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Mittwoch, 27. Dezember 2017

Siegfried von Vegesack 

Einsame Weihnacht



Es war vor dem Ersten Weltkrieg. Ich studierte in Berlin, die Ferien waren zu kurz und die Reise in meine baltische Heimat zu weit, so konnte ich zum ersten Mal zu Weihnachten nicht nach Hause fahren. Das kam mir aufregend, fast heroisch vor: ich fühlte mich wie ein Mann, der einem verwegenen Abenteuer entgegengeht. Mit selbstquälerischer Grausamkeit beschloß ich alle Torturen dieses Abenteuers auszukosten, keine Bekannten, die mich freundlich eingeladen hatten, aufzusuchen und ganz allein den Weihnachtsabend zu verbringen.

Ich bummelte durch die Straßen, blieb vor den Schaufenstern stehen und zwang mich, den Christbaumschmuck eingehend zu betrachten. ja, genau solche funkelnde bunte Kugeln hingen zu Hause an unserem Baum, solche Ketten und Silberfäden, die wir »Christkindleins Haar« nannten. Aber die richtigen Sterne konnte ich nirgends finden. Um meine Qual zu erhöhen, betrat ich sogar die Geschäfte und erkundigte mich nach den zackigen Sternen. Aber die, die man mir vorlegte, waren viel zu blank. Das Fräulein packte verzweifelt ganze Berge von Kästchen aus, versicherte, daß es schönere Sterne gar nicht geben kann, aber ich ließ mich nicht täuschen: es waren doch nicht die richtigen.
Dann kam ich an den Verkaufsständen der Weihnachtsbäume vorbei. Als ich den herben Geruch der Tannennadeln spürte, wurde mir ein wenig flau. Schnell wollte ich weitergehen, aber ich zwang mich, stehen zu bleiben und die Bäumchen aufmerk­sam zu betrachten, als wollte ich eines kaufen. Doch keins gefiel mir. Sie sahen dürr und mager aus, als wären sie gar nicht in einem Walde gewachsen. Die Verkäuferin zog mich von einem Tännchen zum anderen.
Aber selbst geschenkt hätte ich keines genommen: Weihnachten ohne Christbaum - das war ja die große Sensation, die ich mit allen Qualen genießen wollte.
Eine Orgel brummte, ich betrat eine kleine Kirche am Wilhelmplatz. Alle Bänke waren besetzt, ich blieb am Eingang stehen. Lange starrte ich auf die beiden Weihnachtsbäume, die neben dem Altar brannten, und kniff mich in die Finger. Als dann aber »O du fröhliche ... « angestimmt wurde, fühlte ich plötz­lich, wie etwas Heißes in mir aufstieg, die Lichter fingen merkwürdig an zu flimmern, und ich rannte hinaus.
Dann saß ich in einem Café, das trostlos ausgestorben war, obgleich ein Plakat »stimmungsvolle Weihnachtsfeier« ankündigte. Die Leere war bedrückend. Der Kellner versicherte mir, das Fest werde um acht Uhr beginnen. Aber vor dieser stimmungsvollen Feier hatte ich eine noch größere Angst. Ich zahlte und ging. Auf dem Bahnhof Friedrichstraße bestieg ich den Zug, um nach Charlottenburg zu fahren, wo ich wohnte. Ein älterer Herr saß im Abteil mir gegenüber und las in einem Buch. Nach einiger Zeit klappte er das Buch zu und legte es bei Seite. Wir kamen ins Gespräch.
»Ja, heute ist Weihnachten«, meinte er nachdenklich, »der unangenehmste Abend im ganzen Jahr, wenn man allein ist! Sie fahren wohl zu Ihren Eltern, Geschwistern, Freunden oder Bekannten, aber ich fahre, - ja, wie soll ich Ihnen das erklären. Ich fahre einfach so spazieren, in der Ringbahn, immer um die Stadt herum! Das mache ich immer am Heiligen Abend. Denn ich habe niemand, zu dem ich fahren könnte, und in meinen vier Winden halte ich es nicht aus. In den Lokalen erst recht nicht. Ich sage Ihnen, junger Mann, für den Fall, daß Sie einmal ganz allein zu Weihnachten sein sollten - in der Eisenbahn ist es am leichtesten. Man ist allein und doch nicht ganz allein. Menschen steigen ein und aus, immer neue Gesichter. Und die Hauptsache - man bewegt sich, man kann sich doch einbilden, daß man irgendwohin fährt, daß man irgendwo erwartet wird ...“
Wir waren längst über Charlottenburg hinausgefahren, als der alte Mann sich erhob: jetzt müsse er wieder umsteigen. Und da ich wirklich zurückfahren mußte, stieg ich mit ihm in den nächsten Gegenzug. Noch lange fuhren wir an diesem Weihnachtsabend rund um Berlin spazieren, wechselten bald hier - bald dort die Züge und fanden fast überall leere Abteile. Es war, als liefen die Züge nur für uns. Und der alte Herr erzählte, und ich erzählte, und bald kam es mir so vor, als hätten wir uns schon lange gekannt.
»Wissen Sie, junger Mann«, fuhr der alte Herr fort und beugte sich ein wenig vor, »was das Schlimmste ist, wenn man zu Weihnachten allein sein muß? Das ist nicht etwa, daß niemand an einen denkt, daß man keine Geschenke bekommt. Nein, viel schlimmer ist: daß man niemandem etwas geben kann, daß man alles für sich behalten muß! Wohltätige Stiftungen, Samm­lungen und dergleichen sind nur ein trauriger Ersatz: man weiß ja nie, wohin die Gelder gehen, ob und wer seine Freude daran hat. Das ist es eben; man will die Freude des anderen sehen oder wenigstens ahnen - wer aber wirklich allein ist, der ist von dieser Mitfreude ausgeschlossen ... Aber auch dafür habe ich mir ein kleines Mittel ausgedacht, ein Mittel, das mich etwas tröstet!«
Bei diesen Worten zog der alte Mann einen Briefumschlag aus der Tasche. »Sehen Sie, junger Mann«, fuhr er geheimnisvoll fort: »Hier habe ich das Mittel aufgeschrieben, und ich bitte Sie um die Freundlichkeit, es aufmerksam zu lesen, denn ich muß jetzt aussteigen, ich bin nun schon zwei Stunden gefahren, bin müde und muß ins Bett. Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Gesellschaft, vielleicht treffen wir uns am nächsten Heiligen Abend - wenn ich dann noch lebe ... «
Der Zug hielt. Der alte Mann drückte mir die Hand, stieg aus, winkte mir noch zu und verschwand rasch im Dunkel. Während der Zug sich wieder in Bewegung setzte, öffnete ich neugierig den Briefumschlag: er enthielt nichts als einen Hundertmarkschein, kein Wort, keine Adresse. - Beschämt saß ich da: ich war auf meine einsame Weihnacht so stolz gewesen, aber ich hatte doch ein Zuhause, ich konnte doch an jemand denken. Vor dem grausamen Alleinsein dieses alten Mannes verblaßte meine vorübergehende Einsamkeit zu einem harmlosen Abenteuer.
(Aus: SvV.: Das Kritzelbuch. 1939 - ©-Nachfolger unbekannt.)


Der Regner  Kasten in Weißenstein - jahrzehntelang  H e i m a t  des Dichters Siegfried von Vegesack


Siegfried von Vegesack: Weihnachten




Montag, 20. Februar 2017

... ein blaues B a n d

Um die Kugel war ein blaues Band geschlungen - in der Farbe jenem ähnlich, welches der Frühling wieder flattern läßt durch die Lüfte - und an das Band eine Schnur geknüpft, die das aus der Gleichgewichtslage gehobene Pendel an einem Eisenständer verankerte. -
Warum entbietet Alfred Polgar hier dem Dichter Eduard Mörike eine Referenz?


Fragen wir nach.
                                        ... hier wächs-, pardon: wächst nimmermehr ein blaues Band. -

Hier beschreibt Alfred Polgar sein mehroderweniger privates naturwissenschaftliches Erkenntnis & Vergnügen: im Einklang von Physik und Poesie:


Dass an diesem Band in einem naturwissenschaftlichen Versuchsraum ein Versuch mit dem Foucault-Pendel gelingen sollte, muss irgendwo festgehalten sein.
(das blaue Band...) welches der Frühling wieder flattern läßt durch die Lüfte – und an das Band eine Schnur


Pendelversuch


Im Jahre 1850 erbrachte der französische Physiker Foucault durch seinen Pendelversuch einen neuen experimentellen Beweis für die Achsendrehung der Erde.
Es gehört zu den wesentlichen Charakterzügen eines Pendels, daß es seine Schwingungsebene im Raum unverändert beibehält. Befindet sich die Aufhängevorrichtung in fester Verbindung mit einem Objekt auf der Erde, so dreht sich diese gleichsam unter dem Pendel, welche Drehung von West nach Ost der Beobachter (wenn das Pendel genügend lang ist) als eine scheinbare Verschiebung der Pendel-Schwingungsebene von Ost nach West wahrnimmt. Also das ist der Foucaultsche Pendelversuch.
In Wien, wo man gegen die kosmischen Gesetze mit Recht einigermaßen mißtrauisch ist, wurde der Foucaultsche Pendelversuch schon einmal nachgeprüft, zu Anfang dieses Jahrhunderts in der sogenannten Rotunde im Prater. Es fanden damals gerade auf dem neben der Rotunde befindlichen Trabrennplatz Rennen statt, und natürlich gingen die Praterbesucher lieber zu diesen spannenden Wettläufen als zu einem kampflosen Walkover der Erde um sich selbst. Das Pendel hatte also wenig Zulauf und, wie ich glaube, auch keine gute Presse. Ich entsinne mich noch als eines sonderbaren Details, daß der Herr, der damals den Versuch leitete und erklärte, ein ganz kleines Pendel im Arm trug, ein junges von dem Riesen, der aus der Kuppel herunterhing, ein süßes Pendel-Baby. Wozu er es brauchte, weiß ich nicht mehr. 
Jetzt ist abermals das Experiment in Wien gemacht worden, vermutlich im Sinn der augenblicklich hier herrschenden Bestrebungen, den erschütterten Glauben an die Weltordnung wieder etwas zu befestigen; und da ich keinen Foucaultschen Pendelversuch auslasse, war ich auch wieder dabei. Das Experiment fand im Naturhistorischen Museum statt. Leider gab es wieder nur ein karges Häufchen von Zuschauern, das mit Augen sehen wollte, wie die Erde sich um ihre Achse drehe. Entweder glauben es ihr die Leute ohnehin, oder sie wollen das gar nicht wissen. 
Genau in der Mitte der Museumsvorhalle war ein Stück des Bodens mit Zeichenpapier belegt. Darüber schwang das Pendel. Eine rote Linie auf dem Papier zeigte den Anfangsweg des Pendels an, eine blaue, die rote im Winkel von 15 Graden schneidend, den Weg, den das Pendel nach einer Stunde nehmen müsse. Es hing an einem Draht von 41 1/2 Meter Länge und hatte als Schwungmasse eine mit Blei ausgegossene eiserne Kugel, weiland eine Bombe, die 100 Pfund wog. Die Aufhängevorrichtung höchst oben im Kuppel-Zenit möchte ich gern erklären, wenn man sie mir erklären möchte. Sie war jedenfalls sinnreich. Zu sinnreich für einen schlichten Zaungast der Physik. Am 28. Mai 1930, 10 Uhr vormittags, startete in Anwesenheit von zwölf Zuschauern, darunter einem Mittelschullehrer und einer Dame in Trauer, das Pendel. Um die Kugel war ein blaues Band geschlungen - in der Farbe jenem ähnlich, welches der Frühling wieder flattern läßt durch die Lüfte - und an das Band eine Schnur geknüpft, die das aus der Gleichgewichtslage gehobene Pendel an einem Eisenständer verankerte. Der Start ging so vor sich, daß die amtierende Museumsperson, beschattet von einem Hofrat der Naturwissenschaften, die dünne Schnur mittels eines Zündhölzchens durchbrannte. Zweimal mißlang der Ablauf. Erst das dritte Mal hielt sich das Pendel halbwegs an die vorge-zeichnete rote Linie. Zwölf Menschen sahen ihm, das weich und lautlos in seiner luftigen Box hin und wider ging, andächtig pendeln zu und sprachen nur mit gedämpfter Stimme, um es nicht zu irritieren. Nach wenigen Minuten schon wich es ab! Alle, sogar der Hofrat, atmeten mit leichterem Atem. Es mußte ja abweichen, selbstverständlich. Wenn es nun aber - lieber Himmel, es gibt Dinge zwischen diesem und der Erde, die auch das exakteste Pendel verwirren könnten - wenn es nun aber doch nicht abgewichen wäre? Welche Verlegenheit und Bestürzung! Heutzutage geschieht ja so viel Unbegreifliches in der Welt, und warum sollten zu den positiven Überraschungen, die wir erleben, wie etwa, daß Schattenbilder plaudern oder daß man mit freiem Auge von hier nach Kalkutta sieht, warum sollten nicht auch verblüffende negative Überraschungen uns beschieden sein, wie etwa, daß die Schwerkraft plötzlich aussetzt oder auf einmal die Liebe keine Himmelsmacht ist, daß man mit gesundem Ohr die Stimme des Menschen nebenan nicht hört, daß man am hellen Tag den Nächsten, ja sogar die Nächste nicht sieht?

... Die ganze Skizze ist lesbar, formvollendet, in der Werkausgabe der Kleinen Schriften...

*
Alfred Polgar, in seiner Skizze „Pendelversuch“ (1930). Aus: Bei dieser Gelegenheit. Berlin 1930. S. 231-234. - Text nach Alfred Polgar: Kleine Schriften. Bd. 3. 1984 (Büchergilde Gutenberg); © by Rowohlt. Reinbek/Hamburg.

Im Mai, textlich genau belegt, am 28. Mai 1930: eine gute, frühlingshafte Zeit für meteorologische Blau-Erkdungen ... von einem Sonntagsnachmittags-Erleben: Dass der Erzähler Polgar ob des Bänderflugs sich seiner ihm eigenen Bildlichkeit vom „flatternden Bande“ erinnerte – Zufall kann es nicht gewesen sein - es muss seiner Imagination geschuldet sein; wollte er doch zwischen Himmel und Erde vermitteln...


*
Walkover (eigentlich: Spaziergang), vgl.: Walkover
Wisent: In den 1920ern verloren Wisente in Eruopa und dem Kakausus ihre letzten Landschaftsräume. Wiki weiß: „Alle heute lebenden Wisente stammen von nur zwölf in Zoos und Tiergehegen gepflegten Wisenten ab." - Vgl.: Von den Wisenten in Europa:
Affiche: Plakat

Ein blaues Band, das die Voraussetzungen erfüllen mag:

Mörikes ... blaues Band 

Mörikes im Blauen: "Er ist's"

Nota bene: 
Warum Wisente und eigenartige, technische Pendelversuche und blaue Bänder á la Eduard Mörike im europäischen Raum - sprich Wien -  sich verbanden, by Alfred Polgar werden sie
imaginativüberzeugend, weil poetisch.

Mittwoch, 15. Februar 2017

V e r - Sachen

Ver -  suche




Versuche



Verschuche

Ver-Menschen-Verschenke:

Man muss nicht, um eine (ver-meintlich: weibliche) Körperoberfläche zu bedenk-, pardon: bedecken - den Georg-Büchner-Preis für Literatur an Sybille Lewitscharoff vergeben. (Ja: ver-geben). Wie 2013 ver-schehen.

*

https://www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/georg-buechner-preis/sibylle-lewitscharoff


Es werden ver-weitere 
                               
                                    Ver- Suche 

ver-folgt - und versendet: zu ver-geben
am verschiedenen VerTagen ...



Ver-sendet am 15. Februar 20117:
 

Man könnte die deutsche Literaturgeschichte des 20. Jhs. Auf Tucholsky und Dürrenmatt be-schränken, ja: ver-schränken. (Äh- und zwei Texte von Böll: 1. „Wanderer kommst du nach Spa...“ - und 2. „Ansichten eines Clowns“ .. und natürlich 3. … „vom höheren Wesen, das wir verehren...“ (Genau: „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“; am schönsten in der VerFilmung mit Dieter Hildebrandt – 1963/64) und frau auch.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/21/Heinrich_B%C3%B6ll_%28signature%29.jpg

Samstag, 11. Februar 2017

E c o s letzte Kolumnen

Vom "Pape Satàn" - zum KirmesTrubel ...

Ein Buch als echter Nachlass:

Der letzte, echte Umberto Eco, den es geben wird:






Ja, auch die höchsten Worte für ihn als Mensch, als Autor, als Denker sind noch keine Übertreibung. - In deuschen Landen gibt, ach: gab es keinen solchen! -
Diese Kolumne zeichnet sich aus vor einigen anderen: „Es gibt zwei große Brüder“ (S. 89ff.) - dort wird eine „Deformation der Tonnenweiber“ behauptet, angezeigt, bewahrheitet, jedenfalls erscheint die Ungetümerei in der deutschen Übersetzung so. Und ich glaube, ich weiß, ohne als Sprecher des Italienischen mehr als ungenügend ausgewiesen zu sein: Ja, es gibt sie, äh: es gab sie, diese "Damen .. ohne Unterleib" z. B. - es muss auch eine Sprachform geben, von ihr, von ihnen zu berichten. 


Wie, was? Was sind „Tonnenweiber“? Weiber in Tonnen? Weiber als Tonnen? Weiber montiert, deformiert ob Tonnen oder Pötten? Illusioniert? Da musste der Übersetzer Burkhart Kroeber wohl raten und rätseln …


Es gab auf Jahrmärkten, auch als Nachkriegstingeltangel in Deutschland: die „Frauen – oder Damen - ohne Unterleib“, wo den Sensationslüsternen, zumeist den wenig ehrenhaften Herren, vorgegaukelt wurde - mit Hilfe trickreicher Spiegel und Drapierungen aus Stoff. So wurden sie präsentiert: vor allem der weibliche Körper oftmals nur in Teilen oder wie bei obiger Dame mit dem „Schlangenleib“ seltsam entfremdet. Auch gab's „Marsweiber“ mit vier Brüsten, Flügeln und einem extrem langen Hals. So wurden zwei Illusions-Klassiker miteinander kombiniert, die „Frau ohne Kopf“ und der „Sprechende Kopf“: Wie hätte Kroeber diesen Bluff präzise-einfach übersetzen sollen, auf den Eco abzielte – von den deformierten Damen und Dämchen auf Jahrmarktsplätzen?

Ach, ja: natürlich: nein, ich durfte nicht rein in die bekloppten Buden, wenn ich mit meinen Brüder auf dem Tingeltangel durfte.

Ein echter Eco - mit Kolumnen

Vom "Pape Satàn" - zum KirmesTrubel ...

Ein Buch als echter Nachlass:

Der letzte, echte Umberto Eco, den es geben wird:






Ja, auch die höchsten Worte für ihn als Mensch, als Autor, als Denker sind noch keine Übertreibung. - In deuschen Landen gibt, ach: gab es keinen solchen! -
Diese Kolumne zeichnet sich aus vor einigen anderen: „Es gibt zwei große Brüder“ (S. 89ff.) - dort wird eine „Deformation der Tonnenweiber“ behauptet, angezeigt, bewahrheitet, jedenfalls erscheint die Ungetümerei in der deutschen Übersetzung so. Und ich glaube, ich weiß, ohne als Sprecher des Italienischen mehr als ungenügend ausgewiesen zu sein: Ja, es gibt sie, äh: es gab sie, diese "Damen .. ohne Unterleib" z. B. - es muss auch eine Sprachform geben, von ihr, von ihnen zu berichten. 


Wie, was? Was sind „Tonnenweiber“? Weiber in Tonnen? Weiber als Tonnen? Weiber montiert, deformiert ob Tonnen oder Pötten? Illusioniert? Da musste der Übersetzer Burkhart Kroeber wohl raten und rätseln …


Es gab auf Jahrmärkten, auch als Nachkriegstingeltangel in Deutschland: die „Frauen – oder Damen - ohne Unterleib“, wo den Sensationslüsternen, zumeist den wenig ehrenhaften Herren, vorgegaukelt wurde - mit Hilfe trickreicher Spiegel und Drapierungen aus Stoff. So wurden sie präsentiert: vor allem der weibliche Körper oftmals nur in Teilen oder wie bei obiger Dame mit dem „Schlangenleib“ seltsam entfremdet. Auch gab's „Marsweiber“ mit vier Brüsten, Flügeln und einem extrem langen Hals. So wurden zwei Illusions-Klassiker miteinander kombiniert, die „Frau ohne Kopf“ und der „Sprechende Kopf“: Wie hätte Kroeber diesen Bluff, diese Täuschung, diese 'Deformation' ...  präzise-einfach übersetzen sollen, auf den Eco abzielte – von den deformierten Damen und Dämchen auf Jahrmarktsplätzen?

Ach, ja: natürlich: nein, ich durfte nicht rein in die bekloppten Buden, wenn ich mit meinen Brüdern auf den Tingeltangel durfte, bis "sechs Uhr" (so war unsere elterliche Maßregel). Dann war Abendbrotzeit, zu Hause.