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Sonntag, 13. Oktober 2013

Onkel Klaus oder Martin o d e r ähnlich




- Adventsstory -



ANTON STEPHAN REYNTJES




Onkel K l a u s oder M a r t i n - oder ähnlich -


Der sah aus wie ein Ausländer, dunkelhäutig, starke Backenknochen, trotzdem groß, ja stattlich, aber kein bisschen herrisch; er benahm sich, wenn man ihn nicht besonders aufmerksam beobachtete, unauffällig in diesem unserem Gastland. Und er hätte auch nicht meine Aufmerksamkeit erregt, wenn er in mir nicht für einen kurzen Moment die Erinnerung an einen Onkel ausgelöst hätte, aus meiner Kindheit, ich glaube mütterlicherseits, einen Onkel Heinrich, Klaus oder Martin - ich weiß die Namen nicht mehr. (Ich habe die niederdeutsche Lebenswelt verlassen.)

Der Mann stand im Kaufhaus an einem Verkaufsstand mit Unterwäsche, Trikotagen und so, als ich von der zweiten Etage runter zur Kinder-Boutique fuhr. Ich verließ aber in dieser Etage die Rolltreppe und bemerkte, dass seine Haare, schon ergraut, in einem buschigen deutlichen Wulst, wie eingekerbt, um seinen Kopf lagen, als ob sich ein Helm, ein Motorradhelm etwa noch abzeichnete.
Aber der Mann war zu alt: Die Idee - er auf einer Kawasaki - war lächerlich. Ein eher weises Altersgesicht; auch die gerade Haltung fiel mir auf.
Ich beobachte unbemerkt (dachte ich), sehe, wie er warme Unterwäsche kauft, einen Parka, wir sind längst an einem anderen Stand, in einer anderen Abteilung, zwei Wollmützen, geringelte, dicke, gestrickte Strümpfe, einen blau weißen, anderthalbmeter Schal, was Wolliges. Alles bezahlt er an der Sammelkasse 15 der Textilabteilung. Mit dem Geldschein geht die Kassiererin erst zu ihrem Abteilungsleiter. Sie entschuldigt sich offensichtlich bei dem Kunden und verabschiedet ihn betont freundlich.

Ich ging dem Fremden durch die City nach. Es waren viele Kinder mit ihren Eltern oder Großmüttern unterwegs. Die Kleinsten im Kinderwagen, die Fünfsechsjährigen auf den Schultern ihrer jungen Väter. Die Große Geldstraße entlang, die kleine Geldstraße, über den Holzmarkt. Er hatte es nicht eilig, aber er beachtete auch nicht die im Kontrast zum frühen Abend grell ausgeleuchteten Schaufenster. Nur vor einem Spielwarengeschäft verharrte er kurz.
Im Parkhaus spricht er mich an: "Warum folgen Sie mir seit zwanzig Minuten?" (Gottogott, meine Frau wartet seit einer Viertelstunde bei den Kinderstrumpfhosen; und dann wollten wir zum Rathausvorplatz ziehen.) Ich habe keine Antwort auf seine plötzliche Frage beim Sich-Umdrehen. Er ist stehen geblieben vor einer Parkbox. Er steht vor einem Pferd, das ihm den Kopf, ohne zu wiehern, zudreht. Na, ein leises Schnauben vielleicht.

Das lederne Halfter ist in einem Ring verknotet, der in die Betonwand eingelassen ist. Er tätschelt seinen Apfelschimmel. "Warum sind Sie mir gefolgt?"
Ich kann ihm die Frage auch jetzt nicht sinnvoll beantworten. "Ich habe Sie" - stottere ich, "ich glaubte, Sie zu kennen."
Dies ist mein erster halbwegs vollständiger Satz ihm gegenüber, obwohl ich mir mehrere Anreden während des Fußwegs überlegt habe. Nur diese nicht. Er: "Sind Sie ein Kaufhausdetektiv?"

Er kramt schon nach Quittungen im Tütenwerk. "Nein - lassen Sie nur! - Bitte nicht. Sie erinnerten mich an einen Onkel aus meinen Kindertagen, bevor meine Mutter mit uns Kindern fortzog, und es für uns keine Großeltern mehr gab."
"Haben Sie selber Kinder?" fragt er und hilft mir, nach einer Pause, in der ich mich nicht wohlfühle.
"Ja, deshalb sind wir in der Stadt, hier. Einkauf und dann -".

Der Mann greift nach einem Karton, der an der dunklen Wand steht, schlägt ihn auf, entnimmt ihm einen prunkenden Helm, ein Schwert und einen zweigeteilten Mantel, Brokat oder Samt, ein Gewebe wie aus ei-, na, so einem Theaterfundus.
"Würden Sie mich bitte alleinlassen?"
Ich reagiere erst auf seine Frage, als er sich hinter seinem Pferd beginnt umzukleiden.

Meine Frau treffe ich auf dem Gitter vor dem von schwülwarmer Heizungsluft durchzogenen Kaufhauseingang.
"Wo warst Du!! Die Kinder sind schon mit Peter und Waltraud zum Markt." "Dann haben wir ja Zeit, bis sie am Rathaus sind!" Es gelingt mir, flottiflott meine Frau zu überreden und auf direktem Weg zum Parkhaus zu führen. Ich erzähle ihr das Nötigste. In der Parkbox, 1. Etage Nr. 25, steht ein schwarzer Wagen, ein am Nummernschild kenntlicher Dienstwagen aus der nächsten Kreisstadt. Kein Ring in der Betonwand.

"Suchen Du tun Rossäpfel", höhnt meine Frau, als ich unters Auto schaue. "Hier, unter der Kofferraumhaube schaut ein Stofffetzen hervor." Ich schaue erst gar nicht mehr hin, worauf meine Frau zeigt, und winke enttäuscht zum Treppenaufgang. "Komm, Du Spinner! Die Kinder beim Laternenzug allein lassen! Los, Du Raben-, ach was!" Sie krault mich spsitz. " Du Traumvater!" Sie zieht an meiner Hand hinweg.

Ich nehme mir vor, ihr die letzten Sätze des Gesprächs mit dem Reitersmann nicht mehr zu erzählen; höchstens heute Abend, wenn die Kinder im Bett sind, wenn sie sich beruhigt und wenn sie schon nicht mehr daran denkt und nicht mehr spottet. - Vielleicht sage ich ihr dann, dass der Fremde auf meine Frage, warum er denn immer in dieser Theater- Kostümierung erscheinen müsse, geantwortet hat:
"Würden Sie mich denn erkennen, wenn ich in Zivil und zu Fuß beim Umzug mitmache?"


* ~ *

(Zuerst erschienen in „Gaesdoncker Blätter“. 39. Heft. 1986. S. 47f. Vermerk zur Erstveröffentlichung: Lehrer an einem Gymnasium. Veröffentlichungen in Zeitungen und Zeitschriften. Lyrik in:"ALPHABEET". Hrsg. von F. Reske, Eremiten-Presse Düsseldorf 1983." - Hier mit aktualisierter Rechtschreibung)











AStRey

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