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Donnerstag, 27. Dezember 2012

Dass das DAS oder DASS oder DAß immer wieder etc.




Nachricht vom VDS:

[Nota: Zitat:] "Scheinanglizismen sind Wörter, die englisch klingen, aber auf eine deutsche Erfindung zurückgehen, wie etwas das Wort Bowle von Bowl (Schale), Handy oder Dresseman, ein Wort, dass (...)" -  Ich lese, ich stocke, ich staune, ich stutze:

Aus dem „aktuellen Infobrief Nr. 133 für die 51. KW“; freundlich als E-Post mir zugesandt und nachzulesen auf der Offizial-Seite der Eigentümlichkeitsgesellschaft „Verein Deutsche Sprache“

Noch mal, ran, so der ganze Satz:

„Scheinanglizismen sind Wörter, die englisch klingen, aber auf eine deutsche Erfindung zurückgehen, wie etwa das Wort Bowle von Bowl (Schale), Handy oder Dressman, ein Wort, dass im deutschsprachigen Raum einen gut gekleideten Herrn, im englischsprachigen Raum jedoch einen Transvestiten bezeichnet. Auch (…)“

Nein, ich schlucke den Verschreiber nicht. Wenn ich mir das Wortgewaltigkeitspotenzial von Sprachwächtern vorstelle..., erlauben sich auch ANTworten


Ich schreibe zurück, mit gehörigem Zitat, retour an den VDS:


Betreff: Ein "dass", das man korrigieren müsste...

Gemein, pardon; gemeint: Ihr VDS-Infobrief 133

NACHRICHT ZU IHRER HEUTIGEN POST

Ich weiß nicht, ob Sie vom Sekreariat her eine korrigierte Fassung Ihres Infobriefes losschicken wollen:

Original, gelesen, markiert, kopiert, ausgezeichnet:

"Scheinanglizismen sind Wörter, die englisch klingen, aber auf eine deutsche Erfindung zurückgehen, wie etwa das Wort Bowle von Bowl (Schale), Handy oder Dressman, ein Wort, dass (...)"

Das "Wort, dass" - da kann man den Sinn der vier möglichen Wörter "das/das/dass/daß" [ja, einmal wird es identlisch gechrieben; zwei Schreibweisen sind nicht mehr zu untercheiden: "daß" heißt, pardon: zeichnet sich heute so:"dass"], dass man den Sinn ... erklären ...kann, wenn man Zeit hätte.
Im Sprechdenken jeden Deutschen (egal welcher Bildung, welchen Vereins oder welchen Verauses) gibt es überhaupt keine Probleme, diese Wörter (genauer: Wortarten: Demonstrativpronomen, Artikel, Relativpronomen, Nebensatz-Konjunktion, von denen zwei sogar untergeordnete Gliedsätze anbinden), zu unterscheiden.
Man müsste sie also gar nicht schrifttechnisch, silbenfuchserisch, schift- pardon: schriftsprachlich, also: orthografisch (oder: -graphisch?) unterscheiden. Man unterscheidet sie ja auch nicht im Sprechen...
Was man sich alles im Deutschen erklären kann, ohne an den Wahn der Rechtschreibtechnologen (egal welcher Schule oder Abart) zu glauben.

Man kann mehre denken als schrifttechnisch oder duden-beharrlich erlaubt ist; auch über die vier Wortarten im Deutschen, die man unzureichend mit den Schreibungen „das“, „dass“, „dass“ erfasst. (Ja, so gezählt fehlt eine Wortart, beispielswiese, äh: -weise das Demonstrativpronomen „dasss“ (oder so geschrieben: „daas“; beispielsweise: Oh, dasasssss Haus, das ich mir geleistet habe, zusätzlich zu meinem Rennpferd und zu meinem Jaguar.)

Solcherlei Rechtschreibunarten lassen sich züchten oder zähmen, bessern (gemeint: gütern) oder verbessern, meliorativ oder disjunktiv aufhübschen…

Mit freundlichen Jahres-Endzeit-Grüßen:

ASR, Recklinghausen

- mit ei- pardon. eingefügten Korrekturen und sonstigen Adjektionen, pardon: Notationen - 

Ein "dass", ein Pipidass, pardon: ein Pipifass, äh: -fax!



Donnerstag, 6. Dezember 2012

Theodor F o n t a n e: B l a n c h e




(Gemälde von Carl Breitbach, 1883)

- Gabe/Zugabe  3 -

Blanche 






Jung, 
 Auf dem Sprung,
 Nicht bös, 
 Graziös


Auch ein weibliches Wesen ist um mich her, das in meinem Haushalt die Ergänzung zu Rasumofsky bildet. Es ist, um mich in Rückertschen Anklängen zu bewegen, eine feine Reine, schlanke Kleine, die ich mit Rücksicht auf ihre Erscheinung Blanche getauft habe. Sie ist ganz weiß und nur auf der Stirn, als Zeichen edelster Abstammung, hat sie einen braunen und schwarzen Tigerstreifen. Sie ist noch ganz Kind, ganz unbefangen, faßt das Leben von der heiteren und Vergnügungs-Seite auf und betrachtet sich selbst als bloßes Ornament des Daseins. Sie kennt keine andere Pflicht als die, sich zu putzen und sich streicheln zu lassen; sie könnte nach allem eine Engländerin sein. Nur ihrer Grazie nach ist sie Französin.

Ich engagierte sie zunächst aus bloßer Nützlichkeitsrücksichten und erwartete von ihr, wie jetzt das Modewort lautet, einen guerre d´extermination gegen den Erbfeind; aber niemals ist eine Erwartung gründlicher getäuscht worden. Sie scheint kaum zu wissen, dass es Feinde gibt, geschweige Erbfeinde; sie führt ihren Exterminations-Krieg gegen Gardinenkanten, gegen alles, was Puschel oder Quaste heißt; über Nacht aber, wenn der Feind seine Vorposten schickt, horcht sie auf, spinnt dann einen Augenblick vergnüglich und schläft wieder ein. Dennoch - dies Anerkenntnis bin ich ihr schuldig - übt sie einen gewissen Einfluß, aber freilich ohne die geringste Ahnung davon; sie wirkt wie das Bild des Tigers, das die Chinesen, zum Schrecken für den Feind, an die Außenwand des Hauses stellen.

Sie ist ganz Spielzeug, und ich habe es längst aufgegeben, Ernsteres von ihr zu erwarten. Es liegt nicht in ihr. Sie ist mir Schauspiel, Augenweide, Zirkus-Schönheit, im Hoch- und Weitsprung gleich ausgezeichnet, und den Tag über an der Klingelschnur zu Hause. Sie behandelt dieselbe als Trapez, was sie ungehindert kann, da die betreffende, aus Bast geflochtene Cordel das Schicksal der meisten ihrer Schwestern teilt, eine bloße höchst fragwürdige Stubendekoration zu sein.

Blanche, wie gesagt, ist die Ergänzung zu Rasumofsky; was jener meinem Geiste ist, ist dies meinen Sinnen. Wenn ich mit dem Erstern, in jener Simplizität, die alles Große begleitet, die Tagesangelegenheiten behandle, also in rascher Reihenfolge die Fragen stelle: Wie ist das Wetter? Was macht Paris? Nichts von Frieden? - so gehört mein Auge ganz der kleinen Weißen, die wie ein alabasterner Briefbeschwerer auf meinem Schreibtisch neben mir liegt. Nun erhebt sie sich, um zwischen Uhr, Teetasse und Tintenfaß jene Spaziergänge auszuführen, die eben nur jenem Geschlechte möglich sind, dem Blanche angehört. Werde ich endlich ungeduldig, so weiß sie diese Ungeduld zu sänftigen. Der Tisch hat einen Aufsatz von sechs Fächern, jedes nur so groß, um eine Hand hineinzulegen. In alle sechs Fächern duckt sie sich der Reihe nach hinein und blickt mich aus dieser Umrahmung schelmisch an. Das sind die letzten Mittel, denen nicht zu widerstehen ist.

Um acht Uhr, nachdem wir unsern Tee genommen, für den sie eine distinguierte Vorliebe zeigt, gehen wir zu Bett; sie ist aber noch nicht müde und unterhält mich eine Viertelstunde lang durch die wunderbarsten Kapriolen. Um halb neun endlich, wo abwechselnd ein Trompeter von den Schleswiger Husaren und den Garde-Ulanen auf den Kasernenhof tritt, um die preußischen Kavallerie-Signale zu blasen, wird Blanche stiller und schiebt sich wie zu einer letzten Liebkosung, an meinen Hals zwischen Kopf und Schulter. So vergehen Minuten. Eine Viertelstunde später tritt aus dem Kasernenflügel gegenüber ein französischer Trompeter auf den Hof hinaus und antwortet dem Preußen oder besiegelt den Appell.

Nun weiß Blanche, dass es Zeit ist. Sie erhebt sich summend und spinnend und legt sich am Fußende des Bettes auf die vierfach zusammengefaltete Reisedecke.

Das Feuer im Kamin erlischt. So schlafen wir, bis die Reveille uns weckt.

* ~ *
Das kriegstechnische Vokabular ist verräterisch; einiges muss man heute sogar und Gott sei Dank erklären ich bitte, selbsttätig zu werden.]:
guerre d´extermination,
Reveille…

Ein meisterliches Feuilleton…
In: Th. F.: Kriegsgefangen. Erlebtes 1870. Berlin 1871.
(Aus der Ausgabe des Verlags der Nation. Berlin 1984. S. 148ff. Wanderungen durch Frankreich. Bd. 1.)

*
Max Rasumofsky war ihm, dem der Status eines „höheren Offiziers“ zuerkannt wurde, der zugeteilte Bursche; ein fixer Kerl, ein „schwarzer preußischer Husar“, ein deutscher Kriegsgefangener in der Festung auf der Insel Oléron/Westfankreich, wo die Loire und die Gironde in den Atlantik münden..


 
Wer?
 

Oléron: Fontane befand sich 1871 auf dieser Festungsinsel: 

 

"O trübe diese T a g e nicht"



Mir schwai-schwa-schwante was.

Im Garten. Die kleine Akazie hat nur noch fünf Blätter, von aller Farbe verlassen, vom Wind zersaut, gehalten am Stiel mit Übermut. „Fünf und ein halb Blatts“, meint der Enkel, der das „halbe“ (Teil eines sechsten) mit eine Handbewegung andeutete: gestisch „abgeschnitten“.
Ich zähle bis zum Abend. Wer ha zu diesem Wehen und dieser Wehmut das schönste Herbstgedicht geschrieben? Mörike? Nein! – Uhland; ach der hat sich die Herbstluft um die Nase in natura et pluvia wehen lasen; ein Gedicht dazu kenn ich nicht von ihm. – Tucholsky mit „der fünften“ Jahresheit, pardon: „Jahreszeit“; oh, das ist ein anderes Kaliber…
Herbst, als letzte Schön-Tages-Einheit.. – abends mit, pardon: ohne Eintrag ins Tagebuch.
Ich greife zu einer kleinen Fontane-Ausgabe[1].

Theodor Fontane:
O trübe diese Tage nicht

O trübe diese Tage nicht,
Sie sind der letzte Sonnenschein;
Wie lange, und es lischt das Licht,
Und unser Winter bricht herein.

Dies ist die Zeit, wo jeder Tag
Viel Tage gilt in seinem Wert,
Weil man's nicht mehr erhoffen mag,
Dass so die Stunde wiederkehrt.

Die Flut des Lebens ist dahin,
Es ebbt in seinem Stolz und Reiz,
Und sieh, es schleicht in unsern Sinn
Ein banger, nie gekannter Geiz;

Ein süßer Geiz, der Stunden zählt
Und jede prüft auf ihren Glanz –
O sorge, dass uns keine fehlt
Und gönn' uns jede Stunde ganz.  


 
*~ ~ *


Entstanden ist das Gedicht im November 1870. Fontane veröffentlichte es zuerst in: Th. F.: Kriegsgefangen. Erlebtes. 1870. Berlin 11871. (im Kapitel 4); später in den „Gedichten“ von 1875. Dort schrieb Fontane: „So saß ich im Gefängnis zu Guéret, schwere Tage hinter mir, schwere Tage vor mir, und schrieb Verse in mein Notizbuch.“ [Das Notizbuch blieb erhalten. – Logo!]
Anm.: „Und unser Winter“ (I, 4) korrigierte Th. F. aus „Der trübe…“ (Er erzielte also mit der Personifizierung „unser Winter“ eine viel persönlichere Summe der Aussage.)



Zu Fontanes Gefangenschaft auf der Insel Oléron [Île d’Oléron], die er als privilegiert gefangen gesetzter preußischer Spion dort verbrachte, gehört eine wunderschöne Tiererzählung:


Vgl.:
Theodor Fontanes schönstes Feuilleton: „ B l a n c h e “.



[1] Theodor Fontane: Gedichte. Hrsg. von Kai Richter. Stuttgart: Reclam. RUB 6956. – Das  Büchlein in jede Zigarettenschlach-, pardon: -schachtel, wenn man das Stinkig-Pafige weglässt. [Oder neben jede Schachtel; wenn nciht das Portefeuille [gehobenen Deutsches] zu viel Platz wegnimmt.

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Heil dem Heilwandern!




"Heilwandern?", fragst du.

Nein, das halte ich für kein Neuwort.

Es klingt aber kräftig, mächtig, trächtig, heilvoll, segensreich – zutiefst geheil-, pardon: geheimnisvoll. Ein Kraftwort für Skigebietsmananger oder SchneeEnsemblemanager oder Managementsmanager.

Ja, tatsächlich:
Heilwandern ist noch sehr selten im Gebrauch, bestimmt nicht im Mund des Volkes: Google vermeldet nur „ungefähr 2.360 Ergebnisse (0,26 Sekunden)“.
Also: ein Kontext muss her:

Heilwandern – das bedeutet Ruhe. Loslassen und vor allem nachhaltige Erholung. Alles ohne Pfarrer, ohne bindende Dogmatik oder den furchtbar-unfruchtbaren Verschiss durch Gebote und Gezeter aus sukzessiv-gebundnenen, zölibatären Flü, pardon: Verfluchungen.
Tatsächlich, für den ersten Teil meiner manierierten Suada finde ich den passenden Treffer, aus und für und hinüber und jenseits hinein ins, pardon: in das gnaden- und lift- und hotel- und wirtshausreichen Kufsteiner Land:
Heilwandern – das bedeutet Ruhe, Loslassen und vor allem nachhaltige Erholung für zu Hause. Im Ferienland Kufstein werden auf diese Weise die natürlichen Energiequellen genutzt. Auf einer Qigong-Wanderung durch glitzernden Schnee zum Beispiel genießt man die ganze Kraft der Natur und bringt mit einfachen Übungen in kristallklarer Bergluft Körper und Geist endlich wieder in Einklang.“
Das reißt und treibt mich voll hineine in den notwendigen Skiurlaub, zuvor auf die atemlindernden, kräftigenden Heilwanderungen hin.
Ich verabschiede mich; ich muss mich erholen; ich muss heilwandern; ich muss mich selber segnen und balgen und apres-skierenden Treiben, die seligen Lustbarkeiten von Wörgl oder Auffach, im Schatten :
Pardon:
Ich schnuppere noch mal in die Anzeige auf ZEIT-Seiten: Tirol - Bergwinter genießen:
„Auf einer Heilwanderung durch die Wintermärchenlandschaft führt ein professioneller Energetiker zu tiefer Entspannung.
Und wer den mystischen Steinkreis am Riedenberg bei Thiersee besucht, innehält und für einen Moment die Augen schließt, spürt die eigene innere Mitte und Kraft.“
Aber: Auffach: das gibt es zentral diese mustergültige Kirche, ob im Hochwasser oder im Schneesturm, sie hielt bisher stand. Sie die Mutter des Heilwanderns:
Ja, Auffach – ich suche dich, finde dir, gewikit:

Auffach by Wikipdeia:
Auffach ist eines der vier Kirchdörfer der Gemeinde Wildschönau im Bezirk Kufstein.

Und ich weiß noch: St. Nepomuks Katholozität mit Prediger-Laienspielscharkünsten  betreut(e) die Tal- und Landschaft. Thierbach, der Schatzberg – euch kenn ich. Ihr habt immer ein Heilwandern und ein Ächzen und ein Schwitzen in Sonne und Segel, Sau und Saunieren garantiert.

Ich hebe ab:

Für einen Tag geistiges Heilwandern.
Aber der Name, den habe ich früher meinen Kindern gern erklärt:
„Der Name des Ortes ist abgeleitet von einer früheren Holz-Auffache, einer Vorrichtung, mit der das angeschwemmte Triftholz aufgefangen wurde.“ (s. Wiki): Also: Auffache oder Auffange! Ja, auffachen, das macht aus blödes Holz, dem Triftholz, blondes, zählbares Geld!
Also – neu mir das Heilwandern.
Aber, noch eins: das Kirchdorf als Siedlungstyp, dass schriebe ich mir noch hinter die Ohren, falls noch mal ein Kind mit mir ins Wildschönauer Land reisen will oder wer immer:

„Als Kirchdorf wird ein kleiner Ort mit eigener Kirche bezeichnet, in der regelmäßig Gottesdienste stattfinden. Ist sie auch Sitz eines Pfarrers, spricht man bisweilen von Pfarrdorf.“ (Wiki weiß wal-, pardon. alles.)

Ich habe schon Höhe erreicht: Ich heilwandere mich.

Ich heilschreibe mir (punktlos)
P.S.:
Vergaß ich's? In meinem Rucksack führe ich einen Zungenreinger mit.
Er reinigt mich von jedem Geschwätz; jeder Lüge, allem Sabbel und jeglichem Gequatsche.

Quos ... ego...




Antonius Stephan Reyntjes:

Voradventlich: 
„Im Feuer der Pslamen des Herrn…“
Oder
Wenn dem Chorgeist die Lust ausgeht


Vorn in der funkelnd durchglühten Apsis. Ein großer Chor stellt sich auf.
Weltberühmte Stimmen, perlende Choräle fließen von sanften Lippen. Frauen in langen, schwarzen Röcken und weißen, bis zur Hüfte fallenden Chorhemden mit pludrigen Rochett-Ärmeln. „Groß sind die Siege des Herrn.“
Werden vom weißhaarigen Mann dirigiert: „Und jetzt aber besser, intonabler, so, wie, so: flammabler! Herrlich-herzlicher: Der Bischof soll erbeben, wenn wir den Psalm intonieren!“ #Auf!

„Heil, David, Heil,
Der die Philister schlug!
Strahlender du des Herrn!
Leuchtender heller dein Stern
des strahlenden Feuers.
Tausend Saul erschlug,
Aber zehntausend David!“

Zwischen den sich rhythmisch wiegenden Sängerinnen kriecht her und hin ein flinker Knirps. Keine Sängerin nimmt Notiz von ihm. 
Hier tut sich ihm ein Gasse auf, dort schließt sich wieder die Reihe. Das Kerlchen ist gerade hindurchgehuscht. Unterm Gesang findet es Platz. Es rudert mit den Armen, brummbrumm. Umkreist die Frauen, die hehre singen und ihre Oberkörper wiegen, ihre Köpfe. „Groß sind die Siege des Herrn. Hallelluja!“

Zwei gebrochene Laiber Brot liegen auf einer Stufe, im Leinenweiß. Milch im Becher daneben.
Da setzt es sich hin, holt Zündhölzer aus seinem Jäckchen, schlägt ein Feuerchen, das rasch, unbemerkt vom Kantor und seinen Frauen, hochschlägt, die Kleider und die Leiber erfaßt, alles verbrennen will.
Die Flammen ziehen hoch, als wollten sie in den Himmel aufsteigen. Fensterscheiben platzen, Altar, Gestühl, Kanzel knacken, knarren, stöhnen ob der Hitze.
Die Kirche wird im vorderen Teil von glühend brünstig steigenden Flammen, einem Heer von stichelnden Zungen, niedergemacht.
Chor, Altarraum, Kanzel, die feste Burg, brennen nieder, bevor noch die Feuerwehrhauptleute Feuer rufen können. Das Langhaus des einschiffig himmelhohen Kirchenraumes glüht platzend und berstend aus, versinkt in brodelnd-stiebender Funkenasche, Stunde für Stunde.
Nachbrunst vollzieht sich in Geprassel pfingstlichen Züngelns. Stille dann.

Die nach Westen gelegene Orgelempore ist unversehrt geblieben, schwarz verblockt; die Mauern klaffend, ungeschützt vor Wind und Wetter und den Objektiven aller herangeschafften Kameras, der verstörte Kirchenraum wund und bloß.
Bis fleißige Menschen aus den umliegenden Dörfern und Bauernhöfen kommen und nehmen auf die Arbeit, die betenden Mühen. Sie planen, zeichnen, sägen, mauern, hämmern, schütten Beton, setzen brandrote, heimische Klinker; ziehen geborstene Stützpfeiler hoch und rüsten das Dach ein, setzen Blitzableiter. Die erhalten gebliebene Kirche mit Portal und Orgelwerk auf der Empore wird rekonstruiert und gereinigt; Etagen, Treppenhäuser, Feuerlöscher mit Polyäthyl-Irgendwas ziehen ein. Menschlein steigen schweigend in die kleine Wohnburg, die Kirchenfeste: Alte, Berber, Arbeitslose, Obdachlose und Psychotiker - Querulanten; ein gemischtes Völkchen besiedelt den Kirchenruine.
Doch die Menschen verstummen noch am ersten Tag, sagen aber ihren Kindern: Wir müssen froh sein. Hier wohnen zu dürfen!

Ein Mädchen in rotstoppligem Haar begibt sich in der sonnig-stillen Mittagsstunde eines Sommertages auf die Suche nach einem Spielfreund. Gelangt über Treppen, Stiegen, Galerien, unverschlossene Türchen, verschnörkelte Wendelgitter, durch einen staubig verspinnwebten Kriechgang in einen unter dem Dach eingerichteten Kuppelraum.
Als sie am Abend, nach ruhigem Schlaf, schreiend hier oben erwacht und sich im Dunkel nicht mehr hinuntertraut, wird sie spät bis in den letzten Dämmerminuten gesucht.
Geduckt, aus Äuglein lauernd betritt, mutig suchend, die Mutter des Mädchens den Raum. Sie richtet sich auf, ihr Kind stürzt ihr entgegen, es drängen die Nachfolgenden hinauf. Sie treten ein, schauen sie sich um und finden den Raum leer und öd.
In diesem Augenblick, erzählen sie sich später bei Bier und Prasselgebet, fallen vom Kreuzgewölbe die an langen Sehnen hängenden Ohrlappen herab. 
Platsch! 
Und Stille!

Und das Wappen auf der Blechtür zur Wendeltreppe im Turmaufgang war zerschmolzen.
*


© by reyntjes
Nachdruck zu Lehr- oder Entlehrungszwecken freundlich genehmigt!

Dienstag, 4. Dezember 2012

Von der Kunst, sich selber zu entdecken



Fontane zu Ehren
Gabe 2:

Kuriose „Curiosity“ entdeckte organische Kohlenstoff-Moleküle…- Die perfekte Nachricht = eine perfekt technische Tautologie, bei der der humane Anteil sich versteckt hinter launiger Dummheit oder kollektiver Luschigkeit oder perfekt zelebrierter Dummheit.

Der Forschungscomputer erarbeitet sich die human-irdischen Grundlagen des Lebens und seiner energetischen Existenz:


Der gutmütig-humane Technik-Experte*] und Dichter Theodor Fontane benannte die Forschungsgrundlage:

 

Die Frage bleibt

Halte dich still, halte dich stumm,
Nur nicht forschen, warum? warum?

Nur nicht bittre Fragen tauschen,
Antwort ist doch nur wie Meeresrauschen.
Wie's dich auch aufzuhorchen treibt,
Das Dunkel, das Rätsel, die Frage bleibt.
 ~ * ~
(Entstanden im Zeitraum 1885 bis Juni 1889.. - Der Titel im Entwurf lautete „Nur nicht forschen, warum, warum“.)
  
*] Vgl. die Großgedichte, die Balladen: "Die Brücke am Tay" oder "John Maynard" oder "Junker Dampf".

Montag, 3. Dezember 2012

Von R a s s e n, die ...



Fontane zu Ehren
 Gabe I

Rassen, die zwischen uns wohnen!

Wie? Was? Kerl du! Wie heißt das? Was meinst du?
Ja: Rassen, die zwischen uns wohnen!
Du meinst „Russen"?
Nein: genau, guttengenau zitatgerecht: „Rassen, die zwischen uns wohnen (…)“
Ach? Also, wer wusste davon? Oder, genauer: Wer wusste davon, wovon die Ludels reden, von den Rassen, die zwischen uns wohnen. Na, gut: Das ist keine heutige Ausdrucksweise!

Ja, eine mustergültige Leistung eines Deutschen, der lebenslang Humanist und Realist und Menschenfreund war. Eben ein Dichter:

Theodor Fontane:
Aber es bleibt auf dem alten Fleck

„Wie konnt ich das tun, wie konnt ich das sagen“,
So hört man nicht auf, sich anzuklagen,
Bei jeder Dummheit, bei jedem Verlieren,
Heißt es: „Das soll dir nicht wieder passieren.“

Irrtum! Heut traf es bloß Kunzen und Hinzen,
Morgen trifft es schon ganze Provinzen,
Am dritten Tag ganze Konfessionen,
Oder die „Rassen, die zwischen uns wohnen“,
Immer kriegt man einen Schreck,
Aber es bleibt auf dem alten Fleck. 

~ * ~ 


Entstanden im Zeitraum von 1885 bis Juni 1889. Der Erstdruck erfolgte in „Gedichte“ (Berlin 1889, bei Hertz). Der ursprüngliche Titel eines erhaltenen Entwurfs lautet: „Bei jeder Dummheit, bei jedem Verlieren“.

Ja, wahrhaftig, Fontane wusste Bescheid in seinem hauptstädtischen Kino, pardon: kaiserlichen Berlin:

„Oder die ‚Rassen, die zwischen uns wohnen’ (…)“ - präziser kann man Fremdenhass nicht aufzeigen, der ein altes deutsches Problem ist, ein nationales System ist.

G l u m p oder Gelump (!)



Glump
Oder
Gelump

Oder: 
Weihnachten von seiner verstörenden Seite

 
Les ich. Kenn ich doch: "Glump"!…? Das Wort ist aber selten. Mann kann auch, glaub ich, Glumpert sagen, wenn man Gelump meint, also Dreck, Zeugs (, dämliches)…
Glum­pert, das. Wortart: Substantiv, Neutrum Gebrauch: österreichisch umgangssprachlich:
 Und:
Kollektivbildung zu Lump, Lumpe.

Gelesen Ferdinand von Schirachs Weihnachtspräsent des Jahres 2012: "Carl Thorbergs Weihnachten". Drei Stories. München/Zürich 2012

Nein: „Glumse“ ist nicht gemeint.

"Gluim!" - Und im letzten Wort der Weihnachtsstory erteilt von Schirach diesem letzten Satz den Sinn eines Leitmotivs:
Der Erzähler bekam ein Bild von seinem verqueren, verstörten, prsychiatrisierten Freund.
"Nach einiger Zeit gibt das Bild ein verborgenes Wort frei – fünf Buchstaben, ausgefranst, grau verwaschen, in Spiegelschrift wild über die ganze Fläche verteilt: „GLUMP“. [Der Freund muss also beim geneuan Studium des bildes zuerst gelesen haben: "PMULG"; aber er erkannte das Wort "GLUMP!" wieder...

Welchen Wert, welche Schärfe, welche Erbarmungslosigkeit dieses Endwortes einer Geschichte und eines menschlichen Geschicks hat, bitte nachlesen... In dem Bändchen: F.v. Sch.:" Carl Thorbergs Weihnachten". S. 37 – 59. So endet ein erzieherisch und politisch verpfuschtes Leben „GLUMP“. (S. 59)

„Glump!“ Selbstverständlich mit einem hakigen Ausrufezeichen! Auch ein abgeleitetes oder missverstandenes oder zu Neuzwecken verfremdetes Neuwort ist ein kreatives Wort. Ich lobe mir ein solches Neuwort[1], das durch alle Sätze und Wörterbücher und Leseköppe zu schneiden vermag:



[1] Heinrich, ohne Einschränkung zu zitieren: Heinrich H e i n e: „Nur das Genie hat für den neuen Gedanken auch das neue Wort.“
- Heine kannte Poeten und Genies und Mathematiker etc seiner Zeit und Zeiten. Der Kontext des Aper­çus  ist lesenswert: Immanuel Kant hält er nicht für ein Genie, das neue Worte für neue Gedanken fassen kann. In einem Atem- und Schriftzeug verordnet er den Poeten vom Philosophen: „Nur das Genie hat für den neuen Gedanken auch das neue Wort. Immanuel Kant war aber kein Genie.“ - Heinrich Heine: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland. In der Reclam-Ausgabe hrsg. von Jürgen ferner. Stuttgart 1997. RUB 2254. S. 96. (Auch in: HSS. III, 597)

Sonntag, 2. Dezember 2012

Ware wahren Wahnes



Advenlich  Sonntagswerk!

Im Internet lesbar:Richard Kämmerlings' "Die ..." :Ware Empfindung. Pardon: Genauer: Des wahren Empede-, padon: - pfindens Wahn-, pardon: Wahrwerk. – Ach, nein, echt kiepo-, ach: kopiert so: Des Wahren Ware! – Ach, endzeitlich: „Die Stunde der wahren Verletzung“:
Endzeit im WELTwerk: “(…) pulsierendes Lebenswerk. Das wichtigste Buch des Jahres.“
Über und zugunsten und fürbittend wahrbetend:
Peter Handke, Siegfried Unseld: Der Briefwechsel. Herausgegeben von Raimund Fellinger und Katharina Pektor. Suhrkamp Verlag, 726 S., 39,95 E

Also: „Das wichtigste Buch des Jahres.“ – Ach, was! Das wichtigste Buch des Jahrzehnts. Das wichtigste Buch des Jahrhunderts! Das wichtigste Buch des Jahrhunderts! Ach: Es ist wichtiger als die Bibel! Amen!“ Oder: Basta!
Und der letzte Brief des S.U. an seine P.H.:
"Frankfurt am Main. 11. Dezember 2001. Lieber Peter, hier das erste, handgebundene Exemplar: das hast Du für drei Tage allein. Es ist ein schönes Buch geworden, ein großartiges Werk, eine bedeutende Dichtung. Ich gratuliere Dir (und mir!) Herzlich, Dein Siegfried."
Bedeutend! Dichtend!
Älter als die Bibel! Bedeutender als alles Biblische. Alles Gottmenschlich Gebibelte:
Wie das belegen?
Ich fragte Ezechiel. Er kannte Handke nicht.
Ich fragte Jeremia: „No comment!“
Baruch (Apokryph): „Nix verstehn!“
Amos [„Knecht; enger Mitarbeiter des Ewigen“]: “Und die Königsherrschaft wird dem Dichter gehören.“ [Buch Obadja. Vers 23]
Evangelist Matthäus: „Ich hörte von ihm. Aber er leugnte die Patergenose. Da leugnete ich ihn in meinem
εαγγέλιoν. Amen!“



Gesucht: Non-Pilling-Spraching



Non-Pilling-Sprach- und Literaturkunde

Non-Pilling … eine seelenverwandte Ausstattungsbesonderheit:
Ich möchte so Englisches, Deutsches und Dengliches meiner minniglichen Verstehbarkeit unterziehen. Versuchsweise seriöslich.
Pilling, nicht: Pee- or Pealing:
http://www.linguee.de/englisch-deutsch/uebersetzung/non-pilling.html
Schlagzeilen. Aufrufiges, sprachlich De- und Infekts, undeutlich deutsches WageMUTiges – wenn es meiner Augenscheinlichkeit auf- oder gefällt, erprobe ich sie meiner Sprach- oder Literaturkundlichkeit.

Pressemeldung über den horrenden Markt- oder besser: Kaufwert eines Kafka-Briefes, der ganz gehörig zur Einsicht vorliegt und keiner Interpretation vom Zwangskollektiv-Abituring junger Menschlein unterwerfen werden sollte.
„Auszuforschen woher sie kommt, ist Sache der Psychoanalytiker, ich bin es nicht.“ Das dazu gehörige Subjekt- zu „sie“ ist schon eine Interpretationsfrage, ein Existenzbedürfnis. Offensichtlich kann auch Kafkas ganze MANNhaftigkeit - sein Körper-Seele-Schreibmut – hinter dem blassen Subjektsersatz vermutet werden. (…)“

Der Brief ist internetal les-, deut- und für Eigenbedürfnisse markierbar:
 
Zuverlässig-genau, aber doch auch mitteilungsbe- und -breit wird beschrieben, wo die KAtze einkotet, die KAfka sich zur Dezimierung der Mauslichkeiten seiner Zimmer und seiner Nächte hält: Ss„ist dieser Ort zufällig das Innere meines Pantoffels.“

Wie eine KAtze dort hin gelangt und wie sie nach der intendierten Notdürftigkeit den Ort ihrer Niederkunft – hinter sich kratzend und scharrend nach Art der KAtzensäuberlichkeit –verlassen mag oder mochte oder wollte – Kafka weiß es nicht. In- De- und Conspektierlich kann der Leser fragen und sagen und es wagen, von der Unvollständigkeit der per Katzenhaftigkeit offenbaren Mausehaftigkeit zu sprechen als dem polypsychoä-oder psyhoanalytisch Unaussprechbaren.
KAfkas Katz- und MAuslichkeiten bleiben dem Leser getreu.
Oh Franz, du meine KAfze.

In Non-Pilling-Webkunde gesprochen:
Das Mäuschen fängst du nie.

Samstag, 1. Dezember 2012

Weihnachtlich...?




Stephanie Drissen-Reyntjes



Novembertags




                  Ilse Aichinger:
                  Nachruf:
                  Gib mir den Mantel, Martin,
                  aber geh erst vom Sattel
                  und lass dein Schwert, wo es ist,
                  gib mir den ganzen.


Wie sah der doch aus - naja - wie ein Ausländer. -Eben. - Ein Asylant? - Weiß nicht. - Komm erzähl: Ein Italiener? Oder so mehr wie ein Albaner? Lederhäutig, mediterran? Äh? -
Hör zu! Also: Eine langovale, fast runde Gesichtsfläche, mit kleiner Nase und starken Backenknochen; trotzdem groß, ja stattlich, aber kein bisschen unangenehm; herrisch? nein - eher herrschaftlich, eindrucksvoll.
Er benahm sich - ja, selbstsicher, unauffällig in diesem unseren Gastland und hätte auch kaum mein Interesse gefunden, wenn er nicht für einen kurzen Moment in mir, als er mir sein fast klassisches Profil und die haarlose, hohe Stirn zeigte, die Erinnerung an einen Onkel, den Lieblingsbruder meiner Mutter, ausgelöst hätte, fern aus meiner Kindheit flog's mich an, einen Onkel Klaus oder Martin - der Name wollte mir nicht so schnell auf die Zungenspitze. Wenn der mich abholte zu einer Tour auf dem Motorrad, seiner knatternden 80er Zündapp, dem stinkenden, herrlichen Maschinchen, mit dem zweiten Sitz, Sonderausstattung, genarbte Ledersitze. Fußschaltung, Windschutzschirm, mit grüner Sonnenblende. Rollend ins frische Land, auf, zu den Rheindeichen, in die Büsche, zu den Wiesen...
Der Mann stand unentschlossen im silbrig-weiss glänzenden, lichthell aufgeputzten Kaufhaus an einem Verkaufsstand mit Unterwäsche, Trikotagen, als ich von der zweiten Etage runter zur Kinderboutique fuhr. Ich verließ, wie magisch oder automatisch, in dieser Ebene die Rolltreppe und bemerkte, schräg von oben herabblickend, dass ihm seine lichtgoldschönen Haare, leicht ergraut, in einem deutlichen Wulst, wie eingekerbt, rund um seinen Kopf lagen, als ob sich ein Helm, ein Motorradhelm, noch nachträglich abzeichnete. Aber der Mann war schon zu alt - die Idee, dieser Mustermann auf einer Kawasacki, heute etwa - wirkte belustigend.
Eher ein weises Altersgesicht, geglüht durch die Jahre, fünfzig? fast sechzig? Auch die aufrechte Haltung, heldenhaft denke ich heute, fiel mir auf. Ritterlich? Blöde Attribute. Ein Mann wie mein Onkel, der mich, bevor ich dann in die Pubertät kam, sonntags zu Spritztouren einlud, hinaus zu den Silberseen. Und Mutter packte besonders lecker geschmierte Brote ein!
Kaum auszumachen - ein verhuschtes Lächeln auf seinem Antlitz; und wohin blickte er? Ach - auf eine unschlüssig suchende Schülerin vor der Krawattenauslage, noch etwas schlacksig, die, still versonnen, frühe achtzehn, auch mich freute; so alt wie die; da findest du Männer, die dir nachlaufen, in alle Kaufhäuser!
Jetzt fährt er, etwas verlegen, mit der Linken über seinen schwitzenden Nacken, unter den blinkenden Spot-Stechern des Verkaufstisches, addiert wohl im Kopf seine Kaufwünsche, nachdenklich.
Ich beobachte unbemerkt; meine Drogeriesachen habe ich langsam in meinen  Beutel gesteckt; sehe, wie er warme Unterwäsche kauft, weiter einen Parka, wir sind schon am nächsten Stand, als ob's gemeinsam wäre, in einer anderen Abteilung, zwei blau-weiße Wollmützen, geringelte, dicke, gewirkte Strümpfe, einen blau-weissen, anderthalbmeterlangen Schal.
Die Artikel bezahlt er an der Sammelkasse 15 der Textilabteilung, geduldig im Gedränge mit ungeduldigen Frauen.
Mit dem herübergereichten Geldschein - einem quelligen Lappen, fiel mir auf - geht die Kassiererin, nachdem sie die Kollegin am Packtisch informiert hat, in einen Nebenraum, die zwei Spiegeltüren klappen hinter ihr nach. Langsameren Schritts, geradezu behutsam, kehrt sie zurück, entschuldigt sich süßsauer beim Kunden, verabschiedet ihn mit einem lang betrachtenden Blick, fast schon wieder freundlich, oder wie gemeint?
Ich ging dem Fremden durch die kleine, novemberlich aufgestimmte City nach; verrückt, denke ich heute, aber ich ging. Ich fühlte mich geschützt durch die Passanten. Wenn er jetzt nordwärts weitergeht, beim Lohtor gerade aus, zur Beisinger Höhe, wo die städtischen Arbeiter vor zwei Wochen die Container und die Wohnwagen aufgestellt haben. Dort würde er nochmals die Gas- und Wasseranschlüsse zu den Behausungen prüfen, die aus den vergitterten Absperrungen herausführen. Ob diese Kisten wackeln im Sturm? Ob -
Ich muss zurück. Was mache ich nur?
Die Temperaturen waren tagszuvor, wie vom Essener Wetterdienst gemeldet, erheblich gefallen. Feuchte Novemberluft, erfrischend kühl, winkende Atemfähnchen aus den Mündern der Hastenden, quirlig ziehende Gerüche der Brutzelstuben und lastender Gestank der Autos von dem Parkplatz her durchzogen die Straßen, vermischten sich zu einem trübsinnigen Kondensat, legten sich auf Autolack, Asphalt, Fensterscheiben, Mantelstoff und Haut der Hände und Gesichter. Auch auf meine Knochenhaut - ich streichle mein rechtes Handgelenk, das mein Onkel damals -
Auf den breiten, gedrängt vollen Fußwegen waren überraschend viele Kinder mit ihren Eltern unterwegs, vereinzelt auch an der Hand von Großvätern und -müttern. Die Kleinsten, im Kinderwagen, und die Fünf- oder Sechsjährigen schon mal auf den Schultern ihrer Väter. Überall Laternen, fast nur Batterielichter, die keinen Ärger bei dem zugigen Wind in der Altstadt machten und keine Fackel in Brand gehen ließen.
Die Breitestraße entlang, das schummrige Lampengässchen, an Sankt Peter vorbei und die Münsterstraße rechts ab, über den von einer Lichtgiraffe der Freiwilligen Feuerwehr unwirklich angestrahlten Holzmarkt, der an diesem Freitag für den Parkverkehr gesperrt war.
Ich war ihm nachgegangen. Er schien es nicht eilig zu haben, im Gedränge mitlaufend konnte ich ihm ohne Schwierigkeiten folgen. Vorbei an den im Kontrast zum frühen Abend grell ausgeleuchteten Schauflächen der schreiend lockenden Läden - nur vor einem mehrfenstrigen Spielwarengeschäft mit verführerischen Dekorationen und einer glitzernden Erwachsenenwelt in Miniaturen und Nachbauten verharrte er kurz: -Eisenbahnen, wie viele, fuhren nebeneinander, übereinander, unter- Kopfschüttelnd? Ich bin heute unsicher, ob mich meine Erinnerung nicht trügt; nein, ob kopfschüttelnd oder tief versunken, sich freuend ob alter, verschütteter Kinderträume?

Im fahlen Neon-Gefunzel des ersten Subterrasse des Parkhauses unter der Merkur-Kaufwelt spricht er mich an: " Was folgen Sie mir, junge Frau? Seit zwanzig Minuten schon!?" (Oh Gott, so viel Zeit schon rum? Da wartet mein Mann seit einer Viertelstunde bei den Kinderstrumpfhosen im Erdgeschoss, mit meinem Einkaufszettel - und dann wollten wir zum Rathausvorplatz ziehen. Verdammt!)
Ich habe keine Antwort auf seine unvermittelte Frage und hampele  von einem Fuß auf den anderen, wie ein Backfisch - (was sagte Onkel Klaus, nachdem er mich auf dem ersten Foto seiner Agfa-Box festgehalten hatte? Hippe-Dern? Vergiß es, Mädchen.)
Gottseidank fällt mir ein Handschuh hin.

Der Mann steht vor einer Parkbox im düsteren-schmierigen Betongrau der automobilen Unterwelt. Wendet sich dort einem Pferd zu, das den Kopf, ohne zu wiehern, ihm zudreht; nickt es freundlich? Das hellbraune Halfter ist in einem Ring verknotet, der in die Betonwand eingelassen ist. Er tätschelt dem Apfelschimmel den langglänzenden Hals: "Ruh-, ruhig, mein - ruhig breitsilbig gesprochen: Co-adj-utor! Fein, brav! Ja, ich bin’s, mein Kerl! Mein Guter!" Und dann zu mir: "Warum sind Sie mir gefolgt?" Wieder seine Frage! Auch jetzt kann ich ihm seine berechtigte Frage nicht sinnvoll beantworten. "Ich hab' dich" - stottere ich, "ich glaube, Sie zu kennen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Nix Unanständiges!" Pah, doof und rot - mit meiner Bombe, sag ich dir! Mein erster vollständiger Satz ihm gegenüber, obwohl ich mir mehrere Anreden und Erklärungen schon während des Fußwegs hierher überlegt habe. Nur diesen Unsinnssatz  nicht. So geht es mir, wenn ich intuitiv mich auf was einlasse und dann - Schei-, ach: Schitt-Onkel!

"Sind Sie - etwa - eine Kaufhausdetektivin? - Auf der Jagd nach einem Dieb?" Gleichzeitig. Mit seiner Frage kramt er schon, nach Quittungen wohl, in seiner hellhäutigen Ledertasche.
Ich atme ein bisschen auf: "Nein,nein, lassen Sie bitte. Bitte nicht. Nur - ganz einfach ist es. Sie erinnern mich an meinen Onkel, aus Kindertagen. oder war's schon der Opa? Von weit her, aus dem alten Lievland her. Wenn kann ich da noch fragen, seit Omas Ersatzfrau (Urte, Burte, Schnurrte! - hatten die älteren Geschwister immer am Telefon ihr ins Ohr kichern dürfen, und wir hatten schallend gelacht - und uns auf das nächste Päckchen mit einer neuen Reimaufgabe gefreut) auch schon mit dem typischen Totenbrief abgemeldet war...

Gott, wie weit her ... das! Die Stimmen, die Bilder! Bevor Mutter mit uns Kindern wegzog vom Vater, hierhin in den Ruhrpott. Da irgendwo einen Onkel Martin? 

"Kennen Sie ihn?" Welch Gestammel! Ich breche ab - ich bin doch wohl bescheuert. Wieder so beschämt und hilflos, als Klaus damals den feuchten Fleck auf dem Ledersitz seines ganzen Stolzes sah und mich fragte - was konnte ich da schon sagen - ich zeigte auf meinen Hintern...
"Haben Sie schon selber Kinder?" fragt er mich nach einer Pause, in der ich mich weder in meiner Erinnerung an Verwandte noch in meiner Gegenwart wohl fühle, die Hand wieder am Gesäß, als Klaus sagte: "Hast du etwas die -?" obwohl der hier als Mann nicht gefährlich wirkt, nur väterlich, so einfach lieb.
"Jaja, deshalb sind wir in der Stadt. Wintersachen einkaufen und dann - mein Mann - der wartet ja!"
Der Mann greift zum braunen Pappkarton, der an der dunklen, von runden Stellen verrußten Wand steht, schlägt den ineinander gesteckten Klappdeckel auf, entnimmt ihm vorsichtig einen Helm, der glänzt metallisch, ein - wirklich - ein blitzendes Schwert und einen roten Mantelfetzen in zwei Teilen, mit Druckknöpfchen, Brokat oder Samt, ein Gewebe wie aus einem Theaterfundus. "Würden Sie mich dann bitte allein lassen? Es wird jetzt Zeit für mich. Ich will mich umziehen. Und für Sie - Sie doch auch! Zeit, meine ich."
"Sind Sie - was ?" Statt verständlich zu fragen, ich geb mir ja Mühe, reagiere ich doch lieber auf seine Bitte, wiederholt sie, als er sich hinter seinem Pferd beginnt umzukleiden.

Meinen Mann, hetz-atmend genervt, treffe ich in dem von schwülwarmer Heizungsluft durchzogenen Kaufhauseingang. Da steht er nicht gerne. "Was blieb ihm übrig, als dumm runzustehen... Mensch, wo warst du nur, Wiltrud?? Läßt mich stehen zwischen den kaufwütigen Weibern. Ich renn hier rum wie gejagt und - und such dich wie bescheuert. Die Kinder sind mit Peter und Traudl und ihrem Sulky losgezogen über den Markt, und du fehlst ihnen. Wo warst du!"
"Dann haben wir ja noch zehn Minuten Zeit, bis sie am Rathaus sind! Komm mit!" Ich bin mir meiner Sache sicher.
Es gelingt mir, ihn mitzuziehen. Eine kurze Erklärung, mehr nicht; ich stottere nicht mehr. Ich führe ihn auf dem kürzesten Weg zum Parkhaus am Ring, von hinten passieren wir das taumelhelle Kaufhaus.

In der Parkbox, 1. Tiefebene, Nr. 25, steht ein schwarzer Mercedes, ein Dienstwagen, kenntlich am Nummernschild aus der nächsten Kreisstadt.
Nichts, kein Ring im Beton, kein abgestellter Karton. Kein Schauspieler. Bin ich denn -? Nur die Erinnerung an diesen Sommertag, der Dreck auf dem Soziussitz, mein Scham, ich lief weg, zum Rhein runter. Am Deich versteckt ich mich in einer wandernden Schafsherde und riß Büschel des weißen Grases aus und fütterte das kleinste Lämmchen, ganz weiß, verstehste? Der Onkel wartete, kraulte mich irgendwie.
Ich musste zurückkehren. Kein Wort mehr.
"Suchst du Pferdeäpfel?" höhnt mein Mann, mich von oben herab anblickend, als ich mich bücke, um unter die Nobelkarosse zu schauen. "Hier, eingeklemmt unter der Kofferraumhaube - ein Stoffetzen! Oder was anderes von dem feinen Herrn mit den grauen Schläfen? Eine - Visitenkarte, mit Hotelangabe und Preiskalkulation für eine Stunde?"
Ich schaue erst gar nicht hin, worauf mein Mann mit spitzen  Fingern und heißer Nase zeigt, und winke zum Treppenhaus hoch, zwar enttäuscht, aber zielgewiss nach oben.
"Ich weiß doch, wen ich gesehen habe! Und den kann ich Dir auch zeigen! Ich bin doch nicht -"
"Du, werd nicht mucksig! Klaro? Ach, komm, Kleines, du Rabenmutter, du Träumerin!" Doch zieht er mich lachend, mir in den Handballen kneifend, hoch in die dämmrige Abendluft. Mein Arm wir länger. Ich stehe -

Zum Rathaus am Königswall schaffen wir es hastend-eilig, ohne Diskussionen, fast verödet sind hier Markt und Straßen.
Von oben, von der Freitreppe des Rohbaus für das von einigen VEBA-Knilchen gesponserte „Neue Technikum“ (IT-Undsoweiter) herab entdecken wir auf dem Vorplatz unsere Kinder in Rufweite. Sie sind die letzten, die eine pralle Tüte  mit einem großen Stutenkerl aus der Hand des Vorsitzenden der Städtischen Werbegemeinschaft erhalten. Der Martin segnet sein Umfeld. Hinter ihnen bleiben mehrere Kinder in der Schlange stehen, mit offenen Armen, sie gehen leer aus, betroffen zum heiligen Mann hinaufblickend.

Ich habe keine Lust, mich anzustrengen, mich durchzudrängen, zu ihnen rüberzugehen und die Gerechte zu spielen, die Helferin. Die schwarz angemalten Ruprechte, zwei stumm grölende Knechte, und die uniformierten Feuerwehrmänner gehen Achseln zuckend zurück zum Reiter und dem Bürgermeister, der jetzt ins Mikrophon pustet: "Wie schon seit Jahrhunderten besucht uns heute in unserer schönen Stadt, hier auf dem einladenden Markt -"
Ich empfinde nur noch eine Schallwand, eine verzerrte Kulisse aus Gelichter und Geräuschen. In meinem Kopf geht der letzte Satz des Fremden im Parkhaus spazieren, die Augen versuche ich vor der Lichtfassade des Rathauses zu schließen. Ich bin am Rhein, ich sitze auf meinem eigenen Dreck, ich wage nicht, den Onkel anzufassen, wie kann ich mich halten -
Der Mann bückte sich hinter dem Pferd, schaute freundlich zu mir auf; der Lärm des Platzes, mit Kommandos und schönen Worten, dringt in mein Ohr. Das Gesicht meines Onkels und seine Antwort, unterlegt mit Farbspiegelungen, Lichtkegeln, geschnitten ins Novembertrübe, mit hellem Lächeln und unter dem Schmirgeln der Reifen aus der Parkhausebene, erscheinen wie im Schwindel machenden Endlosband eines dröhnenden Halleffekts: Der Lärm und die Lichtfetzen trennen sich, vermengen sich aufs neue zu Lärmfetzen und Blitzgewitter. Ich sehe laut und höre scharf seinen letzten Satz, dem ich davongelaufen bin: "Würden Sie mich denn erkennen, wenn ich unkostümiert beim Umzug mitmachen würde, in Zivil und zu Fuß? - Sozusagen privat?"

Ein Mann fasst mich an. Wer? Meiner. "Was ist mit dir, Wiltrud?"
Wo bin ich noch?
„Weißt du, wo die Kinder sind.“
„Bei Omi?“ frag ich zurück, „vielleicht?“
„Quatsch! Kuck hin!“
„Wie, wo?
„Da zu dem heiligen Rotmantel!“
„Seh nix!“
„Kuck höher!“
„Da? Da! Da - auf dem Schimmel? - wovon du immer geträumt hast! - Mädchen, wie ist dir?“
Gut, daß er mich in den Arm nahm -


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