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Samstag, 23. Februar 2013

Zum diesjährigen Frühling? M ö r i k e !


Zusammengestellt von Anton Stephan Reyntjes


Du bist ins Leere entschwunden, aber im Blau des Himmels hast du eine unfaßbare Spur zurückgelassen, im Wehen des Windes unter Schatten ein unsichtbares Bild. (Rabindranath Tagore)




9. März 1829 - ein Frühlingstag der deutschen Lyrik



Eduard Mörike schreibt sein Frühlingsgedicht "Er ist's!"



"Frühling läßt sein blaues Band
wieder flattern durch die Lüfte ...“

- Mörikes so suggestiv-einfaches, schon vom Text her stimmig-liedhaftes Bekenntnis zum blauatmosphärischen Lenz ist sicherlich eines der bekanntesten deutschen Frühlingsgedichte, wenn nicht gar das bekannteste überhaupt, ebenso ein lyrisch elementarer wie poetisch komplexer Fall naturnaher Dichtung, genauer gesagt: ein sowohl ökologisch als auch denkbiologisch oder wahrnehmungspsychologisch interessantes Exemplum für Kunst wie Leben, für Ästhetik wie Gefühlsökonomie, beides darf nicht als pathetisch-empfindelnd oder naiv-unreflektoert und einfältig gleichgestellt werden.
Als Vikar in Pflummern, nahe Riedlingen an der Donau, im Dekanat Münsingen, schrieb Mörike das Gedicht am Vormittag des 9. März 1829. Dort saß er, fühlte sich unglücklich, obwohl oder gerade weil er in der zweiten Hälfte des Jahres 28 den Ausbruch aus der von ihm so benannten "Vikariatsknechtsschaft" geprobt hatte. Aber seine Versuche, außerhalb der Kirchenverwaltung eine Hofmeister- oder eine Bibliothekarsstelle zu finden, scheiterten. Auch die einschneidendste Veränderung, zu der er sich beruflich entschied, nämlich als Redakteur für eine projektierte Damenzeitung in Stuttgart beim angesehenen Verlag Franckh zu arbeiten, war kläglich gescheitert - auf Kommando oder nach Druckterminen Aufsätze oder Erzählungen zu schreiben - nein, da befielen ihn Bauchschmerzen, ihn, der ohnehin psychosomatisch so anfällig war seit seinen Kindertagen und von Mutter und Schwester häufig unter medizinische und psychologische Kuratel gestellt wurde. "Ärger als je vom Predigtmachen", so klagt er selber, wurde ihm von dieser anfangs so hoffnungsvoll angestrebten Redakteurstätigkeit. Sein Abgang aus München war eine Flucht gewesen; er verließ den Verlag, ohne die Vorauszahlungen des Verlegers abgeleistet zu haben.
Sein Wiedereintritt in den Kirchendienst - was bleibt ihm anders übrig nach seiner theologischen Ausbildung und dem drittklassigen Abschluß des priesterlichen Kandidatenexamen? - erfolgt als Pfarrverweser in Pflummern, wo die Mutter ihm den Haushalt führt. Am 9. März schreibt er dort das Gedicht, das später am häufigsten in der deutschen Literatur kritisch parodiert oder einfühlsam, liebevoll umgestaltet wird in Kontrafakturen, Nachempfindungen oder Variationen.
Als Prozeß der Wahrnehmung, die alle Sinnesorgane und Mörikes so eigentümlich differenzierendes ästhetisches Fühlen und poetisches Reflektieren betrifft, ist es ein lyrisches Kunstwerk, ein unvergleichliches Kleinod und Empfindungsmodell aus der Zeit des deutschen Biedermeier geworden; der Epoche, die zwischen Restauration und Revolution sich so typisch schlafmützig und deutschtümelnd verstand, wie später nur noch die Adenauerzeit der 50er und 60er Jahre. Die Genauigkeit der beschriebenen Empfindung vermittelt jedem, der den Text liest, aufsagt oder mithört, vom Deutschlehrer erzwungen oder ihn freiwillig nachsummend, ein unmittelbar suggestives Verständnis, eine psychisch eindrucksvolle Abfolge der Wahrnehmungen und Sinne, eine erlebnismäßige Umittelbarkeit ohne Interpretationszwang. Wer den Text näherhin befragt ob dieser direkten Wirkung, ihn untersucht wegen seiner scheinbaren Einfachheit, kann eine merkwürdige Abfolge der Wahrnehmungen nachvollziehen; ein Denkbiologe aus der ökologischen Schule Eric Vesters etwa würde heute sagen, Der Text leistet eine optimal vielfältige Aufnahme mit allen menschlich verfügbaren, leider heute häufig degenerierten oder allergisch überreaktiven Sinneskanälen und Apperzeptionsleistungen.
Der Vikar Mörike, nein, der Naturfreund Mörike, erst 24 Jahre alt, geht aus von einem optisch-sinnlichen Allgemeineindruck, vielleicht morgens auf den Himmel gerichtet: Im vorherrschenden Grau der Atmosphäre beobachtet er Streifen, Bänder neuen verheißungsvollen Blaus, atmosphärisch auffällige Streifen der neuen, der kalendarisch zu erwartenden Jahreszeit, wie sie im Schmuddel-Winter nicht festzustellen sind; sie sind vermittelt durch den wieder beobachtbar hohen Himmel, durch bessere Fernsicht. Diese Frische, dieses Neue im Gesichtskreis wird unterstützt durch das Geruchsmäßige, ein intensives olfaktorisches Moment; süße "wohlbekannte Düfte". Hier erinnert sich ein sensibler Erwachsener der Gerüche des letzten Jahres, des letzten Frühling, er saugt sie interessiert ein, es wird ein landerfüllender Eindruck, er dokumentiert eine Spezialität des teilnehmenden Beobachters, der seine Nase noch zu gebrauchen, seine Erinnerung zu aktivieren weiß. Es ist Zeit für seine staunenden, begehrenden Gedanken, sich in der Nähe umzusehen, die Veilchen wahrzunehmen, sie "träumen schon"; sie sind noch nicht erwacht zum Leben; der Traum, weiß dieser Sinnenmensch, geht dem Aufwachen unmittelbar voraus; auch wenn dem Dichter damals, am Anfang des 19. Jahrhundert noch keine Traum-Analysen aus Schlaflabors vorlagen, war die Genauigkeit solcher Beobachtungen und Lebensregeln von Menschen, die ganzjährig den natürlichen Lichtbedingungen des Tages und der Nacht unterworfen waren, elementar einsichtig; die Veilchen werden aufwachen und jeden, der hingucken kann, mit ihrem traurig-wehmütigen Gesicht anschauen; denn die Horn-Veilchen gemeint sind, die hier zu Mörikes Lebenszeit noch in der freien Natur wachsen, sich aber auch schon in Menschennähe, von Gartenfreunden kultiviert, finden: die Viola vulgaris, ein kleingesichtiges, blaues bis blaugelbes Blütenbild, ein verkleinertes Stiefmütterchen. Immer stärker vermenschlicht der Dichter seine bisherigen Eindrücke - seine Gefühle, seine eigenen Wünsche sind es, die sich artikulieren im Wechselspiel mit dem Draußen: als "ahnungsvoll" anthropomorphisierte Mörike schon die Streifen des Blaus; den Veilchen unterstellt er, dass sie "balde" kommen "wollen". Dieses Zusammenspiel von akustischen und ahnungsvollen-traumhaften Eindrücke und eigenen, psychischen Antworten und Sehnsüchten zieht jetzt ein reflektierendes Fazit der psychischen Reaktion: "Ich hab dich vernommen", den Frühling nämlich. Und dass man zu Anfang des vorigen Jahrhunderts diesen so natürlichen wie mythologischen Lenz mit seinen Bändern noch spontan herzlich als Freund begrüßen, als Naturkonstante begehen konnte, kann jeder Leser, jeder Leser oder Hörer einer Liedfassung nachvollziehen, wenn er überlegt, was alles für die Menschen nicht vorhanden war, um lebend oder wenigstens gesund durch die Wintermonate zu kommen: kaum eine ausreichend gesicherte Existenz durch Nahrungsmittelvorsorge, keine bequeme, speicherbare Energie, keine im modernen Sinne wirksame Medizin, nachzuweisen an dem Lebensdurchschnittsalter des damaligen Menschen von knapp vierzig.
Die nachvollziehbare Wirksamkeit und bis heute populäre Bekanntheit dieses Kunstdiamants Naturlyrik (nicht nur erzwungen durch Deutschlehrer-Lieblings-Hausaufgaben) läßt sich auch nachweisen an den Parodien oder Kontrafakturen - es lassen sich mehr als zehn zusammenstellen; selbst Goethes "Erlkönig" oder Schillers "Lob der Frauen" sind nicht so häufig verfolgt oder verhohnepipelt worden. Und das Gedichtchen reizt immer noch zum neuen Variieren, egal in welcher Jahreszeit, da es in der Kürze und Klarheit erinnerungsmäßig und ästhetisch immer verfügbar ist. Die besten und schönsten, weil sie sich unterschiedlicher Stilmittel, differenzierter Bezüge zum Mörike-Original und eigenständig-individueller Intentionen bedienen, werden hier mit der obligaten jahreszeitlichen Frage verbunden: Was bleibt von Mörike, was ist originär Neues in den Parodien, oder besser ausgedrückt, in den Kontrafakturen, da sie das Original nicht vernichten oder lächerlich und natürlich auch nicht können, auch wenn sie es wollen.
Über Jahrzehnte galt es, immer diesen scheinbar leichten Text, sozusagen empfindungsreich und mit der entsprechenden sentimentalen Verzückung nachzuvollziehen und stimmungsvoll vorzutragen. Jedoch haben sich auch Gegentendenzen entwickelt bei lediglich affirmativem Klassikverständnis.
Immerhin ist der zweite Text auch älter als dreißig Jahre:

Karl Krolow:
Neues Wesen

Blau kommt auf
wie Mörikes leiser Harfenton.
Immer wieder
wird das so sein.
Die Leute streichen
ihre Häuser an.
Auf die verschiedenen Wände
scheint die Sonne.
Jeder erwartet das.
Frühling, ja, du bist's!
Man kann das nachlesen.
Die grüne Hecke ist ein Zitat
aus einem unbekannten Dichter.
Die Leute streichen auch
ihre Familien an, die Autos,
die Boote.
Ihr neues Wesen
gefällt allgemein.


Geschrieben ist das nur vom Hören her kaum vollständig verstehbare Gedicht 1967. Der stark reflektierende, schon philosophisch-hermeneutische Text stellt eine attraktive Mischung dar aus Begriffsprosa und lyrischen Zeichen. Krolow, einem der wichtigsten Gegenwartslyriker deutscher Sprache, zeichnet die Verunsicherung der vorgeblich reinen Naturerfahrung nach. Pure Natur gab es im strengen Sinne auch schon bei Mörike kaum noch, außer im Kitsch, also zum Beispiel im deutschen Schlager; die Natur ist längst ein kulturell-technisch vermitteltes Konstrukt, nicht nur in unserer Zeit; es kann kein Naivitätskult sein, der mit dem Frühling aufgezogen wird; es ist menschlich-poetischer Standard, die vermittelte Position des Autors in seiner Zeit, in seiner Umwelt aufzuzeigen. Natur ist immer Spiegel humaner Bedürfnisse, Abbild menschlicher Möglichkeiten, Perspektive ästhetischer Utopien.
Hätten Sie Lust zu schätzen, aus welchem Jahr die nächste Variation stammt?


Manfred Hausin:
Lied vom Gifttod

Gifttod läßt sein Würgeband
einfach flattern durch die Lüfte;
schwere, unbekannte Düfte
streifen unheilvoll das Land.
Gifttod freut sich schon,
will gar balde kommen.
- Horch, von nah ein leiser Sensenton!
Gifttod, ja du bist's!
Dich hab ich vernommen!

Dieses Sprachspiel mit dem ursprünglichen Gedicht und wichtigen Faktoren unserer modernen Lebens- und Industriewelt ist schon 1971 veröffentlicht worden. Es ist also bereits dreiundzwanzig Jahre alt und stellt ein frühes, sympathisches Beispiel naturnah und ökologisch orientierter, lyrischer Wahrnehmung der klassischen Literatur und der ihrer Entsprechungen in der Gegenwärtigkeit unserer Umwelt dar.
Was ist nun aber überliefert vom jungen Mörike, aus seiner Existenz als Vikar in Pflummern, einem Örtchen auf der schwäbischen Alp, wohin es ihn nicht freiwillig, etwa um einer pastoralen Begeisterung der Katechese und der Predigt willen, gezogen hat.
Wie sah nun Mörikes Lebenszusammenhang, sein lyrischer Soziotop aus? Was nun steht für Mörike im März des Jahre 1829 dem kristallin-sensiblen Diamant der lyrischen Kunst in seiner privaten und beruflichen Existenz gegenüber? Nehmen wir den 26. März heraus! In seinem Brief an den Freund Johannes Mährlen formuliert er folgende, private und geistliche Kernaussage zu seiner Situation: Er übertreibt nicht, sondern sucht Verständnis beim Freund, der schon seit der gemeinsamen Uracher Seminarzeit sein Vertrauter ist, dem er nichts vormachen kann, wenn er schreibt: "Du hast keinen Begriff von meinem Zustand. Mit Knirschen und Weinen kau ich an der alten Speise, die mich aufreiben muß."
Für beide klingt mit diesem Begriff der Speise sowohl der faustische Lebenszweifel, aber auch der spezielle Lebenszwang der geistlichen Profession an. Mephisto ist hier verpackt:
"O glaube mir, der manche tausend Jahre
An diese harten Speise kaut,
Dass von der Wiege bis zur Bahre
Kein Mensch den alten Sauerteig verdaut."
(Faust V.: 1776-79)

Aber Mörikes Lebensklage geht noch weiter: "Ich sage Dir", und er meint den Freund, "der allein begeht die Sünde wider den heiligen Geist, der mit einem Herzen wie ich der Kirche dient". Er zitiert und vergegenwärtigt hier dem Freund und Theologen seine berufliche crux, seine Lebenslüge: Priester sein zu müssen, obwohl er sich der geforderten Normierung nicht sicher ist, ja sich nicht berufen fühlt. Die angespielte Matthäus-Stelle ist brutal eeinach und fordert Ehrlichkeit: "Wer aber wider den Heiligen Geist redet, dem wird weder in dieser noch in der kommenden Weltzeit verziehen".
Kein Wunder, wenn Mörikes Körper ob solcher gegen seine Überzeugung geleistete Amtstätigkeit permanent psychosomatisch und geistig rebelliert. Seine Psyche aber kann in ihrer poetischen Verdichtung eine Wahrnehmungsfreude, eine Hoffnung assoziiren, die Jahrhunderte überleben wird.

Ein Mörike-Forscher formuliert es vornehm-neutral: "Er, Mörike, zweifelt erneut und existenziell an seiner Tauglichkeit für den kirchlichen Dienst und sieht sich nach Möglichkeiten um, dem schwäbischen Landpfarrherrendienst zu entkommen. Er mag alle seine kognitiven und emotionalen Sinne und Beziehungen angestrengt haben!
Und was schrieb er, am Knüppeltisch seiner Vikariats-Existenz in einem hochgnädig verfaßten Brief an das Landeskonsistorialamt in Stuttgart?
Ein Bittgesuch um Anstellung als Pfarrer in Pflummern.
Sein Leben im Kirchendienst, mit seinen so stark reduzierten sinnlichen Eindrücken (nur feucht blühender Kalk an den Wänden, ein bißchen Weihrauch, ein Stückchen Moder-Gewänder aus ungeheizten Sakristeien, ein trostlos muffiger Geruch aus den Predigt- und Liedbüchern, aus trostlosen Verpflichtungen, Überprüfungen auf religiöse-moralisch-politische Rechtschaffenheit an Spinn- und Singabenden in den Stuben seiner Gemeinde durchführen zu müssen, ihren erzwungenen Einschränkungen auf nur noch äußerlich funktionierende Liturgie und ein behindertes Wort an unleidliche, nicht fesselbare Zuhörer, anstelle des großen, freien, ästhetischen Hauchs der Poesie, der Möglichkeiten, sich und anderen in der Literatur zu dienen:
Eine private und poetisch-professionelle Tragödie - der er auch durch eine Pensionierung mit 38 Jahren in Armseligkeit und permanenter Not nicht entkam.“ (Peter Härtling, Zitat fehlt hier.)

(Vertonung: "Frühling, ja du bist's!")

Sein eigener Lebensfrühling war es nicht; schon in ersten Briefzeugnissen fällt neben der sprachlichen Virtuosität das dauernde Aufzeigen von romantisch hoher Gestimmtheit, von lustvoller Erinnerung, der beständigen, schon früh und häufig verzweifelten Suche nach Übereinstimmung von Denken und Fühlen, der Abwehr von Mißstimmungen durch das Herausfühlen von schönen und anregend glücklichen Momenten, seiner Sehnsucht nach Harmonie, die er in der Natur erlebte - besser gesagt erahnte: denn auch hier, im Kunstwerk des Gedichts, ist sein eigener psychicher Anteil mindestens so groß wie der objektiv-äußere der Natur.
Im Frühlingslied, seinem biedermeierlichen poetischen lyrischen Diamant menschlicher Stimmung und Sehnsucht nach Vollkommenheit, besang Mörike diese Utopie des Natürlichen, des Sozialen und des Psychischen, auch in anderen klangreichen, liedhaften und leidnahen Gedichten.
In seinem Leben zog dieses Allzu-Nahe, Allzu-Intensive, so stark Emphatische des Lebendig-Natürlichen, des Freiwillig und Freigiebigen an ihm vorbei als einem extrem mitleidenden Empfangsorgan. Trotz bester, ja extremer Aufnahmemöglichkeiten lyrischen und mitmenschlichen, ja elementaren körperlichen Empfindens. Oder gerade wegen dieser Begabung?
"Er ist’s!" Diesen Jubelruf - wie oft mag Mörike ihn verwendet haben, wenn er einen geliebten Menschen, der sein Ankommen angekündigt hatte, herankommen sah? So wurden die Freunde erwartet, egal ob in Pflummern, später in Ochensenwang und dann in seiner selbständigen Pfarre Cleversulzbach: Freunde in großer Zahl, in intensivstem Kontakt, so bezog er von seinem Lebensfreund Wilhelm Hartlaub ganze Pakete mit Predigttexten zum Beispiel. Diese lyrisch-gestische Übertragung von einer sozial und psychischen Kontaktaufnahme auf die Natur aber
funktioniert nur ästhetisch, nur im Kunstwerk, ob Gedicht, ob Lied; sie kann nicht sozial, nicht beruflich-pragmatisch, nicht im Lebensentwurf funktionieren. Pech für den Menschen guten Willens, für Mörike! Doch seine Gedichte, seine Lieder sind häufig exerziertes Paradebeispiele für die Rezeption von Gefühligkeit, von dussligem Sentiment. Hätte Mörike auch diesen Standard einer oberflächlichen, trivialen Gefühlskultur psychisch repräsentiert - er hätte seine Lyrik anstandslos und leichthin verfaßt, er hätte auch beruflich das Durchschnittsmaß eines württembergischen Landpfarrers für Taufe, Abendmahl und Predigt verkörpern können. Er hätte weniger wahrnehmen, weniger erfassen können müssen; er hätte kaum, vielleicht gar nicht gelitten an den Gesichtern der Veilchen, der Starrheit der Predigtstühle, der Amtspflichten, der Versteinerungen aller Art in seiner Umgebung, der Illusion seines Lebensentwurfs. Er wäre nicht tradiert worden für den Literaturunterricht, für die sanfte, deutsche, gewohnheitsmäßige Liedkultur.
Das blaue Band des Mörikeschen Frühling hat viele Bereiche erreicht, so dass er ein beliebiges, in seinem Kern der Naturbotschaft stets stimmiges Kulturzitat wurde. Ich fand es als Fangzeile in der Heiratsanzeige eines Mannes (53/1,85/76kg), veröffentlicht in der ZEIT vom 19.3.93.
Doch hinter das Kunstwerk, gerade in den Vertonungen von Hugo Wolf und Hugo Distler, tritt das Leben Mörikes zurück ins vergessbar Individuelle. Es überlebte und wird weiterhin tradiert werden ein Text, der in seiner Schlichtheit ein künstlerisch einmaliges Moment hat. Über hundertmal, weiß die Fachliteratur, wurden "Gebet", "Ein Stündlein wohl vor Tag", "Das verlassene Mägdlein" und "Er ist's" vertont, die berühmtesten, wenn auch nicht die besten Gedichte Mörikes; es sind die Texte, die seit der Jahrhundertwende zu einem festen Kanon der volksliedhaften Gedichte Mörikes gehören; die, scheint's, so eng mit dem Namen Mörike konnotiert werden, dass auch literarische Anthologien und das Angebot in Schullesebüchern in unseren Tagen kaum andere Text aufnehmen, obwohl es viele andere, psychologisch interessantere und künstlerisch bedeutsamere, auch viele satirisch-komische gibt, die man dem verzweifelten oder pensionierten Dorfpfarrer kaum zugetraut hätte.
Erhalten geblieben ist uns ein Gedicht und eine Liedvorlage, die so differenziert realistisch wie intuitiv-sensibel ein Lebensgefühl vermitteln, das für jeden Menschen nachvollziehbar ist: die Freude am neuen Hoffen in jedem Frühjahr - ob auch in Mörikes Leben, muß verneint werden, ob am eigenen, jährlich wieder erwachenden psychischen Leben dessen, der an den Text "glaubt", darf nicht einfach gefolgert werden.

Texte (ausgewählt):

1. Eduard Mörike (1804 - 1875)

Er ist’s

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
- Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist's!
Dich habe ich vernommen.
[e: 9.3.1829]


2. Karl Krolow
Neues Wesen

Blau kommt auf
wie Mörikes leiser Harfenton.
Immer wieder
wird das so sein.
Die Leute streichen
ihre Häuser an.
Auf die verschiedenen Wände
scheint die Sonne.
Jeder erwartet das.
Frühling, ja, du bist's!
Man kann das nachlesen.
Die grüne Hecke ist ein Zitat
aus einem unbekannten Dichter.
Die Leute streichen auch
ihre Familien an, die Autos,
die Boote.
Ihr neues Wesen
gefällt allgemein.
[e.: 1967]


3. Rainer Brambach (1917 - 1983)
Das blaue Band

Das blaue Band, wie Mörike es sah,
flatternd in den Lüften, wo?
Ich sehe einen Kondensstreifen
quer über den Himmel gezogen -
aber die Amsel ist abends immer da
auf dem First gegenüber singt sie ihr Lied
unsäglich -
(D.: 1983)


4. Harald K. Hülsmann ?
Frühling - objektiv

Frühling läßt sein blaues Band ...

Hier irrte Mörike
Ein Schnelligkeitswettbewerb
für Wolken
findet nicht statt

Fest steht nur
dass sich alljährlich
eine gewisse Unruhe
nicht vermeiden läßt

Professor Barnard
könnte das sicher erklären
[D.: 1969]


5. Manfred Hausin ( * 1951)
Lied vom Gifttod

Gifttod läßt sein Würgeband
einfach flattern durch die Lüfte;
schwere, unbekannte Düfte
streifen unheilvoll das Land.
Gifttod freut sich schon,
will gar balde kommen.
- Horch, von nah ein leiser Sensenton!
Gifttod, ja du bist's!
Dich hab ich vernommen!
[e.: 1971]


6. Dietrich Fischer-Dieskau:

» ... der lieblichste Gesang tönte soeben aus dem Zwinger herauf, wo die Tochter des Wärters mit den ersten Gartenarbeiten beschäftigt war. Sie selbst konnte wegen eines Vorsprungs am Gebäude nicht gesehen werden, desto vernehmlicher war ihr Liedchen, wovon wir wenigstens einen Vers anführen wollen. ( ... ) Die Strophen bezeichneten ganz jene zärtlich aufgeregte Stimmung, womit die neue Jahreszeit den Menschen, und den Genesenden weit inniger als den Gesunden, heimzusuchen pflegt.« So führt Mörike in seinem Roman "Maler Nolten" (1832) das Gedicht "Er ist's" vor. Er hatte es 1829 in seinen Vikarjahren niedergeschrieben, und das von vornherein in der Gestalt, in der wir es heute kennen; an eine strophische Weiterführung, wie aus seiner Einführung eigentlich zu entnehmen wäre, hat der Dichter wohl nie gedacht.
Weil die Verse unbefangen aufgenommen werden sollen, läßt Mörike es ein einfaches Mädchen zur Arbeit singen. So kommt es Nolten zu Ohren, der unter der Frühlingssonne nach einer fieberhaften Erkrankung körperlich und seelisch allmählich gesundet. Auch die Andeutung einer Mehrstrophigkeit soll wahrscheinlich einen fiktiven Volksliedcharakter unterstreichen. Gleich zu Beginn das magische, alles Reale ins Überwirkliche steigernde Bild vom »blauen Band«, das der Frühling als handelndes Wesen »flattern läßt« Bild und Bedeutung fließen in eins. Beseelte Natur läßt jede sinnliche Aussage zugleich eine seelische sein, und damit ist die Entstehung des Schwerelosen in Mörikes Lyrik bezeichnet.

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte,
Süße wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land;
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen;
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bists!
Frühling, ja du bists!
Dich hab ich vernommen!

Muß hier nicht jede Vertonung auch Verflachung bedeuten? Ganz abgesehen von den mannigfaltigen Rhythmen und den schmiegsamen Metren, »die in keiner metrischen Rechnung aufgehen« (Staiger). Gerade wegen der dem Gedicht bereits innewohnenden Musik gehört »Er ist's« zu den meistvertonten Gedichten Mörikes. Die Worte erwachsen aus einer Stimmung, die zu einem seligen Jauchzer wird, ein Frühlingsahnen, das begeisterten Menschen immer wieder Töne entlockte.
Wolfs feurige, unbändige Natur verströmt sich, ohne doch schrankenlos zu verfahren; dafür steht schon die aba Liedform und das aus Teil a entwickelte Vor und Nachspiel, das Ganze umrahmend. Ein in formaler Strenge gezähmter Ausbruch, vom ersten bis zum letzten Takt ein jubelnder Hymnus auf den Frühling, im Gegensatz zu Robert Schumanns zurückgenommener Verinnerlichung beim gleichen Text.
In: Eduard Mörike: Der Nacht ins Ohr. Gedichte von Eduard Mörike. Vertonungen von Hugo Wolf. Ein Lesebuch von D.F.D. München 1998. Carl Hanser Verlag. S. 33f.)

*
7. Eine Variation auf
Mörikes "Er ist's":

Seht: Geschmolzen Schnee und Eis!
Violett, orange und weiss
Kroken aus der Erde kommen!
Frühling, bist's!
Hab dich vernommen.
Seh' dein flatternd blaues Band!
Süsse Ahnung streift das Land!
Und auch Düfte - Ach, oh, Lenz!
Riechst nach Klo und Pestilenz!
Eben noch von Freud' erfüllt -
schon perdu!
Der Bauer güllt!
(vom taz-Zeichner
und Dichter: TOM (Touché)(Aus: WAZ v. 23.03.02)


7. Text:

P.B. und S.S.:
Er bleibt

Winter lässt sein graues Band
wieder flattern durch die Lüfte;
Kalte, wohlbekannte Düfte
Streifen eisigkalt das Land.
Leise sinkt der Schnee
auf die Erde nieder.
Tiefgefroren ist der See.
Winter, du bist’s wieder!
Dich hab ich vernommen!


*
Pia Binder und Saskia Schillinger sind Schülerinen des Tulla-Gymnasium, Rastatt. -
Nachzulesen inder ZEIT vom 10.02.2013; und von "Zeit der Leser"-Redaktion 18. Februar 2013 um 12:00 Uhr hier eingestellt.


So reizvoll und vielfältig die Kontrafakturen sind, alle erhalten ihren literarichen Reiz durch Mörikes eigentümlich alten, aber fortwährend jungen Text...

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