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Donnerstag, 24. Januar 2013

H a l b s e i d e n – drittelseiden – viertelseiden –



Halbseiden und Ableitungen:

Ein bisschen Sprachlogik, auf Grund von Teilungsregeln:


Halbseiden – ein schönes Wort: suggestiv, sozusagen von nebenan, ja: anschauungs- und geruchsmächtig!

Man wird wohl nirgendwo etwas (oder wen) finden, was die Entstehung und den Erstschreiber dieses Worts festhält. Aber sympathisch ist mir jeder, der von „halbseiden“ mir Kunde bringt. Ob auch von „drittelseiden“ – nu, das ist nicht nach meinem Geschmack.

Die Etymologie gibt die Entstehung im 17. Jh. an, mit der Bedeutung „“anrüchig“, „unseriös“ (ugs.). Vgl. Duden online, mit überraschenden Erweiterungen des Gebrauchs im „halbseidenen“ Milieu:

Das DWDS-Korpus hilft weiter:

Die deutsche Literatursprache hält den originalen Bestand, die Stoffqualität von “halbseiden“ fest, in Hermann Stehrs „Der Heiligenhof“. München: [zuerst 1918]:

„Dann fragte Brindeisener mit einer Kopfbewegung, und sie bejahte mit den Augen. Am Ständer hingen ihr halbseidener Mantel, Hut und Schirm. Brindeisener ergriff alles, legte es sich über den Arm, schritt in den Kreis, hob das Strumpfband auf, und als er sich dem Mädchen näherte, streckte sie ihm schon das schöne Bein entgegen.“

„Halbseiden“ ist in diesem Sprachregister kein häufiges Wort.

Aber hier die Qualität von „halbseiden“, die über eine stoffliche hinweg leitet zu einer erotischen:
„Herr Schwertschwanz hörte erschrocken und begeistert zu. Er war entzückt, als sie-kokett betonend, daß sie leider nur wissenschaftliche Beziehungen zu Männern unterhalten könne - wie unabsichtlich bis über das Knie ein gut geformtes, herbes Bein sehen ließ, das in einem aufregend gemeinen, halbseidenen Strumpf befestigt war. Die Studentin erwiderte merklich die Sympathie des Schauspielers.“ (Auctor: Alfred Lichtenstein, in „Die Jungfrau“; nachgedruckt in: „Deutsche Literatur von Lessing bis Kafka“. Berlin: Directmedia Publ. 2000 [Zuerst 1919].

Nachweis wie oben im DWDS.de.

Aus Pfeifers „Etymologischen Wörterbuch“ wird zitiert:
„halbseiden Adj. ‘aus einem Mischgewebe von Seide und Baumwolle oder Leinen bestehend’ (17. Jh., zusammengewachsen aus halb seyden, 15. Jh., halb sidin, 14. Jh.); wegen der Minderwertigkeit und mangelnden Gediegenheit solchen Stoffes dient halbseiden schon bei Goethe zur abschätzigen Kennzeichnung und wird seit Beginn des 20. Jhs. übertragen für ‘fragwürdig, anrüchig, von zweifelhaftem Ruf’ gebraucht.

Das Goethe-Zitat sei hier nicht verschwiegen. Es steht schon im DWB:
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Leipzig 1971. Online-Version vom 24.01.2013.
„halbseiden, adj.: semisericum halb sidin Diefenb. 525c; olosericum gar sidin, bombicinum halb sidin voc. o. 13, 82; halbseiden wand, tela subserica Stieler 2406; halbseidene zeuge, deren aufzug oder die kette entweder ganz von seide oder auch von seide und schafwolle gemischt .. der einschlag aber von wolle, baumwolle oder auch leinengarn ist. Jacobsson 2, 194b;

Und nun Goethe:
„handelsbübchen, die stets am sonntag drüben sich zeigen,
und um die, halbseiden, im sommer das läppchen herumhängt.“
(Goethe 40, 254)

Heuer nachgelesen als Weiterentwicklung von „halbseiden“: „drittelseiden“:

Wer nun wie nach der Lektüre beim „Wortisten“ in der taz „drittelseiden“ mit „viertelseiden“ vergleicht, erhält für „viertelseiden“ ein wesentlich vielfältigeres Sprachbild als Auskunft über eine gewollt stylische Minimierung oder Halbierung zu dem sprachgeläufigen, dudengebuchten Original „halbseiden“:

Beispiele?
Hier geht es um ein Musical, na bitte:
„Der Rock 'n' Roll Club Stellingen hätte besser getanzt und weit besser ausgesehen dabei. Wie in diesem bestenfalls viertelseidenen Gewerbe üblich, durfte der Rezensent nur unter der Bedingung über die Voraufführung schreiben, daß er „entsprechend" darüber schreibt. Abfällige Bemerkungen könnten den Erfolg des Musicals beeinträchtigen. (Willi Winkler, damals in: Die Zeit. Vom 16.12.1994, Nr. 51)

„Viertelseiden“ - Der Wortist hätte hierfür nur ein halbes Neuwort, aber ein aussagekräftiges präsentieren können. - Ein kleiner Nachtrag, der zeigen kann, wie sprachmächtig Minierung oder sprachLOGische Halbierung des "halbseiden" aus- und/oder gefallen kann, statt einer LOBOmäßig konstruierten, einer zwanghaften.

Sprachgewalt übt nicht der volkstümliche Sprachmund. Für sprachliche Überzeugung und Überlieferung des Sprachdokuments hilft nur die ordentliche Teilungsregel:

Halbseiden. Viertelseiden. Achtelseiden. Sechzehntelseiden ... (Unser Jugend wird es uns danken, wenn es nachzulesen sich bequemt.)
"Es ist weit eher möglich, sich in den Zustand eines Gehirns zu versetzen, das im entschiedendsten Irrtum befangen ist, als eines, das Halbwahrheiten sich vorspiegelt." (Maximen und Reflexionen 74 . Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller Archivs, Verlag der Goethe-Gesellschaft, Weimar, 1907)  

- Korrigierte und eeergänzte Niederschrift nach meinem beim taz-Wortisten angezeigten "Bei- und Nachtrags" unter dem Autorenamen „Antoninus“. -

Dienstag, 22. Januar 2013

Von g e f r a c k t e n Landschaften



Landschaft(en), aufgebrochen

… unter dem technischen und dem chemischen Fracking, Fracken (nein: Fracksausen nicht!):

Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch schrieb zum Stichwort seine Kolumne:
und verweist auch für dieses Lehnwort, das eine deutsche Wortkarriere verspricht: als Nomen, als Verb, als duden-übliches Stammwort

Die Technik des Frackings, des Gesteins-Brechens, wird schon fast, aber noch nicht unmittelbar vor unserer Haustür (ein abgeschliffene Redensart!) eingesetzt:

Das engl. to „fracture“ ‚aufbrechen‘, ‚aufreißen‘ liegt direkt zugrunde ( zurück bis zum Lateinischen führt es kurzerhalb: Fraktion, Fraktur...

Im Ruhrgebiet - meinem derzeitigen Zuhause, nicht meiner Heimat -, ist Fracken ausgeschlossen (wg. der hohen Bevölkerungsdichte; die aber in 30 Jahren auch schon um etwa 20 % abnehmen wird). Im weiten, weiten Münsterland wird wohl jeder Großgrundbesitzer, der nicht neben den Zufahrtswegen, dem Bohrturm, den Wassertanks (geschwiegen den Chemievorräten!) wohnen muss, seine Genehmigung für das Schürfen erteilen:
Dafür gilt das Bergrecht; und da packt jede Hand zu, die sich versilbern oder vergolden lassen will. Und weiterhin in feinstem Zwirn oder mal im Frack irgendwo erscheinen will, z.B. beim „Parzifal“ in Dortmund; da darf man mitwimmern (im Herzen und im Applaus!).
Also: Frackt euch! Es soll sich lohnen.

Nachträglich, beiläufig, in lyrischer Einfachheit lässt sich ja noch Löns schwarzes Gedicht vom Bohrturm in der Heide zitieren:

Hermann Löns:

Der Bohrturm



Es steht ein schwarzes Gespenst im Moor;

Das ragt über Büsche und Bäume empor.

Es steht da groß und steif und stumm;

Sieht lauernd sich im Kreise um.



In Rosenrot prangt das Heideland;

»Ich ziehe dir an ein schwarzes Gewand.«

Es liegt das Dorf so still und klein;

»Dich mache ich groß und laut und gemein.«



Es blitzt der Bach im Sonnenschein;

»Bald wirst du schwarz und schmutzig sein.«

Es braust der Wald so stark und stolz;

»Dich fälle ich zu Grubenholz.«



Die Flamme loht, die Kette klirrt,

Es zischt der Dampf, der Ruß, der schwirrt,

Der Meißel frißt sich in den Sand;

Der schwarze Tod geht durch das Land.


Hermann Löns: Sämtliche Werke, Band 1, Leipzig 1924, S. 211

Nachlesbar:

Ja, (nin, nicht: unser!) Hermann, ein heiliger des Heimatgesanges, der H. Löns war konsequent in seiner Heimatliebe, auch wenn er im Schützengraben „in Feindesland“ 1914 seinen Todesschuss, seine Garbe er-stritt. Oder vorher seiner Heide Garbe, pardon: Farbe, Geruch und Gesundheit erkundete und im Rhythmus und im Reim erzittern ließ.
Nein, dieses Gedicht gibt es nicht in liedhafter Gesangespracht. Es blieb immer ein ungeliebtes Kind der Lönsschen Naturkollektion.

Da neue Bohren setzt ein, zwei Kilometer weiter, nein: tiefer an, als Löns es beobachtete und wahrnahm und beschrieb, dass die Heide krachte.
Aber nein, „Frack“ hat nicht mit (lat.) frangere, Fraktion, Fraktur etc. zu tun. Die Etymologie  kleidet sich fein: in den „frock“ (engl.; deutsch „Rock“).
.
Mythos-Berichte und Gedenkstätten gibt es für den späteren Nazi-Liebling genug; hier soll die absolute Ausnahme in seinem Werk, ein Stück zerstörter Heimat im Zugriff der Rohstoffindustrie, genügen:

Der ungekürzte, ungeschönte Löns in der Wikipedia...:

Samstag, 12. Januar 2013

?Phäno-watt: P h ä n o m e m, P h äno m o m e



Phä… - 
Was?

Jo: Phänomeme

[- einschließlich der üblichen Prinz- und Prinzesschenwahl der wortistisch erkiesten Erstgebärenden.]


Also von Blogüberflüssen und vom wahren Holz, aus dem Bildung geschnitzt ist


Aus Pfeifers „Etymologischem Wörterbuch“: 

Phänomen, neutr.. ‘sich den Sinnen zeigende oder gedachte Erscheinung, seltenes, außergewöhnliches Vorkommnis, auffallende (Natur)erscheinung, ungewöhnlicher, überragender Mensch’, entlehnt (2. Hälfte 17. Jh.) als philosophischer und naturwissenschaftlicher Terminus aus spätlat. phaenomenon ‘Erscheinung (…)“
Och, phänomenal finde ich das Schwersprechwort „phänomemal! [meinzwg. auch ohne !]“ nicht. Ob es einen neuen Aussagewert hat oder bieten wird? Mir zeigt das Phänomem oder auch das Phämomen nix erkenntniswertes; ich finde es suffixig phämo-mies. Es twittert so freundschaftslustig einher…

Der Zwang von virulenten Digitalen ist eine Plage von viralen Digitalisten; keinerlei Holzbildung präsent zu halten und sich luftikös, na ja: luftikeus, achnee luftisch zu versprachlichen, ist erschröcklich, aber dem Neuheitsfaktor Untergang [lat.: „ruina“ oder gar „interitus“] geweiht. 
Das selbst geschnitzte Dekor wird ausgestellt. Schönes Nicht-Holz?

Mich verlangt’s nach dem geistigen Parkett, dem ewigen Holz:
Ein klassisches, gedrucktes Beispiel, z.B. um Denk- oder Mensch- odr Abituraufgaben zu schnitzeln:


„Wenn er sich im Zustande der Ermüdung und Schlaftrunkenheit eine Denkanstrengung auferlegte, so ereignete es sich ihm häufig, daß ihm der Gedanke entschlüpfte und dafür ein Bild auftrat, in dem er nun den Ersatz des Gedankens erkennen konnte. SilbererÒ] nennt diesen Ersatz nicht ganz zweckmäßig einen "autosymbolischen". Ich gebe hier einige Beispiele aus der Arbeit von Silberer wieder, auf welche ich wegen gewisser Eigenschaften der beobachteten Phänomene noch an anderer Stelle zurückkommen werde (…).
Beispiel Nr. 1. Ich denke daran, daß ich vorhabe, in einem Aufsatz eine holprige Stelle auszubessern. Symbol: Ich sehe mich, ein Stück Holz glatt hobeln.“
- Aus: Freud, Sigmund: Die Traumdeutung, Leipzig: Deuticke 1914 [1900], S. 256 -


Da wurde noch substanziell gebrettelt, gehobelt, wo es um Denkbretter ging; heuer geht es [ach, was, es holpert und ähm: stolpert!] um Splitter von Splittern, aber nimmer um Aphorismen (auch als Denksplitter geschnitzt). - Ach, Splitter und Span, was deut ich an?

Und: Abschied von „Memologien“, die täglich begeistert sind oder gequält schein, zu memologieren – und immer aus dem US-Englischen.



Viel Holz, das man lesen, pflegen und tradieren kann:

Phänomeme?

Neim, der Überschuss an Verbalismem, der im Netz, ohne Basiswissen, produziert wird umd übermorgen verme-, pardon: -gessen ist.



Lange wächst das Holz… Memsch, pardon: mensch - darf es pflegen. Ob er sich selbst zum Mö-, pardon: König von Sprachwissen oder zum Primzchen der Wortmumpfelei*] erkrät oder erklärt wird
[Nichts gegen die geheime Sprache der Bäume.  - Aber wenn der Memsch sie mer-, ähem: er-kennt, macht er ein Me-, ach: ein Ge-schäft daraus. - Zuerst die Worte, dann die Morte.] 
Da werden  wortreich-wortistisch Wort-“Schöpferkrone[n]” für Neuwörter gesucht und , wenn überhaupt, nur durch Zufall gefunden. Internet-gläubig, ohne Fachverstand für Etymologie, Spachwissenschaft - nicht mal für die Latein-Grundlagen fast jeder Wissenschaftsbegrifflichkeit stehenzur verfügung.

Upps: Holz-Wissen gibbet ete nichmeha! Wir wissen allet per Google-Suche!  
Ja: P h ä n o m e-mal-mich-mal virtuell-intelligent! 


*] Interessanter ist die Mupfelei des Urmels aus dem Eis": mie-, ach: viel  Spaß!

Ò Zeitgenosse Freuds: Herbert Silberer (1882 – 1923) -:z. B: "Der Traum. Einführung in die Traumpsychologie". (1919) [Fußnote vom Schreiber, dem Nicht-Freud]

Donnerstag, 10. Januar 2013

A u s w e n d i g!



„Auswändig“, früher schon (bei den Grimmschen im DWB) und später- und fürderhin „auswendig“ - s. Duden -  geschrieben.


Einige nicht auswendig dargestellte Beispiele.

Ein Erziehungsbeispiel bei Marie von Ebner-Eschenbach, in „Meine Kinderjahre. Biographische Skizzen“.

„Äußerlich eine mittelgroße, schlanke Brünette, mächtiges Dunkel im Haar, Feuer in den Augen. Innerlich – ein Drache. Eine treue Anhängerin der Moral, die unsere Modernen erfunden zu haben glauben, eine Dienerin der Pflicht, »sich auszuleben«. Sehr unwillkürlich bildeten ihre Zöglinge dabei doch einige Hindernisse, und als solche hat sie uns herzlich gehaßt. Es regnete Strafen. Die ärgste diktierte sie mir, als ich einmal in offenen Aufruhr gegen sie geriet, weil sie statt les Autrichiens »les autres chiens« gesagt hatte. Hoch angerechnet soll übrigens der leidenschaftlichen Dame eines werden, und ihr zum Ruhme muß ich es besonders hervorheben: wohl hat sie uns hungern, hat uns bis zur Erschöpfung im Winkel stehen, viele Seiten aus Noël et Chapsal auswendig lernen lassen, von denen wir kein Wort verstanden – geschlagen hat sie uns nicht. Die Note fehlte in der Symphonie ihres Erziehungsprogramms. Trotzdem lernten wir durch sie aufs gründlichste erfahren, wie tief unglücklich Kinder sein können, die sich wehrlos einer böswilligen Macht überantwortet fühlen.“

Auswendig lernen, die normale Bimsmethode: „Auswendig“ bezog sich auf die Wiedergabe, das äußere, vom „Erzieher“ abverlangte „auswendig“ Aufsagen, das Vorsagen, das Abspulen..

In Sudermanns betulich-mitleidvoller „Frau Sorge“:

„Das Lernen ging ihm sehr schwer vonstatten. Das Pensum, zu welchem die Kameraden kaum 15 Minuten gebrauchten, brachte er erst in ein bis zwei Stunden fertig. Dafür war seine Handschrift auch wie gestochen, und in seinen Rechnungen fand sich nie und nimmer ein Fehler. Dennoch war keine Arbeit ihm gut genug, und gar oft überraschte ihn seine Mutter, wie er nachts heimlich aufstand, weil er fürchtete, das Ausendiggelernte wäre seinem Gedächtnis entfallen. Daß er gleich den Brüdern eine höhere Schule besuchen würde, daran war nicht zu denken. Die Mutter hegte wohl eine Zeitlang den Plan, ihn den Älteren folgen zu lassen, sobald diese ihre Abiturientenexamen gemacht haben würden, denn es tat ihrem Mutterherzen weh, daß dieser eine den anderen nachstehen sollte, aber schließlich fügte sie sich. Und es war wohl auch am besten so. – Paul selbst hatte es nie anders erwartet. Er hielt sich für ein durchaus untergeordnetes Wesen den Brüdern gegenüber und hatte es schon längst aufgegeben, ihnen jemals zu gleichen. Wenn sie zu den Ferien heimkamen, Samtmützen auf den wallenden Haaren, bunte Bänder quer über die Brust gespannt – denn sie gehörten einer verbotenen Schülerverbindung an –, so schaute er zu ihnen empor wie zu Wesen aus höheren Welten. Begierig lauschte er, wenn sie untereinander über Sallust und Cicero und die Dramen des Äschylus zu sprechen begannen – und sie sprachen gern davon, schon allein, um ihm zu imponieren. Der Gegenstand seiner allerhöchsten Bewunderung aber war das dicke Buch, auf dessen vorderster Seite das Wort »Logarithmentafel« geschrieben stand und das von der ersten bis zur letzten Seite nichts enthielt als Zahlen. Zahlen in langen, dichten Reihen, bei deren Anschauen ihm schon schwindlig wurde. Wie gelehrt mußte der sein, der das alles im Kopfe hat, sagte er zu sich, den Deckel des Buches streichelnd, denn er dachte nicht anders, als daß man alle diese Zahlen auswendig lernte.“

http://woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/Navigator/navigator_py?sigle=DWB&lemid=GA09348&mode=Vernetzung&hitlist=&patternlist=&sigle1=DWB&lemid1=GA09348&sigle2=Adelung&lemid2=DA04725

Nachzulesen im Adelung und im Grimm; na, bitte: selber googeln (lernen).

Bertelsmann Wörterbuch:“
“Aus|wen|dig [Adv. ] 1 aus dem Gedächtnis, ohne abzulesen; etwas a. hersagen, singen, spielen; etwas a. können; das kann ich schon in- und a. [ugs.] das habe ich schon so oft gehört, dass es mich langweilt; etwas a. lernen sich so einprägen, dass man es aus dem Gedächtnis sagen, singen, spielen kann ... [zu 1: eigtl. ”nach außen gewendet“, d. h. ”vom Buch abgewendet“, also ”ohne ins Buch zu schauen“]“ .

Auswendig lernen war die strengste, eigen- oder fremd kontrollierte Form des Lernens. Alles war auf Nachfrage vorzubringen, mit Beispielen, mit Erklärungen, mit Erklärungen:
Puh: die Erinnerungen im Schallraum einer Klasse an einer Latein-Penne, ach: Ehre wem Schande gebührt: eines „Altsprachlichen Gymnasiums“:

Zu Beginn von „Latein“: Schritte draußen, Aufstehen in der Klasse.
"Peveling! Die elf verschiedenen Ablativi – punktum, sofort! Den „Ablativus thematis“ können Sie weglassen. Ach? Sie bringen es nur auf neun? Vergeblich! -"
"Dann Reyntjes! Weil sie die Ablativformen beherrschen: Die ersten sechs Sätze aus Caesaris „Commentarii de bello Gallico“. (Puh, und ich kann nur zwei Sätzchen!)
– Ich erwache aus dem Alb.

Stichwort:
Duden. Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. Vierte Aufl. Mannheim 2007 S. 923:
„Auswendig“. Vgl. das Verb wenden“: „aus dem Gedächtnis“( mhd. uzwendec: äußerlich, auf die Außenseite“; die heutige Bedeutung seit dem 16. Jh.)“

Und er baldowerte aus, der B a l d o w e r...



„Ausbaldowern“?

Gauner-Sprache: mieses Deutsch? Da „unterwelt-zughörig, -bedingt?“ Da nicht sauberes, sondern irgendwie defektes, ja gaunerhaftes, ungehöriges - oh Jesaias!: virulent, geheimnisvoll, untergründig antisemitisches Deutsch?

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/14263

Das Tucholsky-Zitat spricht stilistisch Bände, naschö: vielleicht nurBänder der Erkenntnis: KT schreibt, wie es die „Jüdische Allgemeine“ gelten lässt: „»Und dieser miese Baldower wagt es, für die Asphaltpresse einen Bericht zu verfassen, dem die Lüge an der Stirn geschrieben steht.«

Vollständig, die freche Perspektive verdeutlichend:

„Und dieser miese Baldower wagt es, für die Asphaltpresse einen Bericht zu verfassen, dem die Lüge an der Stirn geschrieben steht! Nicht nur, daß er den Namen seiner eigenen Mutter (Himmelstoß) in seinem Buch verwendet, um einen Vorgesetzten verächtlich zu machen (Herr Staatsanwalt?) – sondern er beschuldigt auch die deutschen Soldaten grausamer Handlungen, deren sie niemals fähig gewesen sind; denn der deutsche Soldat war bekannt für schmerzlosen Nahkampf und humanes Trommelfeuer. Davon weiß natürlich der Salomon Markus nichts; während vorn seine Kameraden mit dem Gesang »Deutschland, Deutschland über alles!« gen Paris zogen, um es zu besetzen, es aber leider schon besetzt fanden, hat der Jude Markus hinten geschlemmt und gepraßt; in der Umgebung des kronprinzlichen Hauptquartiers fanden sich bei Abmarsch der deutschen Truppen allein vierundachtzig uneheliche Kinder – und wer anders kann die gemacht haben als Markus –!“ (KT in seiner Satire auf die Remarque-Gegner: „Endlich die Wahrheit über Remarque". Kaspar Hauser: Die Weltbühne, 11.06.1929, Nr. 24, S. 902; wieder in: "Deutschland, Deutschland")


Datt heißt abba nu: Es gibt Baldower, die sind ebend Baldower; also nicht mies: keine miesen Baldower, furzbasta! Der Genannte, der Gemeinte ist aber - jau! - ein „mieser Baldower“, sagt KT, als Denker und Sprachrichter. Er leistet sich keine Pleonasmen. Miefige Jidden.  z. B. - KT denkt klar, drückt Wehmut aus, demonstriert uns sein und unser Deutsch wenn mensch lesen will.

Die jüdischen Sprachgeschlicht-, pardon: schichtler, vom Format eines Christoph Gutknecht (eigentlich, juchz!, ein deutscher „Wissenschaftler“] sollten sich frei machen: Brust raus: Es gibt Sprache, die weder semitisch, noch antisemitisch ist. Sondern einfach eigenwilliges Deutsch. Gutknecht signalisiert im Titel diesen wertfreien Gebrauch, nur will es ihm nicht gelingen:„Geschickt ausbaldowert“. Die „angeführte“ Hans Fallada-Stelle ist ebenso eindeutig, schlicht-neutral, ein wenig vom Milieu geprägt, aalltäglich-kollektiv zu genießen, zu verstehen, ohne antisemitischen Effekt: „’(…)der Mordhorst knackt keinen Schrank, ehe er nicht alles baldowert hat.‹«

So geht Deutsch, ohne Verfolgungswahn.
„Ausbaldowern“ hat nicht per se eine abwertende, eine pejorative Konnotation. Wer aufgrund von nicht ausgewiesener „Jüdischkeit“ die deutsche Sprache in ihrer Entwicklung festschrauben und den Sprachgebrauch reglementieren will, ist ein Spekulant. Das muss man nicht erst „ausbaldowern“, das fällt auf, unmittelbar, als ungehörig.

Und hat Gutknecht nicht Fontane zitiert und willihn kennen:

 Fontane in seinem Altersroman Der Stechlin (1897/1899):
 »Ich sehe, wir müssen uns was Neues ausbaldowern. Das is nämlich ein Wort aus der Diebssprache; so weit sind wir nu schon.«


Ach, Theodor Fontanes Zitat ist vergnüglich-ironisch ausgesprochen,also noch mal zum Nach-denken: »Ich sehe, wir müssen uns was Neues ausbaldowern. Das ist nämlich ein Wort aus der Diebssprache; so weit sind wir nu schon.«
- Wer will uns da auch den Fontane verbieten?Wenn wir ihn und sein Denken ehren?

Übrigens: 

Die Kritik kulturell und moralich seichter, kapitaler Juden – wie sie sich nicht nur vor 33, sondern verstärkt nach 33 aufführten; na gut: 19… - , die könnte die JA sich mal erklären und übersetzen lassen in die Gegenwartskabalen. Ja, bei und von und nach KT dem Sabbat- und Alltags-Deutschen!

Sollte man, sollten wir dieser aufgepappte Denkfigur des schmutzig sprechenden Deutschen, des „miefig, moralisch korrupten „Baldowers“ nicht widersprechen?
Sollten wir Ranglisten von unnützen, dummen, ja antiaufklärerischen, die deutsche Sprache verhunzenden Juden oder cojüdischen – nein, nicht cojüdelnden - Deutschen (Christen?) oder Mit- oder Antijuden erstellen?
Sollten wir Semitismen – oder Antiantisemitismen? - sammeln, veröffentlichen, uns das Diktat der Antisemitismusschreier vorbrodern lassen…?

Puh*] - oder "pöh"?, ich will es nicht ausbaldowern…

*] „Puh“ – ist eine (anti-)jüdische Labilialität. Eine sprachliche herpes labialis (Lippenherpes), mehr nicht. Nein, sprachkundliches „Zorbing“ ist es nicht. Owatt is nu Zorbing**]?

**] "Beim Zorbing in einem russischen Skigebiet kommt es zur Katastrophe: ein Zorbing-Ball mit zwei Insassen gerät völlig außer Kontrolle und rollt in unkontrollierbarer Eigendynamik den Berg hinab... "etc. Selber googelen!

Der Sprach-Wahrheitsforscher Heinz Küpper (einschließlich des Jiddischen) gibt klar Auskunft:

Als Stichwort:
Ausbaldowern: (tr. Verb) etw. auskundschaften, aussähen. Ein rotw. Wort, entstanden aus jidd. „baal“ = Mann“ und „Dowor“ = Sache, Wort“ im Sinne von Sachkundiger (1800ff.) [Küpper: Wörterbuch der deutschen Alltagssprache. Bd. 1. 1971. S.37]