ist das nicht gefährlich?
'Mischest du Botanik ein,
Bitte, Dichter, spärlich!'

Wer so überlegen rät
Klassisch inspiriert,
Seinem Goethe hat er erst
Goethe wegkastriert.

Hüte dich vor Einsamkeit
als der schlimmsten Droge,
Schlimmer noch, Naturgefühls
Ganz verfluchtem Soge.

Allzu schneller Zauberei
Darf man sich nicht fügen.
Götter, Feen griffbereit,
Das sind leere Lügen.

Stets Natur? Das macht mich toll.
Darf die große Mutter nie
Ihren Sohn verdrießen,
Ihrer strahlenden Magie
Er sich nie verschließen?
Zu viel Licht, zu wenig Schatten!
Mehr Befremden, mehr Ermatten
Will das dichterische Soll.

Siedle doch zu besserm Nutz
Auf polierter Straße,
Balancier ins Gleichgewicht
Der gewohnten Maße.

Fast dreihundert Seiten lang
Spricht Natur. Zu viel!
Sittliche Geselligkeit
Mangelt deinem Spiel.

Duckt sich unter diesem Rat
Meiner Verse Liebestat?
Leider gibst du ihn zu spät,
Alter Mann ist der Poet,
Doch auch wär er wieder jung,
Nicht gelobt er Besserung.

Arme Verse, seid getrost,
Ihm nicht recht geheuer.
Tut nur immer, was ihr tut!
Wenn ihr solchen Leser bost
Eines andern andrem Mut
Bleibt ihr weiter teuer.
(WL. S. 375f.)


*
BOTANIK DES DICHTERS (S. 375)

Erläuterungen des Herausgebers Hansdieter Schäfer:
Datierung des Gedichts auf den 29. 7.1961
Zur Überlieferung
H DLA

Das Gedicht ist eine Antwort auf den Artikel von Werner Ross »Die Botanik des Dichters« in der »Neuen Zürcher Zeitung« (Nr. 24611 30. 6. 1961), in dem es über Lehmann u. a. heißt: »Kein Kräutlein, blüht, kein Hälmlein wächst, das ihm nicht zum Zauberstab diente.
Die Götter und Feen stehen auf Abruf bereit. [ ... ] Ist das Göttliche der Natur, das die Griechen naiv gefabelt, Spinoza und Goethe tief gedacht haben, wirklich so zum Zugreifen nahe? Der Dichter schreibt im Grunde nur e i n Gedicht, sagt Lehmann einmal, und wirklich sind alle zweihundertsiebzig Seiten seiner Gedichtbücher nur Variationen zum Thema dieses einen Gedichts aber halten Traum und Trance, Entzücken und Verklärung so lange durch? Möchte man nicht auch einmal einem Ermatten, einem Befremden, einem Sich Verschließen der immer freundlichen Großen Mutter begegnen? Ein unverdächtiger Zeuge ist der große Altmeister selbst, Goethe, der Dichter und Botaniker [ ... ]. In seiner 'Geschichte meines botanischen Studiums' wird ein hübscher Oberblick über das Studium des jungen und jugendlichen Wolfgang Goethe gegeben, der als Stadtkind seine erste Bildung im Bemühen um alte und neure Sprachen und in rhetorischen und poetischen Übungen gewann . . . es ergibt sich hieraus, daß meine Geistestätigkeit sich auf das gesellig Sittliche beziehen mußte [...]. Zweierlei führt schon den jungen Goethe über die gezirkelte Gartenwelt hinaus, ein leidenschaftliches Ergötzen an ländlichen Naturgegenständen und der Drang, das ungeheure Naturgeheimnis, das sich in stetigem Erschaffen und Zerstören an den Tag gibt, zu erkennen.[ ...]. Er wußte Bescheid über die Gefahren des 'Naturgefühls', über den Sog der Einsamkeit, über die Droge einfaches Leben,. Das Ich der Lyrik, das sich wie Narziß in der Natur den Spiegel vorhält, um sich in dieses Spiegelbild zu verlieben und verlieren, hat er wie kein anderer ausgesagt. Aber auch wie kein anderer durch Mephistos Mund parodiert: In Nacht und Tau auf den Gebirgen liegen, / Und Erd und Himmel wonniglich umfassen, / Zu einer Gottheit sich aufschwellen lassen' [ ... ]"

Der Aufsatz veranlaßte Lehmann außerdem zu folgendem Epigramm (H im DLA):

WL:
GESELLIG SITTLICH ODER OHNE FRAGEZEICHEN

Selbst ein unfruchtbares Wesen
kann aus Goethe allerlei erlesen.
Vor Gefahren, glaubst du, müßest du mich warnen.
Ruhig wächst der Baum, magst du ihn auch beharnen.
Feind der Dichtung, Unzulänglichkeit dein Fluch:
Und begegnet dir Venus, du bleibst ein Eunuch.
(S. 507)

*
Botanik
Goethe-Worte:

Der Botanik als Wissenschaft sind die buntesten und gefülltesten Blumen, die eßbarsten und schönsten Früchte nicht mehr, ja in gewissem Sinne nicht einmal so viel wert, als ein verachtetes Unkraut im natürlichen Zustande, als eine trockene, unbrauchbare Samenkapsel.
Versuch einer allgemeinen Vergleichungslehre 17,228

Die scharf unterscheidende, genau beschreibende Botanik ist in mehr als einem Sinne höchst ehrwürdig, indem sie die Gabe, zu trennen, zu sondern, zu vergleichen, wie sie dem Menschengeiste gegeben ist, in ihrer höchsten Ausübung zu betätigen trachtet, sodann aber auch ein Beispiel gibt, wie weit man mit der Sprache, eben jenem ins Einzelnste dringenden Beobachtungstalent, das kaum zu Unterscheidende, sobald es entdeckt worden, zu benennen und zu bezeichnen vermöge.
Maximen und Reflexionen JA 39/07

Botaniker

Der Botaniker vom Fach übernimmt ein höchst schwieriges Geschäft, indem er sich die Bestimmung und Benamsung des oft nicht zu Unterscheidenden zur Pflicht macht. Aus dem Begriff der Metamorphose geht hervor, das ganz Pflanzenleben sei eine stetige Folge von merklichen und unmerklieben Abänderungen der Gestalt, von denen jene bestimmt und genannt werden, diese aber bloß als fortschreitende Zustände bemerkt, kaum unterschieden, geschweige mit einem Namen gestempelt werden können. Maximen und Reflexionen JA 39,107

Hier sei es erlaubt, zu sagen, daß gerade jene wichtige, so ernst empfohlene, allgemein gebrauchte, zur Förderung der Wissenschaft höchst ersprießliche, mit bewundernswürdiger Genauigkeit durchgeführte Wortbeschreibung der Pflanze nach allen ihren Teilen, daß gerade diese so umsichtige, doch in gewissem Sinne beschränkte Beschäftigung manchen Botaniker abhält, zur Idee zu gelangen. Maximen und Reflexionen JA 39.109

So soll den echten Botaniker weder die Schönheit noch die Nutzbarkeit der Pflanze rühren, er soll ihre Bildung, ihr Verhältnis zu dem übrigen Pflanzenreiche untersuchen; und wie sie alle von der Sonne hervorgelockt und beschienen werden, so soll er mit einem gleichen ruhigen Blick sie alle ansehen und übersehen und den Maßstab zu dieser Erkenntnis, die Data der Beurteilung nicht aus sich, sondern aus dem Kreise der Dinge nehmen, die er beobachtet. (Schriften zur Natur und Wissenschaftslehre Der Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt 16,844)

(Aus: Lexikon der Goethe-Zitate. Hrsg. v. Richard Dobel. Dtv 3361. Sp. 84)

**

PC

HERBEIGEWEHTE mit dem voll
ausgefächerten Strandhafergruß,
ich werde nicht da sein,
wenn du das Rad der Beglückung schlägst, unterm Himmel,

das himmelnde Rad,
dem ich aus unausdenkbarer Ferne
in die Naben greif,
ein Einsamer, schreibend.
(PC: Eingedunkelt. 1991 S. 45)


*
Bei WL:

Aus: Bukolisches Tagebuch 1927 - 1932.

26. August 1928

Ach, die Mauersegler sind nicht mehr da! Weg ist das helle, weittönende »spispispi«, das Tag für Tag über unseren Köpfen erscholl, weg das reißende Ungestüm um die Spitzen der Türme und Häuser die ganze kleine Stadt schwebte und jubelte mit ihnen. Triumph des wilden, ungebrochenen Daseins sang es in unser gezähmtes Leben! Erfunden hat sich diese Vögel die Luft selbst in ihrer besten Minute. Sie haben fast keine Füße, sie gehen und wandeln nicht sie fliegen, und selbst ihr Liebesspiel spielen sie im Fluge. Wenn ich spät in die Nacht hinein aus ihren Löchern dort oben über den Luken des Kirchturms ihr Gezwitscher hörte, dachte ich der Worte Egmonts: »Süße, freundliche Gewohnheit des Daseins«. Als ich sie Ende Juli als einzelne, da sie sonst doch, in geschlossenen Kolonnen kreischen, sausen, jagen und schwenken, lautlos in die Bläue steigen sah, da wußte ich, daß ihnen schon ein anderer Himmel ins Blut gesickert war. Eines Tages, es war der zweite oder dritte August, war die Schar spurlos verschwunden. Wenn sie wiederkommt, dann ist der Gram eines anderen Winters über der Stadt gewesen.
Noch ist der Himmel voll von Schwalben noch über einen ganzen Monat lang. Zärtlich hingegeben folgt ihnen das Auge. Noch blühen reich der Blutweiderich, das große Weidenröschen, die Flockenblume, sie blüht mir rosigviolett fast über die Füße, der Thymian, der Rainfarn, die Zaunwinde, Wicken, Schafgarben, am Strande die Strandaster, im Graben die Blumenbinse merkwürdig, wie die Farben des Nachsommers vielfädiger, weniger reich an reinen Tönen sind als im Frühjahr. Aus dem Bade des Schnees stiegen ganz reine Farben: weiß, blau, schwefelgelb, tiefes, klares Grün. Auch der Duft der Frühlingsblumen ist anders: frisch und scharf, unmittelbar aus unverbrauchter Erde gewonnen. Jetzt aber glüht es purpurn öfter als blau, kremweiß öfter als weiß, orange öfter als gelb, und duftet es aromatisch und schwer. In der tizianischen Wucht der Sommerfarben vergeht die klare Zeichnung der ersten Monate. Mit der Hitze, mit der Erwartung der Gewitter, mit den Gewittern hat die Erde gebangt und gelitten, und gegen die dichtgesponnene Schönheit des Erwachsenen versinkt die einfache Anmut des noch Unversuchten.
Gegilbt steht endlich der Roggen, die Ernte findet heuer um gut zwei Wochen später als sonst statt, mit dem Sommergetreide wird es sogar September werden. Vielleicht klafft dann die Lücke zwischen Sommer und Winter nicht so empfindlich, wird ein sommerlicher Duft sich in den Winter spinnen, wie er aufquillt, wenn wir im Winter auf den Heuboden steigen.

W. L.: Gesammelte Werke in acht Bänden. Bd. 8: Autobiographische und vermischte Schriften. BUKOLISCHES TAGEBUCH 1927 1932. Stuttgart1999: Klett-Cotta. S. 214f.

*

Stichwort:

Mechanisches:
Geschütze:


Georg von der Vring:
Waldlager bei Billy

Wald mit tausend Pfützen.
Wer tritt ins Haus?
Hall von Geschützen
Löscht die Kerze aus.

(G.v.d.V.: Gedichte. Eine Auswahl. 1965. Gedruckt nach G.v.d.V.: Die Gedichte. Hrsg. v. Christiane Peter und Kristian Wachinger. Ebenhausen bei München.1989. S. 359f.)


*
Bertolt Brecht
Frühling 1938
(...)
II

Über dem Sund hängt Regengewölke, aber den Garten
Vergoldet noch die Sonne. Die Birnbäume
Haben grüne Blätter und noch keine Blüten, die Kirschbäume hingegen
Blüten und noch keine Blätter. Die weißen Dolden
Scheinen aus dürren Asten zu sprießen.
Über das gekräuselte Sundwasser
Läuft ein kleines Boot mit geflicktem Segel.
In das Gezwitscher der Stare
Mischt sich der ferne Donner
Der manövrierenden Schiffsgeschütze
Des Dritten Reiches.

(B.B. Gesammelte Werke. Bd. 9. Gedichte 2. Frankfurt/Main 1968. 815f.)

*

WL:
"Auf sommerlichem Friedhof"

(V. 9): "Sirene heult. Geschützmaul bellt. / Sie morden sich. Es ist die Welt."
*
WL:
SIGNALE

Seewärts hör ich Signale tuten:
Sie schießen die Torpedos ein.
Auf fernen Meeren, nah dem Ohre,
Gesprengter Leiber letztes Schrein.

Der Märzwind greift den Wandernden,
Ich gleite wie auf Flügelschuhn;
Dann bin ich selbst ihm aufgestiegen
Und kann auf seinem Rücken ruhn.

Ein Girren streicht um meine Knie,
Ein Rebhahn schwirrt am Kleinbahndamm.
Vor aufgerauhter Schlehdornhecke
Säugt Mutterschaf sein erstes Lamm.

Hör ich noch die Signale rufen?
Sie wurden Klang von Roncevalles;
Woran die Herzen einst zersprangen,
Schwebt echoleicht als Hörnerschall.

Mich feit der süße Augenblick.
Die Zügel häng ich ins Genick
Dem Windpferd, daß es schweifend grase.
Huflattich blüht, es springt der Hase.

Die Wolken bauen Pyrenäen,
Der Erdgeist denkt die Vogelreise:
Und ohne daß sie wissen, zucken
In Aufbruchslust die Kuckuckszehen.
Sie landen, höheren Flugs getragen,
Als ihn Schrapnells, Granaten wagen.

Ob draußen noch Signale tuten?
Schießt man noch die Torpedos ein?
Schreckt noch das Ohr auf fernen Meeren
Zerfetzter Leiber Todesschrein?

Tief innen übte sich inzwischen
Gesang, der Thebens Mauer baute.
Fang an mit zwiegespaltnem Laute:
Und »heile, heile, heile!« tönt es,
Kuckuck! Kein Fluch der Erde höhnt es.

Granaten und Schrapnells verzischen.

Aus: WL: Gesammelte Werke in achte Bänden. Bd. 1: Gedichte. S. 116f.)

*
WL:
Romanze:
...

"Im Stoppelfeld ein Flakgeschütz, gesprengt."
(Bd. I, 371; 505)
Erläuterungen; in der 15. Zeilen (ausgeschieden: "zertrümmertes Geschütz, gespaltener Stein" (H2) (Schäfer. S. 505)

Celan: "verklärte Geschütze" (Eingedunkelt.

PC:
EINEM BRUDER IN ASIEN

Die selbstverklärten
Geschütze
Fahren gen Himmel,

zehn Bomber gähnen,

ein Schnellfeuer blüht,
so weiß wie der Frieden,

Eine Handvoll Reis
Erstirbt als dein Freund.
(Lichtzwang. II. S. 259)


*
Christliche Motivik, Opfersymbolik, theatralische Zeugnisse fallen der Kritik zum Opfer.

Der Tag des Gerichts war gekommen, und um die größte der Schandtaten zu suchen, wurde das Kreuz an Christus genagelt.
(Aus: Gegenlicht. 1949. GW. III. S. 163)


Nussiges:


Celan 1948:

Von der Vring:


Wilhelm Lehmann:



Wörter - Purpurworte

Warum konnte oder mußte Celan sich selber einen Klage-, einen Toten-Totenpsalm mit "Purpurwort" schreiben...?


Ich finde natur-magische Wörter, die bei Lehmann positiv - alleinig naturverbunden, mythologisch, als Religionsersatz gebraucht werden, "ver-kehrt" bei Celan:

"Purpurnüstern"

Wilhelm Lehmann:
Der alte Gutsherr auf seinem verfallenen Besitz

(...)
Bis vor den zerbrochnen Raufen
Meine Rosse wieder schnaufen -
Aus dem Purpurkrater ihrer Nüstern raucht Vesuv,
Mit dem Hammer des Hephästos schlägt ihr Huf.
(...)

(bei W.L. Gedichte. S. 29f.)


Erhart Kästner:
Erbsünde

Throne entsühnen, das spricht gegen die Throne, von Purpurmänteln rollen die Tropfen der Schuld ab, wie kommt das. Marschallstäbe haben die Kraft loszusprechen, wer hat ihnen die Gnade verliehen? Kronen rechtfertigen. Jeder Einzelne eines Volks, dem es gut geht, ist Erbe von Mordtat, Gewalttat; das sollte die Federn erzittern machen, die das Gewesene aufschreiben. Aber denken die Erben von Mördern daran, die Mörderbeute herauszugeben, wenn sie sich über die Missetaten der Mörderväter entrüsten? Dem Sieger wird immer verziehen. Dann sind auf einmal aus Morden Unvermeidlichkeiten geworden, und bedenkt doch das Gute, das aus der blutigen Quelle mitkam. Wenn es gut ausging, werden Raubzüge Erwerbungen und Beutezüge Gewinne genannt, das hat uns so satt gemacht von geschriebener Geschichte. Wer überlebt, der darf richten; wie billig macht das die Scherbengerichte der Nachwelt. Der Sieg und das Überleben sind es, die Rechtsprechen. Das ist der melancholische Schlußstrich.
(Aus: E.K.: Die Lerchenschule. Frankfurt/M. 1997. S. 151)

*

"Purpurwort... " ... "Niemandsrose" (bei P.C., in: "Psalm"; in "Die Niemandsrose". Bd. I. S. 225)

- Aber das Thema - Naturlyrik und ihre Ver-flücht-igung, ihre Zerlegung in Schrot, Schrott und Wortschotter - dürfte abgegrast sein....?!

**

Weitere Wörter:


Päonie:

Herrührt die Päonie aus der klassischen deutschen Romantik, vom Ahnherrn Eichendorff selber:

Joseph Eichendorff:
Der alte Garten

Kaiserkron und Päonien rot,
Die müssen verzaubert sein,
Denn Vater und Mutter sind lange tot,
Was blühn sie hier so allein?

Der Springbrunnen plaudert noch immerfort
Von der alten schönen Zeit,
Eine Frau sitzt eingeschlafen dort,
Ihre Locken bedecken ihr Kleid.

Sie hat eine Laute in der Hand,
Als ob sie im Schlafe spricht,
Mir ist, als hätt ich sie sonst gekannt
Still, geh vorbei und weck sie nicht!

Und wenn es dunkelt das Tal entlang,
Streift sie die Saiten sacht,
Da gibt's einen wunderbaren Klang
Durch den Garten die ganze Nacht.
(Aus: J. v. E.: Werke. Ausgewählt von Karl Krolow. Köln 1987. S. 96)

*
Ernst Wiechert:

Die Malerin klopfte eines Tages bei dem alten Lehrer im Nachbardorf an, demselben, der Michaels Auslegung des Davidsieges mit bekümmertem Kopfschütteln aufgenommen hatte, und meinte, daß sie solch ein Haus gerade gesucht habe, am Rand der Heide, mit Bienen und Kaiserkronen und Päonien, und daß sie wohl dableiben möchte, um dieses Land zu malen, damit die Stadtkühe wieder etwas hätten, um die Augen aufzureißen, und eine Giebelstube werde er wohl abzugeben haben. Und da sie Rohkostlerin sei, so brauche er sich auch um ihre Verpflegung keine Sorge zu machen.
(Aus: Ernst Wiechert: Die Hirtennovelle. Zitiert nach der Fassung 1951; Erstdruck München 1935)
Zur Interpretation: Die Malerin, mit dem russischen Vornamen Katja, kommt aus der Stadt und malt den Hirtenjungen Michael - als Akt, gegen seinen Willen indem sie ihn beim Porträtieren täuscht und ihm als Modell einen nackten Unterleib zumalt; die Attribute des Städtischen, Un-Moralischen (auf Seiten der Saison-Besucherin) stehen dem Natürlichen, Deutschen und dem Menschlich-Christlichen gegenüber.


PC:
DAS STUNDENGLAS. Tief
im Päonienschatten vergraben:

Wenn das Denken die Pfingst-
Schneise herabkommt, endlich,
fällt ihm das Reich zu,
wo du versandend verhoffst.
(Atemwende. 2. Zyklus. II. 50)

WL


*

Anemonen:

CHRISTIAN WAGNER (1835 1918)
Anemonen am Ostersamstag

Wie die Frauen
Zions wohl dereinst beim matten Grauen
Jenes Trauertags beisammen standen,
Nicht mehr Worte, nur noch Tränen fanden,

So noch heute
Stehen, als in ferne Zeit verstreute
Bleiche Zionstöchter, Anemonen
In des Nordens winterlichen Zonen.

Vom Gewimmel
Dichter Flocken ist ganz trüb der Himmel.
Traurig stehen sie, die Köpfchen hängend,
Und in Gruppen sich zusammendrängend.

Also einsam,
Zehn und zwölfe hier so leidgemeinsam,
Da und dort verstreut auf grauer Öde,
Weiße Tüchlein aufgebunden jede,

Also trauernd,
Innerlich vor Frost zusammenschauernd,
Stehn alljährlich sie als Klagebildnis
In des winterlichen Waldes Wildnis.
[A: 189o]
*
Elisabeth Langgässer
FRÜHLING 1946

Holde Anemone,
Bist du wieder da
Und erscheinst mit heller Krone
Mir Geschundenem zum Lohne
Wie Nausikaa?

Windbewegtes Bücken,
Woge, Schaum und Licht!
Ach, welch sphärisches Entzücken
Nahm dem staubgebeugten Rücken
Endlich sein Gewicht?

Aus dem Reich der Kröte
Steige ich empor,
Unterm Lid noch Plutons Röte
Und des Totenführers Flöte
Gräßlich noch im Ohr.

Sah in Gorgos Auge
Eisenharten Glanz,
Ausgesprühte Lügenlauge
Hört' ich flüstern, daß sie tauge
Mich zu töten ganz.

Anemone! Küssen
Laß mich dein Gesicht:
Ungespiegelt von den Flüssen
Styx und Lethe,
ohne Wissen
Um das Nein und Nicht.

Ohne zu verführen,
Lebst und bist du da,
Still mein Herz zu rühren,
Ohne es zu schüren
Kind Nausikaa!
(Aus: E.L.: Mithras. Lyrik und Prosa. Frankfurt/M. 1959. FTB 290. S. 31)


WL
DEUTSCHE ZEIT 1947

Blechdose rostet, Baumstumpf schreit.
Der Wind greint. Jammert ihn die Zeit?
Spitz das Gesicht, der Magen leer,
Den Krähen selbst kein Abfall mehr.

Verlangt nach Lust der dürre Leib,
Für Brot verkauft sich Mann und Weib.
Ich lache nicht, ich weine nicht,
Zu Ende geht das Weltgedicht.

Da seine Strophe sich verlor,
Die letzte, dem ertaubten Ohr,
Hat sich die Erde aufgemacht,
Aus Winterohnmacht spät erwacht.

Zwar schlug das Beil die Hügel kahl,
Versuch, versuch es noch einmal.
Sie mischt und siebt mit weiser Hand:
In Wangenglut entbrennt der Hang,
Zu Anemone wird der Sand.

Sie eilen, grämlichen Gesichts.
Es blüht vorbei. Es ist ein Nichts.
Mißglückter Zauber? Er gelang.
Ich bin genährt. Ich hör Gesang.
(Gedichte. 1982. S. 173)

*

Wilhelm Lehmann
GÖTTERSUCHE

Die Ammer spielte sommers hier Gitarre.
Frost rief der Erde zu: Erstarre!
Eisgraue Wege, höckerig von Treckerstriemen,
Särge die Mieten, Mal aus Stroh ein Diemen.
Der Wind geht um. Er sucht die Hohen, Alten.
Er weiß: sie walteten, sie walten.
Er sucht, was sie bezeugt.
Im Schlamm des Weges fror und blieb
Der Winkel, den der Fuß der Ziege schrieb.
Amalthea hat Zeus gesäugt.
Er fingert alte Honigwabe,
Sie tropfte Zeus die zweite Labe.
Gebückten Leibes Wintereiche
Zeigt ihm die Wunde in der Weiche,
Die ihr die Hand des Gottes schlug.
Sein Fuß scharrt unter Hecken, zwischen Steinen.
Adonis starb. Er horcht. Er hört ein Weinen.
Genug, genug!
Der Wind steht still. So ruhn die Lüfte. Aphrodites Tränen rinnen.
Der Anemone helfen sie die Wurzelfäden spinnen.

Aus: Überlebender Tag. Gedichte. 1954.
E.: Jan./Febr. 1951.
(ED: Die Neue Zeitung. Nr. 70/71. 24.3.1951. S. 13)
Aus: W. L.: Gesammelte Werke in acht Bänden. Bd. 1. Sämtliche Gedichte. Stuttgart 1982. S. 211)

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Gottfried Benn:
Anemone

Erschütterer : Anemone,
die Erde ist kalt, ist Nichts,
da murmelt deine Krone
ein Wort des Glaubens,
des Lichts.

Der Erde ohne Güte,
der nur die Macht gerät,
ward deine leise Blüte
so schweigend hingesät.

Erschütterer : Anemone,
du trägst den Glauben, das Licht,
den einst der Sommer als Krone
aus großen Blüten flicht.
(E.:10.04.1936; D.: Ausgewählte Gedichte. 1936. S. 29; Gedichte in der Fassung der Erstausgabe. Hillebrand. S. 275)

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Alte Anemonen:

Eduard von Keyserling:
Der Beruf

Der Friedhof war grellgrün von dem jungen Grase. Auf den Gräbern standen Anemonen, weiß wie Milchpfützen. Nach der Feierlichkeit sagen die Frauen noch ein wenig auf den sonnenwarmen Steinen der Friedhofsmauer, sonnten ihren Putz und schwatzten. (1903)

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Farben:

Blau:


Paul Celan:
MARIANNE

Fliederlos ist dein Haar, dein Antlitz aus Spiegelglas.
Von Auge zu Aug zieht die Wolke, wie Sodom nach Babel:
wie Blattwerk zerpflückt sie den Turm und tobt um das Schwefelgesträuch.

Dann zuckt dir ein Blitz um den Mund jene Schlucht mit den Resten der Geige.
Mit schneeigen Zähnen führt einer den Bogen: O schöner tönte das Schilf!

Geliebte, auch du bist das Schilf und wir alle der Regen;
ein Wein ohnegleichen dein Leib, und wir bechern zu zehnt;
ein Kahn im Getreide dein Herz, wir rudern ihn nachtwärts;
ein Krüglein Bläue, so hüpfest du leicht über uns, und wir schlafen ...

Vorm Zelt zieht die Hundertschaft auf, und wir tragen dich zechend zu Grabe.
Nun klingt auf den Fliesen der Welt der harte Taler der Träume.
(Aus: Mohn und Gedächtnis. In: Gesammelte Werke. Bd. 1. S. 15)

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GvdV
Verwandlung des Blau

Die Jugendzeit, der Weserstrom im Klaren,
Ein blauer Spiegel, der zu dauern scheint

Es ward verliehn mir in den frühen Jahren Solch Blau, das lauter Wasserglanz vereint.

Heut seh ichTanker durch ein Grau hinfahren, Und noch dies Grau ist mir ein schlichter Freund.

Kann wohl der Strom kein Blau mehr offenbaren? Es fragt nach Blau, wer Himmelsbläue meint.
(Werke. 343)