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Mittwoch, 30. Oktober 2013

Das P h a n t o m t or

(Ein) Phantomtor

(Mein) Phantomtor


Das “Phantor”, pardon: das "Phantomtor” ist zwar kein absolut neues Neuwort, aber ein Begriff, der sich rasant ausprägt (bis er wieder auf lange verschwindet. A’ bisserl guggeln zeigt’s auf. Das “Phantomtor” als Phantomwort?)

Also ein kleiner Essay: „das Phantomtor“ (implizit über den Berolinus, pardon: guggeln lehrt mich: Berolinismus“: ebend“)

Wer zuerst dieses Wort Phantomtor geschossen hat. Glückwunsch. Die ganze halbe BundiWelt, die Männer mit dem instinktiven Tordrang und dem unbestechlichen Urteil eriesen, (äh: Pardon: ich weiß nicht mehr, welches Verb hier eingetippt werden sollte, Sorry! Meine Korrekturmöglichkeiten sind erschöpft; ist das mediale Opfer eines durchschnittenen Tornetzgeflechts geworden?) äh: ebend ein „Phantomtor“. (Da muss ich noch einiges häkeln in meiner Verbalstruktur des Tiefensystems der deutschen Fußtreter-Vokabulatur.)

Zurück zum Thema, äh: zur Lücke, zum – welches Phantom sollte dieses Wort erfassen, begleichen, ausmalen, in die dritte Potenz erheben…?
Ja, es klang gut, ja es mobilisierte die Massen, ja, es wurde von einem Sportgericht befunden, beurteilt und verworfen. Sozusagen ein Ball ins Aus.
Nicht ins Aus der deutschlichen Sprache. Am „Phantomtor“ kann man durch Vergleich und phonologische Wertung erkennen, dass es ein wahre Klanggebilde nicht. Es heißt nicht Nulltor, nicht Nichttor, nicht „Keintor“, nicht „Albernheitstor“, nicht „Streittor“, nicht „Phantasietor“, „Debakeltor“ auch nicht „Schummeltor“. Kein „Betrugs-„ oder präfixfreies „Trugtor“. (Jean Paul hätte selbsten neuere oder neueste Wörter kreiert. Das Selbst- oder Fremderlebenstor?) Nein – es soll schallen durch alle Stadien, alle Sportgazetten. – Nur, es ist kein Bild zu sehen, trotz gewagter BildSchnitte, das, als der Ball ins Tor gestoßen wurde, eben per Kopfball und nicht irgendwie mit dem Knie, mit der Brust, der stolzgeschwellten den Phantasma-Fall erweist. Nein – es gibt keine Aufnahme von der Durchdringung des Außennetzes durch einen ballähnlichen Gegenstand.
Wir beurteilen das „Phantor“, pardon: Phantomtor: Ich hätte das Phantomtor gerne selber geschossen.
Ich lobe aus: Wer beweist mir, ob auf Schiedsrichterzettel, ob im Protokoll, ob in die frei Handfläche geschrieben (mit Kuli funzt das herrlich!) Der ehrliche Finder oder ÜberReicher oder Absender oder Freistoßtreter oder Mir-Einflüsterer: Wer hat dies Wort zuerst erklingen lassen, durch die Reportagen, die Sender, die Medienanstalten: Wer hat den Augenblick festgehalten, in dem das „Im-Nu-Tor“ fiel und per unvollständig dokumentierter Kunde dem deutschen Fußballvolk zum Geschenk gemacht wurde. (Ob es in Dudens Dateien und Worthaftsammlungen Eingang finden wird? Als philologisches Selbsttor?).
Ich wiederhole, als müsste ich, der ich seit 40 Jahren kein Fußballstadion mehr betreten habe!) das drohende Unentschieden (1:1!) retrograd und telepathisch die Beweise sichern - Ich hätte das Wort „Phantomtor“ gerne selber geschossen. Eins zu Null für ich, äh: mich!
Das “alternativlose Urteil“ (FAZ v. 28.10.2013) und „falsche Tatsachenentscheidungen“ ZEIT) als SpielSystemfehler regeln den Umgang mit dem Wort „Phantomtor“. Gloria in ecxcelsis ludi! Du bist gebenedeit unter den Worten. Aber, ja, feiern und bejubeln möchte ich solche Tore, wie St. Kießling sie ‚normal’ schießt: Amen!
Eben: Wiederholt werden kann ein Elfer, der verschossen wurde; wo und wenn der Torwart beispielsweise zu früh lossprang. Wahrhaft gehütet wird der Ball in der Sicherheit eines unbefleckten Tornetzes. Nur dort ist der Mensch ganz Mensch, im Spiel. Wie der Sportfreak namens Schiller es befahl. (Bei Wiki guggeln!)
Pardon: noch ein Geschwätz. In Fußballzeiten, wo ein Tor eine Millionen Stücker Gold wert sein kann, ist ein nicht geschossenes, ein nicht gewertetes, ei aberkanntes Tor wahrlich, wahrhaftig, wehmütig – ein pfeilschneller Phantomschmerz. Den man nicht mit dem Kopf besiegen kann. Sondern nur mit eigens geschossenen Toren oder Törchen.
Wikipedia hat schon eine kleine Geschichte des „Phantomtors“ zusammenge-, pardon: -erstellt. (Mit Fallgeschichte, mit Belegen, mit – ach, lesen Sie’s bitte selber. Damit nicht ein Phantomzitierfehler sich einschleichen mag oder kann. Und achten Sie auf die begriffliche Diskriminierung des „Wimbledon-“, pardon: „Wembleytors“.)

Ein Tumult im Wohnzimmer. Die „Kleinen“ haben ihren Schusserkasten, einen mit E
einschnitten wie Garagentörchen versehenen leeren Schuhkarton zum Knickern benutzt. Wer schießt seinen Klicker durch welche Törchen. Lea hat für sich vierzig Punke errechnet; und diktiert der Allerkleinsten, Franzi (wie Jährchen), eine Punktstand von „null“ zu: Nee, nix. Gar nix! Aufstand auf dem Parkett. Ich flüstere Franzi ins Ohr: „Phantomtor“. Sie kuckt, sie kräht: „Fato! Fato!“ – „Fato!“ - Ich erkläre das als Aufruf, dass alles fürs Schiedsgericht eingepackt werden muss: der Karton, die Knicker. Alles für die Mama, die am Abend aus der Kanzlei kommt. [Nein, nicht alle, nur die im Karton verbliebenen].
Und ab zum Spielplatz mit den – [Schluss mit Text!]
Ja, ich bestimm’s:
Zum Phantor oder Fantor [Fan-Tor!] gebe ich nicht den Kommentator ab.
TschüsskoTor!

Im SPIEGEL sind systemerhaltende Wörter von einem Sportsoziologen festgehalten: Ja, nu: hihü(!) spielerische Begeisterungsfähigkeit – und hott(!!) marken- und marktgerechtes Verhalten.
Wenn e i n Tor (ob satt geschossen, ob lächerlich als Selbsttor geschuldet) e i n e Million Euro kosten kann – dann könnte ein fehlendes Tor in der Endabrechnung der laufenden Bundesligasaison über Abstieg oder Klassenerhalt entscheiden. (Sehen Sie, man braucht gar keine Tore mehr zu schießen; man muss auf den Marktfaktor FanTor setzen. Schluss mit dem FanTor- und dem Ballgedöns!
Wielange gibt es noch Nachrichten vom Tor-Gedöns? Solange die Balkengerüst mit seinem Hinterraumnetz stehen. Auf den Fußballplätzen. Man muss ja als Fan oder Fantomtor die Chance haben, sich als Sieger zu fühlen. Ich hab gesiegt! „Ich hab den Ball dreingedroschen. Perfekt! Ich stand im Herzen ... von St. Kießling oder steckte in seinem Kopp. Basta!“

Dienstag, 29. Oktober 2013

Zweimal K n e c h t Ru p r e c h t

Zweimal Knecht R u p r e c h t „familiär“:


- Zur Weihnachtsvorbereitung empfohlen (vom St. Nico) -

> Adwenz? VorweihNACHZ? - Teil 2 >


* *
Paula Dehmel:

Weihnachtsschnee

Ihr Kinder, sperrt die Näschen auf,
es riecht nach Weihnachtstorten;
Knecht Ruprecht steht am Himmelsherd
und backt die feinsten Sorten.

Ihr Kinder, sperrt die Augen auf,
sonst nehmt den Operngucker:
die große Himmelsbüchse, seht,
tut Ruprecht ganz voll Zucker.

Er streut—die Kuchen sind schon voll—
er streut—na, das wird munter:
er schüttelt die Büchse und streut und streut
den ganzen Zucker runter.

Ihr Kinder, sperrt die Mäulchen auf,
schnell! Zucker schneit es heute!
Fangt auf, holt Schüsseln!—Ihr glaubt es nicht?
Ihr seid ungläubige Leute!


* *
Paula Dehmel:

Knecht Ruprecht in Nöten

Knecht Ruprecht kratzt sich seinen Bart
und rückt zurecht die Brille:
Ihr Engelskinder, lärmt nicht so,
seid mal ein bißchen stille!
Kommt, rückt hübsch artig zu mir ran,
seht euch mal das Bestellbuch an!

Was steht hier auf dem ersten Blatt?
was auf dem zweiten, dritten?
was steht am Ende von dem Buch?
was steht hier in der Mitten? -
Ach Weihnachtsmann, wir bitten sehr,
Schick uns doch mal das Luftschiff her!

Hans möchte nach Amerika,
und Fritz zu Tante Lotte,
Kurt durch die Luft zu Großpapa,
Marie zum lieben Gotte;
Georg will bloß nach Neuruppin
mit Zeppelin, mit Zeppelin.

Ach Zeppelin, du Zaubermann,
's ist aus der Haut zu fahren,
das ganze liebe kleine Pack
will bloß noch Luftschiff fahren;
dein Fahrzeug ist ja viel zu klein,
da gehn nicht alle Kinder 'rein.

Ihr Engelskinder, helft mir doch
in meinen Weihnachtsnöten,
baut mir ein Luftschiff riesengroß
mit hunderttaufend Böten,
laßt lustig die Propeller gehn,
da sollt ihr mal die Freude sehn!

Hurra, schreit da die Engelschar,
wir helfen alle, alle.
Nach dreien Tagen, blitzeblank,
stehts Luftschiff in der Halle.
Dank schön, sagt Ruprecht, fährt hinab,
holt alle Jungs und Mädels ab
zur Flugfahrt durch die Welten.
Ob sie sich nicht erkälten?


* ~ *

Originaltitel des Buches, aus dem die zwei Rupprecht-Gedichte entnommen wurden:
Gesammelte Kindergedichte von Paula Dehmel. Herausgegeben von Richard Dehmel mit Zeichnungen von Hans Thoma bei E. A. Seemann in Leipzig 1919“
Vollständig mit den anderen Gedichten aus Paula Dehmels „Das liebe Nest“. Es werden schon Wandlungen im individuellen Wertegefühl von „Gut“ und „Bös“ sichtbar: Der Realismus aus den familiären Grundstrukturen wird im Ansatz übertragen auf Heiligkeitsfiguren.

* * Der Niko – und der Ruper – sie haben wohl in Mitteleuropa alle Kinder in ihrem Werden als von dem Gewissen geprägte Schüler und/(oder) Bürger angesprochen: ob in Bildern, Geschichten oder in ihrer leiblichen Erscheinungsweise.

Hie ein Trost für alle „Früher-war-es-immer-alles-besser-Gläubigen des Heiligen Mannes.


* * Hier trollen sie sich in großer Vielfalt und -zahl – zumeist mit St. Nikolaus - durch die digitale Welt:



* * Weihnachtsgedichte all, überall…


P.S.:

Kurios modern, aber real: Knecht Ruprecht (jetzt quasi-feminin verwandelt) auftretend als Domina.

Post P.S.:

Unte dem Signum < Adwenz? VorweihNACHZ? > werden hier bis Weihnachten, ja bis zum Alt- und zum Neujahr unserer Tage weitere, zumeist zu den niederreicnischen Jahres-und Festzeiten verbindliche oder nichtige Erzählungen oder Gedicht oder
Bilder erscheinen.


< Weihnukka im Dorstener Jüdischen Museum >

Sonntag, 27. Oktober 2013

Ebner-Eschenbachs "gestohlenes Püppchen"

Adwenz? VorweihNACHZ? - Teil 1


... und eine Erinnerung an Püppchen, die zum Christkind gelogen, pardon: „geflogen“ waren?


Ja, das Stichwort: „ge- oder entflohene oder geraubte oder weggeflogene“ Puppen – um es recht zu verstehen: kurz oder lange vor dem Weihnachtsfest - funktioniert noch bei mir. (Nein, ich hatte keine Puppen, weder zur Pflege, noch zur Adoption); aber in der märchenhaften Zeit, als meine Schwestern - 10, 8 und ein Jahr alter als ich – nur, in Worten: nur je e i n e Puppe hatten; da passierte Ähnliches wie in dieser Adventsgeschichte; und ungelogen, ich hatte und habe nie Eifer- oder Missgunst empfunde wg. der Pupppen. Aber die Erinnerung daran berührt mich tief.):

Marie von Ebner-Eschenbach:

D a s W e i h n a c h t s f e s t w a r n a h e

- Aus: "Meine Kinderjahre. Biographische Skizzen" -

Darin eine Passage über den Weihnachtsbrauch der gestohlenen Puppen. (Dass die Puppen der kleinen Mädchen zum Christkind geflogen sind, um dort wieder neu eingekleidet zu werden…; Marie Ebner-Eschenbach erzählt von sich und den Geschwistern aus der Zeit, als sie mit dem Vater und der Kinderfrau Pepinka in Wien lebten:



Ich verweise auf den Artikel über MvEE in zeno.org:

Das Weihnachtsfest war nahe, wir konnten die Tage bis zum 24. Dezember schon an den Fingern abzählen, als sich etwas begab, das uns in die größte Aufregung versetzte. Vor unsern Nasen gleichsam verschwanden unsere Puppen. Auf einmal waren alle fort. Eine vollständige Puppenauswanderung hatte stattgefunden.
Das Bett, in das Fritzi gestern noch ihre älteste Tochter, die große Christine, schlafen gelegt hatte – leer. Die Angehörigen Christinens hinweggefegt, als ob sie nie dagewesen wären. Meine blonde Fanchette, die freilich von der Blondheit nur noch den Ruf besaß – denn eine geduldige Friseurin war ich nicht –, ebenfalls unauffindbar. Wir kramten vergeblich nach ihr in unsern Laden, durchforschten alle Schränke und Winkel. Wir liefen ins Kinderzimmer und klagten die armen kleinen Brüder des Raubes unserer Puppen an. Daß wir auch im vorigen Jahre kurze Zeit vor Weihnachten denselben Jammer erlebt und dann unter dem Christbaum ebenso viele Puppen, als wir vermißt hatten, mit glänzend lackierten Gesichtern, reichem Gelock und schön gekleidet sitzen sahen, fiel uns nicht ein. Oh, wir waren dumme Kinder! Ich glaube nicht, daß es heutzutage noch so dumme Kinder gibt.
Pepinka, ärgerlich über die Nachgrabungen, die wir nun auch in dem von ihr beherrschten Reiche zu unternehmen begannen, ließ sich zu einem unvorsichtigen Worte hinreißen. »Geht, geht! sucht eure Puppen dort, wo sie sind.«
»Weißt du, wo sie sind? ... Ja, ja, du weißt es! Wo sind sie?« Wir ließen nicht nach, gaben ihr keine Ruhe, bis sie endlich, um uns loszuwerden, sagte: »Die kleine Greislerin hat sie gestohlen. Grad ist sie mit der Christine über die Gasse gelaufen.«

Gestohlen also! unsere Kinder gestohlen! durch die kleine Greislerin*) – oh, das leuchtete uns ein. Der konnte man alles Schlechte zutrauen. Ihre Mutter hatte einen Laden, gerade unter einem der Fenster des Kinderzimmers. Wir kauften dort die Glas- und Steinkugeln, mit denen wir eine Art Kriegsspiel spielten. Von der Mutter erhielten wir immer fünf Stück für einen Kreuzer, von der Tochter nur drei. Genügte das nicht, um uns ein Licht aufzustecken über das ganze Wesen dieser Person? Sie, natürlich, war die Puppenentführerin, sie lief herum mit der Christine, an ihr mußte Rache genommen werden. Es mußte! Ich war Feuer und Flamme dafür, und es gelang mir, meine Schwester davon zu überzeugen. Auch die sanfteste Mutter kann grausam werden, wenn es Kindesraub zu bestrafen gilt. Am liebsten würden wir die Missetäterin durchgeprügelt haben – woher aber die Gelegenheit dazu nehmen? Sie bei der Frau Greislerin verklagen? Ach, die tut ihr nichts, die fürchtet sich selbst vor ihr. Was also soll geschehen? Was für ein Gesicht soll unsere Rache haben? Ein schwarzes! machten wir endlich aus. Es war beschlossen, was der Diebin geschehen soll: Wir werden ihr Tinte auf den Kopf gießen.
Pepi (also:Pepinka) war ins Nebenzimmer zu den Kleinen gegangen und hatte die Tür geschlossen; wir glaubten unser nichtsnutziges Vorhaben ungestört ausführen zu können. Ich holte eilends das Fläschchen herbei, das unsern Tintenvorrat enthielt; wir schoben in das Fenster, unter dem der Greislerladen sich befand, einen Schemel und bestiegen ihn. Fritzi öffnete den inneren Fensterflügel und mit Mühe nur ein wenig den äußeren, und ich steckte den mit der Tintenflasche bewaffneten Arm durch den Spalt. Jetzt – hinunter mit dem Guß! Hinunter auf die Greislerin, die natürlich nichts Besseres zu tun hat, als dazustehen und ihm ihr schuldiges Haupt darzubieten.

Die spanische Armada war einst nicht siegesgewisser ausgezogen als wir zu unserer Unternehmung – und ihr Schicksal teilten wir. Die Elemente erhoben sich wider uns. Es stürmte an dem Tage im Rotgäßchen wie anno 1588 auf dem Atlantischen Ozean, und noch dazu gab's ein Gestöber von weichem Schnee. Ein Windstoß entriß meiner Schwester den Fensterflügel und schlug ihn gleich darauf so schnell wieder zu, daß ich kaum Zeit hatte, meinen ausgestreckten Arm zurückzuziehen und das Tintenfläschchen vor dem Sturze zu retten. Sein Inhalt übersprühte die Glasscheibe, tropfte, mit Schnee und Regen vermischt, vom Fenstersimse herab, umhüllte meine Finger mit der Farbe der Trauer.
Laut und lebendig gestaltete sich der Schluß des ganzen Abenteuers. Pepinka mußte etwas von unserm Treiben vernommen haben, denn plötzlich stürzte sie herbei. Ihr Antlitz glich dem rot aufgehenden Monde, ihre Haubenbänder flogen – ich weiß noch recht gut, daß sie eidottergelb waren.

»Ihr Verdunnerten!« rief sie. »Jesus, Maria und Josef! Fenster aufreißen, mitten im Winter! Was fällt euch ein, ihr, ihr ...« Der Rest sei Schweigen. Mögen die Ehrentitel, mit denen sie uns ausstattete, der Vergessenheit anheimfallen. Sie bildeten eine relativ milde Einleitung zu den in prophetischem Tone ausgesprochenen Worten: »Ihr könnt euch freuen. Gleich wird die Polizei über euch kommen!«
Da war mit einemmal alles erloschen, jeder Funke des Hasses gegen die Greislerin und bis aufs letzte Flämmchen unsere lodernde Racheglut. Nur noch einen heißen Wunsch hatten wir, nur mit einer Bitte bestürmten wir Pepinka: Nur die Polizei nicht hereinlassen! Nur der Polizei nicht erlauben, daß sie komme, uns »einzuführen«!


Die Fortsetzung, bitte sehr hier:
Oder:

http://www.zeno.org/Literatur/M/Ebner-Eschenbach,+Marie+von/Autobiographisches/Meine+Kinderjahre/%5BBiographische+Skizzen%5D

Die Ebner-Eschenbach sollte man sich wg. ihrer schonungsslosen Aphorismen oder ihrer gewichtigen Novellen aus dem sozialen Milieu nicht auf alten Briefmarken anschauen, sondern z.B. auf diesem Porträt:
- Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach geb. Gräfin Dubsksý von Třebomislyc gem. im Alter 43-jährig gemalt von Karl von Blaas (1815 - 1894), einem österreichischen Historien- und Genremaler.

*) In Lexika findet man (immmer noch):
Greisler: Greisler/in: Greisler (eigentlich s. v. w. Grießhändler, Graupner), in Österreich und Bayern Bezeichnung des Kleinhändlers für Haushaltungsbedarf.
„Die kleine Greislerin“ ist hier als das Kind des Greislers (oder der Greislerin), der/die unten im Haus seinen/ihren Laden hatte.

Und zum(r)r Greisler(in) ein niedlich-schönes Foto (aus dem Jahre 2006,mit der Unterzeile: „leider bereits eine vergangenheit, wiens letzter greisler“.)


Samstag, 26. Oktober 2013

S i n t e r k l a a s


S i n t e r k l a a s oder [deutsch]: St. Nikolaus mit dem "Schwarzen Mann" oder "Hannes Muff"


Sinterklaas“ und der „zwarte Piet“ seien praktizierter Rassismus? Aus meiner Kindheitserfahrung ist das reiner Blödsinn!


Als Kind niederländischer Eltern wurde ich in Deutschland in der Nachkriegszeit geboren und erzogen. Ja, ich war auch Niederländer (erst mit 25 Jahren bekam ich eine deutsche Einbürgerungsurkunde [gegen Geld]; es war mir egal, ich wollte Europäer sein. Und deutscher Lehrer werden.)
In der Kindheit, bis ich den Glauben an St. Nikolaus oder ans Christkind nach „Verrat“ unter Klassenkameraden ablegte, „erfuhr“ ich in der Vereinigung „Nederlandia“, an der mein Vater festhielt, den Sinterklaas-Tag, mit heftigem Auftritt der „schwarzen Männer“. Sie steckten einen mir bekannten Schuljungen in ihren Kartoffelsack, nachdem sie seine „Übeltaten“ laut vortrugen, verdroschen ihn und schleppten ihn ab (bis zu einer Hintertür der Gastwirtschaft und ließen ihn dort entkommen; der Vater wartete dort schon. - Wir wussten von nichts...).
Wir Kinder bibberten derweil. Meine Eltern haben aber nie meine Geschwister oder mich zu solchen „pädagogischen“ Brutalmaßnahmen „verraten“, (dies Wissen behielte sie für sich; es war ihre Pädadgogik der Hinterhand). Aber wirksam war es für etwa fünfzig Kinder einer Kleinstadt am Niederrhein. Und für nichtniederländische Kinder vollzog sich ähnliche Drohpädagogik; überall, wo ein St. Nikolaus mit dem "goldenen Buch" eingeladen wurde in die Familie. - Bis der Brauch bei uns und in den uns bekannten Familien einschlief…

Für uns hatte das in Deutschland stärker ausgeprägte „Christkind“ längst die Funktion des „Sinterklaas“ übernommen; und es war immer ein Festtag (auch mit geringen Geschenken; siehe Nachkriegszeit, also nach 1945! Wo ich als siebtes Kind einer Landarbeiterfamilie „durchkommen“ musste)

Und heute?
Für meine (d.h. unsere) Kinder war Sinterklaas nie ein Mittel, um pädagogischen Furor auszuüben.…

Beschäftigt hat mich das „Nikolaus/Klaus-Thema immer wieder.

Am Niederrhein gab und gibt es den Heiligen Antonius in jeder Kirche; er ist der Almosenverteiler für die armen; also muss auch eingesammelt werden. Den St. Nikolaus recht selten.

Keine literarisch wichtige, vielmehr eine triviale, kulturell auffällige Geschichte von einem "unglücklichen Schokoladen-Nikolaus", dem verblassten Heiligen Mann.




Sinterklaas, korrekt auf "Holland.com", der "offiziellen Seite der Niederlande" (auf Deutsch).

St. Nicholas "Lipensky" (Russian icon from Lipnya Church of St. Nicholas in Novgorod)


"Sinterklaas" und "Zwaarte Piet" für Jann-änn-Allemann-Geschmack, jedenfalls in NL: Man spielt mit dem "Entsetzen", mit den Gebräuchen des Himmels - oder der Hölle; was man sich nicht einmal meehr klar macht. Es ist eine Volksbelustigung, keine Volksbelehrung..

Zur sachgerechten Diskussion über den "St. Nikolaus" (deutsch) oder den "Sinterklaas" (niederländisch) vgl. Wikipedias Artikel.

Viel Neues bot mir auch der Wikipedia-Artikel "Knecht Ruprecht".

Jahrtausende alte Brauchtümer, insbesondere bei der Vermittlung von "gut" und "bös" und der Personifikation des "Heiligen" und des "Böen" (oder "bösen Buben"), bieten sich noch heute in Rumpfeinheiten und verlorenen Spielen oder undeutlichen Gesten.

P.S.:

Pu!? Das seien nur alte, verloren gegangene Zusammenhänge von Ideal und Verkehrung. Schauen Sie sich mal an, wie eine Versicherung neue Formen der körperlichen und emotionalen Sicherheit aufzubauen beliebt:„das Schutzengelgefühl“. Hie geht es um Geld, um materielle Vorteile, die mit geglaubten Vorteilen erkauft werden.

Früher bekam man/kind die Gut-Böse-Packung in der allfälligen Sozialisation als wert-geleitete Einheit von Religion/Kirche/Familie/Nachbarschaft/Schule. Dafür zahlen musste man "natürlich".
Heute wird eine neue Versorgung der persönlichen Ich-Kultur aufgeboten, mit irren Auf- und Ableitungen.


Donnerstag, 24. Oktober 2013

Lingua l a p i d i s

L i n g u a
l a p i d i s


Aus dem Angebot eines Münchner Marmor-Hauses:

Von den vielen Granitarten und –formen aus aller Welt Steinbrüchen heißt die schwärzeste:

“Nero assoluto”

Hier im Ensemble ähnlicher geologischer Sprachen:

So fühlte ein Mensch Franz-Peter T. sich angesprochen und einverstanden mit Peson und Funktion im Amt, des Episcopus lapidis: Bischof des Steins:

Und hier in der “individuellen” Sprache seiner Struktur des Schweigens:


Nero Assoluto
Herkunft: Südafrika
Oberfläche: edelpoliert
Farbeindruck: tiefschwarz mit selten wolkig helleren Partien
Gestein: Magmatit
Gesteinsart: Gabbro-Norit

Selbst dorten - beim Hoch-Lieferanten - muss man auswählen, als Vertreter der liturgischen und privaten Schwärze der Gesinnung und des Rockes:

Und fein verbalisiert als Charakterisierung:

„Absolut schwarz ist dieser Granit, besonders feinkörnig und ebenmässig. Wie auf der Oberfläche eines stillen Sees spiegelt sich die Umgebung auf den glänzend polierten Flächen.“

Die ästhetische Leere, pardon: : als Charakter, als Personalist, als Bischof. Vertreter der des Schweigens:

Und -anzuschauen auf der Ssite "bistumlimburg.de" - der Stein, als Fundament, als Wände, als Dach.

Beispielhaft ein Liedchen, partdon: eine Gesang, wahlweise,von der “Stella maris”:




Hie endet die metaphorische Deutung, die hintersinnige Interpretation, die Sprache des saxa loquntur.

Identitär [nicht: Identität!]:


"Es gibt ein identitäres Amtsverständnis, das die Erhabenheit der eigenen Amtsperson ins Irrwitzige steigert", sagte der Geistliche in einem Interview, das DIE ZEIT in ihrer am Donnerstag erscheinenden Ausgabe veröffentlicht. (…)

Gestern gelesen, heute auch in der gedruckten ZEIT (44/2013):

„Der führende innerkirchliche Kritiker des Bischofs von Limburg, der Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz, bemängelt grundsätzlich die Auswahl und Amtsführung katholischer Bischöfe. "Es gibt ein identitäres Amtsverständnis, das die Erhabenheit der eigenen Amtsperson ins Irrwitzige steigert", sagte der Geistliche in einem Interview, das DIE ZEIT in ihrer am Donnerstag erscheinenden Ausgabe veröffentlicht. "Wenn solche Leute systematisch gefördert werden, dann ist das System Kirche krank. Es zieht Narzissten an."

"Identitär" - da muss ich nachdenken. - Duden kennt kein Adjektiv zu Identität:
http://www.duden.de/rechtschreibung/Identitaet

Man kann sich, abgleitet von einigen vorgegebenen Nomen, den Sinn der zentralen Aussage denken: und ich möchte formulieren:


Ein priesterlicher Lebenswech, pardon: -weg:

Das elitäre Auserlesenheitsprinzip, das Sukzessionsverfahren, die Weihe als Sakrament auf Lebenszeit und himmlische Erfüllung aufgrund von Vorherbestimmung, das priesterliche und (noch würde- und weihevoller) das bischöfliche Amtsverständnis als Einheit von Person und Funktion - sie gebären, im Extremfall, Charakterverformungen und ein adelig-monarchisches Gehabe ... mit Prunk und Verschwendung; Jahre lang einzuüben ohne Kontrolle und freundschaftliche Einwirkung.
Das Kirchenvolk, "der große Lümmel" (s. Heine im "Deutschland. Ein Wintermärchen"), huldigt gerne solchen Showkünstlern.
Man kann sich so wohlig-emotional "verstanden" fühlen, ohne dass es eigene Verantwortung kostet - Der Himmel hat es so gewollt.*



In Limburg kam hinzu - die Causa pesonalis verschärfend - dass der Vorgänger von FürstBischof TvE, ein würdiger, armer, mildtätiger, volksnaker Bischof - ein frater in Christo - war, ein alter Gaesdoncker, dessen Wahl- und Wahrspruch er durchhielt, der Bischof Franz [ohne 'Peter']

: "Evangelizare pauperibus!". Deutsch: "Den Armen die Frohbotschaft verkünden".

- Nachzulesen:

Franz K a m p h a u s.






Einblick auf den Turmbau im bischöflichen Ensemble:

> "Der Turmbau zu Limburg" - Bild: Frankfurter Rundschau » Frankfurt/Rhein-Main » Frankfurt » Spezials » Kirche. Foto: imago stock&people <

In diesem Beitrag von Joachim Frank, “Frankfurter Rundschau“, über dradio.de finde ich einenn glaubwürdigen Kommentar als Zusammenfassung für eine Woche TvT-Berichte.

Click & lies & gönn dir diesen Kommentar: Joachim Frank: "Papst verweigert einen Showdown".


Sonntag, 20. Oktober 2013

Im W a r t e z i m m e r

Stephanie Reyntjes-Drissen:


Vor der Tür zur Behandlung


"Frau Dr. Mai, kommen Sie bitte durch."
Dort, vor den zwei Türen, die zu den Behandlungszimmern führten, saß sie wieder neben der Frau, die ihr schon im Wartezimmer aufgefallen war. Auch jetzt fummelte sie so nervös am Ohr herum. Von der Seite aus beobachtete Frau Werner die ältere Dame. Sie ist elegant gekleidet, fast modisch. Sie trägt ein schwarzes Kleid, beinahe ein kleines Schwarzes, so schick wirkt es; vielleicht ein wenig zu kostbar für diese Umgebung hier im Wartezimmer, mit einem weißen, großen Kragen, der sich glatt um den gefältelten Hals legt. Und groß schaut der raus.
Wieder prockelte sie im rechten Ohr, neigte den Kopf, schüttelte ihn hin und her. Dann nahm sie eine Illustrierte, schlug sie auf und versuchte zu lesen. Doch nach wenigen Sekunden ging das Spielchen wieder los. Sie ließ die Lektüre wieder fallen, fuhr mit dem Zeigefinger der rechten Hand in den Gehörgang, rührte darin herum, schüttelte wohl den Kopf.
Hanne Mai wird’s nervös. Wegsetzen kann sie sich nicht. Da wagt sie es, die neben ihr sitzende Dame anzusprechen: "Haben Sie auch so Ohrgeräusche, so einen Tinntus - oder wie heißt das?"
Frizzi Lange: "Ach, ja, da kann man verrückt werden. Das zischt und tutet und pustet und sirrt da im Kopp herum."
Maichen: "Das ist - mein Gott - das ist wohl eine arge Plage im Kopf. Ich will sie zu den biblischen Plagen rechnen. Luther soll ja auch so ein teuflisches Ohr gehabt haben. Das hat er sich auch nicht ausgerissen. Es half ihm, an den Teufel zu glauben."
Die kurze Lange: "Ach und wie! Das hab ich schon seit acht Jahren. Manchmal kann ich es mit Schmerzmitteln etwas beruhigen. So Aspirin oder mehr. Jetzt habe ich von einer Freundin gehört, dass es ein Mittel gibt, das ist eine Psychotablette. Aber das ist mir egal. Das soll helfen. Was hilft, hat Recht.
Eine Pause, wie lange? Egal!
„Hörn Sie!“ – Sie muss husten.
„Aber gleich muss sich noch über den Weihnachtsmarkt. Ich will da meine gestrickten Handschuhe verkaufen. Das soll mir da einer abnehmen. Ich geb’s ihm auch umsonst.“
„Und wegen Ihrer Tabletten?“
„Ja, da muss ich doch meinen Doktor fragen, warum er mir das noch nicht verschrieben hat."
„Aber! Wie machen Sie das mit dem Weihnachts-“
„Och mit dem Weihnachtsmann? Da gibt es in der dritten Gasse eine Bude, mit einem kleinen Vorraum. So eine Wackeltür.“ (Sie prockelt sich das Wort wie aus dem Ohr. Flupsig.) „Dann kommt man zum Weihnachtsmann. Der hat dort eine kleine Herde von Schafen. Kleine, wollig frohwüchsige Tierchen. Welche Rasse? – Nö, weiß ich nicht.“
Sie macht eine kleine Pause. Sie reibt sich ihre knorpeligen Ohrmuscheln. Zieht am Läppchen. Wackelt mit dem Kopp. Alles klar?
"Schon als Sechzehnjährige, da - nachdem ich die Schule verlassen hatte - sehen Sie da drüben das Gymnasium - da bin ich nach der Mittleren Reife abgegangen - nach meinem ersten Tanzschulball, am Tag danach, habe ich schon ein Brummen im Ohr gehabt. Das ist dann jahrelang weggewesen. Fällt ‚m irgendwann auf, nich?" Sie lacht und greift nach dem Arm der neben ihr Sitzenden. Schüttelt ihn kräftig.
Vom Lautsprecher her ein Krächzen: "Frau Schwuwu, Sie können rein zum Doktor."
"Ach, Mädchen, nehmen Sie mal jemand anders vor. Da - da sitzt so ein Leidender! Ich unterhalte mich grade ein bisschen so schön. - Aber seit ich alleine sitze, so den ganzen Tag, da lärmt es mir im Ohr. Da stehe ich manchmal auf und tanze im Zimmer herum zu lauter Musik. Das wirkt dann für kurze Zeit. Oder ich geh' auf den Balkon. Sehen Sie das, ja? Da draußen. Kennen Sie sich hier aus in der City? Da ist ja das Gymnasium, das Haus mit dem riesigen Dach da im Schnee. Dann ist das da die Alte Kirche. Ja, da, den Helm auf der Spitze können Sie gut sehen.“
„Sie meinen das Kreuz?“
„Ja, dann auch der Martinshelm! Links vor dem kleinen Museum, da wohne ich. Wo da der Schnee auf dem Dach weggeschmolzen ist. Als Mädchen, wissen Sie, da war noch der alte Propst im Pfarrhaus. Der hat lange regiert. Und der herrschte mal so eben, von Kanzel und vom Katheter aus. Der fuhr so gerne auf seinem Fahrrad herum. Ein großer, stolzer Mann! Aus altem westfälischem Geschlecht. Eine Recke von fast 20 Meter!"
- Ach, zwei Meter, ja? Den kennen Sie?
- Sehen Sie, zu dem in den Gottesdienst musste ich immer. Meine Eltern, Sie verstehen?“
„Nein…“
„Ich musste eben. Jeden Tag in die Kirche! Aus mir sollte eine Nonne werden. Da war ich auch immer fromm! Und sonntags zusätzlich nachr Messer in die Christenlehre. (Sie wiederholt sich; immer im Ohr prockelnd!) Und in die Frühmesse am Werktag. Messdiener konnte ich ja leider nicht werden. Hab ich früher immer gedacht. Jeden Sonntag um halb zwölf! Und als junge Frau dann erst. Stillgestanden, ihr schwachen Geister! Und Weihnachten drei Messen! Das war wie nix! Auch wenn wir uns auf Weihnachtsgeschenke freuten. Egal. Dreimal Singsang! Und alles in Wohlgefallen und Weihrauch. – Da ließ sich der Pastor nach der ersten Messe vertreten. Er musste noch in irgendeine Bauernschaft. Zum Festmahl. Rindsbouillon und Braten vom Lamm."
Noch einmal streichelt sie, in aller Ruhe, ihr Ohr.
"Und wie streng der Propst war! Schon knapp ein Jahr nach meiner Heirat, da fragte mich doch der Propst in der Beichte was Privates: 'Ist denn schon was Kleines unterwegs?' Und beim nächsten Mal, da wurde er noch neugieriger: 'Mädchen, bist du noch nicht gesegneten Leibes.'"
Sie war spürbar ruhiger geworden. Ihr Ohr ließ sie jetzt in Ruhe. Sie neigte den Kopf zu der neben ihr Sitzenden.
"Da fragte der mich doch im Beichtstuhl: 'Warum ist denn da noch nichts Kleines unterwegs? Wie macht ihr das denn? Macht dein Mann denn das da auch richtig. Im Ehebett? Das Gott im Paradies schon geadelt hat! Mit Fruchtbarkeit! Oder verhütet der da?’ - Du, und ich wusste doch nie, was Verhütung war. Ich hatte nix und kannte da nix von! Und Hanselmann - der sagte mir auch nix! Da bleiben die Weiber am ehesten handzahm.“
„Und kuschelig!“
„Und frau hat dann die Bauschmerzen!“
„Auch ohne PMS-“
„Wassen dat?“
„Prämenstruelles Syndrom. - So was erfinden die Pillenverschreiber.“
„Komm, wir schleichen uns davon! So gut - kann ich mich nicht mit dem Arzt unterhalten.“
„Ich glaub, wir brauchen diese Ärzte nicht. - Hab ich mir schon oft gedacht! Und dann schlich ich immer wieder zum Onkel Doktor!“
„Und dann gab’s Tabletten vom lieben Doktorchen.“
„Und mein Mann wieder bester Laune. Schaltet den Fernseher. Trank sich dreieinhalb Fläschchen. Und dann, wenn er mich ins Bett locken wollte: ‘Siehste, is ja allet gut!"
"Stimmt ja: bist krank! Gott sei’s geklagt! Nerven! Scheiße. Haben ja alle Frauen. Sie stinken einmal im Monat. - äh, mein Männe!“
„Und dann prockeln und torkeln sie einem wieder in der Scheide rum! Zehneinhalbmal rein und raus. Und das kannst du dich wieder abwischen.“
„Du bist aber drastisch.“
„Gehst dir besser?“
„Jaja, und so weiter!“
„Los! Ab! - Ich schlag vor: Ins Café Diabola.“
„Wo issendat?“
„Bei den Weibern.“
„Den Verrückten am Eck?“
„Odda willze lieba zum Pastoa?“

Sie kuckt scheel.

„Ne, der prockelt auch nur rum in deinem -“ ( - hier da! Siehstet?) Danke! Der würde mich noch - na, Schwamm drüber. Sind ja auch nur arme Wichs-"
"Meinst du - äh - Wichser? Musse dem abba mal sagen. – Sonst weiß der dat nich. – Wie dat so untenrum is. – Könnte der doch auchma drüber predigen. Wie Maria mittem Kind dat gekriecht hat. Datt se kein zweites kriegen konnte."


Auf "mittelalterlich" gemachter
Weihnachtsmarkt
auf dem Klostergut Graefenthal in Asperden bei Goch. Foto: Thorsten Lindekamp / WAZ FotoPool - Graefenthal ins Mittelalter | WAZ.de - Lesen Sie hier mehr.



Mittwoch, 16. Oktober 2013

V o m K l e e b l a t t




DasWeiß-Klee-Blatt (normaliter) [Author: Frank Vincentz. Per Wikipedia]




Ich weiß nicht, wer diese Geschichte geschrieben hat; mein morgendlicher Traum gebar sie mir:


Das davongeschickte Kleeblatt


Eine arme, alleinstehende Pflanzenmutter hatte ein feinskleins Kleeblättchen, ein Söhnle, ein „chlê“ (ahd.), das religionslike kein großes Licht, aber eine Glülichkeit war; und auch an seiner Gestalt fehlte ihm einiges, strukturmäßig und phyllokratisch Angenehm-zu-Vermerkendes.

Sie – mütterlich-urpflanzenmäßig - hatte nur zwei spillerige Blättchen, die ihrem magern Nackenstengel entsprossen waren. Die Verwandtschaft derer von Gras zu Lauch und Wiesenthalgrund, aber auch die Nachbarskinder und die Schulkameraden im Wiesendorf selbst, einem Flecken mit Bahnhof, Kirche, Telefonhäuschen und Schulfernsehen hänselten den Kleinen oft seiner sichtbaren Unvollständigkeit wegen.

[Hier eine Überfülle Glück: Hunderte Glückskleeblätter!)

Eines Tages kam er schon um zehn Uhr weinend aus der Schule heim und erzählte, der Lehrer habe ihm in seiner Lernzielkontrolle so schwere Fragen gestellt, da habe er wohl keine einzige richtige Antwort geben können. Und auf dem Schulhof hinter dem Fahrradhäuschen hätten die Wohl- und Edelkräuter im Verein mit den Blattläusen ihm aufgelauert, und die Disteln gar hätten das ärmliches Netzhemdchen zerrissen; da ward die Mutter auch traurig, setzte sich zu ihm und schmiegte sich an ihn. Sie versuchte, die Tränen ihres einzigen Kindes zu trocknen, nahm ihn in den Arm uns zitterte gar: "Ach, mein Herzensblättchen! Was machen wir nur! Was wird nur aus uns!"

Aber es nützte nichts; der Sohnemann ließ sich nicht trösten. "Nie, nie gehe ich wieder in diese Schule der Reichen und Stinker, der Edlen und Guten, all diese Gräser und Kräuter sind gehässig und stinkig! Sie wollen mich immer in die Ecke drängen und beleidigen."
Und er weinte so jämmerlich, daß die Mutter erschrak und keinen Rat mehr wußte.
Als sie aber beide Hunger hatten und während die Mutter die Kartoffelschalensuppe umrührte, kam ihr eine Idee und da sagte sie zu ihrem Söhnchen: "Paß gut auf, auch du kannst andere reinlegen. Da werden sie staunen und dich nicht mehr Dummköpfchen und Leder- & Luderjenny schimpfen! Geh mal zu dem reichen Rebenstock Gerhard Primstiel, der will sich am Sonntag zum Wald und Wiesen-Fürsten unserer Reichswald-Provinz wählen lassen. Und vor dem Wahltag hält er eine Super-Super-Game-Show im TV-Gloriabromboria ab und behauptet, alle Fragen beantworten zu können, und sag ihm: 'Ratet mal, was ich bin?' Und laß ihn raten, was immer er will, auch wenn es beleidigend ist oder weh tut oder vollkommen unsinnig, auch wenn es noch cool und oberschlau ist; du weißt, sie nennen so etwas Bildung und Kultur. Sag immer, egal was der Politiker antwortet: 'Das bin ich nicht!' Zum Schluß aber, wenn er nicht mehr weiter weiß, sag ihm: .... -" und sie flüsterte ihm was ins Ohr, so daß er nur noch einmal aufschluchzte, sich reckte und streckte und die Tränchen abwischen ließ, und er tapfer zum Löffelchen griff und sich die schale Suppe ließ und wieder froh in die Welt blickte. Und die Mutter sprach ihm zu und sagte: "Vergiß es nicht! Dann werden sie sagen, wie schlau du bist und dich fortan gut behandeln."
Der Junge ging sofort nach dem Mittagessen los, machte sich auf in die große Stadt und ließ sich nicht von Wegelagerern und von Polizisten und auch nicht von der Sekretärinnen im Großen Haus des Deutschen Fernsehens einschüchtern, so daß er schließlich abends kurz vor 18 Uhr vor einen der Herren Unterredakteur gelassen wurde.

Unser kleiner Kerl bot dem Herrscher der Unterhaltung eine Wette an, in die der Große TV-Star im Bewußtsein seiner Macht und seiner Bildung gerne und nach den Ratschlägen seiner Medien-Designer einschlug.
Da ließ das Kleeblatt ihn raten: "Was bin ich?"
"Du bist nur ein Kleeblatt! Ein Strunz! Ein armkleines Kraut du! Ein Mädchen! Ein Schwächling! Ein - " Nichts entrann mehr dem zornigen Mund.

Das Kind konnte, wie die Mutter es ihr vorausgesagt hatte, bei allen Antworten, die der Politgewaltige herausposaunte, sagen: "Nein, das bin ich nicht!"
"Ein Dummkopf? Ein Hänfling? Ein Irgendetwas?"
"Nein, nein, auch kein Irgendetwas! Aber jetzt haben Sie nur noch eine Antwort, mein Herr!"
"Bist du eine Geisterpflanze? Haha! Ein Wiesenpolterkrebs? -Nein? Ein Bitter-Äonenwildwüchslein...? Nein...? Ein Narrenfidi-Büschchen"
Schließlich, als dem residierenden Provinzchef keine neuen Gedanken kamen und er unwillig wurde und schon zum Chauffeur schicken ließ, um vor der ersten Wahlhochrechnung in die Landesvertretung am Godesberger Ring 45 zu fahren, um sich von seinem Meisterkoch verwöhnen zu lassen, sagte das Kleeblatt: "Ich bin hungrig!"

Da, als er es kapiert hatte, nach etwa zehn Sekunden schon, brüllte der Groß-Herr aber auf, er schrie wie zuletzt auf dem Festival von Verona, wo das Zölibat für Polterbischöfe, Kanzel-Großschreier und Vielweiberpriester eingeführt worden war: "Schiebung!" und ließ den Winzling rauswerfen: "Das hat dir deine Mutter, das dumme Gras, eingeredet! Verschwinde, bevor ich meine privatherrschaftlichen Dummschafe loslasse - und dich auffressen! Und die haben Hunger nach ihrer fünfundzwanzigsten Kur, der sogenannten Spargel-Diät, gesponsert von Glücksklee!"
Die Mutter aber, die hinter einer Kulisse stand und sich nicht sicher gewesen war, wie die Situation ausgehen würde, nahm ihr Kind auf den Arm und sprach zornerfüllt einen Satz in eine Kamera, die daraufhin aber schnell abgeschaltet wurde, weil der Großmeister der Regie mit dem Daumen nach unten zeigte. Und ein Redakteur von der MAZ war noch nicht so besoffen, daß er es nicht richtig gedeutet hätte.

*

Ton- und Bildstööööörung. Wir bitten um Entzeihung, äh, vielmals um Entschuldigung, auch für meinen Vorsprächer [das kommt doch von ‚Sprache’?], äh Ver-sprocher, äh - (und das Bild wird dunkel.)

Quentchen oder Quäntchen



Ein Rückchen/ein Stückchen von meinem Quantum als Germanist und Sprachwissenschaftler


Quintchen, Quentchen, Quäntchen < Quantum oder Quent! Hier eine sinnvolle Sammlung von Synonymen. - Wie kann oder darf man diesen Winzling, den jeder leicht versteht, schreiben?


Ich begebe mich auf die Suche: Sieben Treffer in der fast unerschöpflichen Sammlung deutschen Literatur-, na sag ich’s genauer: Schriftguts, dem Gutenberg-Projekt:


Kuriose Treffer, yeah: Wieland hat so geschrieben, in seiner Übersetzung der Shakespeare-Dramen.

Und der Novalis etwas ernster, hier im „Lied beim Punsch“:


Leicht falle dein Pantoffel
Bald, Söffchen, auf den Mann,
Der in des Lebens Lotto
Dies Quintchen sich gewann.
Einst geht noch unsre Danscour
Als Sansjüpon in Klub.
Und Hannchens Kränzchen hole
Baldmöglichst Belzebub.“

Kaum verständlich, was hier ausgedrückt ist, wer angeredet wird, wer sein „Söffchen“ ist:

Und hier ein praktischeres Beispielchen:

Johann Christian Günther im „Abendlied“:

„Doch weil ein Quintchen Vaterhuld
Viel tausend Zentner meiner Schuld
Durch dein Erbarmen überwieget,
So gib Gnade vor das Recht
Und zürne nicht auf deinen Knecht,
Der sich an deinen Füßen schmieget.“
Vollständig hier ablesbar.


Vom „Quentchen finden sich sofortest 150 Beispiele:
http://gutenberg.spiegel.de/suche?q=Quentchen

Ich nehme mir bei Tucholsky am „Quentchen“ ein Beispiel:

„Die Grausamkeit schlug ihre Augen auf – sie hat schon so viele Namen gehabt, in jedem Jahrhundert einen andern. Sie atmeten hastig, der wildeste Strom war aus ihnen heraus, nun ergoß sich der Rest in lauten, lärmenden Gesprächen, in Zurufen und in Zeichen, die sie über die Köpfe hinweg einander gaben, die Daumen nach unten gesenkt; tausend Stimmen, sprechende und rufende, ertönten, und nur hier und da stieg aus der Arena ein Schrei auf wie ein Signalpfiff des Schmerzes. Hier floß ab, was an verbrecherischer Lust in den Menschen war – nun würden sie so bald keinen mehr ermorden; die Tiere hatten es für sie getan. Nachher gingen sie in die Tempel, um zu beten. Nein: um zu bitten. Unten betraten die ersten Wärter den Sand und machten sich mit heißen Eisen an die Körper, die da lagen – waren sie auch wirklich tot? Hatten sie die Massen auch nicht um ein Quentchen Schmerz betrogen? In einer Ecke kämpfte einer um seine verzuckenden Minuten, die Tiere verschwanden fauchend und aufgeregt-satt durch die kleinen Gittertüren, der Sand wurde gefegt, und oben, in den höchsten Rängen, verbrodelte die letzte Lust, die das Leben am Leiden gefunden hatte. »Was hast du?« fragte die Prinzessin. »Nichts«, sagte ich. (…)“ Entnommen aus (na? Wissen Sie’s): „Schloß Gripsholm“ (1931)

Deuten Sie mal die „Tier“-Metapher in der biologisch-animalischen, dann in der mythologischen und, ach,, in der religiösen Dimension…?

*
Vom Maß des Wissens. Zum „Quäntchen“ gibt es 743 Belege:



Vom Quentchen zur „Genade“:
Börris von Münchhausen:

1. Die Glocken stürmten vom Bernwardsturm,
Der Regen durchrauschte die Straßen.
|: Und durch die Glocken und durch den Sturm,
Gellte des Urhorns blasen. :|
2. Das Büffelhorn, das so lang geruht,
Veit Stoßperg nahm's aus der Lade.
|: Das alte Horn, es brüllte nach Blut
Und wimmerte: "Gott genade!" :|

Hier, im Wiktionary, wird es klar ausgesprochen, was Duden aber nicht leugnet:
„Vor der Rechtschreibreform hieß es Quentchen und stammt vom „Quentlein“ (17. Jahrhundert), „Quintel“ (16. Jahrhundert), „quintlīn“ (15. Jahrhundert) ab. Es handelt sich um ein Diminutiv von Quent, welches sich sich [sic!] vom mittellateinischen quentinus → la „fünfter Teil, Fünftel“ ableitet[sic! Ohne Punkt]
Die neue Rechtschreibung legt Quäntchen in dieser Schreibweise fest und legt damit fälschlicherweise nahe, dass es von Quantum abstammt.“

Im Duden, in der 26. Aufl. 2013, S. 865, wird auch „Quentchen“ genannt, als „alte Schreibung für Quäntchen“.


Andreas Gryphius : Quantum est quod nescimus! (Sonett XVIII)


Und so klingt es zur ZEIT durch Deutschlands Medien. Wenn die Wortspiele von Quandt zu Quäntchen fließend sich ergeben:

"Ein Quäntchen Spendenspott"


Montag, 14. Oktober 2013

N a c h b a r lich







Stephan Drissen:

Immer, wenn es klingelt:

Eine alte Dame aus meiner Nachbarschaft


"Da! Du? Da! Ich krieg zu viel!“ - „Hilfe! Britta!- Wieder die Alte.“
„Volker, nimm dich zusammen!“
„Da wieder! Da ist die, äh, diese Frau wieder! Glaub mir, komm, Britta! Die ruckelt und schuckelt und tuckelt wieder rum, nur halb angezogen. Die kommt auf unser Haus zu! Und wenn die schellt! Da bin ich nicht da. Hast du gehört, Britta? Wo steckst du - Britta!"
Volker stand, von einem Fuß auf den anderen tretend, hinter der frisch duftenden Gardine, durch die er auf die Frauenstraße schauen konnte.
Er hatte auf der Fensterbank den abgetropften roten Kerzenwachs vom Adventskranz mit dem weißen Wachs seiner Schreibtischkerze verknetet und flach ausgerollt zu einer schmuddelig rosa Masse, daraus will er einen Engel für seinen Tisch in der Schule formen. Aber der mißfällt ihm immer mehr.
Ratlos und immer dringlicher wandte er sich an seine Schwester in der Küche, halb rufend, halb flüsternd: "Die steht schon im Vorgarten am Törchen. Wenn die wieder bei uns schellt! Ich geh’ nicht an die Tür!"
Aus der Küche kommt keine Hilfe; da setzt Volker sein Flehen fort: "Was soll ich machen? Ich warte auf Heiner, der kommt doch gleich. Wir wollen zusammen Schulla machen. Da muß ich doch an die Tür. Und dann steht die da!"
Aus der Küche, wo Britta für heute nachmittag den weniger beliebten familiären "Innendienst" beim Tisch und am Bügelbrett hat, kommt ihre beruhigende Stimme: "Meinst du die Oma aus dem Vinzenz-Heim? Ist sie wieder im Bademantel davongelaufen?"
Zwei T-Shirts hat sie noch vor sich, eine Bluse für die Mutter, ihre feine Oberschulrats-Bluse, wenn sie wieder bei einer Lehrprobe hospitiert und für motivationsstarke Leistungen Noten geben muss, ja, und das neue Seidenhemd des Vaters - ihre Bügelaufgabe, hat sie für fünf Mark übernommen. Weil die Mama genug locker macht. Bevor sie sich an die Schularbeit setzen kann. Und ein Weihnachtsgedicht auswendig lernen soll.
"Nein! - Doch, ja! Britta! Wie die loswetzt! Kuck mal! Oma Schluffen rennt schon wieder wie - ja herum - und hümpelt, ja, wie eine Hümpelziege." Er beißt sich auf die Lippe! Heute zur Feier des Tages aber in ihrer grünen Hausjacke!"
"Die tut dir doch nichts. Reg' dich nicht auf, Kleiner!"
"Pitschnaß ist die schon; schau nur, wie es sie schüttelt, voll naß ist die. Was hat die denn nur für Klotschen an? - Warum lässt man die los?"
Britta beruhigt ihn von ihrem Arbeitsplatz aus: "Die will immer zum Rektor, das weißt du doch. Äh, wie heißt der noch, da unten, neben der Kirche?"
"Weiß ich nicht, ist mir auch egal. Die muß schon in unserem Eingang stehn, sie ist hinter dem Forsythienstrauch verschwunden. Ich seh' sie nicht mehr!"
Da, tatsächlich, es schellt auch schon bei den Schusters, danach sofort im ersten Stock, ob bei Beykirch, Janicki oder den Aydins, das ist vom Summ-Ton her nicht zu unterscheiden.
Pause, atemlos. Stille in der Wohnung. Was jetzt?
Doch, gerade, von oben, wie erwartet, wird der Türöffner gedrückt. Die Haustür springt auf, und sofort saust im Treppenhaus der pfeifende Wind, und ein schleifendes Geräusch wird vernehmbar.
"Sie ist schon an unserer Tür.“
„Volker, gib endlich Ruh!“
„Die von oben haben ihr wieder geöffnet. Da steht die bei uns jetzt! Das will der Serdar mir einbrocken. – Sau-Serdar! Das tut weh! gibt Senge!"
"Volkerchen! Was ist denn heut' für ein Tag?"
Lakonisch soll es aus Brittas Mund klingen. Volker nimmt es als reinen, bitteren Hohn.
"Schwester der Heiligen Ordnung!" stöhnt er theatralisch.
Im Flur klappt die Haustür. Dann bleibt es still. Und Volker rührt sich lieber nicht in seinem Zimmer, das sich am Flur nach vorne raus anschließt. Er hält sich lieber zurück. Die Küche liegt weit genug weg. Die Tür ist abgeschlossen von innen, ganz sicher. Der Schlüssel steckt. Was soll schon passieren? Im Kinderzimmer ruht Winnetou. Ein Pfiff - und -
Doch schauen beide Kinder gleichzeitig durch die gegenüberliegenden Türrahmen in den recht langen Flur.
Pst! zeigt Britta mit dem Finger vor den Lippen. Und in weiteren kreisend-abwehrenden Gesten des Kopfes und des rechten Armes: Sie wird schon verschwinden, nur nicht aufmachen, Volker! Ruhe halten! Das schaffen wir, Brüderchen und Schwesterchen!
"Heiners Schwester hat mal erzählt, die Frau wollte nach Münster fahren, zum Bischof, ohne Fahrkarte. Nicht mal 'n paar Cent hatte die bei! Da hat jemand die Alte in sein Büro geholt und ihr 'ne Tasse Kaffee spendiert."
"Vielleicht von der Bahnhofsmission?"
"Nein, da haben irgendwelche Spinner oder so Grüne ein Büro zum Angeben. Und die haben die Frau nachher auf einem Tandem nach Hause kutschiert. Huchu! Die haben sie auf ihr feines Tandem gesetzt!"
"Papa sagte mal so was Lustiges. Da hab' ich aber nicht richtig zugehört. Erzähl mir das später noch mal besser sortiert, ja? Du bist übrigens viel zu laut!"
"Und du erst!"
Hat er seine Schwester richtig verstanden? Egal, der Feind naht!
Volker hat einen roten Kopf gekriegt und atmet etwas schwer.
"Reg dich ab, Wolfi-Volkerchen! - Leg die Hand aufs Zwerchfell".
Sie spricht bewußt leise, aber deutlich: "Du weißt doch, langsam bis zehn zählen. Du ängstlicher Wolf, du aufgeregter Schwachmathicus!"
Es klingelt wieder, erst zaghaft; und nochmals, pingeliger, jetzt drängelnder. Das kann niemand überhören.
"Hopp! Kerlchen!"
Der haut aber ab – ins Kinderzimmer.
"Geh schon, du Faulpelz. Ich sitz' hier an den ollen Hemden! Und hab’ schon ein paar Falten reingeknittert. Verflucht, ist diese olle Bluse mit den Rüschchen schwer hinzukriegen. Was so hübsch aussieht, ist -"
Volker ist leise zu ihr in die Küche gekommen, auf Zehenspitzen über den Flur, in vier, fünf Indianerschritten, und drückt sich an sie und flüstert: "Sie ist immer noch da. Da, die hat bestimmt den Knauf in ihren Fingern und drückt dagegen."
"Kannst du nicht hingehen? Ich -"
"Geh du! Ich kann nicht mit ihr reden."
"Hast du Angst, Großer Wolf?"
Es schellt wieder, schellt, schellt - jetzt schon Sturm.
Volker, weggescheucht aus seiner Lieblingsecke in der Küche, vor der Heizung und dem rechten Fensterflügel, deren Scheibe schon mit einer Weihnachtsszene aus schwarzem Fotokarton geschmückt ist, fleht seine Schwester an: "Britta! Geh, bitte, ich weiß nicht, was die Alte, die Frau -"
"Die Frau - ihren Namen kenn ich auch nicht! Vater wußte ihn mal. Schabo-, irgendwas mit Scho -"

Volker hat heute den Außenminister spielen wollen; am Dienstag ist Britta dann wieder an der Reihe. Dafür hat sie heute den Innendienst, mit dem Abwasch (spülen und abtrocknen!) und ein paar Bügelsachen. Aber ohne Verhandlung verzichtet er heute lieber auf sein Vorrecht.
"Die muß gleichzeitig oben geschellt haben, vielleicht bei Beykirchs, und die haben ihr die Tür aufgedrückt. Wenn ich diesen Wolfgang zu fassen kriege! Oder bei Saritala. Klar. Der Serdar war das! Der hat sie mir auf den Hals gehetzt!"
Wo die Dame steht, ist Flur, vor Schusters Tür. Jetzt drückt sie mit der rechten Schulter gegen die schwere Tür, ächzt so, dass sie es innen hören.
Volker, wieder im Flur, vor der Garderobe, starrt auf die Tür, die immer verschlossen ist, wenn die Kinder allein in der Wohnung sind. 'Ihr lieben Kinder!' hat die Mutter ihnen lachend beigebracht, 'wenn ich fort bin, haltet die Tür fest verschlossen.' Jawohl. Damit der böse Wolf nicht - wir wissen bescheid, Mama! Kannst ruhig den Vater besuchen gehen. Oder mußt du wieder zum Friseur?' (Das kann nur Wolfgang so liebevoll säuselnd fragen.)

Jetzt rappelt und prockelt ein Schlüssel von außen im Schloß. "Unverschämt, die Alte! Glaubt die denn -"
Nochmals wird gegen die Tür gedrückt. Der Schatten vor dem kleinkarierten Mattglas ist aktiv. Energisch und nah, dann sanft zurückfedernd.
"Britta!" Volkers lauter Notruf. Eher flehentlich als schrill und -
"Jetzt hat man dich gehört, auch die draußen: Hier ist jemand im Haus und macht nicht auf! Du bist ja doof!"
Wie brutal laut so eine Schwester sein kann, aber treten darf man sie nicht, sagt Mutter immer.
Schnell nähert sich die Schwester aus der Küche.
"Na, braucht der furchtlose Ritter Hilfe?"
Mit spitzen Fingern, aber versöhnlich krault sie ihm Nacken und Schulter. "Husch, ins Zimmer. Ich öffne. Was ist schon dabei? Die vergißt immer alles, und dann läuft sie los. ‚Bewegungsdrang, manisch oder so’, sagte Papa."
"Was heißt das?" - "Genau weiß ich das auch nicht."
Draußen stand die Dame, die sie, seitdem der Alten-Schuppen - pardon, denkt Britta, das Seniorenheim, eröffnet ist, schon etliche Male getroffen haben, wie sie auf der Straße stehen blieb, hinter einem Auto in einer Einfahrt, wenn sie sich Halt suchend an den Kofferraum lehnte, bis sie verschnauft hatte und wieder loszog, fast immer im cremefarbenen Bademantel mit der blassen, großen Rose drauf. Dann fing irgend jemand aus der Nachbarschaft sie wieder ein. Die vom Vinzenz-Stift in ihren fliegenden weißen Kitteln, manchmal eine schicke Weste drüber - sie haben keine Zeit, die alleinstehende Dame immer zu überwachen. Und die akustische Haustürsperre überlistet sie für ihre Ausflüge, indem sie einen Stahlstuhl vorschiebt, bis es nicht mehr piept. Hat Vater am Schalter erkundet. "Wir können sie nicht anbinden", hat es geheißen. "Sie paßt auf den Verkehr schon auf."
Wie sie aber anreden? Wie hatte Vater wohl mit ihr geredet? Er hatte die Frau schon einmal im Taxi nach Hause bringen lassen, als sie zur Mittagszeit an der geschlossenen Kirche im Regen stand und im Pfarrhaus ihr niemand aufmachte. Vater hatte das Taxi zahlen müssen. "Sollte ich denn die Frau in dem Dreckswetter stehen lassen? Ich kann sie doch auch nicht auf dem Fahrrad heimtransportieren!"

Da hatte er vom "Friseursalon Yvonne" aus anrufen lassen:
"Befördern Sie doch bitte die hilflose Dame wieder in ihr Wohnheim; ja, hier den Parkweg hoch, zum Stift. Auf dem Kirchplatz können Sie drehen."
Die hatten Vater vom Taxidienst Weber ausfindig gemacht, waren sauer gewesen und ihn für die sechs Mark Fahrgeld, plus Erstattung der Ermittlungskosten von 30 DM, gehörig zur Kasse gebeten.
"Wie soll ich die anreden?" Einfach eine Frage stellen! Wie quatscht Volker jedes Kind auf den Spielplätzen im Schulbezirk an, das ihn interessiert? "Äh, du, denk mal nach!"
Und bevor sie in das verfaltete, irgendwie mild leuchtende Lampenschirm-Gesicht der Dame hineinsprechen kann, ist Serdar aus dem ersten Stock auf dem Treppenabsatz erschienen.
Er nimmt die alte Dame in den Arm und spricht, mit einem kurzen Blick zu den beiden in der Wohnungstür, sie an: "Aber Sie sind doch ganz naß, es ist doch viel zu kalt für Sie in Ihrer Sommerjacke; und wie es regnet! Sie sind hier aber ganz falsch!"
"Aber ich wohne hier doch!" Die Frau hat eine erstaunlich weiche, aber laute Stimme, die man diesem hageren Körper im flatternden Sommerdress gar nicht zugetraut hätte.
"Wo wohnen Sie denn? Aber doch nicht bei uns, doch nicht hier bei uns. Wir wohnen hier, da unten die vier Schusters! Und wir oben neben Beykirchs. Mein Vater heißt Evrim Saritala."
Serdar zeigt neben Britta auf das Türschild.
Jetzt steckt Volker seinen mutigen Wuschelkopf in den Türspalt, gegen den die Alte wieder leicht von außen drückt, und die Kinder von innen nicht mehr gegenhalten.
"Nein. Doch hier! Ja, hier!" Pause.
Britta spürt ihr Herz schlagen. Wie macht der Serdar das nur? Wo hat er das gelernt?
Da wendet sich die Oma ab: "Da wohn ich wohl nebenan." An der Wand sich entlang tastend, geht sie ruckweise zur Haustür zurück, durch die der müde, nasse Wind einfällt.
Serdar geht mit: "Oder wollen Sie zuerst eine Tasse Kaffee, mit Spekulatius? - Haben wir noch welchen...?" Die Frau wendet sich einfach ab. Hat die mich nicht gehört? Was tun?
"Aber nebenan wohnen doch die Deckers. Ganz bestimmt. Wir leben hier schon ein Jahr lang. Und die Schusters, die kennen uns alle!"
Ein fragender Blick, zwei -, gehen zu Britta und Volker.
"Seit meinem dritten Jahr, als ich in den Kindergarten kam", erklärt Volker unter Brittas Arm hervorschauend.
"Dort wohnen aber die Deckers, nebenan! Und die haben keine Oma. Sie wohnen doch im Heim! Vater sagt -" er bricht ab, senkt die Schultern. "Gefällt es Ihnen da nicht?" Wer hat diesen Satz gesagt?
Serdar rennt hinter der Frau her: "Aber wenn Sie dort schellen wollen - Warten Sie, ich bring' Sie rüber. Wenn Sie Frau Deckers sprechen wollen? Aber bleiben Sie doch stehen!"
Wie schnell sie ist, die Seniorin!
Britta bohrt in der Nase, verschwindet dann: "Ich muß mir erst was an die Füße ziehen." Volker quengelt: "Das ist mir zu weit. Kann ich nicht bei dem Gewerkschafter schellen, der gegenüber jetzt eingezogen ist. Hat Papa mal gesagt: Die Kumpels helfen!"
"Quatsch, Junge! Wir bringen sie selber zurück! Der Mann muß doch jetzt arbeiten und ist kein Krankenwagenfahrer."
"Hol mir den großen Regenschirm. Ja, den roten, mit der knalligen RUTLUK-Werbung aufgedruckt! Immer man schräg drauf. Draufunddran, Manno!"

Sie streifte die blauweißroten Hüttenschuhe ab.
"Volker, hol' eben deinen Schal! Bleiben Sie bitte stehen. - Ich meinte meinen Bruder." (Ganz laut jetzt:) "Ich ziehe mir eben die Turnschuhe über. Dann bringe ich Sie nach Hause."
Da ist Serdar schon mit der Dame im Arm über die Straße gelangt, ganz ruhig, als ob er das jeden Tag mache.
"Ja, nach nebenan, dorthin. Hier muß es doch sein", protestiert die Frau laut, "hier im Garten habe ich Tennis gespielt, und vor dem Gassentor war die Schaukel, an dicken, einbetonierten Holzpfählen und einem Querbalken aufgehängt. Einer krachte einmal um, verfault, der Kerl. Da habe ich mir den Arm gebrochen, weil ich aus der Schaukel rausflog. Da flog ich, da war ich frei. Da hatte ich noch Glück." Sie lacht und prustet und zeigt auf ihren linken, den ein wenig abstehenden Ellenbogen; irgendwie knubbelig schaut's da aus.

Volker steht schon hinter Britta am Fenster, mit ihren festen Schuhen in der Hand: "Mal sehen, wie du das schaffst; in weniger als vierzehn Minuten gibt es einen Sonderpunkt. Achtung, fertig, los! Der Sonderzug nach St. Buckel wackelt ab!"

Britta schnauft empört: "Warte, bis ich wieder zurück bin, du herzloses Luder, Du!"
"Ich wollte dir mal helfen, ehrlich!"
"Meinst du: mir den Mut nehmen? Und wo hast du nur diesen rotzfrechen Ausdruck her?"
Britta geht noch einmal in den Hausflur, sie droht ihrem Bruder hinterrücks mit einem ausgestreckten Zeigefinger. Drüben hat Serdar die Frau schon wieder neu am Arm gefaßt, als sie die Beuge lösen wollte, und führt sie, geruhsam Fuß vor Fuß setzend, die drei nassen Stufen zur Vordertür bei Deckers rauf.
Die Frau ist fit und gesprächig, erstaunlich, denkt der Bursche, hoffentlich kann ich auch eine so alte Sprache verstehen! Sie lächelt: "Hängen Sie sich ruhig ein, junger Mann! Ich passe schon auf, mein Lieber, für uns beide!" Der Junge hat die spaßige Anrede verstanden, und er fühlt schon etwas wohliger in seiner unfreiwilligen Rolle als Helfer. "So, den rechten Fuß jetzt, im Takt, Junge! Prima, geht doch prima! Esbero-Esbero! Und nochma: Esbero-Esbero! Knall! Ja!" - Nach einer Pause des Schnüffelns: "Joa, doar hör eck thüss! - Jau, thüss!"

Die Schwester N.: "Aber Oma Schnuff: "Nä, nich: Tusse ma eem nach obn innet Kabäusken fitschen?" Sie klopft ihrer Gefangenen auf die Schulter. - Frau Scnuffel zuckt mit der anderen, sie verstehe das nicht. Das weiß Sr. N. Heimliches Grinsen.


Bewegung: Von der leichten Anhöhe her, Serdar, Volker und die Truppe von der Gudrun-Pausewang-Grundschule nennen ihn Kanarienberg, wegen der auffällig bunt gestrichenen Südseite des Seniorenhauses mit ihren vorgebauten Balkonen, nähert sich ein Lieferwagen.
Serdar fällt es wie ein Schrecken ein: "Ach, schon der Obstbauer! Schon so spät. Mutti könnte schon kommen, aber hoffentlich denkt Selma an das Gemüse: 2 Pfd. Tomaten, sechs Bananen, ein Töpfchen Basilikum, einen Zopf Knoblauch. Und noch was! Hab ich aber vergessen, waren sechs Sachen, Scheiße!"
"Was sagst Du, Junge?" Den Atem verteilt sie immer geruhsam, nach drei, vier Worten neu einziehend, die ausgetoßenen Wölkchen sind klein wie bei Serdar. "Warst du irgendwo in Urlaub?" Neues Schnaufen. "Ach, nein vor Weihnachten nimmer."
Wieder eine Verschnaufpause, och, zwei, bitte!
Sie haben sich zurück zur Straße gewendet und schauen dem herannahenden Unheil ins Gesicht. "Sag, mal Junge, aus welchem Land kommst du? Da ist es im Winter bestimmt nicht so kalt?"
Auf dem Bürgersteig streckt die Frau ihren linken Arm eckig weit vom Körper ab. Serdar legt sein rechtes Ärmchen in die Lücke hinein; es ist ein sicher machendes Gefühl (sagt man hier so?), als habe er die Verantwortung, ungewohnt, und die Dame schließt wieder die Armbeuge: "Häng dich ruhig ein, Junge. Wie alt bist du?" Stehenbleiben und Atempause, wir schaffen es. "Das klappt schon, bestimmt. Wir schaffen das."
Sie scheut vor dem bremsenden Obst- und Gemüsewagen eines Ökobauern zurück, der langsam mit dem Vorderreifen seines bunten Kombis auf den saumatschigen Gehsteig rollt und hofft, dass er noch einiges loswird vor dem vierten Advent: Kartoffeln, Winterastern, Gemüse aus seinen Treibhäusern.
Serdar beruhigt sie: "Der Lieferwagen hält bei Blochs, da steht er schon, keine Angst! Aber wo haben Sie denn früher gewohnt? Wir kennen Sie schon lange vom Zusehen aus dem Fenster her. Volkers Vater hat Sie doch einmal mit dem Taxi -"
"Frau Adams bin ich, äh, heiße ich, Witwe Adams: Mein Mann - der war -" Ihr Gesicht erstarrt fragend-nachdenklich. "Ja, der war Apotheker in der Madgalenen-Apotheke." Sie freut sich. "Ja, in der - wie hieß sie nochma -"
Serdar kennt hier keine Amandus-Apotheke.
"Hier in unserem Viertel? Frau Adams, hier in unserer Stadt?" Er fragt noch einmal in das milde, gefältelte Antlitz mit den zwei großen Augenhöhlen, wie in ein altes Gebetbuch hinein, mit der jetzt sichtbaren, fast blankgedrückten, roten Abdruckstelle einer Brille auf dem wunden Nasenrücken.
"Esbero-Esbero!", flüstert sie, ein Abrakadabra-Wort.
Vom Vinzenz-Stift her kommt ein weißer Kittel ihnen entgegen, flatternd, rüttelnd, pflegebewußt aufgeregt.
"Sie wohnen doch schon seit einem halben Jahr im Stift! Sie stammen nicht von hier, sagt mein Vater immer. Der kennt Sie auch. Einmal, als er von der Arbeit kam, im Winter -"
"Sonntags, ja, im Winter auch, kommt doch wieder Marie-Theres, meine letzte Tochter, verstehst du? Oder muß ich in die Stadt? Fragst Du bitte meine Pflege-Schwester, Junge? Die wohnt in der Bahnhofstraße, oder da am Bahnhofsvorplatz. Nummer 8. Und kommt heute nicht. Oder muß ich morgen?"
"Sind Sie hier immer noch fremd? Ich glaube, Ihre Kinderstadt ist eine halbe Stunde weg von hier. So mit dem Auto. Sie wohnen" (und jetzt betont flüsternd, wie im schlechten Gewissen:) "im Altenheim! Hat Ihnen das niemand gesagt! Bei uns kennen wir solche Häuser nicht. Unsere Ältesten brauchen nicht mehr zu arbeiten. Sie spielen mit den Kindern, den ganzen Tag lang, wenn die wollen. Vater sagte uns, dass Sie vergesslich sind. Und gern spazieren gehen. - Und vor den Blumen im Sommer in den Vorgärten, da Sie - davor -" (beten, yasamak, oder wwie leben, furchtbare Sprache dies!) will Serdar sagen: "Da beten Sie denen vor, sagte der Volker von denen da, vor den Tulpen und so!" Der da, er zeigt zurück auf Volker.
Das alte Gesicht überläuft ein listiges, verrutschtes Lächeln: "So? Ja? Das hat mir noch niemand gesagt. Aber wo wohnen wir hier. Dass ich hier wohne? hast Du gesagt, Junge? Esbero-Esbero. Nein, Teufel, oh, Anneliese, du fluchst ja, da geht es dir heute aber gut! Dass ich da wohne, hatte ich glatt vergessen. So was, Junge!"
Aus dem linken Mundwinkel der Dame läuft eine feine Speichelspur bis zum Kinn, wenn sie spricht. Ob sie sie abwischt?
Da setzt sie ihr "Esbero-Esbero-Esbero! Esberotox vital, für Hühner, für meine lieben Kalkhühnerchen, auf in den Altenbuckel!" fort, dann nimmt sie mit der gedrehten Zunge - igitt! zu sehen! - genießerisch und säuberlich die Spucke unter der Lippe wieder auf.
"Was heißt Esbert, Frau Adams?" Er freut sich, sich mit dem verrückten Wort Adams ein wenig einzuschleichen in das gemütliche, umkreisende Lächeln auf den trockenen Lippen. "Ein Hund, den Sie früher hatten, vielleicht ?"
"Ach, das, das weiß ich nicht, nein, das weiß ich nicht mehr, ein schönes Wort für meinen Mund! Die Zunge gehorcht dann wieder. Ich kann sagen, was ich will. Siehst du: Esbero-Esbero. Aber ich glaube, wo du mich fragst, warte mal, mal verschnaufen, hach, so heißt ein Medikament, das ich immer nehmen soll. Ich nehme es immer hinter die Unterlippe, bei der Chemie-Ausgabe" (sie krichert; hämisch das nicht). "Und spuckdieruck, landet es später im Vorgarten, immer in die letzten Astern. Eure sind die schönsten! Esbero-Esbero-Esberotox im Pott! Oder Esberítox -?"
Sie ruckeln langsam. Und lachend. Auf den Schwestern-Kittel zu, geruhsam in ihrem steif-langsamen Takt, rechts hochgehoben den schweren orthopädischen Schuh, dann, immer mit der Ruhe, links das Bein nachgezogen. Kann sie nicht viel schneller schlurfen - selbst in ihren Pantoffeln ist die schneller als jetzt. Was Vater -
Die weiße Kittel-Frau will die Flüchtige schweigend in Empfang nehmen.
Die ruckt den Kopf vor, wie mit einer Adlernase ist sie unterwegs zum Nest, ob es ausgeräubert worden ist, denkt Serdar. Wie am Ziel, ihrem gemütlichen Ort, angekommen, da schreit sie die Diakonie-Schwester an: "Das sagte mir eben der Junge hier, dass ich hier wohne! Müssen Sie mir doch sagen: Sie müssen mir jeden Morgen in der Andacht sagen, dass ich hier wohne. Da kann der Pastor ja wohl dran denken - Wie hieß das-?" Sie klopft sich auf die Wange. "Ja! Ja! Im Frühtau zum Berge!"
"Zum Herrgott, glaube ich. Im Frühtau zum Herrgott! Frau Adams, was machen Sie für Geschichten? Was will der Junge von Ihnen?"
"Wie schön leucht' mir der Traubensaft? - Das ist mein eigenes Lied! - Woher wolln Sie das denn wissen!"
"Komm'n sie, Frau Adams!"
"Haben Sie ein Taschentuch für mich, kein Tempo! Dass ich hier wohne! Das konnte ich gar nicht glauben. Wie kann ich das denn behalten? Das hat mir der Junge erst erklärt! Geben Sie ihm fünfzig Mark von meinen Wertpapieren, nein fünfhundert! Hat Hochwürden die Zeit dazu, zu einer Kaffeevisite- nach dem Gebet für meinen Mann? Mir das jeden Morgen zu erklären? Kann er das?"
Sie läßt sich durch die Eingangstür, deren Lichtschranke ein gedämpftes Schellen in der Aufsichtskabine im ersten Stock auslöst, zum gegenüberliegenden Aufzugsschacht schubsen.
Die üppig glitzernde, sanft farbige Festdekoration - tanzende Engel-Mobiles, weit ausschwingende Weihnachtsbaumketten aus Dutzenden von Mini-Lichtpünktchen an den Wänden, die schwebenden, die klingenden Glöckchengirlanden über den Türen, die mit goldgelben Stroh- und roten Glanzpapiersternen geschmückte, bis zur Decke greifende Fichte - legt im Einklang mit den warmen, gedimmten Lichtstangen der Neonröhren einen erwartungsvollen Glanz aufs geräumige Foyer. Eine dunkle, fast dumpfe Stimme sang feierlich: "Vom Himmel hoch -".
Frau Adams kneift mit den Augen, wendet sich wie geblendet ab, hält den linken Arm fest an den Körper gepreßt und befiehlt: "Tun Sie meinem Arm nicht weh! Der ist verletzt! Das steht in meiner Akte!", so dass die Schwester ihre Hand, die sie dazwischen schieben will, wieder sinken lassen muß.
Dem kleinen Kavalier, der hilflos vor dem Lichtgefunkel im Eingang stehen geblieben ist, aber flüstert sie zu: "Nächste Woche besuch' ich wieder die Schusters, aber hinten rum von der Gartenseite her. Da kenn ich mich aus. Sag' da schon mal bescheid, mein Junge!" Verwirrt schaut der ihr nach: "Auf Wiederse -". Schiebend, schlagend, schellend rucken die Fahrstuhltüren auseinander. Im engen Innern leuchten Lichtbänder blinzelnd an den grau-metallic Wänden hoch. Klingelnd und scharrend schließen sie sich langsam wieder, da ruckt sich Frau Adams noch durch und schiebt sich, gegen die Türen pressend, hinaus mit einem Arm.

"Da hab' ich wieder was vergessen, Junge. Du wohnst also in Schusters Haus? Da unten, der alte Herr war mein Lehrer, ja, das muß der Opa von diesem Jungen sein, der mir geöffnet hat. Ich wollte den Rektor doch heute besuchen und ihm diese Pralinen -" Sie greift in die Schürzentasche unter der Jacke und zieht etwas Zerknittertes im Cellophan heraus! "Ach, auch das hab' ich wieder kaputt gemacht! Das sind ja Zigarren in der Tüte, du dumme Liese, sagte er immer. Da wird Herr Schuster aber schimpfen! Ich mußte ihm immer Zigarren holen, echte Sumatra vier für 15 Pfennige, einmal in der Woche. Nun hab' ich's vergessen! Ich dumme Hümpeltante!" Serdar schiebt ihr einen Stuhl hin, der in der Nähe der Loge steht. Sie schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: "Junge, wie heißt du eigentlich, vergißt du auch alles? Weißt du, der Rektor - jetzt ist er gewiß 95 Jahre. Ja, so alt werden nur die besten Lehrer. Einmal wollte er mich schlagen, weil ich die Zigarren zerknautscht hatte. Ich war, ja, ich weiß, vor einem Hund war ich so schnell gerannt, und der hat mir doch noch in das Bein gebissen, Sauköter, die Zähne durch die Strümpfe gesetzt, ein ganzer Zahnring. Oh, ja, der Kackdackel vom Hausmeister Wackelzahn! Und da hat der Rektor mir gesagt, weil er das erkannt hat mit dem Köter, obwohl er ja wütend war, hat er verkündet - Was nur? Ich, natürlich, ich weiß es noch morgen:'Wer vor einem Hund wegläuft, Annelieschen, der wird gebissen!' -Jä, das freut jeden Kacker!"
"Darf ich - darf ich - äh, dem -?" Serdar traut sich zu lügen, "dem Rektor - dem Herrn - Volkers Opa, dem alten Herrn Schuster die Zigarren bringen? Mein großer Bruder Heinzi, kann dat widda mit Spucke kleben. Der hat mal aus zwei Zigarren drei gemacht, weil er selber eine geraucht hatte, und Angst bekam vor Papas Besuch, für den waren die letzten gezählt!"
"Bulton heißt der! Das kann der! Na, also, da bin ich ja stolz, dass ich dich - aber ganz bestimmt noch vor dem 4. Advent! Mein Herr Rektor freut sich auf Besuch! Ich durfte einmal alle Zeugnisse abstempeln bei ihm, mit einem Siegel so groß wie ein Rad. Ja, in seinem Rekto-„ sie rundet die Lippen, kichert: „im Büro hinter der Schulsekretärin, in seinem Rekto-RAD! Joho-hihi! - Auf meinen besonders! Jawohl! Jedes Jahr darf ich ihn besuchen. Ja! Wie im vorigen Jahr! - Und seine Frau besuch' ich auf dem Friedhof. Wo Frieden im Piepen dat Vogelin tönnet - wollte Hochzeit machen in dem grünen Walde. Tralla-" Zehnte Reihe, bestimmt, ja? Oder achtzehnte - vom Kalvarienberg weg - Oder doch nochma an der Kirche am Kreuz der einsamen Beter zur Bombenstunde? - Stimmt doch: Greversweg entlang - und denn - wennde de Weberstroaat goan bist! - Warum vergess ich alles, meinzwegen!"

Jetzt schließen sich hinter den Personen die Schiebetüren wieder langsam ruckend, die Schwester hat schon in der offenen Zelle gedrängelt. Da ruft noch ihre hohe, helle Stimme aus der dämpfenden Kabine heraus: "Junge, du mußt nach mir schellen! Ja? Ja? Ich hab immer Kuchen -"
"Frau Schluffen...?"
Sie tritt nochmals aus dem Aufzug heraus: „Und wie geht es meiner Magdalena? Mein größten Gotteshaus ist das. Achja, vor Kevelaer. Eenifach den Turmkopp zerchlagen. Und dat Geschiffe! Und wie das Dach! Den Nacken einfch putt! - Kann sie sich wieder zeigen? - Wie lange währt ein Jahrhundert zum Bauen. Zum Einweihen so! Putt, wie wenn Krieg war! Und das Dach zerschlagen. Immerweg putt1"
Warum Pause?
"Hat man ihr wieder das Haupt zerschlagen? - Und den Turm gedeppert? Mit palavernden Glocken! Watt dat klingt!" Pause. Pause. - "Heilige Maria aus Magdala? wie du büßen musst!“

Im Serdars Kopp, denk ich:Ich rede einfach dazwischen: "Ja, ich hab immer Kuchen, wenn du kommst, Oma."
"Und du musst etwas von Dechant Brimmers bringen. - Hier nimm mal die Tüte. Da ist Spekulatius drin. Selber gebacken. Die hab ich ihm von seiner Garderobe genommen."
"Aber, der - der - ist doch nicht evangelisch - Frau -!"
"Aber die Straße hier, die zweite rechts, die heißt doch so! - Aber wenn euch das lästig ist -!"
Sie sinnt ein wenig. Dann fuchtelt ihr rechter Arm wieder hinundher.
"Oder bringt mir den Rektor Bulton vorbei. Der hat mir auch alles in der Volksschule erklären können. Auch wenn ich meine Krämpfe hatte - Und dann lag ich da auf einer Matte. Und die haben mich festgehalten. Das hat nicht wehgetan. Und den Schaum vom Mund gewischt. Helga - die war immer dabei. Meine Freundin - die wohnt auch am Greversweg. Und - manchmal kam Frau Bulton."
"Aber, wann war das, Frau - das war doch Ihre Jugend -!"
"Ach, was! Ich geh doch immer noch in die Liebfrauenschule. Der Rektor, der hat da immer was im Pult liegen für fleißige -" ein leises Klingeln, ein letzter, gedämpfter Ruf: "Tür auf, ja? Besuch mich! Junge! Nummer dritter Stock -"

Die surrenden Geräusche verschwinden nach oben.
Serdar hat sich auf den Stuhl gesetzt, ihm ist ganz warm. Er sieht die Tüte in der Hand. Was soll ich damit: Er schaut auf zwei angerauchte, halbe Stumpen. Kalt. Stinkig.
Und das Tabakgebrösel.
Dem Volker unterschieben?
Er sieht neben rechts dem Aufzug einen Papierkorb.


Ich, wen nich berichten darf, habe die Dame aus den Augen verloren.
Ich bin weggezogen.
Wie für immer.

Inzwischen kann sie jemandem vors Auto gelaufen sein.
- Und dass der Turm hält!
Und wo find ich sie da am Greversweg. Wenn ich den Volker in mir mal sortieren will.


*


Jemand hat mir ein Bildchen über die Wikipedia
von "Chris06" zugespielt:
Neu-St. Maria Magdalen in Goch am Niederrhein.




Notiz: Der Text ist eine erzählerische Variation der Kurzgeschichte "Wenn es klingelt..."

In der Staatsbahn




ASt Reyntjes

- Story 15 -









"Monument of BAM builders in Berkakit. Inscription: BAM builders, opened way to glut of wealths of Yakutia." - - Bildautor: Glucke/Wikipedia
*


In der Staatsbahn


Die Tür knallt auf.

Der Schaffner schreit, auf Deutsch! Wow: „Fangt-den-Hut, meine Herren, dem Gorbi geht es gut! – Excuse me: unserm Ras Putin! Den Namen krieg ich auch noch hin! - Jawoll und hallo, der Herr, hier! Guten Morgen! Liebes Deutsches Gefreunde! - Nitschewo! An der Moskwa alles in Tort-, äh, in Ordnung! Das Volk marschiert mit den Truppen!
Holladiho! Funktioniert auch das Kloo?
Ach - Die Fahrscheine, bitte! – Yes, Your tickets! Please!“

Na, hat der Schwätzer auspalavert? – Ja, jetzt wird er pingelig. Oder: Er will nachgezahlt haben, auch in die eignen Tasche! – Unsere Führerin hat das alles schon erlebt! – „Keine Sorges, ihr liebes Detusches! Ich zahlen für euche! Allens alles!“

Eine Taschenlampe mit tropfendem Licht leuchtete in das finstere, vom schmuddligen Notlicht matt erhellte Abteil der 1. Klasse. Und eine durch festgeriebenen Schmutz schon glänzend gewordene Hand streckte sich vor und winkte heran.

"Wie weit ist es noch bis zum See?" fragte aus dem Dunkel eine Stimme mit unverkennbar deutschem Akzent, die, wie wir wissen, Alfred-Peter Kerskes, genannt Petro, einem Biologen, verdientem Oberstudienrat und real unbefriedigtem - Ökofriedensfreund, gehörte, der sich auf einen Russland-Trip eingelassen hatte, der ihn nach der Hauptstadt Irkutsk am Baikalsee im südlichen Sibirien führen sollte.
"Unseren göttlichen Baikal - meinen Sie den - Ja?“ - Er schlug ein flüchtiges Kreuzzeichen über seinen Wanst! „Noch fast zwei Stunden bis dahin“, sagte der Schaffner, mitleidig, aber hilflos, und knipste die Karte.
"Heda, dort liegt ja noch jemand! Die Fahrkarte, bitte. Aber, hallo!" Und er wartete geduldig und vergebens. "Das Ticket bitte, mein Herr! Dawai, dawai!" Und er zupfte an einem Ärmel, der im huschenden Lichtschein der Lampe auf dem gegenüberliegenden Polster sichtbar wurde.
"Kerl, ach, du Blödian, ich hab dir doch gesagt, dass du mich nicht vor sieben Uhr wecken sollst, geh zum Teufel, du Bahn - du Bahn! Dämel du! Verdammter Beamtensteiß! Kartenscheißer! Pistra! Pistra!"
"Ach Sie sind es, mein Herr! Verzeihen Sie, ich habe Sie im Dunkel nicht erkannt. Ich dachte, Sie seien im Speisewagen geblieben. Und" (leiser) "tafelten dort vornehm mit einer rotblonden Kurven-Kurnikova! - Mhm! Mal los, die Herren!" Beruhigende Handbewegungen, erkennbar gütig, begleiten seinen Rückzug. "Beunruhigen Sie sich bitte nicht, ich werde Sie bestimmt um sieben Uhr wecken! Garantiert. Mein Herr! - Angenehme Ruhe noch, der Herr!"
Und so nun verschwand der Schaffner, die Dienstmütze in der Hand, mit einem entschuldigenden Blick und einem hilflosen Achselzucken zum Deutschen hin.
"Wird mich noch um sieben wecken, der verbeamtete Grobian! Was nützt mir das, wenn er mich dummerweise jetzt schon geweckt hat!" brummte eine verärgerte Stimme. "Was sind doch diese Beamten, schlecht besoldeten Schaffner, für Esel! Da gibt man ihm ein gutes Trinkgeld in Westvaluta, und der? Er erkennt einen im Abteil nicht! So ein Deutsch-Wodka-Trottel!"
"In Deutschland wäre das aber nicht möglich!" ließ sich der Herr aus der anderen Ecke des Abteils vernehmen.
"Das glaube ich wohl: Dort ist man pünktlich und genau. Korrekt wie bei Barbarossa! Und kassiert stündlich unser Zinsen von den Milliardenkrediten. Unsere ersparten Rubelchen!", knurrte es von drüben, aus dem Dunkel die Stimme des großen vaterländischen Beleidigtseins.
"Nein, ich meine, bei uns in Deutschland wäre das nicht möglich, dass man einen Schaffner, der seine Pflicht zu tun hat, einfach beschimpft und hinausjagt!" entgegnete der Deutsche, etwas nachdrücklicher. Mutiger, schon!
"Ja, ihr Deutschen! Ihr seid ein ordentliches, ja sogar akkurates Volk, ihr Westler des Gewissens! Lassen Sie uns in Gute die Schmerzen des Salzes teilen. In unseren Wunden. - Ach. - Bei euch läuft alles wie am Schnurchen!" erwiderte der Russe und richtete sich auf, um genauer in die Ecke des Deutschen hinüberzuschauen. Von wo es nun fragte: "Wie war es denn übrigens im Speisewagen? Kann man dort noch hin?"
"Wozu - Sind Sie - sind Optimiste? - Wie gutes Gothe?“
"Aber immer. In Ihrem Land kann man mit allem rechnen. Auch mit jedem Wunder, mit dem man eigentlich schon nicht mehr gerechnet hat."
"Na, der Teufel auch. Und dass hier niemand mehr von Gorbi und seinem Kamillentee für arme Rentnerinnen quatscht. Jelzin! Ja, ja, der hat die Saubande im Weißen Haus zusammenschießen lassen. Ausräuchern! Alte sibirische Kampftaktik!"
"Dann noch pfählen und den Bären vorwerfen...“
"Und dann - was dann - wenn ihn der Stein des Wodkas trifft?"
"Haja. Und dann vielleicht ein Diktator, ein Prediger von Mütterchen Russland, ein neuer Sankt Ras, ein Putin!"
„Da kann man gespannt sein! Jawoll-woll!"
"Mussen Sie! Da bin ich ja geturmt! Schnell weg da, ist gunstiger!“
"Was? Wo weg?“
"Aus dem Speisesalon! Alles kalt da! Und Wodka und sonst was Feineres aus dem südlichen Frankreich gar hab ich selber im Rucksack! Die kriegen keinen Strom mehr ruber von der Lokomotive. Wohl ein Schaden in der Elektrik, den sie erst in Komsomolsk reparieren konnen, wenn uber Haupte. Aber auf, meine Herrchen. An Schlaf ist sowieso nicht mehr zu denken. Erlauben Sie, mein Herr, dass ich hier Licht mache?"
"Bitte sehr, ich bin völlig wach. Und muß sowieso bald aussteigen, in Irkutsk."
"Wiewas? In Irkutsk? Göttin Babuschka Transbaikalska! Da sind Sie aber arg falsch dran. Sie hätten schon lange die Baikal-Amur-Magistrale verlassen müssen. Unser nächster Halt ist Sewerobaikalsk, dann kommt schon Nischneagarsk, oberhalb unseres heiligen Baikalmeeres. Gott schütze es! Am Nordufer sind wir. Und Irkutsk, die selige Stadt? Stadt der Diebe? Mafiosi habe ich nicht gesagt? Wenn wir Weihnachten und diesen Winter erst überlebt haben - da..."
„Mein Gottohgottchen, nur keine Panik - ich weiß, am südlichen Ufer! Am Abfluß der verpißten Angara! Ich bin Geograph und Biologe! Deutscher Beamter! Gymnasium! Akademielehrer neben meiner biological obsession. Auch kulturell interessiert. Und da soll ich mich so - so verratzt haben? Ja? - Nun, aber? - Da muß mir der Schaffner aber helfen."
Der Russe holte aus seinem Rucksack eine Armeestabtaschenlampe, legte sie auf das Tischchen an der Fensterseite und drehte den Strahl langsam hin zu dem Deutschen.

*

Im schwachen Lichtschein konnten sich jetzt die beiden einzigen Fahrgäste im neunten Abteil der ersten Klasse betrachten. Der Russe war ein mittelgroßer, schmalschultriger Mann von etwa vierzig Jahren mit dünnem, rötlichem Vollbart bis hinter die Ohren, gelbbraunen Wangen und müden, etwas schwermütigen Augen. Der Deutsche ein großer, hagerer Herr, mit spärlichen, glattgescheitelten, gut parfümierten Härchen über einer flachen, sich anstrengenden Stirn und beweglich wachsamen Augen hinter einer eleganten, randlosen Brille mit petrolgrüner Fassung. Wo nur gekauft?
"Ja, bei euch lauft alles wie geplant, wie von selbst produzieren die Kapitalisten mit ihren Workern!", wiederholte der Russe, reichte dem Gegenüber ein silbern elegantes Etui, bot ihm an und entzündete sich eine Zigarette, als der Deutsche dankte. "Aber bei uns muß man eben austeilen, ich meine: schmieren! Das ist ein komplexes soziales System! Hoch interessant."
"Geben Sie mir ein tausend tüchtige Beamte, mit betriebswirtschaftlichem Know-how, und ich will die russische Kraftmaschine, dieses herrliche Land voller Möglichkeiten und Überraschungen, wieder in Ordnung bringen, damit sie wie geschmiert läuft und von selbst sich erneuert. Wie die Kommunistenbanden es versprachen und nie einhielten! Das Mütterchen Russland sei gewogen - und das alles freundlich, ohne Streit, lautlos, ohne Mafia und ohne die Genies, ohne die Suffköppe und Herzkasper im Kabinett!" versicherte der Deutsche stolz, freundlich und lächelnd.
Der Russe sah ihn mitleidig-ironisch, mit kaum unterdrücktem Mißbehagen an. Er rauchte einige tiefe Züge. Dann sagte er seelenvoll lächelnd: "Je nun! Sohn einer treuherzigen Balalaika und eines deutschen Examens. Und doch will ich nicht mit Ihnen und Ihrem Lande tauschen. Hier geht alles langsamer, nicht so pünktlich, zugegeben, aber dafür angenehmer und bequemer und irgendwo, ach, sehen Sie! Sehen Sie - schon diese Eisenbahn: Ich bin nur einmal über Warschau hinaus bis nach Frankfurt/Oder gefahren, von Kaninchengrad aus. Ab der polnischen Grenze, da ging es aber so, - so, dass ich dachte, mir würden die Eingeweiden aus dem Leib gerissen!
(Pause…!)
Wie das stuckert und saust und polkt! Ballert und knallert! Wie Sex auf Rädern. Murksen - Sie verstehn? Eisenhart, aber gesund! Und wie angenehm und glatt geht es dagegen hier! Sie erleben es doch selber!"
"Ja, in Russland hat man noch Zeit für alle Sperenzchen", meinte der Deutsche nachsichtig, mit eitler Gnade und etwas Wohlwollen. Von euern brummenden Popen und euern Dichtern eingecremt und beweihräuchert! Was könnte man bei uns im Westen alles mit dieser Zeit angefangen, die ihr hier verschwendet wie im Paradies! Und mit euren Schmiergeldern, Trinkgeldern, eurer großrussischen Bestechlichkeit! Welche Summen, die man hier täglich zum Fenster hinauswirft - nur damit die Räder überhaupt rollen. Und dann versagt, pitschpatsch, knallaballa, die ganze altertümliche Elektrik! Und der Komfort in der ersten Klasse. Ach, was! Überall, zum Teufel ist’s, da ist alles kalt und dunkel!“
"Und wenn wir, wie Sie sagen, das ganze Geld zum Fenster hinauswerfen, so mussen Sie nicht vergessen, dass auch draußen Menschen auf uns warten, die eben von diesem Geld leben wollen, ja, leben mussen!" ergänzte der Russe lächelnd. "Gestatten, unhoflich ich! Mein Name ist Boris Leonowitsch Sakuskin-Sologun. Ja, Sologun der Große - Sie kennen ihn? Ein vergessener Dichter! - Aus Petersburg. Reisend in eiligen Bankgeschaften."

Auch der Deutsche stellte sich vor, genau, ein Biologe namens Alfred Kerskes, Oberstudienrat am - ach, was! Er sagt: "Aus Korthusen. Einem lümmelig kleinen, schnuckeligen Ort im Ruhrtal. Wo’s nich mal ‘nen Puff gibt. Weil der Pastor noch alle Jungmädchen beaufsichtigt. Sie haben’s gehört! Na, ich fahre zum Baikal, um mit dem Prof. Barkowa und dem Ökokämpfer Rasputin -"

"Ah, ja, aus dem großen, kraftvollen Ruhrgebiet, der Kohlen- und Stahlmaschine des Germanischen.“ Er wiegt heldisch-spitzbübisch den Wuselkopf. „Das wissen wir wohl seit Adolfs Blitzkriegen: Dusseldorf, Dortmund, Dusburg und Essen. Oder ist es umgekehrt? Ich war Kartograf bei der Luftwaffe! Aber egal! Dann die Menschen da draußen, unter den Fenstern! Im Grunde ist es dasselbe, man zahlt und man verdient.“

"Aber die Moral? Die gute Kultur des Humanen! Und das gute Geschäft des Kaufmanns? Die menschliche Würde?" trumpfte Kersjens Pitundjan auf und zündete sich ein eigenes Zigarillo an, legte dann aber die Schachtel für den Reisegefährten auf das Tischchen zwischen ihnen. "Das sind doch schon Mafia-Verhältnisse! Wenn ich mir Geld verdiene, dann habe ich es mir verdient. Der Verdienst! Das Verdienst! Ahja? Sie verstehn? -Wenn ich es aber mir in die Hand drücken lasse - dann -"
"Da haben Sie es doch leichter, noch besser verdient! Als schulischer Beamter - Sie -Regierungskulaker - brauchen Sie es wohl nicht?" schnitt ihm der Russe lachend das Wort ab, zückte aus der Pelztasche ein Flaschchen Madeira, entschraubte es und füllte den Kappenbecher: "Darf ich Ihnen ein Schluckchen Heiliges anbieten? Importe Germanskis. Aus edlem Westen! Verkauft KARSTADT in Irkutsk!"

Im Deutschen kämpften einen Augenblick Stolz und Nütz -: „Ah, ah, Nutzlichkeitserwägungen, Herr Baris!“. Aber der herb-gute Madeirageruch trug den Sieg davon. Er trank ein Schlückchen und dankte.

Sologun goß nach und leerte den Becher und bot dem Deutschen nochmals an; als der wegnickte, trank er selber noch zwei Kappen und fuhr fort: "Nein, nein, Sie konnen sagen, was Sie wollen: bei uns in Russland lebt es sich doch besser, man kann alles haben -"
"Und was kann man denn erst recht bei uns im Westen nicht haben?" schnitt Kersjens das Wort ab. "Da bitte ich Sie aber!“
„Schon Dostojewski sagte - äh-“
„Dostojewski - der Spieler...?“
"Alles, ja, alles - alles - was - Sie brauchen. Ich weiß!" verbesserte der Russe ruhevoll lachend.

Da war noch ein Rest im Flaschchen, äh, Fläschchen. Der jetzt vernichtet werden mußte.
"Sagen wir, zu einem Beispiel: Achtüüüung! Es kommen doch solche naturlichen Falle vor: Sie wollen, wie man sagt, sich amusieren?"
Da demonstriert dieser Herr doch, mit gerollter linker Hand und stoßendem rechtem Zeigefinger: fickificki !
Jetzt war das Thema eigenartig interessant geworden für den deutschen Mann.
"Was machen Sie dann, mein Herr Kersjenkow?"

Der Deutsche überlegte es sich, erst beamtenmäßig, dann leidenschaftlich-kreativ. Da sagte er, und seine beweglichen Augen bekamen einen eigentümlichen Glanz:
"Wenn ich verheiratet bin, gehe ich zu meiner Frau, und wenn ich nicht verheiratet bin, in ein - äh, ein öffentliches Haus. Dem DOM der Freude und der guten Mitschwestern!"

Der Russenkopf lächelte mitwisserisch, gütig: „Wie der Deutsche sagt: Ja, ein Hauschen der Freude. - Aber wenn ein solches Hauschen nicht vorhanden ist?"
„Jaja, nicht auf den Gleisen wachst!“
„Jahaha! Meister der Blumen! Sprache, ich meine.“
"Dann versuche ich im Kollegium auf dem Ausflug - nein! Da sage ich lieber so: Da mache ich auf der Straße Bekanntschaften, bei einem Bummel in der Fußgängerzone, und dann in einem Café. Na, da such ich mal eben."
"Und wenn Sie, aus irgendeinem Grunde, keine solche Bekanntschaft machen können, mein Herr?"
"Ich verstehe Sie nicht."
"Nun, sagen wir zum Beispiel, wie hier im Abteil. Nehmen wir an, Sie wollen gerade jetzt, bevor es hell wird, eine Bekanntschaft machen, im Zuge hier. Was wurden Sie in diesem Fall tun?"
"Ich wurde wohl warten mussen, nu - bis ich in Irkutsk angekommen bin oder da in, meinetwegen, Sewerobaikalsk. Man braucht doch nicht immer gleich, äh, man kann sich doch auch gedulden oder so. - Sagen wir allen unseren Schulern: Erst TIMMS! Das ist Leistung und Korrektheit! Und alles Abfragen! Dann ein paar SMS! Simsen, heißt das, auf Karte, die Mama bezahlt!“
"Es gibt aber Falle. Oh!“- prustend: „oh!", schluchzt mein Russe nachdenklich, "wo man sich nicht gedulden mochte oder kann. Das ist eine rein phusische Sache. Ist ein Sturmchen im Wasserglas. Das ist sozusagen normal. Flussigkeit. - Etcetera-etceterum."
Prost! Erst mal wieder Prost!

"Schön, na, gut, was macht man da? Was machen Sie da in Russland? Zum Beispiel, wenn man eine Wette darum abschließt und sie entscheiden muß?" fragte Kersjens neugierig und setzte sich stracks aufrecht.
„Ich holen kann mir ein Madchen!“
„Was? Hier, im Zug?“
„Ja, ja, auch im Zuge hier. Null Peoblemo. Dawai!“
"Sie machen Witze, Herr Sasczusolukin. Unedles Witzchen! Wie kann man sich denn im Zuge ein Mädchen holen? Da brauchen Sie doch zwei Tage - und eine Nacht in einem Hotel mit westlichem Standard, um sie rumzukriegen. Wenn sie keine Edelnutte ist.“
"Richtig. Nitribit-Babuschka! - Aber: Ich sagte Ihnen doch, dass man bei uns im Russland alles haben kann, wenn man es nur in Valuta bezahlen mochte.“ Zuzwinkernd: „Wann mussen Sie aussteigen, Herr Kersjenkow?"
"Wohl in einer Stunde. Da ist ja alles noch durcheinander, ob und wie ich von da weiterkomme. In den Suden rünter. Äh – oder: in den Süden runter? - Ich weiß auch nicht, ob wir Verspätung haben. Sie?"
"Wir konnen ja das Schaffnerchen fragen! Aber ich weiß, wir haben noch Zeit, mehr als eine Stunde. Kommen Sie mit, dann konnen Sie sich selbst ein Madchen aussuchen. Glauben Sie mir, Vaterchen!"

Und dabei stand der Russe auf, öffnete die Tür und trat in den dunklen Korridor. Der Deutsche folgte ihm zögernd.

*

Am Ende des Ganges hockte der Schaffner auf einem Polsterbänkchen und schlief.
Der Russe zupfte ihn am Kragen, dann rüttelte er ihn stärker. Als der Beamte aufsprang, fragte der Russe in einem Ton, den der Deutsche nicht barsch, aber auch nicht bittend bezeichnen wollte: "Du hast mich vorhin geweckt, ich kann nicht mehr schlafen. Auch der Deutsche hier langweilt sich. Verschaff er uns, bitte sehr, Madchen. - Er horen? Verstehen doch deutsch er! Madchen! Frauen, nicht zu alte! Schone noch! Gute! Ohne TB! Verstehen!" Und steckte ihm eine 50-Dollar-Note zu.

Kurzes intensives Erfassen -
"Ganz, wie der Herr befehlen, Euer Hochwohlgeboren. Und wieviel, wenn ich fragen darf?" - mit einem Blick auf den Deutschen. "Zwei Stuck! Aber nicht zu alte oder zu dicke! Horst-hor-test du, Herr Eisenbahn- und Transchsportministerium! Keine zahen Rocke! Keine fetten Puppen mit Puppchen in Bauchen. Und keine Hopfenstangen. Die wollen immerzu so Intellektuelles! Coitus cum Vorspiel. Eher Sanftes und Gerundliches. Wie man so sagt: ein gutes Bett voll."
"Wie der Herr befehlen. Wir haben verschiedene Schonheiten in der dritten Klasse. Am besten die Herren kommen mit und suchen sich selbst was Passables!"
"Gut dann - wir kommen mit."
„Kommen wir.“
Der Schaffner schritt voran. Der Banker gab ihm seine Stablampe.
Nachlässig und zugleich huldvoll, wie ein Fürst in seinem Revier, der seinen Untergebenen eine Gnade erweist, folgte Sakuskologun ihm. Scheu und auf Äußerste gespannt, schlich der Deutsche hinterdrein, gereckt-drohenden Hauptes. Wie wir wissen.

Sie durchschritten noch einen schaukelnden Waggon der ersten Klasse. Nur in einem Abteil flammten Lichter (für Kameras) und lachendes Leben. Eine Gesellschaft? Ein Team, das Kersjens am blauen Aufkleber in einem Wagen erster Klasse. Nur in einem Abteil war Licht von Batteriescheinwerfern. Kameras und Leben. Ein Team, das Kersjens am blauen Sticker wdr auf den Pullovern erkannte.
Weiter ging es durch dunkle Waggons. Voller Leben im Traum.
Schließlich gelangten sie zu den Wagen der dritten Klasse. Eine dumpfe, sauerlich-verbrauchte Luft schlug ihnen entgegen. Der schneidende Strahl der Lampe ging mit dem Schaffner von Bank zu Bank, leuchtete bald hierhin, bald dorthin. Überall lagerten Männer, Frauen, Mädchen, Kinder auf den Bänken und schliefen. Ein Kleinkind plärrte aus einem Gepäcknetz.
Endlich blieb der Schaffner vor der achten Bank stehen und fragte flüsternd über die Schulter zurück: "Wie gefällt Ihnen diese? Hier!"
Der Russe trat näher: „Zeig mal her!“ Leiser: „Stottakoi, Wichser, du !" Und nochmals: „Oh Wunderchen von Petrograd! - Andrej! Andrej! Dobryj angel smert!“
Der Schaffner leuchtete mit der Laterne. Ein rundlich-rosiges Mädchengesicht, umrahmt von einem weiß-blauen Kopftuchlein, bewegte sich ruhevoll leise im Schlaf. „Pfü.“
„Hm, hm, schon, nicht ubel. Aber zeig mal noch die andere hier!" und der Russe wies auf eine weibliche Gestalt, die auf der Bank gegenüber ausgestreckt lag.
Der Strahl der Lampe glitt fickrig über ein Antlitz mit nach unten gekehrten Kopfchen, blond, so blond, mit gelösten, strähnigen Haaren.
„Dreh sie mal um! Da! So!“ befahl Sologun und griff selber zu.
Doch der Schaffner drängt ihn ab und faßte die Frau leicht rüttelnd an der Schulter und zog sie leicht nach oben. Ein stupsnäsiges, appetitliches Gesichtchen mit einem frechen Kinngrübchen kam zum Vorschein.
„Nudliches Geschopf“, schmunzelte der Schaffner.
„Also! Zwei Treffer in funf Minuten! Bring sie beide!“ entschied der Russe und trat mit dem Deutschen, der abwartend in der Abteiltür stehen geblieben war, den Rückweg an.

„Ich bringe noch Decken! Schon Dickes! Sauberes!", beeilte sich der Schaffner. „Wird zwanzig Dollar kosten. Oder dreißig. - Deutsch, dreimal Mark so viel!“
„Und wenn die Frauen nicht wollen - was dann?" fragte der Schulbeamte seinen Reisekumpan.
Der Russe blieb stehen und zeigte lauschend zurück.
Sie hörten noch die eifrig flüsternde Stimme des Schaffners: "Steh auf, steh auf. Verstehen deutsch? Man sagt dir, du sollst aufstehen. Die Herren warten nicht gerne vergebens. Bis zum Morgengrauen! Dann ist Ablösung! Und Geld gibt’s hinterher von mir! - Leise: Muß ja auch was verdiensten.’ Doswidanja!“
*
„Nur ein Stustu-Stündchen noch.“
- „Hoppelhopp!
„Nun, was sagen Sie?“ Sakuskin klopft den Bauch, grinst. „Auch wir konnen organisieren - ganz wie die Deutschens.“
*
Einmal sah er ihr Gesicht vollauf erhellt. Er erblickte ihre rechte, verkräuselte Ohrmuschel. Und er versuchte auf ihr ermunterndes Lächeln zu antworten, auf ihre Geste hin zu lächeln, als sie mit zärtlich vorsichtigen Fingerkuppen lockend auf seinen Mund zeigte und die eigenen Lippen aufstülpte. ‘Irre das hier! Kuck einem Menschlein in seine Ohrmuschel, und du kriegst keinen mehr hoch.’ Und von vorn, na? Beide lächeln. Da sah er ihr breites Lippenbändchen, sie zog die Oberlippe wehmütig hoch, und ihr rosiges Züngeln. Und näherte sich ihrem Mund. Er genoß ihr Gesichtchen. Atmete tief den Anblick ihres Leibes einundaus.
‘Darf ein Mädchen so jung und so schön sein? In diesem Land, wo sie sich verkaufen muß! Sie ist kaum älter als meine Tochter. So erblüht zum - pfui, Freddy? Was willst du, mit ihr quatschen? - Pute-Schnute!’
„Ju känn kis mi! - Pliesä!“
Hat er sie nicht verstanden? „What?“
„Ju ar allaud, to kiss mi! Plies! Trei id!“
‘Skulönglisch, nicht schlechta als meins!’
Sie wartet mit einem Mund, der sich freut. Die Augen schließt sie. Und schaut dann wieder aus den Höhlen ihrer Haut.
‘Aber ich darf sie nehmen.’
„Schauen Sie?“ Und speichelte schimmernd über die Unterlippe. Gottseidank! Kein Schuingamm!
Ai Görl!
Ja! Görl! Ja. Ich nehm dich - schon...

*

Als der Zug sich nach einem knappen Stündchen Sewerobaikalsk näherte, reckte und streckte und tänzelte der Deutsche wie zu einem Sommermorgen-Jogging, putzte sorgfältig seine Gläser, mit dem Ärmel einer Seidenbluse, für die er noch zusätzlich bezahlt hatte. Feines Stück, er roch nochmals. Parfüm genug, wie in Köln, Brüssel oder Milano. Jau, au in Gelsenkiiiirchen: leicht, herb und frühlingshaft.
Der Kumpel, neben ihm, still, leerte sein letztes Madeirafläschchen und warf es zum Fenster hinaus. Dann empfand er sich sehr sensibel: "Es bleibt doch immer was wie ein Korkengeschmack im Mund. Post omne coitum allemal russisches Leiden!“ Er, plutsch-plitsch-patsch, spuckt aus auf den Waggonboden. Dreimal. „Aber für den Abschluß der Fahrt zum heiligen Baikalsee war es sährsähr gut. Im Sommer, mein Herr, ja, zur Sommerszeit, ja, im Hochsommer mussen Sie unseren heiliges Meer erleben. Sagen wir Juli bis Mitte August. Wissen Sie, wie groß das ist? Das reicht flott von Stuttgart bis Hannover durch die deutschen Mittelgebirge, und 50 bis 60 km breit. Na, ist das nicht ein unruhiges Herz, bis es ruhet im Stadtmull und im Dreck und in den Abwassern der Papier - und Zellulosefabriken, fur ewig! Aber, was soll’s jetzt, mein Herr! (Pause!) Diese Eisenbahnmietzen und Flugzeug-Braute haben westlichen Schick. Ja, ja! Nicht ubel! Sie sind aber etwas aus Holz, obwohl gefugig und voller Erwartungen an den westliches Mann. Hast du genießt?“
Wartet vergeblich.
„Ja, aber war okay.“
Silentium? Nein, quatschte los: „Sagte mir zuerst: Schaun Sie - nur schaun?“
„Und nicht mal dumm, wenn es ums Vogeln geht. Ja, mein Herr, ist so?"
"Ja, und nicht zu teuer. Mit fünfundsiebzig ehrlichen Mark war meine Anjuta schon zufrieden. Vorher! Als sie nachher mehr wollte, habe ich ihr das leere Portmonee gezeigt." Er kicherte sanft: „Kommando ist Kommando! Vertrag ist Vertrag. Pah, das mussen die auch noch lernen, die Madchen! In Charkow zahlte ich, damals das erste Mal der neuen Zeit, 200 Rubel, noch vor der gloriosen Perestrojka. In Kaliningrad kann man die Preise drucken, wenn Mann es nicht zu eilig hat. Zuvor schwatzen! Und versteht mit einer Sonja-Frau zu verhandeln.“
„Ja, man wird in Zukunft in der Bahn fahren müssen, nur um Geld zu sparen und so", schloß gackernd Alfred der Deutsche die Episode.
„Njet, nix gut, njet-nixo! Meines Damchen wollte mir doch ein kitzekeines Praservativ uberstulpen. Da hab ich sie gedroht, sie fortzujagen und eine andere kommen zu lassen mir.“

Ach und achwas - und so träumt der deutsche Hausaufgabenforscher und Meisterbiologe aus Gelsenkirchen-Bismarck, indem er, gestärkt in seinem Mannesmut, sanft hinausdämmert in die innere Welt seiner Ideen, hätte ich doch meine Baikaltour in den Sommerferien gemacht, da wäre es warm und viel bequemer gewesen! Mit eine jüngeren Anjuta-Weibchen im heißen Sand auf den idyllischen Uschkani-Inseln, ja für Einheimische gesperrt - und gegenüber die Robbenstrände an der Halbinsel „Heilige Nase“ mit ihrer Überfülle von biologischem Leben. Auf jeden Fall muß ich aber im Sommer wiederkommen. Vielleicht entdeck ich noch eine spezifische Unterart der Baikalrobbe. An den Blumenkohlohren, supersüß gefältelt, identifizierbar. Robbus baicalus cerskensis! Haha! Irgendwas Eigenes an den Außenohren oder einer Lippenbandsehne, stark wie eine Nabelschnur. Da geh ich noch ein, doktorandenmäßig, in die Annalen der Naturgeschichte! Die Kerskes-Robbe! Die ich mit meinem Namen beehren kann. Oder der Prof. Gewalt kann mir den Titel abkaufen. - Und den Schülern in den Unterricht einen Robbenembryo mitbringen, präpariert für ‘n par Dollar fünfzig! Und in Dusburg - Quatsch nich, Freddy, Duisburg - Geheimkommando: Düsbürg – gezielt: den Wasserflieger aufsetzen im Außenteich des Delphinariums. Mit dem Gewalt! Der wird ewig leben, de Bursche. Erreicht mit Vitaminen und Antibiotika achtundreißig Jahre, oder vierzig, wie der Zug des Gottesvolkes durch die Wüste! - Oder: Gotenvolkes? Wer quatsch mir denn dazwischen? - Garantiert! Jetzt, in dieser Kälte werden wir mit Traktoren und Lastwagen hinausfahren, zum Fischen und zum Beobachten der Robben. Und im Sommer werden wir drei Robben fangen und in den Duisburger Zoo bringen. Alles gut vorbereiten, dass die grünen Naturspinner keinen Wind davon kriegen. Sonst entfesseln die noch eine Kampagne: Der Baikal, der urgroße Vater des Lebens, ist heilig und steht unter dem Schutz der UNESCO. Als, naja, bist ‘n Weltkulturerbe. Da darf nicht mehr, als schon passiert, versaut werden.
„Schauen!“ flüsterte die KleineMeine: Schauen! Bittä! Pliesä! Säär!“
Jaja, weiß noch! Anjuta! Werd ich mich immer dran erinnern, wenn ich meiner Frau den BH über die Schulter schieben werde..
„Schauen, junga Häär!“
Ja! Dort, unterm Busen, sie hat mir ein witziges Tattoo gezeigt Leuchtend Henna! Als zweites. Nachdem sie mich anlächelte, bis ich rot wurde. Dann eben: farbig: links unter der linken Brust, der kugeligen.
Anjuta-Hanuta. Warst negroid, oder mongolisch? Wo kannste denen reinkucken? Auch ‘n Stück Weltkulturerbe, wg. Liebreiz. In den Innenflächen hell, sogar mal bläulich!
Irgendwie leuchtet’s da im Dunkeln! Die aufgerissenen Pupillen, wenn ich suche? Hatte ich nicht gesehen zuerst, das Bildchen. Am wunderlichen Hügelchen hochwachsend: Tatsächlich: Heinerich. Ein Porträt. Sauber und wie eine Briefmarke gestochen. Heinrich! Der Heine eben! Dieses Bild mit Papageiengefeder im Haar. Kenn’ ich irgendwoher. Von ‘ner alten DDR-Briefmarke? - Deklamiert das doch: „Lächelnd sie saßen und tranken am Klapptischchen.“

Und ich will doch harte Valuta austeilen, für ‘n bisschen Leistung. Sexowitsch dachte ich.
Na, Anjuta! Hast du da? - Kleine Hugelchen da, meine Kleine, quatschen wir also erst mal. Asiatisches Vorspiel...Was heißt Anjuta?
Ich meine, Petros heißt Fels, mein zweiter Name.
Freddy, was Freddy heißt, keine Ahnung. Vielleicht Ferdinand der Große? - Aber lass mal! Und Du..?“