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Samstag, 27. Dezember 2014

Victor A u b u r t i n über Goethe

A. S. Rey.....

 G o e t h e -Memorabilien elfeinhalb

... zum  Nach-,  Vor- &  Weiterlesen


 Vorab ein wunderbarer Text, nein: drei!

Nein, nicht von Goethe, vielmehr über Goethe. Genauer: „Die Goethe-Philologen“, die man auch Goethe-Affen nannte; und Weiteres-Heiteres: „Über Alexandria“ und „An Weimar vorbei“.

Victor Auburtin als Kenner und Kritiker der „Goethephilologen“, ohne dass er einen Wilhelm Scherer z.B. denunziert.

 

 

Victor Auburtin:


Die Goethephilologen

Am 8. März 1826, vormittags elf Uhr, dichtete Goethe folgenden Vers:

Wirke, Jüngling, ziele, schaffe,
Hoher Mannestätigkeit;
Nur im Palmenbaum der Affe
Spielt und tändelt alle Zeit.

Der Olympier diktierte dieses Verschen dem Dr. Eckermann und sandte es dann an Cotta, damit es noch in die Ausgabe letzter Hand hineingebracht werden könne.

Am 30. Oktober kamen die Korrekturbogen von Cotta zurück, in denen der Vers drinstand. Goethe hatte gerade keine Zeit, denn er hatte einen fossilen Rhinozerosschädel vor, an dem er die Knochennähte des Os sphenoideum zu studieren gedachte. Er schob also die Bogen Eckermann hinüber, damit der die Korrektur besorge. Aber Eckermann schrieb eben einen Liebesbrief an seine Braut aus dem unreinen ins reine ab. Er hatte also ebenfalls keine Zeit und las die Korrekturen auch nicht. So blieb unbemerkt ein Druckfehler in dem Verse stehen, und zwar folgendermaßen:

Wirke, Jüngling, ziele, schaffe,
Hoher Mannestätigkeit;
Nur im Palmenbaum das Affe
Spielt und tändelt alle Zeit.

Die ungelesenen Korrekturbogen gingen an Cotta zurück, und auf diese Weise kam die berühmte Lesart »das Affe« in die Ausgabe letzter Hand und in die deutsche Nationalliteratur.

Dreißig Jahre später wurde die Goethephilologie erfunden. Und wenn nun mehrere Goethephilologen beisammen sind und wenn zufällig einer von ihnen den Vers »Wirke, Jüngling« zitiert, so passen die anderen scharf auf, ob er ja auch richtig »das Affe« sagt, wie es der Meister geschrieben hat. Wenn er aber aus Versehen zitiert »Nur im Palmenbaum der Affe«, so schreit alles durcheinander: »Falsch; es muß heißen: Nur im Palmenbaum das Affe.«

In der Zeitschrift für deutsche Philologie, Jahrgang XXXVIII, aber schrieb Professor Horitza folgendes: »Die Lesart ›das Affe‹, die dem banausischen Verstand auffallen könnte, ist von dem Meister mit sichtlichem Vorbedacht und mit feinstem Sprachgefühl gewählt worden. Der Affe ... das wäre nur ein individueller Affe in einem individuellen Palmenbaum ohne jede Allgemeinbedeutung. Das Affe aber umfaßt die ganze Affenschaft der Welt. Man glaubt es tausendfach kribbeln und wimmeln zu sehen, wenn man diese Wendung ›das Affe‹ liest, in der wahrhaft ein echter weimarischer Hauch von Ewigkeit und Unendlichkeit zu wehen scheint.«

So ist das Affe ein Palladium und Feldgeschrei der Goethephilologen geworden. Sie erkennen sich daran und gebrauchen es oft und gern, um zu zeigen, wie tief sie in des Meisters Art und Geist eingedrungen sind. Wenn jemand beispielsweise dem Professor Erich Schmidt sagt, es sei doch gleichgültig, ob Goethe den »Erlkönig« im Jahre 1780 oder 1781 gedichtet habe, so wird der berühmte Literaturhistoriker geringschätzig vor sich hin murmeln: »Solches Affe.«

(Zuerst in „Die Onyxschale“. 1911).

Später im Sammelband „Sündenfälle“. Berlin 1970. S. 17f.




*

Über Goethes Affen-Wortschatz hier, übersichtlich im Goethe-Wörterbuch:




Und hier ein anderes Bild von Goethe-Philologen aus der Weimarer-Erben-Zeit.



**
            


                                                                              
                                                                                         Victor Auburtin (Bild i.d. "Weltbühne")

 

Auburtin zum Zweiten:

Victor Auburtin:

  „Über Alexandria“



Montaigne hat – zur Zeit der Bartholomäusnacht – Beschwerde darüber geführt, daß zu viele Bücher geschrieben würden. Und mit dem Tone des Entsetzens und Erstaunens bemerkte er: »Es gibt Bücher über Bücher!«

Teurer Montaigne, klügster aller Menschen, Sohn eines französischen Beamten und einer portugiesischen Jüdin, was würdest du sagen, lebtest du heute! Du würdest vielleicht darauf verzichten, deine Essays herauszugeben, die du ja nur für dich und deine stillen Freunde geschrieben hast.

Du lieber Gott, wir schreiben ja nichts als Bücher über Bücher.

Wir besitzen jetzt Werke, die man Literaturgeschichten nennt und die es zur Zeit von Goethe noch nicht gab, ein Zeichen, daß es auch ohne sie geht. Diese Literaturgeschichten sind so zahlreich, daß wohl schon eine Geschichte der Literaturgeschichte geschrieben worden ist oder demnächst geschrieben werden muß; und wenn dann jemand eine Kritik über dieses Werk verfaßt, so liegt die Sache so: das ist ein Buch über ein Buch, das sich mit den Büchern befaßt, die über Bücher geschrieben worden sind.

Es gibt glänzende Schriftsteller, die nie etwas anderes geschrieben haben als über etwas. Gekräuseltes Zeug, das der Wind der Zeit wegweht. Aber das Märchen von den sieben Zwergen, das vielleicht ein Autor der Eiszeit verfaßt hat, raunt und klingt durch die Jahrtausende. Darin gibt's gar nichts über; klar und einfach der Bericht des Dichters.

Ein Zufall spielte mir dieser Tage wieder einmal Goedekes Grundriß in die Hände, ein kolossales Werk, in dem nur die Titel der deutschen Dichtwerke verzeichnet sind und die Bücher, die über diese Werke geschrieben worden sind. Goethe füllt einen dicken, engbedruckten Band. Es gibt neunundsiebzig Arbeiten über Goethe und das Altertum (Goethe und Homer, und Äschylos, und Euripides, und Epicharm, und Aristoteles, und Horaz, und Vergil) und einhundertundzwölf Werke über Goethe und England. Und fast über jede dieser Arbeiten sind zwei Dutzend andere Arbeiten geschrieben worden.

Ein deutscher Schriftsteller, der noch nie einen Artikel über die Frau Rat verfaßt hat, macht sich neben seinen Brüdern geradezu verdächtig. Es muß eine geheime Vagabondage an ihm sein.

So ähnlich war es vor zwei Jahrtausenden, in der Stadt des Mazedoniers, in dem ägyptischen Alexandria. Da hockten die Literaten zu Tausenden, und einer schrieb über den anderen. Und der Philosoph Didymos verfaßte allein für sich viertausend Bände über die Grammatik.

Das alles ging in die Bibliothek und wurde katalogisiert und stand schön sauber und sicher in Reihen ... bis der Araber kam mit seiner Fackel und der große Brand aufleuchtete, nach dem eine neue Welt begann.

**


Und Auburtin zum Dritten:

Victor Auburtin:                                                                  

 

An Weimar vorbei

Im Speisewagen Berlin-Frankfurt, ein Uhr, gegen Ende des ersten Mittagessens. An meinem Tisch drei große, umfangreiche Herren, die offenbar zur Frankfurter Messe fahren.

Alter Rotwein, viele Schnapsgläser, Zigarren so groß wie die Zeppeline. Seit einer Weile hält der Zug auf einer mittelgroßen, leeren Station.

Wo sind wir denn hier? – Weimar. – Na, warum halten wir denn so lange in dem Drecknest?

Unter den eisernen Trägern des Bahnhofs hinweg kann man ein Stück der Landschaft sehen. Graues oder schwärzliches Hügelgebilde, über das gerade jetzt ein geistreiches Aprilschneewehen hinwegwandert.

Der blendendweiße Strich dort ist eine Straße. Diese Straße ist er oft gefahren mit seinem Eckermann, auch bei schlechtem Wetter. Und Hügel und Schnee haben damals ebenso ausgesehen wie jetzt, haben ihm nicht mehr geboten, als sie uns bieten.

Die Rohstoffe seines Werkes sind unvermindert heute noch vorhanden und allgemein zugänglich.

Inzwischen wird am Tische der Wert Weimars erwogen und besprochen: In Weimar ist gar nichts los. – Ein ganz totes Nest. – So schlimm ist es nun doch nicht, hier ist doch die große Pianofortefabrik von ... na ... Dingsda ... von Römhilt.

Gott sei Dank, daß es wenigstens Pianofortes sind, denn es hätten ja auch Gummikragen sein können. Dann hieße es heute im Volksmund: Weimar, richtig, das ist ja die Stadt mit den Gummikragen.

Nun setzt sich der Zug doch so allmählich in Bewegung und rückt über Neudietendorf auf Frankfurt a. M. zu. Dort steht das Haus, an dem immer so viele schöne Reden gehalten werden. Über unseren Dichter, der in diesem Sinne als wahrhaft volkstümlich bezeichnet werden muß.

*

(Aus: V. A.: „Ein Glas mit Goldfischen“ (1922). In: „Sündenfälle“. 1970. S. 194f.)

Montag, 15. Dezember 2014

Vom Wortfeld zur Linguistik



Wilhelm-L e h m a n n ad zwei

Wenn  ein  ... "W e g " zur Sprache und zum Dichter sich zeigt:

Eine verkorkste Klassenarbeit und das sprachliche Interesse eines Dichters

Kleine Hommage  an Wilhelm Lehmann

Vor 1900 - als ein Erarbeitung am Wortfeld ‚Weg, Straße, Pfad, Chaussee’ vom Lehrer nicht sinnvoll vorbereitet war – aber in der Erinnerung des Schülers wirkungsvoll blieb – und ungewollt eine verkorkste Vorstufe für linguistische Forschungen wurde ...)


Zur Jahrhundertwende — um 1900! — steht ein junger Mann vor dem Abitur, am Matthias-Claudius-Gymnasium in Hamburg-Wandsbeck — Wilhelm Lehmann 

Ein Blick auf das heutige MCG in Hamburg-Wandsbeck, das sich an Wilhelm Lehmann nicht erinnert...


Wilhelm Lehmann berichtet in seinem biografischen Essay: „Mühe des Anfangs. Biographische Aufzeichnung. (im Lambert Schneider Verlag. Heidelberg, 1952) von seiner schwierigen Schullaufbahn: 

In der gymnasialen Oberstufe ... kurz vor 1900 in Wandsbeck:


„(…) Mich interessierte nur noch das Deutsche. In den Spitzfindigkeiten des Lateinischen fand ich mich kaum zurecht. Entsetzlich drückten mich die Geschichtsstunden bei Professor Schumann; sie standen mir Woche für Woche qualvoll bevor. Schumann, ein Sozialdemokrat, fühlte sich als Vorkämpfer und rief, die Sozialdemokraten seien durchaus nicht die wilden Tiere, wofür man sie halte, ein schwer cholerischer Mann, brach er mit tobender Stimme aus, wenn ich Feldzüge und politische Geschehnisse ohne Verständnis repetierte. Auch die Geographie blieb mir seinetwegen feindlich. Ich stand bebend an der Tafel und sollte Heerwege zeigen.
In den Aufsätzen reüssierte ich. Sie blieben mein Halt und Trost, nachdem der Schreck der ersten Aufgabe beim Eintritt in die Prima überstanden war: ich sollte die Synonyma ‚Weg, Straße, Pfad, Chaussee’ untersuchen. An dieser Aufgabe scheiterte die ganze Klasse. Es folgten Themen aus der Dichtung. Der Direktor lobte meine Arbeiten. Mein allererstes Rechenzeugnis hieß ,genügend’, mein letztes Mathematikzeugnis: Geometrie ,genügend und schwächer', Arithmetik ,ungenügend’. Privatstunden, Hilfe von Kameraden, alles blieb erfolglos. Auch hatte ich mich in Trotz gegen Cosinus verhärtet. Es umgab mich ein Dunst von Wohlanständigkeit; ein Nichtbestehen des Abiturs schien absurd, unmöglich. Aber es ging mir, außer im Französischen, nun in fast allen Fächern nicht besonders gut, weder im Lateinischen und Griechischen, noch in Geschichte und Geographie. Nur die Aufsätze nahmen für mich ein. Hämische Kameraden mokierten sich; gutmütige feierten mich. (…)


Gegen das Abitur zu zog es sich gewittrig über mir zusammen, obwohl ich trotz gewisser Beanstandungen immer noch als respektabler Schüler galt. Der Direktor, den ich immerhin leise verehrte, rief mich zu sich und beschwor mich, da mein Abitur gefährdet sei, einen ordentlichen Aufsatz zu schreiben. Der Schulrat hätte jüngst eine Arbeit von mir, ihrer Verstiegenheit wegen, tödlich ironisiert. Mußte ich endlich glauben, daß nicht alles mit mir in Ordnung war? Sollte ich der Mutter die Schande eines Durchfalls antun? Selbst ein Schmetterling entwickelt Mittel, sich nicht greifen zu lassen. Also steckte ich in den letzten Stunden durchgenommene Aufsatzdispositionen in die Tasche, unter denen eine geradezu auf das Prüfungsthema deutete. Dann knetete ich mir die Sinus- und Tangentialformeln mit müder Geduld ein. Cosinus aber, der immer noch nicht begriffen hatte, daß mir die Grundlagen überhaupt fehlten, faßte gerade nach diesen, fragte, was eine Kugel sei, ich antwortete verstört und unsinnig: »Wenn ein sphärisches Dreieck rotiert« und hörte die kalte Bemerkung des Schulrates, gestern seien ihm beim Einjährigenexamen an der Realschule solche Fragen glatt beantwortet worden. Ich hatte auch die schriftliche Arbeit in der Mathematik verfehlt, mein Prüfungsaufsatz rettete mich. Wirklich hatte er geheißen: »Die Rolle des Patroklus in der Ilias«, und ich war gehorsam, ohne Verstiegenheit, der unrechtmäßig benutzten Disposition gefolgt. Ich bestand - vielleicht nur dem Rufe meiner Anständigkeit zuliebe.


Zu Leben und Werk Wilhelm Lehmanns:
  •                                                              - Büste Wilhelm Lehmanns -
 
Das spätere Studium schloss er ab mit einer Dissertation:

1905: Promotion zum Dr. phil. in Kiel mit der Dissertation: Das Präfix uz– im Altenglischen. Abschluss des Studiums der Germanistik und Anglistik. Anschließend Lehrtätigkeit an diversen Schulen bis 1949.


Cf. http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Lehmann#Wer





Wenn Guggeln sinnvoll ist, ja Spaß macht: die Dissertation zur Einsicht.

... und wenn der W e g  zur  Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft interessiert.


Freitag, 14. November 2014

Wilhelm-L e h m a n n Ad eins



..  bei  der  Sonnenblumenernte.



Einige, fortlaufende Lehmann-Reminiszenzen

- ad eins -

„Sommergottesfülle"


Den momentanen oder wöchentlichen Angliszimen biete ich einen Germanicismus, der aber kein –cismus ist, sondern eine orginäre Neubildung nach dem Geschmack der Schreibenden W. L. und M. H.:



 Ich biete einen semantischen Widerpart:


Hier nun schreibt ein Dichter, der „hohe Lyriker“ Wilhelm Lehmann, über seinen Dichterfreund und Verlagslektor, der auch ein wichtiger Autor des Deutschen vor 1933 ist, über Moritz Heimann:

?? Ach, sie seien schon verloren, bevor die beiden Autoren des 20. Jh.s im Bewusstsein der nach Angliszimen schreibenden On-, In- oder Outlinern nach Dichtung sich festsetzen könnten?

So die Kunde, literarisch gewichtig, ohne Deute- oder Deutschtümelei:

„Erschüttert lese ich, was er mir am 11. Juli 1903 schrieb, als er Ferientage an der Ostsee verbrachte. Er rühmte die »von den Sommerwinden gekühlte und gereinigte, vom schwachen Salz gewürzte und von einer Sommergottesfülle, von allerlei Strauchwerk wunderbar gesüßte köstliche Luft«. Er hole sich daraus »so viel an Gesundheit Leibes und der Seele, wie Leib und Seele noch anzunehmen vermögen. Denn im Ganzen genommen schmecke ich nicht mehr sehr gut; ich bin ein etwas holziger Spargel geworden und fürchte, Gott wird mich zum größeren Teil ausspeien aus seinem Munde. Oft, gegenüber dem Meere und dem Sande, fühle ich nichts mehr; nur eben noch die Qual, nichts mehr zu fühlen. Und wie eine mögliche Rettung aus solchem Tod überkommt mich zuweilen das Gelüst, Gerichtstag zu halten über diese Not und Armut, daß nicht nur mich umfängt, ‚das bängliche, das graugestrickte Netz'[1]. Ich lese Eichendorffs ,Ahnung und Gegenwart’, und die Gedanken daraus weben sich zu einem Gewebe, darin ich zuweilen Geflügeltes fange; bald eine Motte wie das obige Mich, und bald einen bunten Schmetterling; und das sind Sie«.

Daß ich dem geliebten Manne durch dunkle Stunde als Schmetterling schweben durfte, das tröstet mich noch heute (…)“.

So explizit und kostbar – so können Erinnerung und Sprachvermögen sein - Wilhelm Lehmann in seiner autobiografischen Schrift „Mühe des Anfangs“ (1952) über Moritz Heimann. -

Wenn man hieraus ein kleines literarisches Rätsel bilden und on-, also: ab-setzen würde, es würde diesen Deutsch-Trottelnden nicht auffallen, begierig <kundig, eingedenk, teilhaftig, mächtig, volll> nach den Zusammenhängen zu sein.
Dort ist kein poetisches Bewusstsein mehr, sich nach etwas Deutschem, das nicht Deutschtümelndes ist,  zu sehen, zu sehnen, sich zu bilden.

Geguggelt? „Sommergottesfülle – nur ein-mal nachgewiesen im Netz, bei den geguggelten "books": Hier:, bitte!
 


[1] Goethe (vollständig):
Mich ängstigt das Verfängliche...
XI.
"’Mich ängstigt das Verfängliche
Im widrigen Geschwätz,
Wo nichts verharre, alles flieht,
Wo schon verschwunden, was man sieht;
Und mich umfängt das bängliche,
Das graugestrickte Netz.’
Getrost! Das Unvergängliche,
Es ist das ewige Gesetz,
Wonach die Ros' und Lilie blüht.“ (Aus: Chinesisch-deutsche Jahres- und Tageszeiten)

Mittwoch, 5. November 2014

Botho Strauss' Erinnerungsarbeit "Herkunft"



Wie kultiviert man sich? Sprachlich?

Man übt.




 Ein Lyrissement, anstelle einer Rezension:



Gelesenes: 



 

Nicht meine letzte Bemerkung zu Botho Strauss’ „Herkunft“, im Carl Hanser Verlag. München 2014:


Ja, eine süße Stelle des Erkennens, des Nennens, des Genanntseins: Strauss zitiert kurzzeilig Wilhelm Lehmann: „Ich bin die Dauer des Vorbeis“ (S. 76). [Der KonText ist erregend, die Aussage trefflich vorbereitet. Des Lesers Gewinn lyrisch strukturiert durch die Erinnerung an einen, pardon: „den knarrenden Eichenschrank der Großmutter“.]

Yeah: Aber sonsstig noch süß-schöner, sauer-herber im kompakt-komplexen Zitat, aus „Das Vorletzte“: Zeilen 4ff.:
„Und hörte niemand zu: „Ich auch, ich auch!“

Die dünne Schale platzt des Eis:

Ich bin die Dauer des Vorbeis.

Ob eine Gegenrede meine Verse fetzte, (…)“

Und wer ruft’s? Der Kleiber, der am Baum, am Stamm, an den Krusten und Schrunden der Menschengeschichte hinauf und hinunter laufen kann, mit seinen Klettenfüßchen.
(W.L.: Werke. Bd. 1.  Sämtliche Gedichte. 1982. S. 202)

Nein, Lehmann wurde nicht  gelesen, zu Zeiten der 668, pardon: 68er. Zu Zeiten der Sammlung seines Werks in „acht Bänden. Auch heuer nicht.
Strauss nennt Lehmann, eine Zeile seiner Dichtung. ohne KonText, ohne Charme, ohne Zeichen seiner Dichte.
Nein, im Internet findet man das Gedicht „Das Vorletzte“, nur bei Books-Google.de. - Nein, in keiner sonstigen Zitation. In keiner Interpretation. 
Memento poeticae: Er bleibt mein Held, Herr Lehmann!  Zier-,  Zucht- und Markstein meiner Bildung.
Dazu noch ein Strauss’sches Etepetete: „Aber nur das Gedicht kann der eruptive Akt der Erinnerung selber sein, der sich gedächtnis-erregend auf den Leser überträgt.“ (S. 89). Gedächtnishaft-erregend? Wenn man sich hingibt dem Zauber oder dem Zerwürfnis oder dem Zirkel von Liebe und Versagen. (Oder ähnlich.)


"Ich bin die Dauer des Vorbeis." -  Ein 'Sitta europaea' der gewichtigsten, der leichtesten Naturlyrik, der signatura des Vogels: Stimme.und Stimmung nach des Künstlers Sichtung, Gehör und Formung, ein lyrisches Ideal.

Wie kultiviert Strauss sich? Sprachlich?

 Strauss übt lyrisierend-steif-stimmig, "versinnend" (nennt er die gefühlte Melancholie): er zitterie - pardon: zitiert zart-zittrig: etepete. 

Autoren und Titel sind bei Strauss wohl&wehe richtig geschrieben; ansonsten gebiert der Sprachkünstler vielfach VerLegenheitn und IrrLosismen, die einer eigenen SamtStellung bedürfen.

Dienstag, 26. August 2014

*morphen = ein Neuverb im Deutschen?

Sehr geehrter Herr Sssp. (=Sprachwissenschaftler)!

Ist *morphen - oder der Einfachheit *morfen – ein deutsches Verb?



Versteh' ich das richtig als Sprachwandel, als "Morph" vom "Orph"?
Hier soll doch an Stelle des engl-amerik. Verbs "to morph" mit vielen Varianten ein a-morphes deutsches Verb "morphen" konstruiert werden? Wer soll dattan vastehn?

to morph = die Gestalt ändern
to morph sth.= etw. verformen
morph = Morphe {f}biol.spec. Morph {n}ling.

to morph into sth. = sich in etw. verwandeln


Workundlich variabel gemorpht.


?Taucht [morphistisch als Delphin?] bei Wikipedia das Ur-Verb mit Ableitungen auf *morphen, morpheln, morphisieren, morphologistern?


Der Morphologie sind keine Limites gesetzt; wie schon Werther an seinen Ur-Freund Wilhelm schrieb (Brief vom 12. August) schrieb:

". .; so hört er [gemeint Albert, der "Pedant"]dir nicht auf zu limitieren, modificiren, und ab und zu zu thun, bis zulezt gar nichts mehr an der Sache ist." (Fassung von 1774)

Genug morphisieret?

P.S.: Warum müssen wir bei dem un-deutschen „ph“ bleiben; streiphen, pardon: streifen wir phri-, ah: frischmuthig zur That:

Morfen wir in einfachster Würfe, pardon: Würde! Die Spreche wird uns denkeln.

*

„Morphen“ – ein deutsches, ein schwaches Verb, wie Unseraller D u d e n es definiert, also be-, pardon: ent-grenzt hat:


Hat mich mein Sprachgefühl bemorpht, yeah: be-grenzt und ver-, pardon: be-trogen? Mich elenden Un-Morphling?

Montag, 26. Mai 2014

Frau Kalékos Ameisigkeit

„Unameisig“ – von Ameisen und einer Dichterin

Von einem ulkigen Wort berichtet mir mein Freund – und ich finde mich angesprochen:
„unameisig“. Nu, denk ich: das ist ja ein Neuwort. Und selbst „ameisig“ ist Neusprech, aber poetisch und gelungen!
Wie und wo und woher stammt „unameisig“. Nu, bitte!

Er liest mir vor. Und gibt mir diesen Text:

Mascha Kaléko
Die Ameisen
(oder. Lob der Natur)

Die Ameisen sind fleißig.
Faulsein ist unameisig!
Das liest man schon bei Salomo
- Und kuschelt sich in das Plumeau.

(Etymologisches Nachwort)

Ameisig kommt von emsig.
Werd ich dass mal, dann brems ich.
Dem einen gibt’s der Herr ganz leis,
Dem andern nützet auch kein Schweiß.
Wunschlos beglückt die Faulheit preis ich
Und Gott, - der mich schuf „ameisig“…

*
(Aus: M.K.: Sämtliche Werke und Briefe. Bd. I. Werke. München 2012. S. 272)

Also: vom angesprochenen „Salomo“:

Ja, ich wundere mir (oder mich?): ein hochpoetisches, gelungenes Plädoyer für ameisische Denk- und Sprachweise, hier: der Poetin Kaléko:

Ja, die Dichtern Mascha Kaléko hat mich schon oft be-, ver- und entzaubert, poetisiert und zum Nachdenken über Konvention und Innovation ver-, pardon: bezaubert.
Vom Stichwort zum (fast unbekannten) Sprichwort lässt sich leicht, zu Internetzeiten, verifizieren: Das Gedicht handelt von einer besonderen „ Ameise“, einer zitierten Ameise In Salomos Sprüchen (6, 6-8) finde sich:
„Geh zur Ameise, du Faulpelz,
sieh, was sie tut, und lerne von ihr!
Sie hat keinen König und keinen Chef,
und doch holt sie ihr Futter im Sommer,
und sammelt sich Vorräte für den Winter.“

Nachgelesen, in der Sprache Luthers:
6, 6-8: „Gehe hin zur Ameise, du Fauler; siehe ihre Weise an und lerne! Ob sie wohl keinen Fürsten noch Hauptmann noch Herrn hat, bereitet sie doch ihr Brot im Sommer und sammelt ihre Speise in der Ernte.“

Weiter in der Bedeutung des Kaléko-Gedichts:
Vom „… Herrn…“ – hier spielt Frau Kaléko an auf den Psalm 127 an; “… denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf“.

Und die letzte Allusion in diesem raffinierten Gedicht:
„Dem andern nützet auch kein Schweiß“ – zitiert aus 1. Buch Mose (3,19): „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.“

Über und von Salomo, Mose und die Psalmisten – inclusive Luther – zu lesen, nachzudenken und zu danken – ein herrlich, poetischer und religiöser Text der großen Dichterin Kaléko, die 1907 in im galizischen Chrzanów, Österreich-Ungarn geborene Golda Malka Aufen (so ihr Mädchenname)!

*

Weitere Lesetipps:


Zur Poetin, iobgrafisch und historisch:


Zur Etymologie der „Ameise“ (hier nach Pfeifers Etymologie im hervorragen dwds.de):
http://www.dwds.de/?qu=Ameise

UnNötige Ergänzungen, synonymisch:

Ameisig ... ameisenhaft ... ameisisch?

Der Ameisenfließ, äh, mhm: der Ameisenfleiß, er sei ameisenfleißig

Unameisig
Und
Unameisisch. Da bedarf es einer großen Künstlerin, ein solches Wort zu erfinden…
Und, wie treiben es die üblichen Synonyme?

Duden.de schlägt vor:
„Fleiß; Arbeitseifer, Arbeitsfreude, Beflissenheit, Bienenfleiß, Eifer, Eifrigkeit, Emsigkeit, Strebsamkeit; (süddeutsch, schweizerisch umgangssprachlich) Schaffigkeit; (veraltend) Arbeitsamkeit; (veraltet) Applikation, Diligenz“

Montag, 19. Mai 2014

Wie man kegelt mit Kleist und mit Böll!

Im „Haus der deutschen Sprache“?

"Was Heinrich von Kleist uns heute noch zu sagen hat."


Da werden sinnige Beiträge geboren. Auch in Parterre! - Und Kleist wird gegen Böll ausgespielt: ohne Argumentation, ohne akzeptable Wertung. Kein Titel, kein Thema von Böll wird genannt. Man soll die Hinschlachtung von Gegenwartsautoren hinnehmen; hinnehmen in der Todesangst, die auch den Prinzen von Homburg erfasst hat.

Militärismus und Knechtismus in Unkultur: Sollst du sterben, verwandle dich in den Prinzen, der seine Todesangst aussteht, überwindet – und sich dem Chef, dem Ober, dem Befehlshaber unterwirft. Dann wird er erhört. – Ach? Wenn du stirbst, funktioniert so ein Seelequatsch nicht.

Garantiert!

Dann ist dein Körper Matsch. Und deine Seele? Sie hat nie existiert. Aber erinnere dich - zuvor! - an diesen Beitrag aus dem „Haus der deutschen Sprache“.

Da funktioniert nochSterben fürs Vaterland. Da wachen die Geister der deutschen Sspra-, pardon. Strafkultur:

"Was Heinrich von Kleist uns heute noch zu sagen hat – Ein Beitrag zu seinem 200. Todesjahr" - von Hans-Jürgen Schmelzer.

Ob er die Sache mit der Todesangst und der Erhöh-, pardon: Erhörung praktiziert hat für sich? Er bleibt des Beweises schuldig.

Er - der Sutor, pardon: Autor - will deutsche Literatur und Literaten verbraten, verspießen und - mittels Metaphern - verklären.

Ja, so ver- und unklären:

... glorifizieren, schönfärben, vergolden, verherrlichen, verschönen, verschönern, überbewerten, schwärmen von, in den Himmel heben, in höchsten Tönen reden, idealisieren.

So funktioniert konsevative, angeblich konservierende Sprachbetracahtung:

Es ist eine theo-phrasierende Alt- und Alter- und AltarTümelei.




Sonntag, 11. Mai 2014

"Weihnachten im Urwald"

SIEGFRIED VON VEGESACK (1888-1974):


Weihnachten im Urwald

(Schlußsequenz der Novelle „Der Pfarrer im Urwald“ (Buchausgabe S. 70 - 74); einer „Erzählung aus Brasilien“. Geschrieben im März 1945; erschienen 1947 im Verlag Paul Keppler in Baden-Baden.)


(…) Am Abend vor Weihnachten saß ich mit dem Pfarrer wieder auf der Veranda, und Sylvia, die noch immer in voller Tätigkeit war, brachte uns zwischendurch Kostproben ihrer Kunst. Es war - trotz Sommerhitze und Urwald - doch etwas Weihnachtliches in allen diesen Vorbereitungen, vor allem in der kindlichen Vorfreude Sylvias auf das morgige Fest.
Der Pfarrer sprach jetzt oft mit mir über Sylvia, an der sein ganzes Herz hing, und über deren Zukunft er sich einige Sorgen machte:
"Sie gehört weder ganz zu uns Weißen, noch zu den Roten; so ein Halbblut hat es schwer, sich auf dieser Welt zurechtzufinden und sich durchzusetzen. Sie hat es mir selbst anvertraut: macht man sich in ihrer Gegenwart über die Indios lustig, fühlt sie sich ganz als Aymoré, und schimpfen die Rothäute auf die Weißen, empört sie sich als Tochter eines Weißen darüber. Wann wird dieser unselige Rassenhaß und diese Rassenüberheblichkeit endlich überwunden werden? Alles Übel kommt von diesem Nationalismus, der unseren armen Erdteil Europa wie eine Seuche befallen und zerrissen hat und - wenn er nicht in letzter Stunde noch zur Besinnung kommt - völlig vernichten wird. Gewiß, es gibt verschiedene Rassen und Völker auf dieser Erde, aber wer anders als wir ist, braucht deshalb doch nicht gleich minderwertig zu sein! Der Mensch ist nicht das Maß aller Dinge, und wir Deutschen, ein Mischvolk aus allen möglichen Bestandteilen, sind es am allerwenigsten. Wir haben mit unserer „Zivilisation“ bisher nur Elend über die Welt gebracht -, und sind dabei nicht glücklich geworden. Wären die braven Pommern daheim geblieben und hätten sie dort ebenso tüchtig geschafft wie hier, sie hätten es sicher weiter gebracht und wären glücklicher geworden. Und auch die Aymorés wären in ihrem Naturzustande glücklicher geblieben
Aber vielleicht ist das Glück nicht unsere Bestimmung. Bin ich denn selbst glücklich? Ist Sylvia glücklich? Sind wir nicht alle, seit Adam und Eva, in eine Schuld verstrickt, aus der wir nicht hinaus können? Das Paradies hat sich hinter uns geschlossen, und wir versuchen umsonst, wieder hineinzugelangen. Auch mein Versuch, hier abseits von der Welt ein kleines Paradies zu schaffen, ist gescheitert. Der Urwald ist mächtiger als wir, und die Urkräfte, die Dämonen, beherrschen die Welt. Wir müssen uns damit begnügen, diese bösen Mächte - wie der heilige Antonius, dem unsere Kirche geweiht ist - nicht ganz über uns Herr werden zu lassen, dem Urwald - wie wir es hier mit vereinten Kräften getan haben - ein Stückchen Kulturland abzuringen. Es ist nicht viel: man wird mit den Jahren bescheiden. Aber es ist doch etwas, was diesem Dasein einen Sinn gibt und es überhaupt erträglich macht."

Schon früh am Morgen belebte sich die Schlucht und der Abhang vor der Kirche. Die weiter entfernt wohnenden Kolonisten kamen mit ihren Frauen und Kindern angeritten, um den ganzen Tag hier zu verbringen, damit die Mulas sich vom langen Ritt erholen könnten. Jeder hatte was mitgebracht: Maisbrot, Bataten, sogar Hühnchen; am Fluß wurde abgekocht, und man lagerte im Schatten der Bäume. Die Mulas grasten auf dem Hang, bis es ihnen in der Sonne zu heiß wurde und sie den Schatten am Rande des Urwaldes aufsuchten.
Fast ununterbrochen strömte es von allen Seiten herbei: vorn anderen Ufer des Flusses, den die Frauen und Mädchen mit hochgerafften Röcken kreischend durchritten, und auch aus dem diesseitigen Gestrüpp der Schlucht, und von der Anhöhe oberhalb der Kirche. Alle waren im Sonntagsstaat erschienen: die Frauen trugen seltsame altmodische Gewänder und Kapotthütchen mit Schleifen, wie man sie bei uns vor hundert Jahren trug, und die Männer schwarze Röcke mit engen Hosenröhren, die sie beim Reiten mit Lappen gamaschenartig umwickelten. Aber erst am Nachmittag, als auch die benachbarten Kolonisten mit ihren Familien anrückten, wurde es richtig voll: überall standen die Männer und Frauen - nach altem Brauch immer getrennt voneinander - in Gruppen umher. Auf der Veranda war ein großer Tisch für alle gedeckt, wo sich jeder Kaffee, süßen Zuckerrohrsaft und Kuchen holen konnte. Die Buben und Mädchen hatten sich vor der Kirche um den Pfarrer geschart und sangen Weihnachtslieder, während er in ihrer Mitte stand und sie auf der Geige begleitete.
Außer den deutschen Kolonisten waren auch zahlreiche Farbige - Neger, Aymorés und allerlei Mischlinge, die in den Pflanzungen arbeiteten, herbeigeströmt, um am Fest teilzunehmen. Sie lagerten gesondert am Rande des Urwaldes und wurden von der alten Ayòca und Sylvia versorgt. Denn zu Weihnachten ist jedermann, der kommt, Gast in San Antonio: es ist ein Fest für alle, nicht nur für die Weißen. Diesmal war sogar ein „Turco“ erschienen, wie man hier die Syrer nennt ein beleibter Schnapsbrenner in gestreifter Pyjamajacke, der vielleicht auf ein Geschäft spekuliert hatte. Aber Cacház, der Zuckerrohrschnaps, war an diesem Tage hier streng verboten.
Am späten Nachmittag, als die Sonne sich schon neigte und in den Wäldern untertauchte, zog alles in die mit Laub geschmückte Kirche. Aber nur ein Teil fand im Inneren Platz: viele mußten sich vor dem offenen Eingang im Freien lagern. Auch ich blieb draußen, denn von hier konnte ich alles besser übersehen. den brennenden Lichterbaum am Altar, die dichtgedrängte Menge auf den Bänken - links die Männer, rechts die Frauen , und auch das bunte Bild der Leute, die sich um die kleine Kirche geschart hatten. Hier standen auch die Farbigen, die Neger und Aymorés, der dicke Syrer in seiner gestreiften Pyjamajacke und der alte Jesús mit seinem schwarzen Mohrenkopf und dem weißen Kraushaar, und lauschten andächtig, ohne sich zu rühren, dem Rauschen des Harmoniums, das aus dem Innern der Kirche drang.
Dann sprach der Pfarrer. Zum erstenmal sah ich ihn im schwarzen Talar. Er las aus dem Lukas Evangelium von der Geburt Christi und sprach dann von der Anbetung der Hirten und der Heiligen Drei Könige, die aus dem fernen Morgenlande gekommen waren, um das Kind in der Krippe anzubeten. Er sprach auf deutsch und schloß mit ein paar Worten auf portugiesisch. Dann sangen die Kinder, vom Pfarrer auf dem Harmonium begleitet, die alten deutschen Weihnachtslieder, zuletzt „Stille Nacht“.
Es war ein Bild, das ich nie vergessen werde: die kleine Kirche auf der Anhöhe, die vielen blondköpfigen Buben und Mädchen vor dem Altar, im Schein des brennenden Lichterbaumes, und hier draußen die andächtig lauschenden Neger und Aymorés, und weiter entfernt die vielen grasenden Mulas. Ein heller Lichtschein fiel aus dem Inneren auf den am Eingang gebeugt lauschenden Jesús, so daß sein schwarzer Mohrenkopf mit dem weißen Kraushaar wie von einer Gloriole beleuchtet wurde. So müssen wohl die Heiligen Drei Könige es war ja auch ein Mohr darunter - andächtig vor der Krippe gestanden haben, wie man es auf den Bildern der alten Meister sehen kann.



Kreuz des Südens

Inzwischen war es schnell dunkel geworden. Die Stimmen des Urwaldes erwachten und mischten sich mit dem orgelhaften Rauschen des Harmoniums zu einer seltsamen Symphonie, die sich brausend in die von Myriaden Leuchtkäfern durchschwirrte Nacht ergoß.
Über der Schlucht, am noch hellen Abendhimmel, wurde die schmale Orangenscheibe des jungen Mondes sichtbar, während das Sternenkreuz - etwas zur Seite geneigt - über der dunklen Wand des Urwaldes sich flammend aufrichtete.

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Inzwischen war es schnell dunkel geworden. Die Stimmen des Urwaldes erwachten und mischten sich mit dem orgelhaften Rauschen des Harmoniums zu einer seltsamen Symphonie, die sich brausend in die von Myriaden Leuchtkäfern durchschwirrte Nacht ergoß.
Über der Schlucht, am noch hellen Abendhimmel, wurde die schmale Orangenscheibe des jungen Mondes sichtbar, während das Sternenkreuz - etwas zur Seite geneigt - über der dunklen Wand des Urwaldes sich flammend aufrichtete.



                                           
                                                                 
                                 Wegweiser zum (nach humanem Ermessen) ewigen Standort des Dichters Siegfried von Vegesack.
 

* ~ *

Aus: SIEGFRIED VON VEGESACK: Der Pfarrer im Urwald. Erzählung aus Brasilien. Verlag P. Keppler - Baden-Baden. Copyright 1947 by P. Keppler Verlag. Baden Baden.

Im Jahre 2008/2016 als privater Ausdruck hergestellt durch A. S. Reyntjes in 45665 Recklinghausen (Tel. 02361/25417).
Dieser hier wiedergegebene WORD private Ausdruck hat keine materielle Interessen; er ist zustande gekommen, nachdem kein Neudruck bei verschiedenen Verlagen möglich wurde und der Rechtsnachfolger des Copyright-Verlages Paul Keppler in Baden-Baden nicht ermittelt werden konnte.

Wer einen Rechtsinhaber der Novelle weiß, möge sich bitte an den Herausgeber dieses Nachdrucks wenden: anton@reyntjes.de.


Link:

Manifest von 1920 gegen den Antisemitismus


http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Totenbrett_vegesack.jpg&filetimestamp=20060508090642&

- Ein Gruß an die Lebenden von Siegfried von Vegesacks Grab in Weißenstsesin/Regen -


Siegfried von Vegesacks früher Protest gegen Antisemitismus:


"Schlag sie tot, Patriot!" [Ein Manifest]



Ich bin kein Jude. Auch kein besonderer Judenfreund. Aber wenn das so weitergeht wie jetzt, dann könnte man wohl bald das vogelfreie Dasein eines Ostjuden der Schmach, Deutscher zu sein, vorziehen.
Gewiß, man mußte sich auch früher zuweilen als Deutscher schämen. Als alle Welt uns anspie und wir Vertrauen und Achtung wiederzuerringen hofften, indem wir uns selbst bespuckten. Aber damals, als man sich nackt und wehrlos am öffentlichen Pranger der ganzen Welt verhöhnt fühlte - grade damals rief etwas in unserm Innersten: jetzt kannst du dich, jetzt mußt du dich als Deutscher bekennen, denn deutsch sein heißt: verworfen sein - und ist es nicht immer rühmlicher gewesen, statt mit Allen über Einen zu triumphieren, allein von aller Welt verworfen zu werden? Und grade damals, als Millionen von uns ans Auswandern dachten, konnte es für einen Auslandsdeutschen eine schmerzliche Lockung sein, sich im verfolgten und gepeinigten Deutschland dauernd niederzulassen, um an der innersten Gemeinschaft teilzuhaben: an der Gemeinschaft des Unglücks.
Aber heute? Kann man heute noch Deutscher sein, ohne vor Scham sich in den Wäldern verkriechen zu wollen? Heute, wo wir nichts Besseres zu tun haben, als alles Unrecht, das man uns zugefügt hat, am wehrlosen Dritten am Juden auszulassen! Gibt es denn für uns Deutsche nur dies eine Mittel, unser seelisches Gleichgewicht zu bewahren: zu treten, wenn man getreten wird? Gibt es überhaupt etwas Erbärmlicheres, als Prügel eines Stärkeren mit dem Fußtritt gegen einen Schwächern zu quittieren?
Wenn unsre Alldeutschen ahnten, wie undeutsch sie sind! Denn wenn es einen wirklich deutschen Wesenszug gibt (oder richtiger: gab!), der weder bei den Franzosen noch bei den Russen (von den Engländern ganz zu schweigen) so stark entwickelt ist wie bei uns, so ist es der: daß wir Deutsche für fremde Eigenart ein ganz besonderes Verständnis haben, von Shakespeare bis Strindberg, von Dante bis Dostojewski den fremden Herzschlag wie unsern eignen spüren. Und nun sollen wir unser "Deutschtum" durch Pogrome betätigen!
Aber ganz abgesehen von allen Gründen der Moral, des Anstandes und unsrer nationalen Würde (wenn es die noch gibt), ist die Judenhetze wohl das Dümmste, was alldeutscher Eifer zur Erreichung seines Zieles anstellen konnte. Denn wenn es so weiter geht, wird voraussichtlich der anständige Jude mit Selbstgefühl Deutschland verlassen. Und grade die Minderwertigen, die sich unter allen Umständen anpassen, werden bleiben, werden, wenn's nötig ist, ihr Judentum verleugnen und umso schneller in den deutschen Volkskörper eindringen. Es ist so wie mit einer Vergiftung: je heftiger man sich sperkelt, desto rascher und sicherer schreitet sie vor.
Gewiß: das deutsche Volk in seiner Mehrheit steht noch nicht hinter den Pogromhelden. Aber so, wie unsre Feinde von gestern durch unablässiges Hetzen schließlich die ganze Welt von unsrer Minderwertigkeit überzeugten genau so wird es auch der alldeutschen Agitation zuletzt gelingen, alle Verbrechen (und erst recht ihre eignen!) auf die Juden abzuwälzen, wenn nicht eine Gegenaktion erfolgt.
Nicht von jüdischer, sondern von deutscher Seite müßte diese erfolgen.
Nur dann könnte sie vielleicht etwas von dem ungeheuern Schaden wieder gut machen, den alldeutsche Berserkerwut wieder angerichtet hat. Die besten Köpfe, die besten Namen aller Derer, denen deutsch sein mehr bedeutet als gesinnungstüchtiges Gebrüll in Jägerhemd und Lodenmantel, sollten sich zu einer eindrucksvollen Kundgebung schnell zusammentun:

"Schlag sie tot, Patriot!" - nicht die Juden, sondern die für jeden Deutschen schmachvolle Judenhetze!

*

(Erstdruck: Der Aufsatz erschien am 15. April 1920 in der Berliner Zeitschrift "Weltbühne"; aus: S. v. V.: Briefe. 1914 - 1971. S.66f. - Der Aufsatz wurde gekürzt nachgedruckt in: Weimarer Republik. Lesebuch. Hrsg. v. Stephan Reinhardt. Berlin 1982: Wagenbach Verlag. S. 81)
• Worterklärung: „sperkeln“ (ndd).: sich bemühen

Freitag, 18. April 2014

W ä h r e n d "d e m" (Dativ)

10.Januar 1775:
Lessing an seine Braut Eva König, geb. Hahn:

„So würde ich gerade während dem Fieber die beste Zeit gehabt haben, es zu tun [id est: ihnen eine Nachricht zu schicken].

G. E. Lessing und Eva König: Briefe aus der Brautzeit. 1770 - 1776. Weimar 2000. S. 60f.)

Für Online-Lessingisten hier nachzulesen:

*


„Während“ als Präposition, sagen Grammatiker oder Puristen "cum Genitivo":

Canoo.net gibt Ausnahmen im Umgangssprachlichen an; kann aber keine klassische deutschsprachigen Ausnahmen dieser später regulativen Einschränkungen aufzeigen.

Selig, wer in deutschen Sprachzeugnissen zu lesen versteht – nicht nur in Regelwerken, die immer Einschränkungen der Vielfalt präsentieren.


Nachricht vom Buch

Samstag, 5. April 2014

"Ö k i g" - Uups: Neusprech


Neusprech: „ö k i g“:

Freitag, 28. März 2014
Harald Martenstein: „Der deutsche Way of Life“. Soso originel-original!


„Ökig“: Harald Martenstein hat sich entpartnert von allen schäbigen, miesen und miefigen Männlein & Vorstellungen: Den Mief überlässt er den Deutschen. In den USA ist er Menschlein oder LKWS oder Pflänzchen oder Eichhörnchen oder den todeslustigen Apis melifera oder den Tsunamis begegnet, die allesamt immer freundlich und gutnachbarlich, prima goldig und vollmundig waren; no: immer sind (for ever!): Sie helfen, ob bei abgesprungener Kette (am Fahrrad) oder beim Tach-Sagen, stets: auch bei Kolumnen.

Auf Deutsch lesen wir: "(...) sind ökig wie kaum eine zweite Nation" (Ja, eben die Deutschen). Puh ein Neuwort; Martenstein lernt Neusprech; ja, da muss er alle Ökos, alle Deutschen klar putzen: Ja, du Öko, bist miefig! Dumm! Unfreundlich! Eben germanig!

In der englischen Fassung steht: "The Germans (....) are greener than amost any other nation [...]" (ZEIT-Magazin, unter der markigen Überschrift: „Mysteries of the German Way of Life“; gedruckt: S. 8).
So verkommt ein Satiriker: Alles ist national fundiert, veranlasst, angepasst: dumm, unverschämt - eben irgendwie "ökig" und mies - was immer Harald M sich da gedacht hat. Er ist weit gefahren, ist irgendwie ge- oder verflogen, um die Deutschen in den USA kennen zu lernen.
Dass er als Mensch und/oder Autor keinen individuellen Satz über Otti, über Hennes, über sich selbst oder seine/eine Nachbarin schreiben kann (ja, die deppert etc sind oder bärig oder eckig...) - nein, die Erfahrung hat er verloren? Das waren die Ergebnisse der US-Erfahrungen?
Wo ist da (noch) der Witz?
Er hat in USA keinen Mini-Ami, als Fetus kennen gelernt, der bei der Ma an der Placenta klopft und fragt: "Bringst du mich auch so auf die Welt, dass ich nicht in den ersten zwanzig Jahren von einem Amokschützen erwischt werde? - Oder, pardon: Mother: Du oder Pa, ihr macht mich nicht zum Amokisten? - Versprecht ihr mir das?"
- Nein, so nah-intim waren Martensteins Erlebnisse dort drüben im German-Immigrate-Paradise of intelligence and happines nicht?
Er sollte die nächsten 99 Jahre in Key West verbringen. Und wir finanzieren ihm mit einem Urgent-Honor-Honorar das Leben dort und das Lesen des Nationalcharakters... Und alle Probleme eines lesbaren Autors wären erledigt, weil seine lokale Allzufriedenheit sich auswächst zum Cat Wizzle. Dumm, aber schlau!

Ökig?

Nachschlageversuche gehen fehl: „Keine Synonyme gefunden.“
Oder: bei Duden.de:
Da gibt es die Ansage: "Oder meinten Sie: „ckig?“ – wozu Duden.de auch keinen Rat zu schlagen weiß, kein Pfund; oder: Dung? - Außer „knackig“, irgendwie krummig getrennt:

Merkig?

Ökig.
Kolumnig!
Zeitig.
Haraldig.
Martensteinig.
Everig, äh: ewig. Den Andersmeinenden nicht verstehen, sondern diffamieren.

Donnerstag, 13. Februar 2014

Siegfried von Vegesack: Der Zopfabschneider

Eine Kostbarkeit: über einen Männlichen, der sich auf "kleine Mädchen" eingestellt hat, seine Gier nach ihnen und ihrem Haar stillen will, bis er sich selber "ertränkt" im glanz, in der Fülle, in der Farbigkeit des kindlichen Haars. Vorgeführt, gefragt, observiert: ein Verbrecher, der sich selber stranguliert in seinem Wahn. - Die Veröffentlichung dieses literarsichen Fundes soll im Zuge der "sozialistischen Balladen", die Siegfried von Vegesack zwischen 1920 und 1933 schuf, erfolgen. Seiner Zeit waren sie als "Fürstengsgesänge" bekannt und wurde heftig abgelehnt, die es dem Verfasser z.B. als Resonanz seiner poetischen Existenzversuche einbrachten, dass er sozial diffamiert und z.B. aus der livländischen Adels-Gesellschaft ausgeschlossen wurde.

Vom Vorsitzenden des Livländischen Stammadelsverbands erhielt SvV. folgenden Brief (Datum 11. Februar 1926):
„(…) Sie haben das Recht freier Veröffentlichung Ihrer Dichtung. Wir, Ihre Standesgenossen vom livländischen Adel, haben aber auch das Recht aus der Veröffentlichung solcher Erzeugnisse Ihres dichterischen Talents, die nicht mit den traditionellen Begriffen von Ehre und Pietätsgefühl unseres Standes vereinbar sind, die Konsequenzen zu ziehen. (…)“ (M. Hagenbucher: SvV. 1914 – 1971: Briefe. 1988.S. 104)
Zur Biografie SvV.s.

Zur psychologischen, monologischen Ausdrucksstuktur vieler Texte von SvV. gehört eine ur- oder unerhörte, manchmal beängstigende Intimität mit psychisch verkrüppelten, sexologisch-paathologischen Männer-Typen, die sich unmittelbar, häufig hypnotisch auszudrücken versuchen. Die psychologisch-kritische Intention, die SvV eindeutitg zu erkennen gibt als eine poetische Botschaft ex negativo, mag vielen Schnell- oder Dogmen- oder Garnicht-Denkern anfänglich "verhüllt" oder missverständlich erscheinen; sie ist aber eine wahrhaft humanistische, die elenden und/oder kriminellen Figuren in einer Ich-Perspektive abbildet.

Die "vorgeführten", existenziellen Elendsbilder lassen sich auch heute noch als sexual-pathologisch geprägte Krankheitsbilder erschließeen. Die völlige Auflösung im Formalen rationaler, auch lyrischer Empathie in eine Ersatzkoitus mit orgaisatischer Potenz belegt die pathologische Evidenz des Symptoms "Zopfabschneiden". Krafft-Ebing und Hirschfeld belegen viele Fälle von Zopfabschneidungen als pathologische Erscheinungen und kriminelle Straftatbestände.

Non vulgo: Wie treten heute solche Überschneidungen von Liebesfähigkeit und Fetischismus als dissoziale Symptome aus? Sie sind der allgemeinen kulturellen Erliegung bzw. Aufopferung der optischen Suchfunktion in quasi kunstästhetische Fälle/Fällungen/Beispiele.

Resete solcher Habhaftmachung des körperlichen Fetisch treten in pornografischer, pädophiler "Kultivierung" auf.

Beispiel für die kulturell legitimierte, geschäftsmäßige Ent-Zopfung.



Siegfried von Vegesack:

Der Zopfabschneider



Ihr sammelt Briefmarken, Käfer und Schmetterlinge,

Lauter törichte Dinge,

An denen nichts ist.

Was wißt

Ihr von meinen heimlichen Seligkeiten,

Wen die kleinen Mädchen vor mir her schreiten,

Und ich ihnen folge, wie der Jäger dem edlen Wild,

Bis meine Raubgier gestillt?

Ich tu ihnen ja nichts zu Leide:

Sie fühlen es nicht,

Wenn ich dicht

Unterm Hals das Zöpfchen vom Köpfchen schneide.



Ihr habt eure Mädchen und eure Weiber,

Laute rohe Leiber,

An denen nicht ist.

Was wißt

Ihr von meinen heimlichen Seligkeiten,

Wenn die Zöpfe knisternd durch meine Finger gleiten

Weich und schwer?

Und wie ein Meer

Sich die duftenden Haaren um mich breiten?



Oh, ich hab Zöpfe, die wie aus Golde sind,

Licht und blond,

Wie Korn; das von Sommersonne durchsonnt

Leuchtend durch meine Finger rinnt.

Andre sind blauschwarz wie die Nacht.

Und einen hab ich heimgebracht,

Den berühr ich nur ganz selten, Jahr für Jahr,

Ganz leise in knabenscheuer

Sehnsucht: es brennt wie Feuer

Das rotte, rote, lodernde Haar.



Manche sind wie gefährliche Schlangen,

Die weich und kühl

Im zärtlichen Spiel

Sich schmiegen an meine blassen Wangen.

Und andre, die so keusch und voller Unschuld sind,

Daß ich sie nur bebend, wie eine Kind,

Berühren kann mit scheuem Verlangen.

Welche Fülle! Und welche Glätte!

Wie himmlisch gewellt!

Oh, wen ich doch alle Zöpfe dieser Welt

In meinen behutsamen Händen hätte!



Ach, wann finde ich ihn, den schönsten von allen,

Schwer wie Gold,

Wie eine Kupferschlange zusammengerollt,

Wie aus Sonnenstrahlen ein schimmernder Ballen?

Ihn will ich mit meinen Lippen berühren,

Liebkosend um meinen Nacken führen,

Daß ich in seinen Düften versinke,

Bis er fest

Um den Hals sich mir presst, -

Und ich lächelnd in seiner süßen Schlinge ertrinke.


*

(1922 verfasst; zuerst veröffentlicht in: „Lieder der Gosse“. Hrsg. v. Willy Stiewe und Hans Philipp Weitz. Berlin Guido Hackebeil 1922.42ff.)


Mittwoch, 22. Januar 2014

Thomas Manns Schreibtisch


Frau Inge Jens über das behäbig gnädig große Schreibmöbel des Literaturmeisters, ja –zauberers, wie ihn seine eigene Kinder nannten, deren kindliche Präsenz als Zuhörer von Mutter und Vater frontal organisiert wurde.

I. J.: Am Schreibtisch. Thomas Mann und seine Welt. 1. Auflage Dezember 2013.


Sie zitiert den litauischen Literaten Leonas Stepanauskas:
„Es war kein großes Zimmer … ein Raum mit einem schrägen Dach. Ein Mansardenzimmer. Aber mit Blick auf das Haff. […] Die Hauptsache war dort naturgemäß sein Schreibtisch. Es war ein ganze einfaches Möbel, das eine Memeler Firma verkauft oder angefertigt hatte.“ (S. 28)

„Das Thema des Umgangs mit den durch die Emigration verlorenen Arbeitsmöglichkeiten begann, mich zu interessieren. Also entschied ich mich, trotz aller gegenteiligen
Vorsätze, noch einmal zu Thomas Mann zurückzukehren und mich etwas eingehender mit jenem Schreibtisch zu befassen, dessen Geschichte für mich auf eine ganz besondere
Art auch das Schicksal des über Nacht heimatlos gewordenen Schriftstellers spiegelt.“ (S. 15)
So beschreibt Frau Jens den Schreibtisch, den Thomas Mann, der Literaturpreis-Genobelte, in Nidden zurücklassen musste:

Eine Fotografie fügt sie nicht bei. Aber eine solche ist rasch greifbar, in: Thomas Sprechers Literatur-Magazin „Alles ist weglos“. Thomas Mann in Nidden. (Sonderheft 89/2000) Marbach 2000, S. 73, als Wiedergabe einer Aufnahme von Fritz Krauskopf. Juli 1931.
Einiges von Jens Benannte findet sich hier im Bild bestätigt.
Vom „sommerlichen Blumenstrauß“, den Frau Jens erwähnt, sehe ich dort aber nichts. Es muss also unterschiedliche Aufnahmen vom Niddener Schreibtisch in Manns Ferienhaus.

Panzerschlacht

Oh, weh: eine deutsche Panzerschlacht? Unseligen Angedenkens: „Kursk“ oder weiteres Elend?

„Panzerschlacht im Klassenzimmer.“ [Ein Schulleiter und eine Junglehrerin…] Interview von Kilian Kirchgeßner. In CARTA 2020. 2014. S. 44ff.


Renner [Schulleiter i.R.]:

„Das haben wir damals in unserem Englischunterricht gemacht, als wir selbst noch in der Schule waren: Die Schüler in der Tür- und die Fensterreihe sind aufgestanden, damit der Lehrer nicht seitlich ausbrechen, und dann ist die mittlere Reihe vorgerückt und hat ihn an die Tafel geschoben. Der Lehrer hatte uns fürchterlich gereizt, der hatte keine Autorität. Schon als junger Lehrer habe ich mir immer überlegt, wie ich reagieren würde, falls meine Schüler das einmal mit mir machen. Ich hätte mich wohl zu ihnen in die Reihe gestellt und einfach mitgemacht – das ist besser, als allein gegen die Übermacht zu stehen.“

Prost & horrido!! Ihr Krieger, die ihr euch der Lehrer nur mit kriegerischer Mobilität wehren konntet! Unbekannt, wer es euch gelehrt hat.
Aber es müssen die Fünfziger (der 19er Jahre) gewesen sein, als noch die direkte Erinnerung bei den Lehrschen an Panzerschlachten vorhanden war.

Später wurden die Panzersperren von den Leehrschen weggeräumt.

Mittwoch, 15. Januar 2014

"... gefühlt (e)"

„G e f ü h l t (-e)“:

Kommissarische Texte – II –

Okay, kennt man!
Wie oft verkolumnet:

„Gefühle Temperatur“
„Gefühlter Sieg“
„Gefühlter deutscher Meister“
„Gefühlte Echtheit“
„Gefühlter Vogelbauer“
„Gefühlter Lausbub“
„Gefühlte Demokratie“
et cetera (inspirativa).

Bitte, sehr, vom Normalgefühl oder dem Normal-Gefühlten:
„Ist das richtig? GISEVIUS: Da ich nicht selber mehr dazu gehört habe, kann ich nur sagen, daß ich annehme, daß sich diese Stahlhelmer sehr unwohl gefühlt haben in ihrer neuen Gemeinschaft.“ (Einhundertvierzehnter Tag. Donnerstag, 25. April 1946, in: Der Nürnberger Prozeß. 1946. S. 14680)


Nu, ich frage nach: … eine „gefühlte Wahrheit“?

Darf Wahrheit „gefühlt“ sein? Ist es dann noch die Wahrheit, die wir mit ihren Namen nicht oberflächlich aufrufen (außer, wenn wir notorische (aber nicht „gefühlte“!) Lügner sind!)

Also, ran ans wahre, nicht gefühlte Zitat:

“’Uit eten nergens zo duur als in Nederland’”, so lautete gestern die Überschrift eines Beitrags auf der Website von De Standaard. Dies entspricht auch der gefühlten Wahrheit, wie wohl jeder bestätigen wird, der beispielsweise mal in einem der vielen Restaurants in Amsterdam gegessen hat. Oft sehr nett, aber meist auch deutlich teurer als ein vergleichbares Restaurant in Deutschland.“



Ich werde fortan von der „gefühlten Wahrheit“ nur sprechen, wenn ich in der Psychiatrie oder im Strafvollzug einsitze, ob gefühlt oder real… - Versprochen!
Fast täglich Nachrichten, Meinungen und gefühlt gute Beitrage über Niederlandia im BLOG Nederlands:
http://blogs.fu-berlin.de/nederlands/2014/01/14/op-restaurant

"S t r a t e g i s c h"

Kommissarische Texte – III -

- Ich werde zu Fundstellen, Zitaten, kenntlich gemachten Plagiaten begleitende Texte und -chen veröffentlichen, in unruhiger Folge. -


Clickan die Anzeige eines würdigen geistigen Instituts: bischöflich-gymnasial-fundamentale Ziele:



Semantische Einübung: taktisch gesehen.


Zum heiß gelaufenen Adjektiv „strategisch“ nachgedacht:


Seit wann bedeutet „strategisch“ im Unterschied zu „taktisch“ nicht mehr eine militärische Dimension von Vorhaben und Scheitern, sprich: Menschenverachtung?

Kriegs-,. Pardon: Verteidigungsministerium Frau Dr. Ursula von der Leyen, Bonn oder Afghanistan, spricht von der strategischen Bedeutung der Familien und Kinderpolitik in der Bundeswehr…

Rückblick, ein ehrlicher Beleg:

„Darius hätte den Beschluß, die Macedonier zu umgehen, erst fassen können, als diese wirklich in Myriandos angekommen waren. Hätten die Perser den Marsch erst angetreten, während die Macedonier selbst noch auf dem Marsche zwischen Mallos und Issus waren, so hätten sie riskiert, unmittelbar beim Austritt aus den Pässen auf das feindliche Heer zu stoßen und wären damit in eine sehr üble strategische Lage geraten. Auf ein oder zwei Tage konnten sie es im voraus nicht wissen, wie lange sich die Macedonier auf ihrem Marsche aufhalten würden.“ Delbrück, Hans, Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte - Erster Teil: Das Altertum. 1900. S. 457.

2217 weitere Belege auf dwds.de einzusehen.


Strategisch evaluiert [auch so ein verbiestertes Fremdwort]: Ein dümmerer Missbrauch mit Worten und Werten ist mir nicht vorstellbar. Und ich bewege mich sozial oder sprachlich unter vielen philosophierenden oder theologisierenden A…

Bitte sehr:

„(…) auch die inhaltliche und strategische Weiterentwicklung der Gaesdonck.“

Vgl. die mühevol eehrlich formulierten Anforderungen in der Anzeige der Führungsposition des Coll. Augustinianum Gaesdonck.

Die heutige Bedeutungsverschiebung, die wie immer, signalisiert, dass andere, historische oder offen beschreibende oder gar kritische Begriffe in „Ziel“-Fragen obsolet geworden sind:
Zum Begriff „strategisch“…- äh: strategisch, nicht taktisch gesprochen? Er wird Karriere machen; unter schnarrend sich blähendem Führungspersonal, das [ein berechtigtes Neutrum-Relativpronomen] ihre Persönlichkeit
Ziel verfehlt. Aber das gängige Soll an Sprachzoll gezahlt!